KlimawandelWachstum allein schützt keine Menschen

Der Autor Y. Mounk behauptet, nur mit Wachstum könnten arme Staaten die Bevölkerungen vor den Klimafolgen schützen. David Ewert entgegnet: Das Geld dafür ist längst da. von David Ewert

Überflutete Häuser in Bangladesch nach dem Zyklon Aila im Mai 2010 (Archivbild)

Überflutete Häuser in Bangladesch nach dem Zyklon Aila im Mai 2010 (Archivbild)  |  © Getty Images

Yascha Mounk vertrat vor wenigen Tagen die These, dass weniger Wachstum im armen Teil der Welt schon bald Menschenleben kosten könne. Dann nämlich, wenn der Klimawandel dazu führt, dass Naturkatastrophen die Erde heimsuchen. Die armen Länder bräuchten in diesem Falle Wohlstand und Technologie, um mit den Folgen der Katastrophen klarzukommen. Es sei deshalb "pervers" von den Bewohnern des reichen Teiles der Erde, weniger Wachstum von den armen Ländern zu fordern, um die Umwelt zu schonen.

Daran ist einiges richtig und anderes nicht. Falsch ist zu glauben, Wachstum per se habe bislang überhaupt eines der drängendsten globalen Probleme der Menschheit gelöst. Zwar wäre es rein theoretisch möglich, die fortschreitende Verflechtung der weltweiten Handelsströme zu nutzen, um die Armut zu bekämpfen und die Erderwärmung zu begrenzen. Diese Chance blieb jedoch bislang weitgehend ungenutzt. Stattdessen leidet die bisherige Wirtschaftsordnung unter einem Konstruktionsfehler: Nachhaltigkeit besitzt keinen direkten ökonomischen Wert. Das ökonomisch rationale Verhalten der Akteure am Weltmarkt führt deshalb dazu, dass die Ressourcen geplündert werden.

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Vor diesem Hintergrund mehr Wachstum zu fordern, ist naiv. Das gilt vor allem dann, wenn man die Beobachtungen des Philosophen Thomas Pogge und des Weltbank-Ökonomen Branko Milanovic betrachtet. Beide zeigen, dass die ärmere Hälfte der Menschheit zwischen 1988 und 2005 weiter an Boden verloren hat – ihr Anteil am globalen Einkommen fiel von 3,5 Prozent auf 2,9 Prozent. In der gleichen Zeit konnten die weltweit reichsten fünf Prozent der Menschheit ihren Anteil am globalen Einkommen von 42,9 Prozent auf 46,4 Prozent erhöhen. Wäre der Einkommenszuwachs in diesen siebzehn Jahren an die ärmere Hälfte gegangen, hätte extreme Armut schon 2005 weltweit beseitigt werden können.

David Ewert

ist Doktorand der Philosophie in Darmstadt, Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie Fellow des Global Justice Program der Yale University.

Was diese Zahlen deutlich machen: Die finanziellen Mittel, die zur Beseitigung weltweiter Armut notwendig wären, sind gering und längst vorhanden. Das gleiche gilt für die Mittel, die die ärmeren Länder brauchen, um ihre Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. Die Bekämpfung von Armut und Schutzlosigkeit gegenüber Naturgewalten ist keine Frage von globalem Wachstum, sondern von minimaler Gerechtigkeit in Form einer internationalen Wirtschaftsordnung, die den ärmsten Ländern die Chance bietet, ebenfalls von einem freien Weltmarkt zu profitieren.

Das bedeutet nicht, dass diese Länder ohne Wirtschaftswachstum auskommen sollen. Andererseits aber führt das weltweite Wachstum schon heute dazu, dass einige Länder am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Dass das Wachstum der Zukunft nachhaltiger ist und weniger umweltzerstörerisch, liegt also im Interesse sowohl der armen als auch der reichen Länder. Schließlich werden die Industrieländer am Ende Unterstützung leisten müssen, wenn die Folgen irgendwann die Menschen in diesen Staaten bedrohen. Klimapolitik ist insofern auch immer Entwicklungspolitik.

Letztere ist dabei die einzige realistische Möglichkeit, der weltweiten Bevölkerungsexplosion Herr zu werden. Denn die ärmsten Länder verzeichnen zugleich den höchsten Bevölkerungszuwachs – mit allen negativen Auswirkungen auf die Umwelt. In Verbindung mit extremer Ungleichheit ist ein hohes Bevölkerungswachstum zudem eine der Ursachen für politische Konflikte, Hunger und Gewalt, die ihrerseits den Kampf gegen Armut und Klimawandel unterminieren. Insofern ist Entwicklungspolitik immer auch Klimapolitik.

Yascha Mounk argumentiert, dass wir uns im Zweifel für eine Seite entscheiden müssen: entweder für den Umweltschutz oder für die Menschen. Dieses entweder-oder aber ist ein Irrtum. Wir müssen einen ganzheitlichen Ansatz wählen, der beides bedenkt: Entwicklung und Armutsbekämpfung, aber auch die Schonung unserer Ressourcengrundlage. Einfach nur mehr Wachstum zu fordern, wird die Situation für alle noch verschlimmern, vor allem für die Menschen in den armen Ländern.

Auf internationaler Ebene wird an einem solchen Vorgehen bereits gearbeitet – wenngleich mit viel zu geringen Mitteln und behaftet mit allen Schwierigkeiten internationaler Verhandlungen. So enttäuschend die Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung im Juni dieses Jahres für viele auch war, mündete sie doch zumindest in der Verpflichtung zur Idee einer solchen ganzheitlichen Lösung. Ob jedoch ehrgeizige und verbindliche Ziele als Nachfolger der Millennium-Entwicklungsziele verabschiedet werden, wird sich am Verhalten der reichsten und mächtigsten Staaten der Welt entscheiden.

In diesem Zusammenhang verdient eine Tatsache in Erinnerung gerufen zu werden: Die reichsten Staaten der Welt sind, allgemein gesprochen, liberale Demokratien, mit dem Volk als Souverän. Es ist daher an der Bevölkerung dieser Länder, ihren Einfluss auch geltend zu machen. Im kommenden Herbst wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Bisher deutet nichts darauf hin, dass die drängendsten globalen Probleme unserer Zeit auch nur einen Nebenschauplatz im Wahlkampf einnehmen werden. Sollte unsere Gesellschaft ein wirkliches Interesse an diesen Problemen besitzen, so bleibt die Hoffnung, dass sich dies ändert und die kommende Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres auch an diesen Fragen entschieden werden wird.

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Leserkommentare
  1. Natuerlich ist der Ansatz von Herrn Mounk voellig absurd, wenn alle Entwicklungslaender dieser Erde auch einen aehnlichen Lebensstiel wie wir pflegen wuerden, dann brauchen wir uns ueber das 2 Grad Celsius Ziel keine Gedanken mehr machen, dann wohl eher ob es nun zu einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von 9 oder 10 Grad kommt. Noch emittieren mehr als 50% der Menschheit weniger als 2.5 t CO2 pa, waehrend ein Deutscher ca 9 t, ein US-Buerger ca. 19 t emittiert. Im Grunde genommen gibt es eine moralische Pflicht, die Armen dieser Welt fuer Ihre Zurueckhaltung zu kompensieren. Aber selbst das will ja im Westen niemand, und selbst Gruene reden nicht mehr ueber Verzicht, nein man meint alles mit ein paar Tricks schon hinzubekommen. Bspw. Benutzung von Elektroautos statt Benziner, schlicht ignorierend das es doch offensichtlich ineffzient ist, ca. 1 t Gewicht in Bewegung zu setzen, um 70-80 kg zu transportieren. Von der notwendigen Elektrizitaet und Umwandlungsverlusten will ich erst garnicht reden. Man wird aber eine Verbesserung der unterentwickelten Staaten nur erleben, wenn man umverteilt und zwar unabhaengig von der Frage, ob nun mehr oder weniger Wachstum.

    4 Leserempfehlungen
    • Neon
    • 05. November 2012 12:05 Uhr

    Zur Wahrung und Mehrung unseres Wohlstandes nehmen wir den Tod von Menschen billigend in Kauf. DIese Menschen leben ueberwiegend in Afrika.
    Ich registriere die Rueckkehr kolonialen Denkens. Hat sowas wie 'reverse-evolution' begonnen?

    3 Leserempfehlungen
  2. Bangladesh ist weder aus hydrologischer noch sedimentologischer Sicht eine geeignetes Beispiel für Auswirkungen von "Klimafolgen", welcher Genese auch immer!

    Das taugt allenfalls als Beispiel, warum bestimmte Naturräume nicht zur Besiedlung geeignet sind; wie z.B. ein in der Entsteheung begriffenes Flussdelta.....

    Das ist für sehr wenig Geld auch in der einschlägigen Fachliteratur nachlesbar, wenn es um die Vermeidung negativer Folgen geht!

    MfG KM

    2 Leserempfehlungen
  3. Das ist die richtige Antwort auf die naive Darstellung, dass Wachstum die Armut beheben wird. Denn trotz Wachstum wächst die Kluft zwischen Arm und reich. nicht nur National , weltweit, sondern auch international.

    Nur bei der Frage des Wachstums allgemein sollten wir vorsichtiger sein.

    Wachstum ist historisch nach wie vor immer auf eine höhere Verfügbarkeit von Energieressourcen angewiesen gewesen.

    Der Eindruck höherer Ressourceneffizienz war bisher ein trugbild, da bei den entsprechenden Untersuchungen meist die Verlagerungseffekte Energie und REssourcenintensiver Prozesse von modernen Dienstleistungsgesellschaften ins Ausland unterschlagen wurden.

    Doch die Verfügbarkeit der Ressourcen ist eben nicht mehr lange gewährleistet. Zumindest nicht in der Form, dass damit Wachstum produziert werden könnte.

    Um so mehr sollte der Fokus auf einer gerechteren Verteilung und systemisch besseren Wirtschaftssystemen mit dem Fokus auf Qualität statt auf Quantität gerichtet werden.

    2 Leserempfehlungen
  4. Was halten Sie den von folgendem Vorschlag ?

    Cap and Share...

    http://www.feasta.org/doc...

  5. Danke für diese Gegendarstellung, ich kann sie voll und ganz unterschreiben!

    Ich denke aber der Weg bis zu dem Punkt wo diese Einsicht mehrheitsfähig ist, ist noch ein langer! Ich arbeite daran ihn möglichst zu verkürzen, schließlich hängt ein unheimliches Leid daran, dass sich hierzulande kaum einer auch nur vorzustellen wagt!

    Eine Leserempfehlung
    • Plupps
    • 05. November 2012 12:21 Uhr

    Der erste Beitrag war ja schon, absurd. So nach dem Motto "Mali müsse nur wie Korea werden, dann kriegt man das in den Griff. Und als Bonus ist keiner mehr arm."

    Der zweite Beitrag ist ja nun fast noch schlichter. Welche Probleme wäre nicht auf dem Schreibtisch lösbar, wenn das Geld der Superreichen eingesetzt wird? Auch Unterrichtsausfall in Berlin wäre so zu kurieren. Das ist doch, dass diese Mittel den bdürftigen Ländern nicht zur Verfügung stehen.

    Und je nuh. Gerecht ist das wohl nicht - aber was ist schon gerecht?

    2 Leserempfehlungen
  6. Die reichsten Staaten der Welt sind, allgemein gesprochen, liberale Demokratien, mit dem Volk als Souverän.
    Die Macht haben ganz andere und wie die Geschichte der Öko"terroristen" (in der ZDF-Mediathek zu sehen!) zeigt, können Bürger über 10 Jahre und mehr hinweg gegen etwas demonstrieren, Briefe schreiben, Resolutionen beschließen, um z.B. einen Schlachthof zu schließen, in dem die letzten Wildpferde massakriert werden oder gegen Fällungen alter Bäume für einen Firmenparkplatz oder gegen Urwaldzerstörungen oder... oder... oder..., bzw. sie werden noch bei Demonstrationen brutal zusammen geknüppelt und mit Pfefferspray gezielt in die Augen besprüht. Sie werden ignoriert, denn es geht um Gewinne für Konzerne und große Industrien.
    Mein Vertrauen in ein demokratisches System ist grundlegend erschüttert. Da werden ein paar Bonbons verteilt und die Bürger mit Floskeln und Spielen ruhig gestellt und ansonsten wird schon gerüstet für kommende Auseinandersetzungen.
    http://www.woz.ch/1243/mi...
    Grundsätzlich stimme ich allerdings mit dem Autor überein, Wachstum um jeden Preis ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems.

    3 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bevölkerung | Armut | Bevölkerungswachstum | Bundestag | Bundestagswahl | Einkommen
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