Merkel in PortugalFrau do Carmo reicht's

Angela Merkel reist nach Portugal, das Volk protestiert. Auch Maria do Carmo ist auf der Straße – um ihre Existenz zu verteidigen. von 

Maria do Carmo während der Proteste in Lissabon

Maria do Carmo während der Proteste in Lissabon  |  © Julia Fiedler

Maria do Carmos Kleidung ist schwarz an diesem Tag, als Zeichen der Trauer. "Raus hier, Merkel ", brüllt sie, zusammen mit den anderen rund tausend Demonstranten, die sich hinter den Absperrgittern drängeln, die die Polizei einige Hundert Meter entfernt vom Sitz des portugiesischen Staatspräsidenten Aníbal Cavaco Silva in Lissabon aufgebaut hat. Maria do Carmo hat die Wut gepackt, auf die portugiesische Regierung, auf die Troika , auf Angela Merkel. Die deutsche Kanzlerin ist auf Schildern der Demonstranten zu sehen, mit Hakenkreuz – als Karikatur. 

Angela Merkel ist auf Besuch nach Lissabon gekommen, zusammen mit einer Wirtschaftsdelegation, zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Krise. Sie trifft den Premierminister Pedro Passos Coelho und den Staatspräsidenten, anschließend eröffnet sie ein Wirtschaftsforum. Viele im Land, auch Maria do Carmo, haben auf diesen Tag gewartet. Der Europaparlamentarier Rui Tavares hat mit anderen Delegierten einen offenen Brief an die Kanzlerin verfasst, mehr als tausend Bürger haben ihn unterzeichnet. Auch der Gewerkschaftsdachverband CGTP, die Bürgerinitiative "Zum Teufel mit der Troika" und einige kleinere Facebook-Gruppen haben zum Protest gerufen. Do Carmo, 50 Jahre alt, ist ihrem Ruf gefolgt. "Wir sind unzufrieden", sagt sie. "Das müssen die Politiker sehen."

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Lange ist sie zu Hause geblieben. Noch Anfang des Jahres, als in Portugal zum ersten Mal Hunderttausende demonstrierten, hatte sie die Hoffnung, die Regierung würde die Lage in den Griff bekommen. Do Carmo führt seit 30 Jahren einen Friseursalon in Odivelas, einem Vorort von Lissabon. Bis vor einem Jahr brachte das Geschäft rund 2.000 Euro im Monat ein. Genug, um sie selbst, ihre 79-Jährige Mutter und die vier Kinder durchzubringen. Nebenher arbeitete sie noch als Musiklehrerin an einer privaten Musikschule.

Dann aber kam die Krise in ihr Leben. Die Regierung beschloss rigide Sparmaßnahmen, die Wasser- und Strompreise schnellten in die Höhe, die Mehrwertsteuer stieg für viele Güter auf 23 Prozent. Gleichzeitig sanken viele Gehälter im Land, die Portugiesen fingen an, zu sparen – und am Ende traf es auch Maria do Carmo. Die Musikschule musste schließen, weil die Schüler ausblieben. Auch zum Haare schneiden kamen immer weniger Kunden. Vier von fünf Angestellten im Laden musste do Carmo schon feuern. Sie selbst verdient noch 400 Euro im Monat.

Zum ersten Mal in ihrem Leben ist das Geld knapp. In der vergangenen Woche konnte sie die Ladenmiete nicht bezahlen, die rund 400 Euro beträgt. "Wenn ich das Geld nicht auftreiben kann, muss ich das Geschäft schließen." Dann wäre sie komplett arbeitslos, ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben. Auch sind die Chancen einer 50-Jährigen, bei einer Arbeitslosenquote von 15 Prozent einen neuen Job zu finden, eher schlecht. Do Carmo hat keine Ahnung, was dann werden soll. Sie schläft kaum noch. Wenn Sie zu Hause ist, weint sie oft. "Meine Sorgen sind groß", sagt sie.

Leserkommentare
  1. Also gut - erste Semester

    In rezessiven Volkswirtschaften sinken Investitionen, somit die Nachfrage nach Kredite, sinkende Nachfrage nach Kredit führt zu sinkenden Zinsen..ganz einfach Angebot und Nachfrage.

    Ab einem bestimmten Grad ist das Geld nun so billig zu haben das Unternehmer/Neuunternehmer den Mut fassen zu investieren ("jetzt oder nie!") und damit Leute einzustellen. Oftmals handelt es sich hierbei um Innovationen die den Konsumenten das Leben erleichtern, so das Konsumenten durch die Innovation ihre Konsumzurückhaltung aufgeben. ...im weiteren Sinn die kreative Zerstörung nach Schumpeter.

    Nach Keynes gilt: der Anfang jeder wirtschaftlichen Tätigkeit ist die Investition. Je günstiger die Investition (Zinskosten) desto höher der Anreiz.

    So entkommen Volkswirtschaften der Rezession.

    Manchmal ist es auch ganz einfach..die Konsumenten werden irgendwann der Enthaltung überdrüssig.

    Antwort auf "Ach,..."
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    [In rezessiven Volkswirtschaften sinken Investitionen, somit die Nachfrage nach Kredite, sinkende Nachfrage nach Kredit führt zu sinkenden Zinsen..]

    Nur hat die Bank selbst Probleme Geld der Wirtschaft zu leihen, weil deren EK nicht so hoch ist (kann es auch nicht). Damit man Geld "leiht" muss sich der Staat sich bei den Banken verschulden.....

    Aber wenn der Staat sparrt?

    Ganz besonders wenn viele Staaten in der Schuldungsfalle sitzen (USA, UK, Europa, China, Japan).

    Ach, diese gegebenen "Rahmenbediengungen" bezieht sich Ihr VWL-Buch nicht?

    [Ab einem bestimmten Grad ist das Geld nun so billig zu haben das Unternehmer/Neuunternehmer den Mut fassen zu investieren]

    Sie beschreiben vorzüglich die Immobilienblase der USA.

    [Manchmal ist es auch ganz einfach..die Konsumenten werden irgendwann der Enthaltung überdrüssig.]

    Nur wenn diese auch Kaufkraft haben. Wenn man an denen immer mehr sparrt, wird es nichts mit überdrüssiger Enthaltung, denn die Menschen HABEN BEDÜRFNISSE nach Essen, Wohnung und Co..

    Also liegt es nicht an "Enthaltung". Oder wollen Sie mir wirklich erzählen, dass während der großen Depression gerne "gesparrt" wurde?

    • genius1
    • 13. November 2012 11:29 Uhr

    die VWL etwas falsches Lehrt, zumindest im ersten Semester?

    Das billigste Geld zum Investieren ist nicht der Kredit, sondern erspartes Geld aus vorherigen Gewinnen!

    Mal ein Link, der das Geldsystem und auch das Investieren, in einem besseren Licht beschreibt, auf das die Dunkelheit verschwindet:

    http://www.subhash.at/fre...

    Ein weiter führender Link:

    http://www.flassbeck.de/p...

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    "So entkommen Volkswirtschaften der Rezession.

    Manchmal ist es auch ganz einfach..die Konsumenten werden irgendwann der Enthaltung überdrüssig."

    ------------------------------

    Besonders, wenn die Konsumenten immer weniger Geld, zum Konsum zu Verfügung haben!

  2. Die Fakten in diesem Video sprechen für sich und gegen alle Vorurteile gegenüber Portugal:

    https://www.youtube.com/w...

    • AndreD
    • 12. November 2012 20:51 Uhr

    http://carachancelermerke...

    Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
    ...Wir haben Sie nicht gewählt, erkennen keine Kanzler/in Europas an....Wir...sind Bürgerinnen und Bürger des Landes, welches Sie am 12. November besuchen werden,(...) die sich solidarisch mit den von den Sparprogrammen attackierten Ländern verbunden fühlen.

    Aufgrund des Charakters Ihres angekündigten Besuches und vor dem Hintergrund der katastrophalen ökonomischen und sozialen Lage Portugals...sollten sich auf portugiesischem Territorium als persona non grata betrachten, denn Sie mischen sich eindeutig in innere Angelegenheiten ein, für die Sie kein demokratisch von den hier lebenden Menschen ausgestelltes Mandat haben.

    Weil unsere Regierung seit einiger Zeit aufgehört hat, den Gesetzen und der Verfassung dieser Republik Folge zu leisten, müssen wir uns daher mit diesem Brief direkt an Sie wenden. Die Anwesenheit diverser Großunternehmer in Ihrer Gefolgschaft ist empörend. Sie...bringen eine Reihe von Personen mit, die unter dem Deckmantel ausländischer Investitionen die Ruinen einer Wirtschaft begutachten sollen, die Ihre Politik hier sowie in Griechenland, Irland und Spanien hinterlassen hat. In Ihrer Delegation sind nicht nur solche Kräfte, die mit Zustimmung unserer Regierung den portugiesischen Staat gezwungen haben, sein Eigentum und seine wertvollsten Güter zu veräußern, sondern auch solche, die als potenzielle Käufer derselben von den Ramschpreisen heute profitieren.

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    besser konnten die Portugiesen das nicht formulieren. TATSACHEN!

    Bitte, bitte. Niemand möchte den Portugiesen (oder Spanier, Griechen, Italienern) etwas vorschreiben. Kein Deutscher möchte, dass seine Regierung sich in die Belange dieser Länder einmischt.

    ABER:
    Wer bezahlt die Rettungsschirme? Wenn die "Südländer" also auf Souveränität pochen, dann kann es auch keine Bürgschaften mehr geben. Wenn diese ausgesetzt werden, und der ClubMed den Angriffen der Finanzmärkte schutzlos ausgeliefert ist, werden sich die Menschen in den betreffenden Staaten noch nach deutscher Bevormundung sehnen.

    In dem Brief steht nicht das die Portugiesen die Rettungsmilliarden nicht haben wollten.

    Wasch mir den Pelz, mach mich aber nicht nass.

    Niemand schreibt Portugal vor wie und wo Portugal zu sparen hat. Es gibt lediglich die Bedingung (Verknüpft mit der Annahme der Mrd.) das zu sparen ist.

    wird auch ausverkauft und verramscht - viele Firmen sind in den Besitz von amerikanischen Hedgefonds gekommen, die die Firmen ausschlachten und weiterverkaufen oder es zumindest versuchen; oft sind diese Firmen auf Kredit gekauft worden. Als Sicherheit für den Kredit diente - die Firma selbst.
    Auch Deutschland wird, wenn es so weitergeht, zum Billiglohnland. Schon heute müssen ca. 20 % der Arbeitnehmer aufstocken, d.h. der Staat muß die Summe bezahlen, die ihnen die Arbeitgeber verweigern. Gewinne der Firmen behält natürlich der Arbeitgeber. Auch Deutschland befindet sich schon in einer Abwärtsspirale - aufgrund des Vorsprungs gegenüber anderen Ländern ist für viele Deutsche noch nicht viel davon zu sehen. Schaut man sich jedoch die Entwicklung an, so bemerkt man die Zeichen.
    Danke für den offenen Brief.

  3. 52. Sparen?

    Ich verstehe das nicht so ganz: wenn ich 1000E verdiene und 1200E ausgebe dann muss ich mir 200E ausleihen, z.B. bei der Bank oder beim Nachbarn. Wenn ich dann im nächsten Monat wiederum 1000E verdiene aber "nur" 1100E ausgebe, habe ich dann 100E gespart? Viele Leute verstehen offensichtlich nicht mehr was das Wort sparen bedeutet.
    Portugal z.B. reduziert nur die Neuverschuldung, es wird nach wie vor mehr ausgegeben als eingenomen, also kein Cent gespart, wie kann man da von Kaputtsparen reden.
    Es ist doch eher so, dass die Einkünfte und Ausgaben eher wieder die eigene Leistungsfähikeit wiederspiegelt; dass ist natürlich für manche schmerzhaft. Ich meine da natürlich nicht das Einkommen besagter Dame, aber wenn man das mittlere Einkommen Portugals sieht weis ich wirklich nicht warum da der Anspruch besteht mehr zu verdienen als z.B. in Slowenien.

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    Portugal verdient wesentlich ! weniger als Slowenien und die Löhne haben sich im Gegensatz zu anderen Ländern im Zeitraum von 2000 - 2008 nur minimal erhöht.
    http://de.statista.com/st....
    Ich kenne allerdings die Ausgangsbasis nicht - eine Erhöhung sagt ja darüber nichts aus.

  4. Ich kann das Geschwätz nicht mehr hören. Es wird so getan, als müsse allein Deutschland für die Krise bezahlen.

    Bis jetzt macht Deutschland ein Riesengeschäft mit der Krise! Investoren bezahlen inzwischen dafür, dass sie deutsche Staatsanleihen kaufen "dürfen". Der Zins ist für uns so niedrig wie nie!

    Wie kann man nur hohnlächelnd auf die Scherben von Existenzen sehen, selbstherrlich mit dem Finger auf Griechen, Portugiesen u.a. zeigen und sich mit den Reichen und dem Großkapital solidarisieren? Krebskranke die nicht mehr behandelt werden, haben halt einfach Pech gehabt, oder wie? Kapiert Ihr eigentlich nicht, mit WEM Ihr Euch da solidarisiert? Wo bleibt Euer Mitgefühl, Eure Menschlichkeit? Hartz-IV konnte bei uns nur deshalb eingeführt werden, weil es die Deutschen einfach geil finden, wenn sie auf Schwächeren herumtrampeln können.

    Die widerliche Selbstgefälligkeit der selbsternannten deutschen Mittelschicht ekelt mich an!

    In Griechenland streiken Universitätsprofessoren, Rechtsanwälte, Taxifahrer und Müllmänner mit- und nicht gegeneinander! Bei uns regen sich die Leute auf, wenn die Bahn streikt, weil sie dann nicht rechtzeitig zu ihrem Sklaventreiber kommen.

    Andere Völker streiken für ein gutes Leben. Uns Deutschen muss es nicht gutgehen, wir sind schon zufrieden, wenn es anderen schlechter geht als uns.

    Ich schäme mich inzwischen vor den anderen Europäern in Grund und Boden!

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    wenn ich sehe, mit wieviel Unkenntnis viele Forenschreiber an die Proteste in Portugal (nach Griechenland und Spanien) herangehen und die Südländer beschimpfen. Wer natürlich seine Informationen aus der Bild-Zeitung bezieht, von dem kann man bessere Kenntnisse und das unparteiische Herangehen an die Problematik nicht erwarten. Danke für Ihren Beitrag.

    soviel Sie wollen. Deutschland geht bei der Unterstützung der Schuldenländer bis an den äußersten Rand seiner wirtschaftlichen Leistungsfähgkeit, als ob wir nicht genug eigene Probleme und Schulden (2 Billionen Euro!) hätten. Und wenn diese Wechsel und Bürgschaften mal einzulösen sind, was sehr wahrscheinlich ist, dann sind solche wie Sie die ersten, die über eine weitere Zunahme von Altersarmut, Kinderarmut, geringe Hartz4-Sätze und weitere Kürzung sozialer und staatlicher Leistungen lamentieren. Wollen Sie, dass wir in Europa zu einem einheitlichen Armuts-Niveau kommen ?

    • e.m.s.
    • 14. November 2012 2:59 Uhr

    Sie sprechen mir aus der Seele. Empfinde es ganz genauso. Hätte nie gedacht, dass wieder einmal die Zeit kommt, dass man sich als Deutsche schämen muss, Deutsche zu sein.

    • wd
    • 12. November 2012 21:00 Uhr

    Solche rührseligen Geschichten können sie in Deutschland auch recherchieren und dann berichten
    Die Ursachen sind auch hier die Gleichen wie in Griechenland.
    Fällt ihnen nicht der Leerstand an Geschäften in ihrem Heimatort auf.
    Stecken dahinter nicht auch tragische Einzelschicksale?
    Nach dem Motto: Vom Besitzer von mehreren Häusern und Geschäften (und damit auch sozial verantwortlicher Arbeitgeber) zum Sozialhilfeempfänger.

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    • AndreD
    • 12. November 2012 21:06 Uhr

    Hier liegt es ja an der Wiedervereinigung!

  5. besser konnten die Portugiesen das nicht formulieren. TATSACHEN!

    • AndreD
    • 12. November 2012 21:04 Uhr

    "Sicher würde Frau do Carmo entweder in einem anderen Beruf oder als kunstfertige Friseurin in einem anderen Land gutes Geld verdienen können."

    Wo?
    München?
    Cottbus?
    Bremerhaven?

    Träumen Sie wirklich noch den längst ad absurdum geträumten Traum des "Jeder kann es schaffen, wenn er will"?

    Die Frau hat doch schon ZWEI Jobs!!! Was soll sie denn noch machen.

    Sind sie Flexibilitätsfanatiker? Was glauben Sie eigentlich, wie solche Menschen leben? Und welchen Job soll die Frau denn finden? Warum gehen die Menschen nach 30 Jahren nicht mehr in ihr Geschäft? Weil sie kein Geld mehr haben! AUSTERITÄT!!! (Fragen Sie mal den User Sovereign, der kann ihnen das erklären, warum das so sein muss) Und wenn die alle kein Geld mehr haben, dann liegt der Konsum am Boden und keiner kriegt mehr neue Jobs.

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    dass diese Frau neben 2 Jobs, neben Arbeiterwanderung noch nebenher dem demographischen Wandel (+ Zeit für die Versorgung und Pflege) entgegenwirken soll, in dem sie 4 Kinder in die Welt setzt.

    So um 18:00 Uhr hat man ein Termin, dann muss das Baby um 17:00 auf die Welt kommen. Dann hat man noch 1 Std. zur Vorbereitung, usw..

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