Anti-Atomkraft-Szene : Der Revolutionär traut der Revolution nicht

Jochen Stay war der Kopf des Protests gegen die Atomkraft – bis Schwarz-Gelb die Energiewende vollzog. Was macht einer, dem der Feind abhandenkommt?
Jochen Stay vom Bürgernetzwerk ausgestrahlt (Archivbild) © Nina Lüth

Die Kommandozentrale der Anti-Atomkraft-Bewegung versteckt sich in einem Hinterhof im Hamburger Stadtteil Hamm. Ein Wohnviertel, geklinkerte Reihenhäuser, verblühte Geranien. Nur ein kleiner, verwitterter Aufkleber an der Treppe verrät: Hier sind die Büros von "ausgestrahlt", dem wichtigsten deutschen Bürgernetzwerk gegen Atomkraft. Die schwere Metalltür im ersten Stock ist voller giftgelber Protestaufkleber und unverschlossenen. Drinnen hängt ein Banner " Gorleben soll leben" von der Decke. Keine Blumen auf der Fensterbank, stattdessen selbst gebastelte Mini-Atomkraftwerke aus Pappe. Niemand da. Stille.

Es ist die Stille, von der Jochen Stay glaubt, es sei die Stille vor dem Sturm.

Stay, 47 Jahre alt, hat sein Büro am Ende eines schmalen Ganges . Er ist der Chef von ausgestrahlt, und als die Protestbewegung gegen die Atomkraft vor anderthalb Jahren ihren Höhepunkt erlebte, war er für die Medien das Gesicht des Widerstands: weiße Locken, Vollbart, kräftige Statur. Stay hatte damals Erfolg. Nach dem Atomunglück von Fukushima im vergangenen Frühjahr nahm Deutschland acht Meiler vom Netz. Der Bundestag besiegelte den Atomausstieg – und zwar parteiübergreifend. Eigentlich wären das alles gute Gründe für die Protestler von damals, die Arbeit einzustellen. Wenn das denn so einfach wäre.

Stay sitzt auf seinem roten, abgewetzten Bürostuhl, auf dem Tisch stapeln sich Anti-Atomkraft-Sticker neben dem Atommüll-Gesellschaftsspiel "Super-GAUdi" mit dem Spielauftrag: "Tricksen, Tarnen, Täuschen". Er sagt, dass er dem Atomausstieg nicht traue, und erst Recht nicht der Regierung. Noch immer seien neun Atomkraftwerke am Netz, sechs davon würden erst rund um das Jahr 2021 vom Netz gehen. "Das muss früher passieren", sagt Stay.

Er führt das Büro deshalb weiter, als Kampagnenbüro im besten Stil: chaotisch und bewusst unkonventionell. Die Morgenkonferenz hält das Team im Stehen ab, weil das schneller geht. Sein Schreibtischnachbar übernachtet regelmäßig auf der Couch im Gruppenraum, weil er sich die Mieten in Hamburg nicht leisten kann und in eine andere Stadt pendelt. Es geht alles weiter wie bisher, so wie es war, als die Bewegung ihre Hochzeit hatte.

Nach Fukushima war klar: "Wir müssen alles geben"

Das war im Sommer des vergangenen Jahres. Zuvor wollte die schwarz-gelbe Bundesregierung gleich nach der Bundestagswahl die Laufzeiten verlängern – gegen großen Widerstand der Straße. Mit nur einem Kollegen kämpfte Stay damals gegen die Pläne der Bundesregierung, ein Jahr lang. Guerilla-Widerstand im kleinen Stil, ohne regelmäßiges Gehalt und klare Arbeitszeiten.

Als am 11. März 2011 das Atomunglück in Fukushima geschah, war für Stay klar: "Jetzt müssen wir alles geben." Zu groß war die Chance, das Unbehagen der Bevölkerung in einen Atomausstieg münden zu lassen. Das Team wurde auf 23 Leute aufgestockt, die Arbeitstage endeten selten vor Mitternacht. Ausgestrahlt organisierte die größten Atomkraftproteste in der Geschichte Deutschlands. Mehr als 250.000 Menschen gingen in diesen Wochen auf die Straße. Am 30. Juni schließlich verabschiedeten Bundestag und Bundesrat den neuen Atomausstieg. "Nach den drei Monaten Ausnahmezustand ist man erst einmal wie gelähmt", sagt Stay im Rückblick. Von dem berühmten "Loch danach" will er dennoch nicht sprechen. Und Urlaub, den habe er sich erst recht nicht genommen. Er trenne nicht so richtig zwischen Privat- und Berufsleben.

Der Versandhandel für die Anti-AKW-Szene

Seit dem Ausstieg konzentriert sich ausgestrahlt auf die verbliebenen neun AKWs. Am vergangenen Sonntag organisierte der Verein zusammen mit Greenpeace und Robin Wood Proteste gegen Plutoniumtransporte ins niedersächsische AKW Grohnde. Bis um vier Uhr morgens stand Stay auf der Straße. Selbst in diesen Tagen würden noch neue Bürgerinitiativen gegründet, sagt er. Begeistert erzählt er von einem Landwirt, der mit seinem Trecker quer über den Acker fuhr und Polizeisperren brach, um heimlich näher ans AKW heranzukommen. Die Atomkraftbewegung sei noch lebendig, sagt er. "Sie schafft es nur nicht mehr täglich auf die Seite eins."

Stay läuft in den Gruppenraum. Das Wandregal ist bis zur Decke vollgestopft, es ließe wohl das Herz jedes Profi-Protestlers höherschlagen. "Gasmasken - Geigerzähler", "Tröten und Gummistiefel", "Moderationskoffer" steht auf kleinen Papierzetteln. Stay kommt mit einer kleinen weißen Medizinpackung zurück: " Brokdorf Akut" . Es sind Minzbonbons im Stil einer Jodtablettenpackung, der jüngste Renner zum neuen Themenschwerpunkt "Katastrophenschutz".

Inzwischen ist ausgestrahlt so etwas wie der Quelle-Versand für die AKW-Bewegung. Hier gibt es alles, was der Protestierer braucht: Sticker, Infomaterial, Fahnen. Täglich verschickt die kleine Organisation 20 Pakete, manchmal sind es sogar 150 – und das selbst nach dem Atomausstieg. Vielleicht sagt das auch etwas über das Land aus: Deutschland und die Atomkraft, die Zwei werden wohl keine Freunde mehr werden.

Das Misstrauen in der Bevölkerung ist seine Versicherung

Stay ist sich außerdem sicher: "Die Bevölkerung traut dem Ausstieg nicht." Zuerst habe Schwarz-Gelb den Ausstieg vom Atomausstieg geplant – dann habe die Koalition plötzlich kehrt gemacht. Das Misstrauen, das Stay ausgemacht haben will, ist seine Versicherung. So lange es da ist, hat ausgestrahlt einen Arbeitsauftrag. Bislang findet der Verein Unterstützer, rund 1.400 Menschen spenden regelmäßig und finanzieren damit sechs Festangestellte.

Vielleicht sind es seine Erfahrungen aus den Zeiten in Gorleben, als Stay dort die Proteste gegen das Atommüll-Endlager mit anführte. Vielleicht ist es auch der plötzliche Sinneswandel nach Fukushima: Stay ist ein skeptischer Mann. Auch den Beteuerungen der großen Stromkonzerne, auf Ökostrom umzuschwenken, traut er nicht. Die Industrie wolle doch schließlich weiterhin Milliarden mit ihren abgeschriebenen Meiler machen.

Vielleicht traut Stay auch den Deutschen nicht. Die Debatte über steigende Strompreise und mögliche Blackouts , all das könnte dazu führen, dass doch wieder die Diskussion über billigen Atomstrom losgehe, sagt er. Er ahnt: Wenn es ums Geld geht, könnte der Deutsche auch Grundüberzeugungen über Bord werfen. Für diese Diskussionen will Stay gewappnet sein. Schon jetzt stellt er einen neuen Mitarbeiter ein, um sich auf die Bundestagswahl vorzubereiten. Nichts mehr zu tun? Für Stay undenkbar. "Das Risiko eines Atomunglücks ist immer noch da."

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Der Feind ist noch da u. muß weiter bekämpft werden.

9 AKWs laufen noch u. die Atomwirtschaft mit ihrem Wolfgang Clement von der INSM (Initiative neue soziale Marktwirtschaft) wird weiter alles daran setzen diese länger laufen zu lassen.

Nerven tut mich auch wenn jm behauptet "es wäre egal wo das AKW steht, ob nun in Dtl oder Frankreich. Es trifft uns..."
Das ist Blödsinn! Sowohl in Tschernobyl u. Fukushima haben die Evakuirungszonen einen Radius von ca 30 km.
Bei einem Unfall im Ausland kann man vlt nichts Eßbares im verseuchten Garten ums Haus anbauen, wird aber nicht von seinem Land vertrieben. Im schlimmsten Fall, bei einem Unfall in Fessenheim, wäre Dtl in einem Halbkreis mit 30km Radius betroffen. Weniger o. mehr je nach Wind.
Je schneller u. früher die dt. AKWs also abgeschaltet werden desto sicherer sind wir hier in Dtl.