Unternehmensverantwortung : "Staaten sind oft zu schwach"

Kein Geschäft mit Niedriglohnländern? So einfach ist es nicht, sagt der Wirtschaftsethiker Hans Nutzinger. Ein Gespräch über die Frage, was Firmen dürfen – und was nicht.
Arbeiter in einer Fabrik im chinesischen Kumishi im Nordwesten Chinas © dpa

ZEIT ONLINE: Herr Nutzinger, das Möbelhaus IKEA entfernt Frauen aus seinem Katalog in Saudi-Arabien , der Elektronikkonzern Apple lässt seine Telefone für wenige Dollar in China zusammenbauen : Immer wieder stellt sich die Frage, welche Geschäfte noch ethisch vertretbar sind und welche nicht. Gibt es eine Regel, die auf der ganzen Welt gilt?

Hans Nutzinger: Die Unteilbarkeit der Menschenwürde. Und die unveräußerlichen Menschenrechte. Beides gilt weltweit. Daneben gibt es lokal unterschiedliche Wertvorstellungen, an die sich die Unternehmen anpassen müssen.

ZEIT ONLINE: Geht es etwas konkreter? Darf also IKEA, das angeblich großen Wert auf die Gleichstellung von Mann und Frau legt, in einem islamischen Land Frauen aus seinem Katalog entfernen?

Nutzinger: Wenn die Frauen ganz verschwinden, sie also von der Öffentlichkeit ausgeschlossen werden, ist das nicht akzeptabel. Grundsätzlich aber gibt es immer zwei Seiten. Die Welt ist oft komplexer, als wir denken.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Nutzinger: Nehmen wir an, es wäre nur um die Darstellung der Frauen in dem IKEA-Katalog gegangen. Uns mag es nicht stören, wenn die Frauen freizügiger oder in gewissen Posen dargestellt werden als in anderen Ländern üblich. In manchen Staaten aber können solche Abbildungen das Empfinden von Frauen und Mädchen verletzen. Diese Frauen hätten dann ein Recht darauf, andere Frauen nicht in dieser Weise zu sehen. Es wäre richtig, die Bilder auszutauschen. Anderen Ländern unsere Vorstellungen aufzuzwingen halte ich für imperialistisch.

ZEIT ONLINE: Wer entscheidet denn, ob die Fotos zu lasziv sind?

Hans G. Nutzinger

Hans G. Nutzinger ist einer der führenden Wirtschaftsethiker in Deutschland. Der gelernte Ökonom hat sich spezialisiert auf die Themenfelder Arbeitsbeziehungen und Partizipation, Institutionenökonomik und ökonomische Theorie. Von 1978 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010 war er Professor für Theorie öffentlicher und privater Unternehmen an der Universität Kassel.

Nutzinger: Das kann nur in Interaktion zwischen dem Unternehmen und der Gesellschaft geschehen. Der Philosoph John Stuart Mill sagt: Jeder von uns verfügt über einen inneren Bereich an unbegrenzter Freiheit. Dieser endet aber dort, wo er in das Recht Anderer eingreift. Die Schwierigkeit besteht darin, diesen Punkt zu bestimmen.

ZEIT ONLINE: Ganz schön abstrakt. Wie soll das etwa in geschlossenen Gesellschaften funktionieren, in denen sich die Betroffenen überhaupt nicht frei äußern können?

Nutzinger: Ich sage nicht, dass das einfach ist. Aber es gibt eben auch kein Land, in dem nicht ständig über Normen und Wertvorstellungen verhandelt wird. In restriktiven Ländern müssen die Unternehmen mit Nichtregierungsorganisationen oder Dissidenten sprechen. Mein Argument lautet, dass sich Normen wandeln können und sogar innerhalb eines Kulturkreises erheblich unterscheiden. In Deutschland etwa wird Nazipropaganda unter allen Umständen verfolgt. In Dänemark und in den USA ist das Recht auf freie Meinungsäußerung wichtiger.

ZEIT ONLINE: Sie plädieren für Verhandlungen, aber die beruhen immer auf Machtverhältnissen. Was ist daran noch ethisch?

Nutzinger: Verhandlungen sind eine Frage von Macht, aber auch von Wertvorstellungen. Ein anderes Beispiel: Früher wurde Wehrpflichtigen mit langen Haaren der Kopf geschoren. Heute bekommen sie Haarnetze. Das zeigt, wie sich die Wertvorstellungen gewandelt haben. Der Konflikt besteht zwar weiter, aber die Lösung entspricht unseren heutigen Normen.

ZEIT ONLINE: Wie ist es mit Geschäften in Diktaturen? Ist es nicht besser, dort überhaupt keine Geschäfte zu machen?

Nutzinger: Das muss man wieder im Einzelfall entscheiden. Es ist schwer zu sagen, wo der nötige Kompromiss aufhört, und wo der Verrat an den eigenen Grundsätzen beginnt.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Einfach

Und manchesmal ist die Welt einfacher, als die Fachleute sie hinter ihren Fachbegriffen darstellen.

Lieblingssatz:
"Ich habe Probleme mit abstrakten Postulaten"

"Ein Postulat gilt als Axiom, wenn sich aus ihm andere Theoreme des Systems oder der Alltagserfahrung herleiten lassen, deren Geltung bereits bekannt ist oder beschlossen wurde. Die Gültigkeit eines Postulats kann auf der Ebene der Metatheorie angegriffen, bestritten und widerlegt werden, z. B. wenn an seiner Stelle ein anderer Satz gefunden wird, der mindestens die gleiche Begründungskraft hat." Wiki

Da muss ich zugeben, ich habe auch Probleme mit Postulaten.

Die "komplexe" Welt sehe ich da allerdings ganz einfach: Gewinne, Gewinne, Gewinne und .... Gewinne

Neoliberal? ordoliberal? amoral?

Herr Nutzinger scheint hier schlicht eine Neoliberale Position zu vertreten, die völlig an der Realität und vor allem an jeglichen ethisch-moralischen Grundsätzen vorbei argumentiert. er beschwört, wie es dem Neoliberalismus eigen ist, die sogenannten Selbstheilungskräfte des marktes und glaubt, dass sich diese heilende Wirkung auch auf ethisches erstrecken kann. Dies hat im speziellen der so genannte Ordoliberalismus gemacht, der im Kern mehr Ideologie ist und das auch sein muss, da es ihm schlicht an Realitätsbezug mangelt.
Die Menschenwürde, was auch immer das sein mag, und die Menschenrechte als faktisch weltweit geltend anzunehmen, geht an der Realität vorbei und ist naiv. Hiermit scheint nur wieder die Forderung verbunden zu sein, Staaten aus der Verantwortung zu nehmen, da Bestimmte Grundsätze ja eh anerkannt sind sich schon durchsetzen werden.

via ZEIT ONLINE plus App

Neoliberal? ordoliberal? amoral?

Ein Letztes noch; Auf die Kompliziertheit der Welt zu verweisen und hiermit das Beugen von Ethisch-moralischen Grundsätzen zu erklären/entschuldigen/fordern ist eben nicht moralisch. Es sind Gesetze, die wir uns selber geben und wie Gesetze sollten sie auch unabhängig von den Umständen Wirkung finden.
Ich halte es zum Beispiel für schlecht, wenn Kinder zwölf Stunden am Tag in einer Fabrik arbeiten. Herr Nutzinger würde wahrscheinlich sagen, dass es vertretbar ist, wenn die Alternative der Hunger wäre und dies irgendwann, in der schönen Zukunft auch nicht mehr nötig sein wird, da ja überall Wohlstand kommt und dann die Arbeitnehmer rechte haben.
Sein Name scheint Programm zu sein und ich kann nur hoffen, dass sich diese utilitaristische Weltsicht nicht noch weiter verbreitet.

via ZEIT ONLINE plus App