Finanzsystem"Nordeuropa wird selbstgefällig"
Seite 2/3:

"Das Problem ist, dass es noch immer zu viele Verkäufer unter den Bankberatern gibt"

ZEIT ONLINE: Das Problem heute lautet doch, dass die Finanzwelt und ihre Produkte für viele Menschen zu komplex geworden ist, um sie zu verstehen. Das ist das Gegenteil von Demokratisierung: Diese Menschen werden ausgeschlossen.

Shiller: Meine Kollegin in Harvard, Elisabeth Warren , hat zu diesem Thema neulich ein Papier verfasst. Darin beschwert sie sich über die Komplexität von Finanzprodukten. Für ihr Papier hat sie sich durch Kreditkartenverträge gearbeitet, diese eng bedruckten Seiten, die kaum jemand liest. Sie kam zu dem Schluss, dass diese Verträge völlig irreführend sind, dass darin Dinge versprochen werden, um später wieder zurückgenommen zu werden. Ihr Fazit lautete, dass derjenige, der das unterschreibt, richtig Probleme bekommen kann.

ZEIT ONLINE: Was ist daran noch demokratisch?

Shiller: Nichts. Wir müssen das verbessern. Warren hat aufgrund ihres Papiers für einen stärkeren Verbraucherschutz in den USA geworben. Den haben wir jetzt auch mit den jüngsten Reformen bekommen.

ZEIT ONLINE: Das reicht?

Shiller: Nein. Das Problem ist, dass es noch immer zu viele Verkäufer unter den Bankberatern gibt. Ich schlage deshalb vor, dass wir eine Klinik für Finanzberatung einführen, staatlich unterstützt, ein Ort, an dem unabhängige Berater arbeiten, die keinem Verkaufsdruck unterliegen. In der Medizin ist es allgemein akzeptiert, dass die Regierung sich an der medizinischen Beratung beteiligt. Genauso sollte es bei den Finanzen sein. Andernfalls würden wir weiter in einer Welt leben, in der alle Ärzte für Pharmakonzerne arbeiten würden und die nur ihre Medizin empfehlen. Reiche Leute wissen längst, dass eine gute Finanzberatung genauso wichtig ist wie eine medizinische Beratung. Andere Leute wissen das nicht – und machen deshalb große Fehler.

ZEIT ONLINE: Die Finanzkrise hat nicht nur das Finanzsystem in Misskredit gebracht, sondern auch die Figur des Bankers . Zu Recht?

Shiller: Ich würde dem entgegenhalten, dass die Unterschiede zwischen Bankern und Künstlern nicht sehr groß sind. Ein junger Mann kann als Künstler starten, er trifft einen Banker und ist von ihm beeindruckt, wird selbst Banker und fördert anschließend Künstler. Vieles hängt vom Zufall ab. Schon Aldous Huxley schreibt in Brave New World , dass jeder seine Identität entsprechend der Gruppe entwickelt, zu der er gehört. Man tendiert dann dazu, die Mitglieder der eigenen Gruppe als etwas Besseres zu empfinden. Deswegen denken viele Journalisten schlecht über Banker, und viele Banker schlecht über Journalisten.

ZEIT ONLINE: Ihre Kritiker nutzen das gleiche Argument und werfen Ihnen vor, ebenfalls eine zu große Nähe zu Bankern zu pflegen – und deshalb zu viel Verständnis für sie zu zeigen.

Shiller: Ich arbeite nicht für eine Bank, sondern für eine Universität.

ZEIT ONLINE: Sie sind aber auch einer der Erfinder des Case-Shiller-Index , der die Entwicklung der Häuserpreise in den USA abbildet – und mit dem man auch spekulieren kann.

Shiller: Ja, das stimmt. Ich habe den Index seinerseits mit Kollegen an die Rating-Agentur Standard & Poor's verkauft, mit denen ich noch zusammenarbeite – übrigens unbezahlt. Und ich kooperiere mit der Großbank Barclay’s. Das alles sind aber nur Teilzeitjobs...

ZEIT ONLINE: ...die ihre Arbeit nicht beeinflussen?

Shiller: Es gibt sicherlich ein Risiko und ich muss vorsichtig sein. Aber Geld zu verdienen ist nicht meine Motivation.

ZEIT ONLINE: In Europa reagiert man auf ihr Lob der Finanzmärkte vielleicht auch deshalb mit Ablehnung, weil es gerade der Druck der Märkte ist, der die Staaten auf einen harten Sparkurs zwingt.

Shiller: Dieser Sparkurs ist eine falsche Entwicklung. Aber welche Alternativen haben wir zurzeit? Entweder wir refinanzieren die Schulden oder wir erlassen einigen Ländern ihre Schulden. Historisch betrachtet wäre letzteres zumindest keine neue Entwicklung: Wenn ein Schuldner seine Schulden nicht begleichen kann, verhandelt er eben mit seinem Gläubiger. Mir geht es darum, dass wir den Finanzmarkt nutzen, um Vorkehrungen zu treffen, die uns vor solchen Situationen schützen, wie wir sie in Griechenland erleben.

Leserkommentare
    • Logeg
    • 20. November 2012 12:04 Uhr

    "Aber es ist kein Desaster. Vor allem, wenn man bedenkt, welchen gewaltigen Reichtum uns der Finanzkapitalismus in den vergangenen Jahren gebracht hat." Wem? Uns?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich glaube auch Herr Prof. Shiller hat da gewisse Grundlagen nicht verstanden. Es liegt wohl an einer Art "abgerutschten Realität", sozusagen eine Gehirnblase. Man muss abmildernd sagen, dass das halt sehr viele Menschen haben.

    Deutschland hat über 2.000.000.000 € Schulden/steigend und wir gelten sogar als reich... Irgendwie ist das nicht meine Welt...

    Hier sschmeisst der Bund ein paar Runden für die Hoteliers, Herr Shiller erfindet einfach ein paar neue Verkaufssraegien für Versicherungen.

    Warum uner den Tausenden Wirtschafts-"Experten", die gerade ein Buch veröffentlicht haben der hier die Aufmerksamkeit einer Tageszeitung auf sich gezogen hat, ist mir vollkommen schleierhaft.

    "Vor allem, wenn man bedenkt, welchen gewaltigen Reichtum uns der Finanzkapitalismus in den vergangenen Jahren gebracht hat. "

    welchem "uns" in uns hat die schulden zu tragen, die diese vermögen von anderen "uns" bei uns sammeln konnten? wo ist die versicherung, die ich abschließen kann, um meinen anteil im "uns" auf die versicherung abzuwälzen, die hoffentlich nicht pleite geht und wie hoch ist die prämie? wer garantiert, dass die versicherung nicht pleite geht und wer springt, falls doch? kann ich - normalbürger - mir diese prämie leisten?

  1. Ich glaube auch Herr Prof. Shiller hat da gewisse Grundlagen nicht verstanden. Es liegt wohl an einer Art "abgerutschten Realität", sozusagen eine Gehirnblase. Man muss abmildernd sagen, dass das halt sehr viele Menschen haben.

    Deutschland hat über 2.000.000.000 € Schulden/steigend und wir gelten sogar als reich... Irgendwie ist das nicht meine Welt...

    Antwort auf "Finanzkapitalismus "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    gelten sogar als reich..."

    Es sind nicht 2 Mrd sonder sogar 2,2 Bio Euro Schulden. Also noch drei Nullen mehr. Dass wir als reich gelten liegt daran, dass sich alleine das Geldvermögen der Deutschen auf ein Vielfaches von 2,2 Bio € beläuft. Hier ein <a href="http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:sparweltmeister-deutschland-privates... der das Geldvermögen (Aktien + Geld) auf 5 Mrd in 2010 schätzt</a>. Andere Vermögenswerte wie Grundstücke, Häuser, Schwarzgeld etc. sind da noch gar nicht enthalten.

    Selbst in Spanien, Italien und auch in Griechenland überragen die Vermögen die Haushaltsschulden. Es sind halt immer die Reichen, die sich am Wirkungsvollsten gegen steuerliche Zugriffe auf ihr Geld erwehren, und alleine mit der Mehrwertsteuer lässt sich ein Staat nicht finanzieren. So kommt dann das ganze Land ins Wanken.

    Wie wir in Griechenland sehen, braucht das die Reichen nicht sonderlich zu jucken. Mit den offenen Grenzen ist es heute ein Leichtes, das Geld ins sichere Ausland zu schaffen. Wenn die Zustände im eigenen Land zu fragil werden, kauft man sich Immobilien in London, Hamburg oder München, Schweizer Franken, Norwegische Kronen und wer nicht mit einer kommenden amerikanische Landblase spekulieren will, Gold und Goldderivate.

    • Otto2
    • 20. November 2012 12:28 Uhr

    was er zu Griechenland sagt ist albern. Die Lage dort ist wesentlich komplizierter. Seine "abscheulichen" und seine "heilsamen" Schulden sind auch nicht originell. Wir kennen das als Schulden, die durch Konsum gemacht werden oder solche, die z. B. zur Schaffung von zusätzlichen Produktionskapazitäten gemacht werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    nicht originell. Wir kennen das als Schulden, die durch Konsum gemacht werden oder solche, die z. B. zur Schaffung von zusätzlichen Produktionskapazitäten gemacht werden."

    Ach, das sind diese Wirtschaftssichten der schwäbischen Hausfrauen Prof. Sinn'schen Zuschnitts. Was, um Himmels Willen, wollen Sie denn überhaupt noch zum Verkauf produzieren, wenn Konsum nicht erlaubt sein soll?

    Jede Maschine, ist am Ende dazu da, etwas zu produzieren, das irgendjemand konsumieren möchte. Wir müssten nur noch Mond- und Marsflüge planen und durchführen, wenn wir konsumfrei produzieren wollten.

    Vergessen Sie die Sinn-losen Theorien des nämlichen Professors. Wenn wir den maximalen möglichen Wohlstand erreichen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen in den Geldkreislauf einbezogen werden. Das heißt, dass möglichst viele Menschen in den Prozess aus Produktion und Konsumption einbezogen werden. Dass dabei möglichst wenig Ausbeutung stattfindet, damit sichergestellt ist, dass die Menschen optimal konsumieren können und am erarbeiteten Wohlstand partizipieren können.

    Die Sinn-losen Theorien des Professors zielen immer nur darauf ab, die Schwachen als freie Verfügungsmasse einmal an die Starken zu verfüttern, sie das andere Mal als Schmiermittel bei schlechter Konjunktur in die trocken gelaufenen Lager der fehlangepassten Wirtschaft zu pressen. Konsum findet dann nur knapp über der Elendsschwelle statt. Das ist die sinnlose Welt des Herrn Sinn.

    • Otto2
    • 20. November 2012 18:31 Uhr

    Meine Absicht war nicht für oder gegen die Theorien des Herrn Sinn zu polemisieren. Ich hatte die Absicht darauf hinzuweisen, dass Herr Shiller nach meiner Ansicht nicht Neues vorstellte. Seine Innovation beschränkte
    soweit man es aus dem Interview entnehmen kann auf moralisch gefärbte Begriffe.
    Was die Sinn'schen Theorien angeht laufen sie bei mir offene Türen ein.
    MfG Otto2

    • Sauzahn
    • 20. November 2012 12:29 Uhr
    4. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  2. Lieber Zeit-Übersetzer,

    das englische Wort 'paper' bedeutet hier wohl weniger Papier, als vielmehr 'Artikel'. Man kann kein Papier schreiben, aber einen Artikel sehrwohl. Papier kann man bestenfalls beschreiben.

    Bitte etwas mehr Genauigkeit beim übersetzen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... wie Sie da mal nicht falsch liegen.
    Auch in der Deutschen Sprache kann man sehr wohl ein "Papier" schreiben, präsentieren, einreichen, vorlegen und was auch immer. Und damit ist auch bei uns nicht das Trägermaterial für die darauf befindliche Schrift gemeint.

    greift halt um sich!

    Aber wenn Politiker Geld das sie nicht haben nicht ausgeben, allgemein akzeptiert als sparen bezeichnen, dann muss man sich über "Paper" verfassen nicht wundern

  3. ... wie Sie da mal nicht falsch liegen.
    Auch in der Deutschen Sprache kann man sehr wohl ein "Papier" schreiben, präsentieren, einreichen, vorlegen und was auch immer. Und damit ist auch bei uns nicht das Trägermaterial für die darauf befindliche Schrift gemeint.

    Antwort auf "ein papier verfasst"
  4. Shiller will nur die Kumpanei zwischen FED (Herausgeber der gesetzlichen Währung) und den US-Banken retten, damit im Konzert der beiden, wie in der Vergangenheit, ausländische Investoren über den Tisch gezogen werden können und somit ein überhöhter nicht erarbeiteter Lebensstandard in den USA aufrecht erhalten werden kann. Selbiges betreibt UK und leider mittlerweile auch das Eurosystem zu Gunsten bestimmter Eurokrisenländer. Die nordeuropäischen Länder, China und Japan haben solide Volkswirtschaften, die unter ihren Verhältnissen leben, um die braucht er sich keine sorgen zu machen, wohl aber um die deindustrialisierten Länder USA und UK, die zwangläufig vom Finanzmarkt leben müssen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Volkswirtschaften, die unter ihren Verhältnissen leben"

    Wer mit "Volkswirtschaft" argumentiert, sollte wissen, dass diejenigen, die unter ihren Verhältnissen leben, diejenigen, die über ihren Verhältnissen leben, erst ermöglichen.

    Shiller hat erkannt, dass Ausgleichsgeldströme diesen Fehlstand volkswirtschaftlich korrigieren könnten.

    Die Dotcom-Blase von 2000 hat viele Millionen europäisches Geld nach Amerika gebracht, das natürlich auch den Effekt hatte, Amerikas Handelsbilanzdefizite auszugleichen. Ähnliches hat die Hypothekenkrise von 2007 vollbracht.

    Die Empfehlung, amerikanisches Land zu kaufen, zielt in die gleiche Richtung, wenn die Blase erst am Wachsen ist, strömt das Geld von alleine und die amerikanischen Handelsb.defizite werden automatisch kleiner.

    Die Methode ist gut, weil die Menschen nicht das Gefühl haben, dass ihnen ein "böser" Staat das Geld nimmt sonder der "gute" Markt.

    Zusätzliche Geldströme sind die Idee. So vernarrt, wie Deutschland auf seinen Export ist, wird es nachdem genügend Euroländer mit den Sparzwängen Deutschlands Preisvorteile wieder egalisiert haben, eine Agenda 2030 geben, die noch größere Teile der deutschen Gesellschaft ins Prekariat abschiebt. Es wäre doch viel eleganter, wenn die Profiteure des Exports in Finanzwerte investieren, die den Geldstrom wieder umkehren und die somit das ganze System balancieren.

    Ansonsten, machen Sie einen besseren Vorschlag, wie sie die Geldhäufen wieder auf verträgliche Höhen bringen wollen.

  5. gelten sogar als reich..."

    Es sind nicht 2 Mrd sonder sogar 2,2 Bio Euro Schulden. Also noch drei Nullen mehr. Dass wir als reich gelten liegt daran, dass sich alleine das Geldvermögen der Deutschen auf ein Vielfaches von 2,2 Bio € beläuft. Hier ein <a href="http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/:sparweltmeister-deutschland-privates... der das Geldvermögen (Aktien + Geld) auf 5 Mrd in 2010 schätzt</a>. Andere Vermögenswerte wie Grundstücke, Häuser, Schwarzgeld etc. sind da noch gar nicht enthalten.

    Selbst in Spanien, Italien und auch in Griechenland überragen die Vermögen die Haushaltsschulden. Es sind halt immer die Reichen, die sich am Wirkungsvollsten gegen steuerliche Zugriffe auf ihr Geld erwehren, und alleine mit der Mehrwertsteuer lässt sich ein Staat nicht finanzieren. So kommt dann das ganze Land ins Wanken.

    Wie wir in Griechenland sehen, braucht das die Reichen nicht sonderlich zu jucken. Mit den offenen Grenzen ist es heute ein Leichtes, das Geld ins sichere Ausland zu schaffen. Wenn die Zustände im eigenen Land zu fragil werden, kauft man sich Immobilien in London, Hamburg oder München, Schweizer Franken, Norwegische Kronen und wer nicht mit einer kommenden amerikanische Landblase spekulieren will, Gold und Goldderivate.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service