Euro-KriseGauck beklagt Wildwuchs im Finanzsektor

Der Bundespräsident fordert, endlich den weltweiten Finanzmarkt zu zügeln. "Ein verantwortlicher Kapitalismus ist möglich", appelliert Gauck an Politiker und Unternehmer. von afp, dpa, reuters und

"Verantwortlicher Kapitalismus ist möglich": Bundespräsident Joachim Gauck spricht beim "Führungstreffen Wirtschaft 2012" in München.

"Verantwortlicher Kapitalismus ist möglich": Bundespräsident Joachim Gauck spricht beim "Führungstreffen Wirtschaft 2012" in München.  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Bundespräsident Joachim Gauck hat gefordert, endlich weitreichende Konsequenzen aus der Finanz- und Schuldenkrise zu ziehen. "Der Wildwuchs im Finanzsektor ist bis heute nicht beseitigt", sagte Gauck beim Führungstreffen Wirtschaft 2012 der Süddeutschen Zeitung . Grundsätzliche Veränderungen in dem Bereich seien notwendig.

Die Forderung nach einem schlanken Staat in den neunziger Jahren sei in mancher Hinsicht ein Irrtum gewesen. Vielmehr müsse es einen "handlungsfähigen und handlungswilligen Staat" geben. Verantwortung bedeute deshalb auch, Grenzen zu setzen. "Maßlosigkeit hat in diese Krise geführt", konstatierte er und forderte Grenzen des wirtschaftlichen Handelns: "Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu überschreiten."

Anzeige

Der Bundespräsident erinnerte auch an die Verantwortung der Wirtschaft. Banker dürften nicht "in guten Zeiten Boni kassieren und bei Schwierigkeiten ... die Steuerzahler fordern". Das gehe zulasten der Gemeinschaft: "Die derzeitige Gewissheit, im Notfall gerettet zu werden, verschiebt die Risikohaltung der Banken in einer Weise, die weder dem Markt entspricht noch den Wünschen der Steuerzahler."

Die Wirtschaft insgesamt müsse ein neues Verantwortungsbewusstsein entwickeln, das über die unternehmerischen Aufgaben hinausgehe und auch Verantwortung für die Regeln der Gesellschaft umfasse, sagte der Bundespräsident. "Verantwortlicher Kapitalismus ist möglich", sagte der Bundespräsident. Gewinnstreben sei zwar nicht unanständig. "Gefährlich wird erst die blanke Gier, das Mehrenwollen um jeden Preis." Gauck bezog sich darauf, dass der Staat in der Bankenkrise nach 2008 viele durch Selbstverschulden geschwächte Geldinstitute mit Steuermitteln stützte, weil sie für das Kreditsystem unverzichtbar waren.

Lob für europäischen Sozialstaat

Unter den Teilnehmern des Führungstreffens war auch der französische Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault , der heute Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU ) trifft. Gauck ermutigte Ayrault zu Reformen, auch wenn dies kein bequemer Weg sei.

Gauck hob in seiner Rede die Errungenschaften der Sozialpartnerschaft in Deutschland hervor. Er erinnerte an den Artikel 14 des Grundgesetzes: "Eigentum verpflichtet." Immer mehr Europäer würden erkennen, dass soziale Stabilität und Zusammenarbeit auch einen ökonomischen Gewinn darstellten. "Wir haben gute Erfahrungen mit demokratischer Mitbestimmung, Betriebsräten und Sozialplänen gemacht", sagte Gauck.

Kunden haben Macht

Ein verantwortungsbewusstes Handeln der Unternehmen präge aber auch das Verantwortungsbewusstsein der Kunden, sagte Gauck und verwies insbesondere auf die Konsumenten. Kunden hätten eine enorme Marktmacht, mit der sie Produktionsbedingungen in aller Welt mit prägen könnten. "Wie lange greifen Europäer noch zur Jeans für zehn Euro, obwohl sie wissen, dass die Allerärmsten in Asien oder Lateinamerika einen hohen Preis dafür zahlen, mit ihrer Gesundheit oder ihrer Menschenwürde?"

Schuld an der derzeitigen europäischen Krise sind nach Gaucks Einschätzung nicht nur die Unternehmen. Unter ihnen habe es Verführer wie Verführte gegeben. Denn auch die Politik habe unrealistische Wachstumsfantasien genährt. Überzogene Erwartungen und Gutgläubigkeit habe es auch unter den Kunden gegeben. "Ein neuer Umgang mit Fehlern stände uns gut zu Gesicht."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "Er erinnerte an den Artikel 14 des Grundgesetzes: "Eigentum verpflichtet.""

    einen allgemeineren allgemeinplatz kann man kaum finden. und daß der herr bundespräsident einen der folgenlosesten artikel unseres grundgesetzes zitiert, zeigt nur seine inhaltsleere schwatzhaftigkeit.

  2. Ich kann nicht nachvollziehen, wie hier einige Foristen so tun, als sei das eine weltbewegende Rede gewesen. Alle Argumente sind richtig, aber man hat sie schon oft von vielen anderen Politikern gehört. Verantwortlicher Kapitalismus - das könnte auch der Papst sagen. Den Finanzsektor kontrollieren - wer sagt das Gegenteil ?
    Aus Fehlern lernen - wo hört man das nicht...........
    Trotzdem ein Lob - eine gute, seinem Amt entsprechende
    Ansprache.

  3. 10-Euro-Jeans? - Joachim Gauck hat ein unentschuldbares Kaufverhalten nicht explizit dem Niedriglöhner vorgeworfen - und nicht nur der Niedriglöhner greift zur 10-Euro-Jeans, ganz im Gegenteil: Es sind zuviele Geiz-ist-geil-Käufer, sonst würden gar nicht sooooo viele 10-Euro-Jeans auf dem Markt sein. - Selbst Niedriglöhner sollten sich freuen, daß Joachim Gauck sich gegen die Geiz-ist-geil-Mentalität ausspricht; das würde ihnen eher einen Arbeitsplatz mit vollem Lohn bescheren und Leiharbeit, bei der Firmen gut verdienen, überflüssig machen. - Mich verwundert die Redaktionsempfehlung; oder habe ich Ihren Artikel völlig mißverstanden? -

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • R_IP
    • 15. November 2012 22:56 Uhr

    "Joachim Gauck hat ein unentschuldbares Kaufverhalten nicht explizit dem Niedriglöhner vorgeworfen"

    Das ist mir nicht entgangen und das habe ich ihm auch nicht unterstellt. Ich wollte mit meinem Kommentar nur darauf hinaus, dass für eine nicht geringe Zahl der Menschen die Wahl der Hose kein Luxusproblem ist, sondern auf kompromisslosem Kalkül beruht: "Was kann ich mir leisten, und was nicht?", statt: "Heute mal die Hose für 10 Euro, morgen dann wieder die für 50-100?". Unter den Geiz-ist-geil-Käufern sind eben auch viele mir-bleibt-nichts-anderes-übrig-als-Geiz-Käufern (zudem: Ist es dann überhaupt noch Geiz, im Falle von relativer Armut? Hat Geiz nicht vielmehr etwas mit dem Gegenteil von Notwendigkeit, dem materiellen Überfluss, zu tun?), und das sollte man bei solch hochgradig fahrigen und moralisierenden Formulierungen, wie sie Gauck abgibt, eben nie vergessen.

    "daß Joachim Gauck sich gegen die Geiz-ist-geil-Mentalität ausspricht; das würde ihnen eher einen Arbeitsplatz mit vollem Lohn bescheren"

    Genau dass tut Gauck doch aber nicht: Bei ihm wird die Geiz-ist-geil-Mentalität der KONSUMENTEN angeprangert, nicht die der Arbeitgeber; oder sollte ich etwa seinen Kommentar völlig missverstanden haben?

    • R_IP
    • 15. November 2012 22:56 Uhr

    "Joachim Gauck hat ein unentschuldbares Kaufverhalten nicht explizit dem Niedriglöhner vorgeworfen"

    Das ist mir nicht entgangen und das habe ich ihm auch nicht unterstellt. Ich wollte mit meinem Kommentar nur darauf hinaus, dass für eine nicht geringe Zahl der Menschen die Wahl der Hose kein Luxusproblem ist, sondern auf kompromisslosem Kalkül beruht: "Was kann ich mir leisten, und was nicht?", statt: "Heute mal die Hose für 10 Euro, morgen dann wieder die für 50-100?". Unter den Geiz-ist-geil-Käufern sind eben auch viele mir-bleibt-nichts-anderes-übrig-als-Geiz-Käufern (zudem: Ist es dann überhaupt noch Geiz, im Falle von relativer Armut? Hat Geiz nicht vielmehr etwas mit dem Gegenteil von Notwendigkeit, dem materiellen Überfluss, zu tun?), und das sollte man bei solch hochgradig fahrigen und moralisierenden Formulierungen, wie sie Gauck abgibt, eben nie vergessen.

    "daß Joachim Gauck sich gegen die Geiz-ist-geil-Mentalität ausspricht; das würde ihnen eher einen Arbeitsplatz mit vollem Lohn bescheren"

    Genau dass tut Gauck doch aber nicht: Bei ihm wird die Geiz-ist-geil-Mentalität der KONSUMENTEN angeprangert, nicht die der Arbeitgeber; oder sollte ich etwa seinen Kommentar völlig missverstanden haben?

  4. ...(oder eigentlich doch nicht), dass weder das ZDF noch die ARD in ihren Nachrichtensendungen (heute 19.00h ,tagesschau 20.00h) einen Satz über diesen Auftritt des BP verloren haben.

    Hat das Kanzleramt oder Goldmann-Sachs in den Redaktionen angerufen? Oder waren diese Aussagen (komplette Rede auf sz.de) den Redaktionen im vorauseilendem Gehorsam zu brisant?

  5. Wildwuchs haben wir nicht nur im Finanzsektor, den gibt es auch bei den gierigen Politikern, bei den gesetzen, bei den verordnungen, überflüssigen Beamtenstellen und bestimmungen.

    • AndreD
    • 16. November 2012 9:41 Uhr

    Herr Gauck hat zwar Recht mit dem, was er sagt, aber wollte er wirklich etwas verändern, dann müsste er noch direkter reden.
    Aber täte er das, wäre er ein Mitglied der Linkspartei.

  6. Eine verflixt gute Rede. Und eine wichtige.

    Seltsam nur: schon einen Tag später ist der Artikel von der Zeit-Online-Startseite aus nicht mehr verlinkt. Und auch nicht von der Politik-Seite. Und nicht von der Wirtschaft-Seite. Immerhin noch über die Suchfunktion zugänglich. Sprich: Ein sehr mulmiges Gefühl bezüglich der Neutralität der Zeit plötzlich. Wer da wohl Einfluss nimmt?
    Immerhin redet da der deutsche Bundespräsident und spricht zentrale Themen der Politik an, auf eine Weise, wie er es zuvor noch nicht getan hat.

    Der ganze Wortlaut übrigens unter:
    http://www.sueddeutsche.d...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • AndreD
    • 19. November 2012 1:03 Uhr

    weil es auch einen unverantwortlichen Kapitalismus gibt, hat sich Herr Gauck in seinem Amt als Bundespräsident seinen Vortrag wohl auch bezahlen lassen, so wie anno dazumal in Bochum?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP, tis
  • Schlagworte Joachim Gauck | Angela Merkel | CDU | Betriebsrat | Bundespräsident | Eigentum
Service