ZEIT ONLINE: Es gibt keine richtige Entscheidung?

Nutzinger: Ich habe Probleme mit abstrakten Postulaten. Etwa der Forderung, sich geschäftlich nicht in Konfliktgebieten zu engagieren. Häufig ist nicht klar, was aus ihnen folgt. Mit abstrakten Prinzipien kann man auch vor kein Gericht ziehen. Hinzu kommt: Eine Ethik, die so streng ist, dass sie die Beteiligten überfordert, ist nicht seriös. Genauso wenig wie natürlich eine Ethik seriös sein kann, die jedes Handeln akzeptiert. Beide bewirken nichts, und man nimmt sie nicht ernst.

ZEIT ONLINE: Dennoch: Können Unternehmen in Regionen, in denen alltäglich die Menschenrechte verletzt werden – durch einen diktatorischen Staat oder weil das staatliche Gewaltmonopol nicht mehr gilt – überhaupt etwas Sinnvolles tun?

Nutzinger: Die große Macht, die Unternehmen in der globalisierten Wirtschaft haben, verleiht ihnen Verantwortung. Manchmal können sie Verbesserungen erreichen. Zum Beispiel, wenn sie Mindeststandards im Umgang mit ihren Arbeitern einführen und diese dann auch bei ihren Geschäftspartnern durchsetzen. Dann setzen sie Maßstäbe im Land.

ZEIT ONLINE: Genau das aber funktioniert oft nicht, zum Beispiel in der Textilindustrie in Bangladesch . Dort ist der Staat schwach, die Verhandlungen über bessere Löhne und Arbeitsbedingungen scheitern, weil es zu große Machtungleichgewichte gibt.

Nutzinger: Natürlich gibt es Situationen, in denen es solche Machtungleichgewichte gibt. Die Unternehmen müssen sich in solchen Fällen eigenen Fairnessregeln unterwerfen. Wir können das als eine Art Reziprozitätsregel auffassen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Nutzinger: Dass für alle Beteiligten die gleichen Regeln gelten müssen. Wenn in einem Unternehmen die Mitarbeiter der oberen Hierarchiestufen angehalten werden, sich kritisch zu äußern und Verbesserungsvorschläge zu machen, dann müssen auch ihre Untergebenen Kritik üben dürfen. Das gilt dann eben auch bei Geschäften mit Zulieferfirmen in Entwicklungsländern. Jeder muss frei reden können – und was gesagt wird, muss Konsequenzen haben.

ZEIT ONLINE: Klingt gut. Doch was geschieht, wenn nicht nur die eigenen Mitarbeiter, sondern auch die Bevölkerung von unternehmerischem Handeln betroffen ist?

Nutzinger: In solchen Konflikten kann nur der Staat vermitteln – und der ist in vielen armen Staaten schwach. In der Vergangenheit hat da übrigens oft die Bevölkerung in den Heimatländern der Konzerne Druck gemacht. Ein Beispiel ist ein Fall aus den siebziger Jahren, mit dem die Diskussion über Unternehmensethik in Europa begonnen hat. Damals versuchte die Firma Nestlé , ihre eigentlich sehr hochwertige Babymilch in Pulverform in Afrika zu vertreiben. Weil die hygienischen Bedingungen dort aber nicht ausreichend gut und die Leute oft arm waren, bekamen die Kinder verunreinigte und verwässerte Milch, mit den entsprechend schrecklichen Folgen.

ZEIT ONLINE: Die Säuglingssterblichkeit stieg angeblich in manchen Ländern sogar an.

Nutzinger: Das hat damals erstmals zu einer Konsumentensolidarität geführt. Es waren deutsche und Schweizer Mütter und Frauen, die Nestlé unter Druck gesetzt haben. So lange, bis der Konzern nachgab, weil ihm der deutsche und Schweizer Markt zu wichtig war.