WelthandelExbundeskanzler Helmut Schmidt kritisiert deutsche Rüstungsexporte

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt hält die steigenden Rüstungsexporte der Deutschen für "höchst zweifelhaft". Auch die deutsche Exportfixierung sei absurd.

 Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hat die deutschen Rüstungsexporte kritisiert. Sie seien in ihrem Ausmaß "aus sicherheitspolitischen Gründen höchst zweifelhaft", sagte er in Hamburg auf dem ZEIT-Wirtschaftsforum. "Wieso soll ausgerechnet dieses Land in der Mitte Europas der drittgrößte Waffenexporteur der Welt sein?"

Auch darüber hinaus seien die hohen deutschen Exportüberschüsse "absolut ungesund". Die Deutschen hätten nichts davon, "sie kriegen dafür nur Papier", sagte Schmidt. "Wir schulden uns die Wohltat von mehr Importen", auch zur Stabilisierung in der Krise. Grundsätzlich sollten alle Länder sich bemühen, ihre außenwirtschaftliche Bilanz im Gleichgewicht zu halten. Zwar seien viele Staaten dazu ganz offensichtlich nicht in der Lage. Aber die enormen Überschüsse Deutschlands und Chinas seien "ungewöhnlich" und auch geschichtlich bislang ohne Beispiel.

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Hintergrund war eine Diskussion mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble darüber, wie die wirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone am besten zu mildern seien. Schäuble teilte Schmidts Kritik an den Exportüberschüssen nicht: "Im Augenblick lebt Europa ein Stück weit davon", sagte er. Durch den Export gleiche Deutschland das Handelsdefizit der anderen Euro-Länder aus. "Die Eurozone als Ganzes ist fast vorbildlich, denn sie hat ein völliges Gleichgewicht."

Schmidt und Schäuble waren sich einig, dass Europa sich weiter integrieren müsse, um angesichts der zunehmenden Globalisierung und des rasanten Aufstiegs Chinas nicht an Bedeutung zu verlieren. Der Aufschwung Chinas "wird die Welt verändern", sagte Schmidt, "und Europa bleibt relativ klein". Wenn es die europäische Einheitswährung in der globalisierten Welt noch nicht gäbe, "müssten wir sie dringend erfinden", sagte Schäuble. Als große Wirtschaftsregion brauche Europa den Euro.

Um nicht irrelevant zu werden, müssten alle europäischen Staaten an ihrer Wettbewerbsfähigkeit arbeiten, so Schäuble. Sonst werde es schwer, die sozialen Standards zu erhalten, auch wegen der demografischen Entwicklung in Europa. Der Finanzminister wertete es als kleinen Erfolg, dass die lange auseinander strebenden Lohnstückkosten sich inzwischen annäherten: "In Spanien gehen sie zurück, in Griechenland sind sie erheblich gesunken, in Deutschland steigen sie moderat an. Das ist doch eine gute Botschaft!"

Die Lösung der Krise könne aber nicht sein, dass Deutschland an Produktivität verliere, um die innereuropäischen Unterschiede auszugleichen. Vielmehr müssten die anderen Staaten konkurrenzfähiger werden. Im anderen Fall "werden wir als Europa im globalen Wettbewerb verlieren".

Die griechische Krise sieht Schäuble auch nach den jüngsten Sparbeschlüssen noch nicht als überwunden an. Die Situation sei fragil. "Die Krise ist überhaupt noch nicht vorbei", sagte auch Schmidt. "Wir sind mitten in der Staatsschuldenkrise, mitten in einer Weltrezession." Die Politik aber wurschtle sich durch. Noch zwei oder drei Jahre werde das auch so bleiben. Der Alt-Bundeskanzler kritisierte, dass zentrale Krisenbeschlüsse der G20 bislang nicht umgesetzt worden seien. "Das heißt, die Investmentbanken spielen wieder verrückt wie 2007, 2006 und 2005."

Leserkommentare
    • ribera
    • 09.11.2012 um 1:10 Uhr

    Es entscheidet eine Betrachtung der Realitäten.
    Liefern nicht wir, dann liefern andere.
    Liefern wir nicht, dann können wir uns, gewärmt durch unsere höhere moralische Wertigkeit, gegenüber anderen exportierenden Staaten, als bessere Menschen fühlen.
    Das geht anderen Ländern und auch denjenigen Deutschen, die dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren, an der Kehrseite vorbei.
    Hier mit dem Laptop auf dem Schoß ist es einfach, Rüstungsexporte zu verdammen. Wenn aber die Fabrik schließt oder der Arbeitsplatz gefährdet ist, dann herrscht plötzlich Einigkeit über alle Parteigrenzen hinweg, Gewerkschaften inclusive.

    Antwort auf "@tolerant"
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    um Waffenexporte in Krisenlaender und Diktaturen zu rechtfertigen, sollte Ihnen doch schon einfallen, gerade nachdem Sie Helmut Schmidt ohne Angabe von Gruenden quasi den Mund verboten und mit Ihrem Heesters-Vergleich ins Laecherliche ziehen wolltn.

    Auch im Asbestabbau, der ZyklonB undAgent Orange-Produktion wurden Arbeitsplaetze abgebaut, und zwar aus guten Gruenden.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

    "Liefern wir nicht, dann können wir uns, gewärmt durch unsere höhere moralische Wertigkeit, gegenüber anderen exportierenden Staaten, als bessere Menschen fühlen."

    Das scheint mir eher übergriffig gedacht, da Sie damit jegliche Ethik und jegliche ethische Handlung auf einen vordergründigen Selbstgenuß zurückführen

    "Wenn aber die Fabrik schließt oder der Arbeitsplatz gefährdet ist, dann herrscht plötzlich Einigkeit über alle Parteigrenzen hinweg, Gewerkschaften inclusive."

    Der Gedanke, dass dieser Arbeitsplatz dazu beiträgt, dass anderswo Menschen unterdrückt oder getötet werden,sollte durchaus eine Rolle spielen.

    um Waffenexporte in Krisenlaender und Diktaturen zu rechtfertigen, sollte Ihnen doch schon einfallen, gerade nachdem Sie Helmut Schmidt ohne Angabe von Gruenden quasi den Mund verboten und mit Ihrem Heesters-Vergleich ins Laecherliche ziehen wolltn.

    Auch im Asbestabbau, der ZyklonB undAgent Orange-Produktion wurden Arbeitsplaetze abgebaut, und zwar aus guten Gruenden.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

    "Liefern wir nicht, dann können wir uns, gewärmt durch unsere höhere moralische Wertigkeit, gegenüber anderen exportierenden Staaten, als bessere Menschen fühlen."

    Das scheint mir eher übergriffig gedacht, da Sie damit jegliche Ethik und jegliche ethische Handlung auf einen vordergründigen Selbstgenuß zurückführen

    "Wenn aber die Fabrik schließt oder der Arbeitsplatz gefährdet ist, dann herrscht plötzlich Einigkeit über alle Parteigrenzen hinweg, Gewerkschaften inclusive."

    Der Gedanke, dass dieser Arbeitsplatz dazu beiträgt, dass anderswo Menschen unterdrückt oder getötet werden,sollte durchaus eine Rolle spielen.

  1. Schmidt ist mit seiner notorischen Kritik an den Außenhandelsüberschüssen Deutschlands auf dem falschen Dampfer. Jedes Land, das in der Weltwirtschft bestehen will, tut gut daran, seine Wettbewerbsfähigkeit stetig zu verbessern. Je besser ihm das gelingt, desto sicherer sind die Arbeitsplätze als wesentliche Grundlage gesamtgesellschaftlichen Wohlstands. Dies fördert den Absatz heimischer Güter sowohl auf dem heimischen Markt aie auf den Exportmärkten und damit das Entstehen von Handelsbilanz- bzw. Zahlungsbilanzüberschüssen.

    Das Korrrektiv, das in Richtung einer ausgeglichenen Handels- oder Zahlungsbilanz wirkt, sind die Wechselkurse der eigenen Währungen zu denen anderer Länder. Je wettbewerbsfähiger eine Volkswirtschaft ist, desto mehr gewinnt ihre Währung an Wert, wodurch die Wettbewerbsfähigkeit zugleich geschmälert wird.

    Dieses Korrektiv ist für sämtliche Mitglieder der Eurozone durch die Währungsunion entfallen, bzw. es wird durch diese erheblich verzerrt. Die wettbewerbsschwachen Volkswirtschaften sind schwächer als sie es mit einer eigenen Währung wären. Im Falle Deutschlands ist es zur Zeit umgekehrt. Die daraus resultierenden Ungleichgewichte sind eine unmittelbare Folge der Währungsunion. Sie durch eine bewusste Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft zu bekämpfen, wäre fatal und dem eigenen Wohlstand höchst abträglich.

  2. Ich denke man befindet sich auf dem Holzweg, wenn man meint, aus dieser Äußerung des Exkanzlers zu deutschen Rüstungsexporten den plötzlichen Pazifismus eines „weise gewordenen elder statesman“ o. ä. herauslesen zu können:

    Schmidt kritisiert m. E. nicht die Tatsache von bundesdeutschen Rüstungsexporten an sich, sondern ihre Höhe und – damit einhergehend – die Ausweitung des Kundenkreises für verschiedenste Mord- und Totschlaginstrumente … Seine Kritik führt auch gar nicht menschenrechtliche oder andere gesinnungsethische Überzeugungen als Argumente ins Feld, sondern aussen- und sicherheitspolitische Überlegungen (s. Videomitschnitt), sprich: Helmut Schmidt sagt nicht, das Rüstungsexporte grundsätzlich falsch sind, sondern befindet die derzeitige Praxis der bundesdeutschen Rüstungsexportpolitik für kurzsichtig und unklug – als faktisch kontraproduktiv für bundesdeutsche Interessen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Im Grunde ist diese Äußerung eigentlich nichts weiter als ein Neuaufguss seiner Kritik vom Frühjahr diesen Jahres, als Schmidt Waffenlieferungen an Saudi-Arabien und Israel öffentlich monierte: „"Ich hätte das nicht getan", sagte Schmidt dem SPIEGEL. Er hält die Abkehr der Kanzlerin von der restriktiven Waffenexportpolitik ihrer Vorgänger für falsch. (…) Schmidt verweist darauf, dass er während seiner Kanzlerschaft dem Grundsatz gefolgt sei, "Kriegswaffen nur an Verbündete zu liefern".“

    Quelle: http://www.spiegel.de/pol...

    Recht besehen handelt es sich bei diesem Schmidt´schen Statement also noch nicht einmal um wirkliche „News“ ...

    Man tut einem gestandenen „Pragmatiker“ wie Schmidt („In einer großen Krise kuckt man nicht auf die Verfassung ...“) m. E. unrecht, wenn man ihn zum idealistischen Antimilitaristen hochjubelt – das wäre so, als würde man „Mr. Ehrenwort“ Helmut Kohl die uneingeschränkte Akzeptanz des Prinzips der Rechtsstaatlichkeit attestieren …

    Remember?

    http://www.youtube.com/wa...

  4. "Dank Euro, stagnierender Reallöhne und Lohndumpings wegen Agenda 2010, sowie der Notwendigkeit verstärkter privater Altersvorsoge wegen der Rentenreform haben die Bürger aber immer weniger Geld in der Tasche."

    Eine der fuer die Diskussion so typischen Pauschalaussagen, die gerade deshalb so gefaehrlich sind, weil sie nicht ganz falsch sind. Dabei wird natuerlich immer ausgeblendet, dass "die Deutschen" einen unglaublichen Vermoegenszuwachs in den letzten Jahren hatten und heute Einkommen aus Vermoegen eine immer groessere Rolle spielt. Zugegeben, auch das eine Pauschalaussage. Es handelt sich in der Regel halt um veschiedene Personenkreise. Die Vermoegensbesitzer werden immer reicher, ihr verfuegbares Einkommen steigt immer mehr. Arbeit und Leistung hingegen lohnt sich immer weniger, zumal diejenigen die von Arbeitseinkommen leben viel staerker zu den Kosten der Euro- und Bankenkrise herangezogen werden als die Bezieher arbeitsloser Einkommen. Hier liegt die wahre Krux.

  5. um Waffenexporte in Krisenlaender und Diktaturen zu rechtfertigen, sollte Ihnen doch schon einfallen, gerade nachdem Sie Helmut Schmidt ohne Angabe von Gruenden quasi den Mund verboten und mit Ihrem Heesters-Vergleich ins Laecherliche ziehen wolltn.

    Auch im Asbestabbau, der ZyklonB undAgent Orange-Produktion wurden Arbeitsplaetze abgebaut, und zwar aus guten Gruenden.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  6. "Liefern wir nicht, dann können wir uns, gewärmt durch unsere höhere moralische Wertigkeit, gegenüber anderen exportierenden Staaten, als bessere Menschen fühlen."

    Das scheint mir eher übergriffig gedacht, da Sie damit jegliche Ethik und jegliche ethische Handlung auf einen vordergründigen Selbstgenuß zurückführen

    "Wenn aber die Fabrik schließt oder der Arbeitsplatz gefährdet ist, dann herrscht plötzlich Einigkeit über alle Parteigrenzen hinweg, Gewerkschaften inclusive."

    Der Gedanke, dass dieser Arbeitsplatz dazu beiträgt, dass anderswo Menschen unterdrückt oder getötet werden,sollte durchaus eine Rolle spielen.

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    Seit 1967 fertigte das staatliche Rüstungsunternehmen MKEK das Schnellfeuergewehr G3 und seit 1983 die Maschinenpistole MP5 der Oberndorfer Waffenfirma Heckler & Koch (H&K) auf der Basis deutscher Lizenzen. Diese avancierten zu den Standardwaffen der türkischen Polizei und des Militärs. Nur ein Jahr danach brach im Südosten des Landes ein Bürgerkrieg zwischen türkischen »Sicherheitskräften« und der PKK aus. Bis 1998 wurden mehr als 3500 kurdische Dörfer dem Erdboden gleich gemacht. Offiziell fanden mehr als 5000 Angehörige der Sicherheitskräfte, 40.000 PKK-Kämpfer sowie 5200 Zivilisten den Tod laut Augenzeugen starben rund 80 Prozent von ihnen durch den Einsatz von H&K-Waffen.

    Unbeeindruckt vom massiven Einsatz deutscher Waffen im Krieg gegen die Kurden genehmigte die CDU/CSU-FDP-Bundesregierung während ihrer 16-jährigen Amtszeit im Rahmen der sogenannten NATO-Verteidigungshilfe Rüstungstransfers und Dienstleistungen im Wert von über 2,5 Milliarden Euro an die türkische Armee. Ankara erhielt NVA-Überschusswaffen, unter anderem 300 NVA-Schützenpanzer BTR 60, 256.125 Kalaschnikow-Sturmgewehre AK47 und 100 Millionen Schuss Munition.
    <

    http://www.juergengraessl...

    Die Massaker der paramilitärischen Killerkommandos sowie auch der türkischen Armee in kurdischen Dörfern wurden mit deutschen Waffen verübt.

    Jeder Ihrer "Arbeitsplätze" steht hierbei ganz konkret in der Verantwortung.

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