Überflutete Häuser in Bangladesch nach dem Zyklon Aila im Mai 2010 (Archivbild) © Getty Images

Yascha Mounk vertrat vor wenigen Tagen die These, dass weniger Wachstum im armen Teil der Welt schon bald Menschenleben kosten könne. Dann nämlich, wenn der Klimawandel dazu führt, dass Naturkatastrophen die Erde heimsuchen. Die armen Länder bräuchten in diesem Falle Wohlstand und Technologie, um mit den Folgen der Katastrophen klarzukommen. Es sei deshalb "pervers" von den Bewohnern des reichen Teiles der Erde, weniger Wachstum von den armen Ländern zu fordern, um die Umwelt zu schonen.

Daran ist einiges richtig und anderes nicht. Falsch ist zu glauben, Wachstum per se habe bislang überhaupt eines der drängendsten globalen Probleme der Menschheit gelöst. Zwar wäre es rein theoretisch möglich, die fortschreitende Verflechtung der weltweiten Handelsströme zu nutzen, um die Armut zu bekämpfen und die Erderwärmung zu begrenzen. Diese Chance blieb jedoch bislang weitgehend ungenutzt. Stattdessen leidet die bisherige Wirtschaftsordnung unter einem Konstruktionsfehler: Nachhaltigkeit besitzt keinen direkten ökonomischen Wert. Das ökonomisch rationale Verhalten der Akteure am Weltmarkt führt deshalb dazu, dass die Ressourcen geplündert werden.

Vor diesem Hintergrund mehr Wachstum zu fordern, ist naiv. Das gilt vor allem dann, wenn man die Beobachtungen des Philosophen Thomas Pogge und des Weltbank-Ökonomen Branko Milanovic betrachtet. Beide zeigen, dass die ärmere Hälfte der Menschheit zwischen 1988 und 2005 weiter an Boden verloren hat – ihr Anteil am globalen Einkommen fiel von 3,5 Prozent auf 2,9 Prozent. In der gleichen Zeit konnten die weltweit reichsten fünf Prozent der Menschheit ihren Anteil am globalen Einkommen von 42,9 Prozent auf 46,4 Prozent erhöhen. Wäre der Einkommenszuwachs in diesen siebzehn Jahren an die ärmere Hälfte gegangen, hätte extreme Armut schon 2005 weltweit beseitigt werden können.

Was diese Zahlen deutlich machen: Die finanziellen Mittel, die zur Beseitigung weltweiter Armut notwendig wären, sind gering und längst vorhanden. Das gleiche gilt für die Mittel, die die ärmeren Länder brauchen, um ihre Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Die Bekämpfung von Armut und Schutzlosigkeit gegenüber Naturgewalten ist keine Frage von globalem Wachstum, sondern von minimaler Gerechtigkeit in Form einer internationalen Wirtschaftsordnung, die den ärmsten Ländern die Chance bietet, ebenfalls von einem freien Weltmarkt zu profitieren.

Das bedeutet nicht, dass diese Länder ohne Wirtschaftswachstum auskommen sollen. Andererseits aber führt das weltweite Wachstum schon heute dazu, dass einige Länder am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Dass das Wachstum der Zukunft nachhaltiger ist und weniger umweltzerstörerisch, liegt also im Interesse sowohl der armen als auch der reichen Länder. Schließlich werden die Industrieländer am Ende Unterstützung leisten müssen, wenn die Folgen irgendwann die Menschen in diesen Staaten bedrohen. Klimapolitik ist insofern auch immer Entwicklungspolitik.

Letztere ist dabei die einzige realistische Möglichkeit, der weltweiten Bevölkerungsexplosion Herr zu werden. Denn die ärmsten Länder verzeichnen zugleich den höchsten Bevölkerungszuwachs – mit allen negativen Auswirkungen auf die Umwelt. In Verbindung mit extremer Ungleichheit ist ein hohes Bevölkerungswachstum zudem eine der Ursachen für politische Konflikte, Hunger und Gewalt, die ihrerseits den Kampf gegen Armut und Klimawandel unterminieren. Insofern ist Entwicklungspolitik immer auch Klimapolitik.

Yascha Mounk argumentiert, dass wir uns im Zweifel für eine Seite entscheiden müssen: entweder für den Umweltschutz oder für die Menschen. Dieses entweder-oder aber ist ein Irrtum. Wir müssen einen ganzheitlichen Ansatz wählen, der beides bedenkt: Entwicklung und Armutsbekämpfung, aber auch die Schonung unserer Ressourcengrundlage. Einfach nur mehr Wachstum zu fordern, wird die Situation für alle noch verschlimmern, vor allem für die Menschen in den armen Ländern.

Auf internationaler Ebene wird an einem solchen Vorgehen bereits gearbeitet – wenngleich mit viel zu geringen Mitteln und behaftet mit allen Schwierigkeiten internationaler Verhandlungen. So enttäuschend die Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung im Juni dieses Jahres für viele auch war, mündete sie doch zumindest in der Verpflichtung zur Idee einer solchen ganzheitlichen Lösung. Ob jedoch ehrgeizige und verbindliche Ziele als Nachfolger der Millennium-Entwicklungsziele verabschiedet werden, wird sich am Verhalten der reichsten und mächtigsten Staaten der Welt entscheiden.

In diesem Zusammenhang verdient eine Tatsache in Erinnerung gerufen zu werden: Die reichsten Staaten der Welt sind, allgemein gesprochen, liberale Demokratien, mit dem Volk als Souverän. Es ist daher an der Bevölkerung dieser Länder, ihren Einfluss auch geltend zu machen. Im kommenden Herbst wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Bisher deutet nichts darauf hin, dass die drängendsten globalen Probleme unserer Zeit auch nur einen Nebenschauplatz im Wahlkampf einnehmen werden. Sollte unsere Gesellschaft ein wirkliches Interesse an diesen Problemen besitzen, so bleibt die Hoffnung, dass sich dies ändert und die kommende Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres auch an diesen Fragen entschieden werden wird.