Am Montag kamen schon wieder schlechte Nachrichten aus Japan . Vor einem Monat erst hatten die großen Automobilhersteller des Landes gemeldet , dass ihr Absatz auf dem wichtigen chinesischen Markt einbreche. Ursache war der Konflikt um eine unbewohnte Inselgruppe im ostchinesischen Meer zwischen beiden Ländern. Ende Oktober räumte die japanische Regierung ein, dass der Inselstreit der gesamten Wirtschaft schade . Vergangene Woche wies ein Index wichtiger Wirtschaftsindikatoren gar auf eine Rezession hin. Und seit Japan am Montag neue Wachstumszahlen veröffentlicht hat, spricht alles dafür, dass das Land schon mitten drin ist in der Krise.

Die Zahlen sind alarmierend. Zwischen Juli und September ist die japanische Wirtschaft, die viertgrößte der Welt, auf das Jahr gerechnet um 3,5 Prozent geschrumpft, zum ersten Mal seit dem Tsunami im März 2011 . Die Exportindustrie, die rund 15 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht, Konsum und Investitionen verzeichnen die stärksten Einbrüche seit Langem. "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich die japanische Wirtschaft bereits in einer rezessiven Phase befindet", kommentierte Wirtschaftsminister Seiji Maehara am Montag.

Mit diesem Satz war klar: Niemand zweifelt mehr an einer erneuten Krise der japanischen Wirtschaft. Rein formal wird eine Rezession durch zwei aufeinander folgende Quartale definiert, in denen die Wertschöpfung abnimmt. Dass ein Wirtschaftsminister schon nach einem Quartal von einer Rezession spricht, ist ungewöhnlich. Aber Maehara schien kaum eine andere Wahl zu bleiben, wollte er weiterhin ernst genommen werden.

Erdrückende Staatsschuldenlast

Japans Wirtschaft hat Probleme an allen Fronten, das bestätigen zahlreiche Analysen aus öffentlichen und privaten Forschungsinstituten. Japan ist stärker verschuldet als Griechenland. Das könnte das Land schon bald in weitere Schwierigkeiten bringen. Der starke Yen und die Krisen in anderen Teilen der Welt belasten die für Japan so wichtige Exportwirtschaft, die sich immer noch nicht von den Folgen der Finanzkrise von 2007/2008 erholt hat. Die japanischen Exporte sind heute etwa ein Fünftel niedriger als vorher. Angesichts der jahrelangen Deflation – einem Gemisch aus sinkenden Preisen und Löhnen bei wirtschaftlicher Stagnation – halten Konsumenten und Unternehmen ihr Geld lieber zusammen, statt es auszugeben. Das lähmt die Wirtschaft zusätzlich.

Zugleich hat die Politik immer weniger Möglichkeiten, gegen die Wirtschaftskrise anzugehen. Zwar lösten die staatlichen Ausgabenprogramme nach dem Tsunami zunächst einen Wiederaufbauboom aus, doch er hielt nicht lange an. Die Staatsschulden wuchsen derweil weiter. Ende 2012 wird Japan voraussichtlich mit rund 235 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet sein. Das lässt der Regierung kaum Raum für neue, groß angelegte Wiederbelebungsversuche.

Zwar versucht die Zentralbank seit Jahren, durch den wiederholten Ankauf von Staatsanleihen die Deflationsspirale zu durchbrechen. Andere Möglichkeiten, die Wirtschaft anzukurbeln und die Preise zumindest ein wenig steigen zu lassen, bleiben ihr nicht: Die Zinsen sind so niedrig, dass sie kaum noch weiter sinken können. Doch auch die Krisenbekämpfung durch die Notenbanker schlug fehl. Japans Regierung hat die Deflation mittlerweile zu ihrem größten wirtschaftspolitischen Problem erklärt.

Die Lage scheint so aussichtslos, dass Japans Wirtschafts- und Finanzminister vor zwei Wochen ein Papier mit dem Zentralbankchef Masaaki Shirakawa veröffentlichten, in dem die drei ihren gemeinsamen Kampf gegen die Deflation ankündigten – obwohl die Bank of Japan laut Gesetz völlig unabhängig von der Politik agieren soll. Doch außergewöhnliche Probleme erforderten ungewöhnliche Gegenmaßnahmen, wurde erklärt.

 Auch Europa vor der Deflation?

Dass die Bank of Japan bereit ist, im Kampf gegen die Krise noch weiter zu gehen, scheint klar. Zentralbankchef Shirakawa deutete erneute Staatsanleihekäufe an, nachdem die enttäuschenden Wachstumszahlen am Montag bekannt wurden. Es bestehe "kein Zweifel", dass die Bank of Japan "alle Anstrengungen für weitere Lockerungen" unternehmen sollte, sagte er. Fraglich ist aber, ob das der darnieder liegenden japanischen Wirtschaft überhaupt noch helfen kann. Erst vor rund zwei Wochen weitete die Zentralbank ihre Bilanz um ein gutes Zehntel auf 91 Billionen Yen (rund 900 Milliarden Euro) aus; ohne Erfolg.

Schon vorige Staatsanleihekäufe haben kaum etwas gebracht. Weder wurde die Währung schwächer wie gewünscht, um die Exporte anzukurbeln, noch belebte das frische Geld die Wirtschaft.

Sparprogramme, Rezession, sinkende Preise

Manche Ökonomen fürchten, dass Europa angesichts der hohen Verschuldung seiner Mitgliedsländer in eine ähnliche Deflationsfalle geraten könnte. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat etwa wiederholt davor gewarnt, ebenso der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Der zugrunde liegende Mechanismus ist leicht nachzuvollziehen: Allzu harte Sparprogramme lassen die Wirtschaft schrumpfen, und meist sinken dann auch die Preise. Zugleich sind die Zinsen niedrig, und die Zentralbank kauft im Kampf gegen die Krise Staatsanleihen.

Wenn die Politik es in einer solchen Situation nicht schafft, rasch gegen die Wachstumsschwäche anzugehen, könnten ihr – ähnlich wie in Japan – die Instrumente ausgehen. Zugleich würde die Kaufkraft der Schuldnerländer weiter sinken, weil ihre Verbindlichkeiten, relativ betrachtet, an Wert zunähmen. Und wenn Unternehmen und Konsumenten erwarten, dass die Preise in Zukunft weiter sinken, werden sie weder investieren noch konsumieren. Erste Signale dafür gibt es bereits: Im Jahr 2012 ist Europas Inflationsrate schon leicht rückläufig, trotz wiederholter Staatsanleihekäufe durch die EZB.

In Japan versucht die Regierung derweil, sich das letzte bisschen an Handlungsspielraum nicht nehmen zu lassen. In der vergangenen Woche einigten sich die größten Parlamentsfraktionen nach hitzigen Debatten, weitere Staatsanleihen in Höhe von 38,3 Billionen Yen auszugeben. So wollen sie rund 40 Prozent des aktuellen Staatshaushaltes finanzieren. Wer die Anleihen kauft, dürfte angesichts der offiziellen Zusammenarbeit zwischen Regierung und Zentralbank schon feststehen. Ob der Schritt hilft, bleibt dennoch fraglich. Möglicherweise reißen die schlechten Nachrichten aus Japan so schnell nicht ab.