Hafen auf den British Virgin Island, einem internationalen Steuerparadies © dpa

"Schauen Sie sich mal die Statistik an", sagt der Fachmann einer internationalen Organisation. "Das sind schon seltsame Entwicklungen." Tatsächlich: Die kleinen karibischen Inseln Barbados, Bermuda und British Virgin Islands schöpften im Jahr 2010 mehr als fünf Prozent der weltweiten Direktinvestionen ab. Deutschland, eines der reichsten Industrieländer der Welt, kommt nur auf einen Anteil von 4,8 Prozent.

Das Commonwealth-Trio ist seit Jahren als sicherer Hafen für Kapital aus aller Welt bekannt. Die Inseln sind Paradiese ohne Unternehmenssteuern, die Steuerdaten bleiben vor dem Fiskus im Ausland geschützt, die Staaten haben nur vereinzelt Abkommen mit anderen Ländern abgeschlossen. Rund 27.000 Einwohner hat die Karibikinsel British Virgin Islands – und 800.000 Briefkastenfirmen. Wer sich hinter den Firmen verbirgt, wie Geld weiter geschleust wird, das bleibt auch für die deutschen Steuerbehörden ein Geheimnis.

Noch. Denn in Zeiten klammer öffentlicher Kassen in Europa wächst der Leidensdruck, gegen die Steuerflucht vorzugehen. Das deutsche Finanzministerium lässt mitteilen, man arbeite "energisch" daran, einer "aggressiven Steuergestaltung" Einhalt zu gebieten. Auch in Berlin weiß man, dass viele Firmen nichts Illegales tun. Sie entdecken und nutzen nur geschickt Uneindeutigkeiten in den Steuergesetzen. Um das zu ändern, müssten die Behörden erst einmal verstehen, wie alle Steuertricks funktionieren.

Das soll nun geschehen. In der vergangenen Woche sicherten Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sowie sein französischer und britischer Kollege der OECD eine Geldspritze von knapp einer halben Millionen Euro zu. Der Auftrag: Steuerschlupflöcher zu finden und Vorschläge zu erarbeiten, wie sie stopfen sind. Bis zum Frühjahr soll ein Report entstehen, der die Methoden systematisiert. Bisher sind den Experten vor allem Anekdoten bekannt.

Apple perfektioniert das Steuersparen

Eine dieser Anekdoten sind die Berichte über die Steuertricks von Apple . Der Konzern aus Kalifornien hat das Steuertricksen perfektioniert: Gerade einmal 1,9 Prozent zahlt der Konzern auf Gewinne, die im Ausland anfallen. Ähnliche Vorwürfe gelten anderen Technologiekonzernen wie Microsoft , Google , Cisco oder Dell.

Ein typisches Phänomen aus dem angelsächsischen Raum? Wohl kaum. Schwarze Schafe gebe es weltweit und natürlich auch in Deutschland, heißt es bei der OECD. Das Gebaren sei keine nationale Eigenheit, sondern typisch für Branchen, deren Wert das Wissen ist. Egal, ob in Form von Patenten, Markenrechten oder Lizenzen. Das gelte für die Informationstechnologie ebenso wie für die Pharmabranche.

"Solche Branchen sind viel mobiler als andere und für die Unternehmen ist es daher viel einfacher, ihre Steuerplanung zu optimieren", sagt Achim Pross, Abteilungsleiter im Bereich Steuerliche Zusammenarbeit der OECD. Firmensitze und Serverstandorte könnten relativ problemlos zwischen Staaten verlegt werden – schließlich muss nicht gleich eine Produktionsstätte mit Tausenden Beschäftigten umziehen. 

Firmen können etwa ihre Aktivitäten in einem Land bündeln, das niedrige Körperschaftssteuern erhebt. Internetfirmen fällt das leichter als anderen, weil bei ihnen oft nicht klar ist, wo die Umsätze und Gewinne anfallen. Innerhalb Europas ist das bevorzugte Ziel vieler Firmen Irland, das nur sehr geringe Körperschaftssteuern erhebt.

Einige Unternehmen optimieren zusätzlich noch die Steuern auf Kapitalerträge und machen "Treaty Shopping". Wer etwa den Firmensitz in die Niederlande verlegt, braucht im Bestfall keine oder kaum Kapitalertragssteuern zu zahlen, weil das Land mit besonders vielen anderen Staaten steuersparende Doppelbesteuerungsabkommen abgeschlossen hat.