Unternehmensverantwortung : "Staaten sind oft zu schwach"
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"Wir müssen die Konzerne einbinden"

ZEIT ONLINE: Auf einen solchen Boykott können wir uns aber nicht verlassen, oder?

Nutzinger: Nein.

ZEIT ONLINE: Also braucht es doch internationale Mindeststandards.

Nutzinger: Sie würden helfen. Etwa beim Arbeitsschutz. Dass es solche Mindeststandards noch nicht gibt, ist insofern erstaunlich, weil die ethischen Grundlagen quer durch alle Kulturen gleich sind. Überall ist der Schutz des menschlichen Lebens unwidersprochen der höchste deklarierte Wert. Darauf können sich alle einigen.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es dann keine Regeln?

Nutzinger: Völkerrechtliche Verhandlungen sind sehr komplex, vor allem, sobald es um konkrete Details geht.

ZEIT ONLINE: Was bräuchte es noch?

Nutzinger: Ganz wichtig wären effektive Kontrollen. Damit die möglich sind, müssen die allgemeinen Regeln ganz konkret ausformuliert werden.

ZEIT ONLINE: Und wer soll kontrollieren?

Nutzinger: Einzelne Staaten sind oft zu schwach. Überstaatliche Institutionen wie die Internationale Arbeitsorganisation ( ILO ) oder das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP haben ebenfalls zu wenig Macht. Die WTO hätte zwar die Macht, Sanktionen durchzusetzen. Aber sie ist eine Freihandels-, keine Menschenrechtsorganisation. Deshalb denke ich, man müsste die großen Konzerne mit einbinden. Sie haben auch über Ländergrenzen hinweg genug Macht.

ZEIT ONLINE: Warum sollten ausgerechnet die Konzerne einen Teil ihres Profits opfern, um ihren Arbeitnehmern in Ländern wie Bangladesch , Nigeria , Pakistan und anderswo faire Arbeitsbedingungen zu gewähren?

Nutzinger: Diese Diskussion gab es bereits im 19. Jahrhundert. Auch bei uns gab es damals Kinderarbeit, Menschenhandel, Sklaverei. Das System ist zusammengebrochen, weil es ökonomische Vorteile hatte, mit den Arbeitern gut umzugehen. Historisch betrachtet haben die Unternehmen gewonnen, die ihre Arbeitnehmer nicht als Proletariat gesehen haben, sondern als Ressource, die man gut behandeln muss.

ZEIT ONLINE: Was heißt das heute für die Entwicklungsländer?

Nutzinger: Langfristig operierende Konzerne müssen damit rechnen, dass Länder, die jetzt noch sehr arm sind, in zwanzig oder dreißig Jahren bedeutende Absatzmärkte sein könnten. Wir sehen das etwa am Beispiel von China . Das Land verändert sich. Durch die ökonomische Entwicklung entsteht für Teile der Gesellschaft eine Bewegungsfreiheit, die in die kulturelle und politische Sphäre ausstrahlt.

ZEIT ONLINE: Mit dem Wohlstand kommen die Menschenrechte?

Nutzinger: Nicht automatisch. Aber der Wohlstand kann eine Triebkraft sein, die Menschenrechte langfristig fördert. China ist keine Demokratie, aber dennoch hat die Kommunistische Partei nicht mehr die gleiche Macht wie früher.

ZEIT ONLINE: Nehmen wir an, ich wäre ein Manager in einem international tätigen Unternehmen. Welche Regel würden Sie mit mir auf den Weg geben?

Nutzinger: Sie sollten immer nach Alternativen fragen: Was passiert, wenn ich es nicht tue? Geht es den Beteiligten, also den Arbeitnehmern, den Anwohnern oder anderen Bürgern des Landes, dadurch besser?

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Einfach

Und manchesmal ist die Welt einfacher, als die Fachleute sie hinter ihren Fachbegriffen darstellen.

Lieblingssatz:
"Ich habe Probleme mit abstrakten Postulaten"

"Ein Postulat gilt als Axiom, wenn sich aus ihm andere Theoreme des Systems oder der Alltagserfahrung herleiten lassen, deren Geltung bereits bekannt ist oder beschlossen wurde. Die Gültigkeit eines Postulats kann auf der Ebene der Metatheorie angegriffen, bestritten und widerlegt werden, z. B. wenn an seiner Stelle ein anderer Satz gefunden wird, der mindestens die gleiche Begründungskraft hat." Wiki

Da muss ich zugeben, ich habe auch Probleme mit Postulaten.

Die "komplexe" Welt sehe ich da allerdings ganz einfach: Gewinne, Gewinne, Gewinne und .... Gewinne

Neoliberal? ordoliberal? amoral?

Herr Nutzinger scheint hier schlicht eine Neoliberale Position zu vertreten, die völlig an der Realität und vor allem an jeglichen ethisch-moralischen Grundsätzen vorbei argumentiert. er beschwört, wie es dem Neoliberalismus eigen ist, die sogenannten Selbstheilungskräfte des marktes und glaubt, dass sich diese heilende Wirkung auch auf ethisches erstrecken kann. Dies hat im speziellen der so genannte Ordoliberalismus gemacht, der im Kern mehr Ideologie ist und das auch sein muss, da es ihm schlicht an Realitätsbezug mangelt.
Die Menschenwürde, was auch immer das sein mag, und die Menschenrechte als faktisch weltweit geltend anzunehmen, geht an der Realität vorbei und ist naiv. Hiermit scheint nur wieder die Forderung verbunden zu sein, Staaten aus der Verantwortung zu nehmen, da Bestimmte Grundsätze ja eh anerkannt sind sich schon durchsetzen werden.

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Neoliberal? ordoliberal? amoral?

Ein Letztes noch; Auf die Kompliziertheit der Welt zu verweisen und hiermit das Beugen von Ethisch-moralischen Grundsätzen zu erklären/entschuldigen/fordern ist eben nicht moralisch. Es sind Gesetze, die wir uns selber geben und wie Gesetze sollten sie auch unabhängig von den Umständen Wirkung finden.
Ich halte es zum Beispiel für schlecht, wenn Kinder zwölf Stunden am Tag in einer Fabrik arbeiten. Herr Nutzinger würde wahrscheinlich sagen, dass es vertretbar ist, wenn die Alternative der Hunger wäre und dies irgendwann, in der schönen Zukunft auch nicht mehr nötig sein wird, da ja überall Wohlstand kommt und dann die Arbeitnehmer rechte haben.
Sein Name scheint Programm zu sein und ich kann nur hoffen, dass sich diese utilitaristische Weltsicht nicht noch weiter verbreitet.

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