ZEIT ONLINE: Herr Professor Shiller, viele Deutsche dürften der These ihres neuen Buches widersprechen.

Robert Shiller: Das kann schon sein.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, dass die Wall Street nicht die Ursache der weltweiten Krise ist, sondern vielmehr ein Teil der Lösung.

Shiller: Natürlich gibt es an der Wall Street Betrüger, so wie es überall gute und schlechte Menschen gibt. Aber schauen Sie auf den Anfang der Finanzkrise und das Platzen der Immobilienblase: Hausbesitzer gingen pleite, weil der Wert ihrer Häuser unter den Wert der Hypothek fiel. Also konsumierten sie weniger, und am Ende erlebte die Welt eine Rezession. Der Markt für diese Hypotheken war einfach schlecht designt, wie übrigens schon einmal in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

ZEIT ONLINE: Wie hätte die Wall Street da helfen können?

Shiller: Es hätte ein Versicherungsmodell für Hypotheken gebraucht, um diese Menschen zu schützen. Oder nehmen Sie das Problem der gestiegenen Ungleichheit in den USA , das auch die Occupy-Bewegung anprangert. Eine Ursache liegt in der wachsenden Bedeutung von Informationstechnologien, die dafür sorgen, dass die Einkommen von drei Vierteln der Bevölkerung sinken, weil sie von Computern und Technik ersetzt werden. Schauen Sie nur, was Ihr iPhone heute kann und überlegen Sie, was es in fünfzig Jahren können wird. Das ist eine umwerfende Revolution, die weiter gehen wird.

ZEIT ONLINE: Und?

Shiller: Ich glaube, dass es sich um ein Risiko handelt, das versicherbar ist, selbst von privaten Versicherungsunternehmen. Man könnte eine Unterhaltsversicherung einführen. Der Staat könnte außerdem sein Steuersystem an den Index für Ungleichheit koppeln, um die Spreizung der Einkommen zu dämpfen. Je größer die Ungleichheit wird, desto stärker könnten die Steuern für die Reichen steigen. Die Ungleichheit könnte auf diese Weise sinken.

ZEIT ONLINE: Die meisten Menschen denken bei Finanzinnovationen eher an andere Dinge. Etwa an Credit Default Swaps , die in der Krise als Brandbeschleuniger wirkten.

Shiller: Ja, aber in einem größeren Zusammenhang betrachtet, lief es an den Finanzmärkten nicht nur schlecht. Das Wachstum in den Industrieländern lag bis zur Krise bei immerhin rund drei Prozent. Nun sinken die Wachstumsraten, okay, aber wir befinden uns immerhin auf dem Wohlstandsniveau des Jahres 2007. Das ist für einige Leute sicherlich schlimm. Aber es ist kein Desaster. Vor allem, wenn man bedenkt, welchen gewaltigen Reichtum uns der Finanzkapitalismus in den vergangenen Jahren gebracht hat.

ZEIT ONLINE: Sie stellen die Forderung auf, die Finanzmärkte zu demokratisieren. Wie ist das zu verstehen?

Shiller: Der Trend vollzieht sich schon lange. Es geht darum, dass immer mehr Menschen die Vorteile von finanziellen Institutionen nutzen können. Ein normaler Bürger hätte vor 200 Jahren noch kein Sparbuch eröffnen können – die Bank hätte ihn einfach weggeschickt.