ZEIT ONLINE: Das Problem heute lautet doch, dass die Finanzwelt und ihre Produkte für viele Menschen zu komplex geworden ist, um sie zu verstehen. Das ist das Gegenteil von Demokratisierung: Diese Menschen werden ausgeschlossen.

Shiller: Meine Kollegin in Harvard, Elisabeth Warren , hat zu diesem Thema neulich ein Papier verfasst. Darin beschwert sie sich über die Komplexität von Finanzprodukten. Für ihr Papier hat sie sich durch Kreditkartenverträge gearbeitet, diese eng bedruckten Seiten, die kaum jemand liest. Sie kam zu dem Schluss, dass diese Verträge völlig irreführend sind, dass darin Dinge versprochen werden, um später wieder zurückgenommen zu werden. Ihr Fazit lautete, dass derjenige, der das unterschreibt, richtig Probleme bekommen kann.

ZEIT ONLINE: Was ist daran noch demokratisch?

Shiller: Nichts. Wir müssen das verbessern. Warren hat aufgrund ihres Papiers für einen stärkeren Verbraucherschutz in den USA geworben. Den haben wir jetzt auch mit den jüngsten Reformen bekommen.

ZEIT ONLINE: Das reicht?

Shiller: Nein. Das Problem ist, dass es noch immer zu viele Verkäufer unter den Bankberatern gibt. Ich schlage deshalb vor, dass wir eine Klinik für Finanzberatung einführen, staatlich unterstützt, ein Ort, an dem unabhängige Berater arbeiten, die keinem Verkaufsdruck unterliegen. In der Medizin ist es allgemein akzeptiert, dass die Regierung sich an der medizinischen Beratung beteiligt. Genauso sollte es bei den Finanzen sein. Andernfalls würden wir weiter in einer Welt leben, in der alle Ärzte für Pharmakonzerne arbeiten würden und die nur ihre Medizin empfehlen. Reiche Leute wissen längst, dass eine gute Finanzberatung genauso wichtig ist wie eine medizinische Beratung. Andere Leute wissen das nicht – und machen deshalb große Fehler.

ZEIT ONLINE: Die Finanzkrise hat nicht nur das Finanzsystem in Misskredit gebracht, sondern auch die Figur des Bankers . Zu Recht?

Shiller: Ich würde dem entgegenhalten, dass die Unterschiede zwischen Bankern und Künstlern nicht sehr groß sind. Ein junger Mann kann als Künstler starten, er trifft einen Banker und ist von ihm beeindruckt, wird selbst Banker und fördert anschließend Künstler. Vieles hängt vom Zufall ab. Schon Aldous Huxley schreibt in Brave New World , dass jeder seine Identität entsprechend der Gruppe entwickelt, zu der er gehört. Man tendiert dann dazu, die Mitglieder der eigenen Gruppe als etwas Besseres zu empfinden. Deswegen denken viele Journalisten schlecht über Banker, und viele Banker schlecht über Journalisten.

ZEIT ONLINE: Ihre Kritiker nutzen das gleiche Argument und werfen Ihnen vor, ebenfalls eine zu große Nähe zu Bankern zu pflegen – und deshalb zu viel Verständnis für sie zu zeigen.

Shiller: Ich arbeite nicht für eine Bank, sondern für eine Universität.

ZEIT ONLINE: Sie sind aber auch einer der Erfinder des Case-Shiller-Index , der die Entwicklung der Häuserpreise in den USA abbildet – und mit dem man auch spekulieren kann.

Shiller: Ja, das stimmt. Ich habe den Index seinerseits mit Kollegen an die Rating-Agentur Standard & Poor's verkauft, mit denen ich noch zusammenarbeite – übrigens unbezahlt. Und ich kooperiere mit der Großbank Barclay’s. Das alles sind aber nur Teilzeitjobs...

ZEIT ONLINE: ...die ihre Arbeit nicht beeinflussen?

Shiller: Es gibt sicherlich ein Risiko und ich muss vorsichtig sein. Aber Geld zu verdienen ist nicht meine Motivation.

ZEIT ONLINE: In Europa reagiert man auf ihr Lob der Finanzmärkte vielleicht auch deshalb mit Ablehnung, weil es gerade der Druck der Märkte ist, der die Staaten auf einen harten Sparkurs zwingt.

Shiller: Dieser Sparkurs ist eine falsche Entwicklung. Aber welche Alternativen haben wir zurzeit? Entweder wir refinanzieren die Schulden oder wir erlassen einigen Ländern ihre Schulden. Historisch betrachtet wäre letzteres zumindest keine neue Entwicklung: Wenn ein Schuldner seine Schulden nicht begleichen kann, verhandelt er eben mit seinem Gläubiger. Mir geht es darum, dass wir den Finanzmarkt nutzen, um Vorkehrungen zu treffen, die uns vor solchen Situationen schützen, wie wir sie in Griechenland erleben.