Griechenland"Es ist viel Geld in der Pipeline"

Griechenland wird es schon nächstes Jahr besser gehen, sagt Michael Massourakis, Chefvolkswirt der größten griechischen Privatbank. Ansonsten werde Europa schon helfen. von 

Eine Filiale der Alpha Bank in Athen, Griechenland

Eine Filiale der Alpha Bank in Athen, Griechenland  |  © Louisa Gouliamaki/AFP/GettyImages

ZEIT ONLINE: Herr Massourakis, die griechische Regierung soll jetzt Staatsanleihen von Banken und Privatanlegern zurückkaufen, um die Schuldenquote des Staates zu senken. Ihr Institut ist die größte Privatbank Griechenland. Was muss Athen bieten, damit Sie verkaufen?

Michael Massourakis: Die Euro-Gruppe hat entschieden, dass der Preis sich am Schlusskurs vom vergangenen Freitag orientieren soll. Da lagen die Preise bei rund 28 Cent je Euro. Eine Anleihe, die nominal einen Euro wert ist, wird also für 28 Cent am Markt gehandelt. Die Frage ist nun, ob es genug Investoren gibt, die für diese 28 Cent verkaufen werden.

ZEIT ONLINE:  Wie wird ihre Bank, die Alpha Bank, entscheiden?

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Massourakis: Es ist wirklich eine schwere Entscheidung. Wenn wir verkaufen, streichen wir vielleicht einen kleinen Gewinn ein. Später könnten wir davon wieder neue Anleihen kaufen. Aber natürlich können wir die Papiere auch einfach behalten. Das hätte zwar das Risiko, dass sie vielleicht weiter an Wert verlieren. Vielleicht können wir aber auch zu einem besseren Preis irgendwann später verkaufen.

ZEIT ONLINE:  Was werden Sie tun?

Massourakis: Es gibt aus meiner Sicht für Banken keinen Grund, nicht mitzumachen. Wir geben Staatsanleihen zurück, im Gegenzug erhalten wir wahrscheinlich Papiere des Rettungsfonds EFSF. Das ist ein fairer Deal. Und wenn es den Schuldenberg der Regierung und die Zinslast reduziert, umso besser.

ZEIT ONLINE:  Kalkulieren Hedgefonds anders als Sie?

Massourakis: Natürlich. Die wollen noch mehr rausholen. Wenn die Hedgefonds für 15 Cent gekauft haben, dann machen die zwar schon einen guten Schnitt. Sie wollen aber noch mehr sehen als die 28 Cent. Deshalb verhandeln sie jetzt mit der Regierung.

ZEIT ONLINE: Ihr Finanzminister hat gesagt, es sei eine Frage der "nationalen Pflicht", die Papiere zu verkaufen.

Michael Massourakis

ist Chefvolkswirt der Alpha Bank, der größten Privatbank Griechenlands. Zuvor war er Mitglied der griechischen Bankenaufsicht.

Massourakis: Ja, das hat er gesagt. Aber natürlich hat die Regierung gleichzeitig ihren Handlungspielraum eingeschränkt. Die Obergrenze von 28 Cent je Euro bremst die Erfolgsaussichten. Damit hat sich die Regierung in den Fuß geschossen: Auf der einen Seite soll das Programm unbedingt gelingen. Viele Gläubiger sollen verkaufen. Dann ist es aber kontraproduktiv, eine Obergrenze festzulegen. Auf der anderen Seite hat die Regierung eben auch nur eine bestimmte Summe Geld zur Verfügung, nämlich zehn Milliarden Euro. Sicher, die Teilnahme ist freiwillig. Aber die Regierung muss uns auch sagen: Was passiert, wenn es nicht klappt?

ZEIT ONLINE:  Dann gibt es am Jahresende kein frisches Geld von der Troika.

Massourakis: Der Internationale Währungsfonds hat die Auszahlung der nächsten Hilfstranche vom Erfolg des Rückkaufprogramms abhängig gemacht. Und wenn er aussteigt? Dann zähle ich auf die europäische Solidarität. Wir werden zusätzliche, andere Quellen auftun.

ZEIT ONLINE:  Wird der Schuldenrückkauf Griechenland retten?

Massourakis: Das Programm wird auf jeden Fall die Zinslast auf unsere Staatsanleihen in den kommenden zehn Jahren senken. Das ist ein großer Schritt nach vorne. Wie nehmen zehn Milliarden Euro von den bereits zugesagten Hilfsgeldern in die Hand und kaufen Schuldtitel im Wert von 30 Milliarden Euro. Das reduziert unsere ausstehenden Schulden also um etwa 20 Milliarden Euro.

ZEIT ONLINE: Sie klingen irgendwie nicht begeistert.

Massourakis: Ach, wissen Sie, das Programm ist das Ergebnis der gesammelten Weisheit der Euro-Gruppe. Und es gibt diesen Spruch: Der Berg hat gekreißt – und eine Maus geboren.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie genau?

Massourakis: Ich persönlich glaube einfach nicht, dass wir auf zehn Jahre in der Zukunft unseren Schuldenstand prognostizieren können. Sicher, es gibt die offiziellen Dokumente. Der IWF und Herr Schäuble können hier mal eine Milliarde auftun und mal da. Aber wenn man sich die Prognosen von vor zehn Monaten anschaut, dann ist das doch heute schon alles wieder hinfällig. Man kann heute noch nicht sagen, ob Griechenland seinen Schuldenstand von 144 auf 124 Prozent senken kann. Das ist unmöglich. Außerdem ist es Politik: Griechenland erwirtschaftet etwa schon jetzt einen kleinen Primärüberschuss, verzeichnet also ein Haushaltsplus, wenn man Zinszahlungen ignoriert. Es liegt bei etwa 0,5 bis einem Prozent. Aber darüber redet keiner.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Massourakis: Ich kenne die Abkommen zwischen der Troika und Griechenland nicht. Aber ich habe den Eindruck, dass der diesjährige Haushaltsüberschuss lieber im kommenden Jahr anfallen soll, damit man dann noch größere Erfolge Griechenlands vermelden kann. Dieses Jahr ist fast vorbei. Es ist egal.

Leserkommentare
  1. Grieche, Banker und Volkswirt.

    Der Versuch zu erklären was passieren wird, ist ja süß,
    wenn bedenkt, dass noch nicht mal erklärt werden kann, was in der Vergangenheit passiert ist.

    Ein griechischer Astrologen würde als Quelle der Weisheit kein Unterschied machen.

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    Gelesen haben Sie das Interview nicht? Ich war positiv überrascht (vor allem nach der Überschrift), als er sagte, man könne einfach nicht sagen, was in den kommenden zehn Jahren passiert, weil ja schon die Prognosen der vergangenen zehn Monate komplett daneben gewesen seien. Und das "viel Geld in der Pipeline ist", das ist zweifelsrei richtig - und meiner bescheidenen Meinung nach ein großer Teil des Problems.

    Was er nicht weiß:
    <...man könne einfach nicht sagen, was in den kommenden zehn Jahren passiert...>
    dafür brauche ich keinen Banker & Volkswirt aus Griechenland.

    Was er weiß:
    wenn's wieder eng wird, <...dann zähle ich auf die europäische Solidarität. Wir werden zusätzliche, andere Quellen auftun.>

    Das will ich von einem griechischen Banker & Volkswirt nicht hören.

    Der Teil macht mir Angst. Für ihn sind Solidaritätszahlungen so selbstverständlich wie bei uns Steuereinnahmen.

  2. Gelesen haben Sie das Interview nicht? Ich war positiv überrascht (vor allem nach der Überschrift), als er sagte, man könne einfach nicht sagen, was in den kommenden zehn Jahren passiert, weil ja schon die Prognosen der vergangenen zehn Monate komplett daneben gewesen seien. Und das "viel Geld in der Pipeline ist", das ist zweifelsrei richtig - und meiner bescheidenen Meinung nach ein großer Teil des Problems.

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Quelle der Weisheit"
  3. 3. genau

    Was er nicht weiß:
    <...man könne einfach nicht sagen, was in den kommenden zehn Jahren passiert...>
    dafür brauche ich keinen Banker & Volkswirt aus Griechenland.

    Was er weiß:
    wenn's wieder eng wird, <...dann zähle ich auf die europäische Solidarität. Wir werden zusätzliche, andere Quellen auftun.>

    Das will ich von einem griechischen Banker & Volkswirt nicht hören.

    Der Teil macht mir Angst. Für ihn sind Solidaritätszahlungen so selbstverständlich wie bei uns Steuereinnahmen.

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Quelle der Weisheit"
  4. Hier geht es ums Zocken, um nichts anderes. Einzig in der Pleite besteht die Chance für einen Neuanfang und ein Umdenken. Warum werden Risikoprämien bezahlt? Weil die Chance auf eine Pleite besteht. Wer die letzten Monate griechische Papiere gekauft hat, ist schlicht und einfach Spekulant und Hasardeur und müsste dafür auch bluten, wenn er sich selbst in den Fuß geschossen hat. Der ganze Finanzmarkt ist seit 2008 zu einem rein virtuellen Spielplatz geworden, auf dem sich Politiker und Spekulanten die Bälle wie in Trance zuwerfen und die Realität größtenteils ausblenden. Es ist nur noch Liquidität, die die Märkte nach oben peitscht, jeder kleine Pups führt zu einem Anstieg. Der Ausbruch aus diesem Teufelskreis geschieht nur mit einem großen Knall und einem bösen Erwachen, nicht mit diesen Kinderspielen. Erst dann wird auch dem Letzten klar, was hier tatsächlich aufgeführt wird. Aber dieses böse Erwachen soll um jeden Preis verhindert werden. Vorerst, denn früher oder später, wenn die heutigen Verantwortlichen vielleicht ganz weit weg sind, wird es ein umso übleres Erwachen kommen.

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  5. Zitat: "Massourakis: Es gibt das Sprichwort: Wenn Güter nicht Grenzen kreuzen, werden es Armeen tun. Mir sind die Spielchen lieber als die Alternative."

    In diesem Text lese ich die Drohung: "Deutschland zahle oder Griechenland macht dich platt..."

    Ich lache mich schlapp, sollen die es ruhig versuchen, die währen nicht die ersten welche sich an Deutschland eine blutige Nase holen.

    Und wer bezahlt ihnen eigentlich die Armee wenn das Land pleite ist ? Außerdem ist Deutschland Griechenlands größter Waffen- und Munitions- Lieferant...

    7 Leserempfehlungen
  6. Wer glaubt, die Bundesregierung hätte die "Rettung Griechenlands" im Griff, darf auch getrost wieder glauben, dass die Erde eine Scheibe ist.

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    • road90
    • 30. November 2012 17:21 Uhr

    "...Griechenland erwirtschaftet etwa schon jetzt einen kleinen Primärüberschuss, verzeichnet also ein Haushaltsplus, wenn man Zinszahlungen ignoriert..."

    No comment!

    4 Leserempfehlungen
  7. Alleine Rettungspaket III stellt Griechenland (bzw. dem intern. Finanzsektor) - neben ersten Verzichten seiner Gläubiger - erneut eine gigantische zinsgünstige auf viele Jahre gestreckte Geldsumme zur Verfügung. Auf deutsche Verhältnisse übertragen (selbe Wirtschaftsleistung vorausgesetz) über 300 Mrd. € - zu einem Zinssatz nur knapp über dem Liborsatz.

    Und die Aussicht auf einen Schuldenschnitt frohlockt. Über Nacht wechselte die Merkel-Regierung Meinung & Kurs u. verkauft dem Volk nun den Ausschlußkandidaten als Musterschüler, an dem Deutschland sich beschämt ein Beispiel nehmen sollte.

    Das Signal an Athen - das zeigt auch das Interview - ist fatal. Massourakis gibt eine Kostprobe: "Der Intern. Währungsfonds hat die Auszahlung der nächsten Hilfstranche vom Erfolg des Rückkaufprogramms abhängig gemacht. Und wenn er aussteigt? Dann zähle ich auf die europäische Solidarität. Wir werden zusätzliche, andere Quellen auftun".

    Längst hat Athen geschaltet: Zuviel Spareifer senkt die Aussicht auf deutsche Steuergeschenke im hohen 2-stelligem Milliardenbereich - unvorstellbar, übertrüge man die Summen auf deutsche Verhältnisse. Die Bürger zw. Garmisch und Flensburg, die sich nichts zu Schulden haben kommen lassen, werden am Ende dieser Verschiebungen und Enteignung die Dummen sein u. (erneut) Schulden abarbeiten, die sie nie gemacht haben.

    Ich finde, eine Regierung, die ihrem Volk seit Jahren ein Leben über die Verhältnisse vorwirft, darf sich das nicht leisten.

    Athen darf

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