Ein Arbeiter steht in einem Schlachtbetrieb in Bayern zwischen Rinderhälften (Archivbild) © Sean Gallup/Getty Images

Paul McCartneys Einsatz scheint die Deutschen wenig beeindruckt zu haben. Vor drei Jahren, kurz vor dem Beginn der mit Erwartungen überfrachteten Klimakonferenz in Kopenhagen , warb der Musiker für die Vorteile einer vegetarischen Ernährung. "Less Meat, less heat" hieß die Kampagne, an der sich damals auch Rajendra Pachauri beteiligte, der Vorsitzende des Weltklimarats IPCCC.

Die Botschaft der beiden Klimakämpfer: Wer Gemüse isst, verursacht weniger Treibhausgase als Fleischesser. Wenigstens an einem Tag in der Woche sollten die Menschen auf Fleisch verzichten .

Zwei Wochen vor dem Beginn der Klimakonferenz in Doha hat die Umweltorganisation WWF ausgerechnet, wie viel Treibhausgase die Ernährung der Deutschen verursacht. Ein Ergebnis: Noch immer essen die Deutschen zu viel Fleisch und werfen zu viel Nahrung weg . Allein der Fleischkonsum sei für zehn Prozent aller Emissionen verantwortlich, die der durchschnittliche Deutsche verursacht, schreibt der Autor Steffen Noleppa.

Die Erkenntnis, dass Fleischverzehr das Klima belastet , ist nicht neu. Noleppa aber versucht, den Schaden zu beziffern, mit Bezug auf das konkrete Ernährungsverhalten der Deutschen. Wie viel der Verzicht auf Fleisch dem Klima bringen könnte, illustriert er durch eingängige Beispiele. So verursacht eine Portion Spaghetti mit Tomatensoße seinen Berechnungen zufolge etwa 630 Gramm Kohlendioxid – eine Portion Schweinebraten mit Rotkohl und Kartoffelklößen hingegen ganze 3,42 Kilo. Mehr als die Hälfte davon entfalle auf das Fleisch.

Durch eine gesündere Ernährung und die Vermeidung von Lebensmittelabfällen könnten die Deutschen rund 800 Kilogramm Emissionen pro Person und Jahr vermeiden, schreibt Noleppa. Dabei bringt die Vermeidung von Abfällen dem Klima noch mehr als der Verzicht auf Fleisch. Hoch0gerechnet auf das ganze Land könnten bis zu 67 Millionen Tonnen Emissionen eingespart werden. Das entspricht etwa sieben Prozent aller deutschen Emissionen oder dem gesamten Treibhausgasausstoß Portugals .

"Die Größenordnungen sind enorm"

Ganz exakt lässt sich der Treibhauseffekt unserer Ernährung freilich nicht beziffern. Die WWF-Untersuchung ist eine Meta-Studie, sie stützt ihre Berechnungen also auf mehrere frühere Veröffentlichungen zum Thema. Dabei habe man eher konservativ gerechnet, sagt Tanja Dräger, die die Studie redaktionell betreut hat. "Es ging uns darum, einen Hinweis auf die Größenordnungen zu geben. Und die sind ohne Zweifel enorm."

Noleppa unterscheidet in seinen Berechnungen zwischen direkten und indirekten Treibhausgasemissionen. Direkte Emissionen sind solche, die durch die Produktion von Nahrungsmitteln entstehen. Auf dem Feld, etwa durch Düngung, die Bearbeitung des Bodens mit Landmaschinen und die Verdauung von Wiederkäuern; aber auch an einem späteren Punkt der Wertschöpfungskette, etwa durch die Weiterverarbeitung der Nahrung, ihren Transport und ihre Lagerung beim Endverbraucher. Indirekte Emissionen entstehen, wenn durch die steigende Nachfrage nach Agrargütern zuvor unkultiviertes Land gerodet und nutzbar gemacht wird.

Allein die landwirtschaftliche Produktion sei für elf bis vierzehn Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich, heißt es in der Studie des WWF. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung kommt auf ähnliche Zahlen.

 Tipps für eine klimabewusste Ernährung

Rajendra Pachauri (rechts), der Vorsitzende des Weltklimarats, und Sir Paul McCartney (zweiter von rechts) vor drei Jahren im EU-Parlament. Beide warben im Kampf gegen den Klimawandel für einen "fleischfreien Montag". © Georges Gobet/AFP/Getty Images

Am Beispiel der Agrar-Emissionen lässt sich gut zeigen, warum genaue Berechnungen so schwierig sind. Ihr größter Teil besteht aus Lachgas und Methan. Doch zu Bilanzzwecken ist es üblich, diese beiden Gase in Kohlendioxid-Äquivalente umzurechnen. Die Klimaforscher aber sind sich nicht einig darüber, welcher Umrechnungsfaktor zu diesem Zweck der richtige wäre. Zwar gibt es Vorgaben vom IPCCC, doch die werden nicht von allen angewandt. Je nachdem, welcher Umrechnungsfaktor benutzt wird, könnten die Ergebnisse sich um bis zu 20 Prozent unterscheiden, schreibt Noleppa.

Ähnlich sieht es bei den indirekten Emissionen aus. Wenn in Südamerika beispielsweise ein neuer Hektar Land urbar gemacht wird, kann das – je nachdem, ob dafür Regenwald oder Savanne gerodet wird – ganz unterschiedliche Treibhausgasemissionen zur Folge haben. Doch weil die zugrunde liegenden Studien keine detaillierte Unterscheidung ermöglichten, behalf man sich für die WWF-Studie mit einem Durchschnittswert. Die Autoren kalkulierten für die ganze Region mit 151 Tonnen an zusätzlichem Kohlendioxidausstoß je urbar gemachtem Hektar Land.

Mehr Emissionen als der Verkehr

Bei aller Unsicherheit kommt Noleppa am Ende aber doch zu Ergebnissen: Die fast 82 Millionen Einwohner Deutschlands verursachten durch ihre Ernährung etwa 164 Millionen CO2-Äquivalente an direkten Emissionen, schreibt er. Zum Vergleich: Der Verkehr trage 156 Millionen Tonnen zu den deutschen Gesamtemissionen bei. Zusätzlich hätten veränderte Ernährungsgewohnheiten den ernährungsbezogenen Treibhausgasausstoß vom Jahr 2009 bis zum Jahr 2010 um zwanzig Prozent erhöht. Beide Effekte zusammengenommen verursache jeder Einwohner durch seine Ernährung etwa 2,5 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen pro Jahr.

Am Ende der Studie gibt der WWF noch Ratschläge zur klimabewussten Ernährung: Die Verbraucher sollten weniger Fleisch essen und mehr Gemüse sowie bevorzugt Saison- und Bioprodukte verwenden. Der Handel solle kleinere Portionen anbieten, ebenso wie die Gastronomie, und die Logistik entlang der Wertschöpfungskette besser koordinieren.

Auch die Politik wird zum Handeln aufgefordert. Sie soll durch Informationskampagnen und Geld dazu beitragen, dass Nahrung wieder eine höhere Wertschätzung erfahre. Zugleich soll sie Handelsklassen, Normen und Standards überarbeiten. "Oft bestimmen allein Farbe und Größe, ob ein Produkt im Regal oder im Müll landet", stellt die Studie fest. Wenn neue Handelsnormen das ändern würden, wäre nicht nur dem Klima geholfen.

Steuern auf Stickstoff?

Die Politik könnte das Problem auch grundsätzlicher angehen. Das zeigen die Vorschläge des Agrar-Experten Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er plädiert dafür, die europäische Agrar- und Umweltpolitik unter Klima-Aspekten weiterzuentwickeln. Durch eine Stickstoff-Besteuerung könnten Lachgas-Emissionen vermieden werden, die den weitaus größten Teil des landwirtschaftlichen Treibhausgas-Ausstoßes ausmachen.

Schließlich könne die Einbeziehung des Agrarsektors in den Emissionshandel die Klimaeffekte der Landwirtschaft weiter senken, sagt Lotze-Campen. Das sei zwar nicht einfach: "Die Transaktionskosten wären vermutlich hoch." Dennoch ist er dafür, diese Möglichkeit zumindest zu prüfen.