Zufriedenheit"Viele Freunde sind kein guter Ersatz für Wohlstand"

Was macht das gute Leben aus? Geld mag nicht immer glücklich machen, sagt der Ökonom Angus Deaton im Interview – aber es hilft uns, zufriedener zu sein. von Yascha Mounk

ZEIT ONLINE: Herr Professor Deaton, was macht ein gutes Leben aus?

Angus Deaton:  Schwierige Frage. Ich bin zu einem genügenden Maße Wirtschaftswissenschaftler, um zu glauben, dass ein hohes Einkommen wichtig ist. Arm zu sein, aber dafür eine Menge Freunde zu haben, ist schlicht kein guter Ersatz für Wohlstand.

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ZEIT ONLINE: Was ist noch wichtig?

Deaton: Gesundheit zum Beispiel. Oder in einer Gesellschaft zu leben, in der man sich an politischen Entscheidungen beteiligen kann. Daneben gibt es persönliche Dinge. Vielleicht besteht ein gutes Leben darin, alle diese verschiedenen Dimensionen unter einen Hut zu bringen. Das zu schaffen, ist natürlich sehr schwierig.

ZEIT ONLINE: Viele haben ihre Forschungsergebnisse auf eine simple Botschaft reduziert: Es ist gar nicht so wichtig, ein besonders hohes Einkommen zu erzielen.

Angus Deaton
Angus Deaton

Angus Deaton, 57, ist ein britischer Ökonom und einer der bekanntesten Forscher auf dem Feld der Gesundheits- und Entwicklungsökonomie.Er erforscht unter anderem, was die Ursachen von Krankheit und Armut in armen und reichen Ländern sind. Deaton lehrt in den USA an der University Princeton.

Deaton: Ja, aber das ist falsch. Ich habe das nie so gesagt.

ZEIT ONLINE: In einer Studie mit dem Nobelpreisträger Daniel Kahnemann schreiben sie doch, dass das subjektive Glücksgefühl ab einem Verdienst von 75.000 Dollar im Jahr nicht mehr ansteigt.

Deaton: Richtig. Aber das ist eben nur eine Art, Glück zu messen. Wie oft man lächelt, ob man sich oft glücklich wähnt, hat mit großem Reichtum eben wenig zu tun – obwohl das Fehlen von Geld natürlich einen stark negativen Effekt hat. Deshalb verbessert sich die eigene Stimmungslage bei einem Einkommen von mehr als 75.000 Dollar im Jahr auch nicht mehr. Wenn man die Menschen allerdings danach fragt, wie sie ihr Leben insgesamt bewerten, sieht das anders aus. Je mehr Einkommen die Menschen haben, desto positiver fällt ihr Gesamturteil über das eigene Leben aus.

ZEIT ONLINE: Das klingt so, als müssten sich Wirtschaftspolitiker entscheiden: Entweder maximieren sie die persönliche Einschätzung jedes Menschen von seinem Leben oder die jeweiligen Stimmungslagen. Geht nur das eine oder das andere?

Deaton: Ja, und ich würde mich da Amartya Sen anschließen. Ich bin den Stimmungslagen gegenüber skeptisch. Es ist durchaus möglich, eklatant unterdrückt zu werden, und trotzdem recht glücklich zu sein. Das heißt aber kaum, dass diese Unterdrückung irrelevant wäre.

ZEIT ONLINE: Was lehrt die Forschung hierzu?

Deaton: Die Resultate von psychologischen Studien zu diesem Thema sind äußerst paradox. Wenn Menschen sagen sollen, wie glücklich sie in verschiedenen Situationen sind, liegen sie oft vollkommen daneben. Wenn man zum Beispiel Leute in Michigan fragt, ob sie glücklicher wären, wenn sie in Kalifornien leben würden, sagen sie ja. Tatsächlich aber sind die Einwohner von Kalifornien gar nicht glücklicher als die Einwohner von Michigan. Wir sind eben sehr schlecht darin, unsere eigenen Stimmungen einzuschätzen oder gar vorauszusagen.

ZEIT ONLINE: In Europa sagen manche, wir hätten schon genug Wohlstand. Weiteres Wirtschaftswachstum sei nicht mehr so wichtig.

Deaton: Sagen Sie das mal den Menschen in Spanien oder Griechenland ! Ich glaube daran, dass wirtschaftliches Wachstum – und die Dinge, die damit einhergehen – sehr wichtig ist. Ein wirkliches Problem besteht allerdings darin, dass wir ziemlich schlecht messen, worin Wachstum eigentlich besteht. Die Zeitungen haben zum Beispiel viel darüber geschrieben, dass Sandy ein großes Geschenk an Barack Obama sei . Der Sturm würde schließlich helfen, das Wachstum des Bruttoinlandprodukts in den USA zu beschleunigen. Vielleicht ist das wahr. Aber deshalb war der Sturm trotzdem kein Geschenk für die Menschheit. Im Gegenteil. Wir müssen Wohlstand nur richtig messen. Viele dieser scheinbaren Meinungsunterschiede könnten dann überbrückt werden.

ZEIT ONLINE: Das heißt doch, dass die Ökonomen gar nicht verlässlich sagen können, was ein gutes Leben ist und welche Maßstäbe wir dafür anlegen sollen. Weder das Bruttoinlandsprodukt noch das persönliche Glücksempfinden scheinen geeignet zu sein.

Deaton: Wir können das schlicht noch nicht beantworten. Das sind genau die Themen, an denen wir gerade arbeiten. Es handelt sich hier um die äußere Grenze unseres Wissens, und sollte auch dementsprechend wahrgenommen werden.

ZEIT ONLINE: Die Frage ist doch auch deshalb so bedeutsam, weil wir als engagierte Bürger Hinweise brauchen, wie sich Entwicklungs- und Schwellenländer entwickeln.  Ob sie Fortschritte machen. Indien zum Beispiel.

Deaton: Sind Sie ein indischer Staatsbürger?

ZEIT ONLINE: Nein, ein indischer Staatsbürger bin ich nicht. Aber ...

Deaton: Ich habe das jetzt nicht nur aus Aufmüpfigkeit gesagt. ( Lacht. ) Viele Menschen haben diese kosmopolitische Fantasievorstellung, dass wir dafür verantwortlich seien, was gerade in Indien passiert. Es ist aber überhaupt nicht klar, dass diese Verantwortung sinnvoll bei uns angesiedelt werden kann. Das gilt vor allem dann, wenn das die Verantwortung der Inder untergräbt, selbst darüber zu urteilen, was sie denn eigentlich wollen.

Leserkommentare
    • bernjul
    • 15. November 2012 17:59 Uhr

    ...ist kein guter Ersatz für Freunde.

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    • Otto2
    • 15. November 2012 21:56 Uhr

    aber ohne Geld ist in der heutigen Welt alles (fast) nichts. Glauben Sie nicht?
    Dann denken Sie an Krankheiten. Haben Sie viel Geld - die besten Ärzte werden sich um Sie bemühen. Sie sind ein Humanist und wollen Armen in Afrika helfen. Haben Sie Geld wie Bill Gates, wird Ihnen viel gelingen.
    Sind sie dumm oder scheuen sie die mühselige Arbeit, die eine Promotion erfordert, kaufen Sie einen Schreiber.
    Sind sie reich, wird es Ihnen leicht fallen unter den Schönen und Reichen eine/n liebenswerte/n Partner/in zu finden. Ansonsten bleibt Ihnen, die Erinnerung an die Märchen aus der Kindheit, wo der schöne Prinz Aschenputtel heiratet oder an das Märchen wo die über alles liebreizende Prinzessin ....
    Wenn Sie trotzdem Glück haben und eine/n liebenswerten Menschen (auch ohne viel Geld) finden, lassen Sie nicht einreden:"Hauptsache wir sind glücklich." Armut auf Dauer ist Gift für menschliches Glück - vor allem dann, wenn ..(siehe oben)

  1. In einer Welt deren Zeitgeist sich mehr und mehr über Konsum definiert, Was besitze ich? Wieviel davon? und was will ich noch besitzen? Aber: muss ich das alles mitmachen?
    Es wird wohl in Zukunft immer schwerer fallen sich wohl zu fühlen wenn von allen Seiten das eine suggeriert wird:
    Verdiene, Kaufe, Bezitze, zeige...

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    nicht schwieriger - solange man sich klarmacht, daß man nicht sein Haus, sein Auto, sein Boot ist. Die meisten Menschen merken das erst in einer Notsituation - und dann bemerkt man auch schnell, wie echt die Freunde sind.
    Das steht allerdings schon in den Geschichten aus 1001 Nacht - ist somit nichts neues.

    • snoek
    • 15. November 2012 19:07 Uhr
    3. .....

    Ich denke, dass -glücklich sein- sowieso von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist. -Zufrieden sein- ist erstrebenswert. Das Streben nach Glück ist etwas für fiktionale Erzählungen, Filme und Liedtexte. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Ich liebe meine Mann und er mich, ich gehe gerne auf Arbeit, ich verdiene wenig, aber ausreichend und mein Hund liebt mich auch. Und auch wenn ich oft stinkig bin ist das mein Fundament. Man könnte es als Glück bezeichnen. Zumindest in Märchen.

    • hf50
    • 15. November 2012 19:35 Uhr

    Wissen Amerikaner eigentlich, was richtige Freunde sind, die man gegen Wohlstandsbestrebungen aufwiegen kann? Und was ist Wohlstand? Geldgier? Wie mißt man die Zufriedenheit der nach Wohlstand Strebenden, wenn diese permanentes Wachstum auch für ihren persönlichen Wohlstand zum Maßstab machen?
    Ich denke, der Ansatz muß ein anderer sein. Es sollte erschwert werden, sich zu Lasten Anderer zu bereichern. Es sollte geächtet und strafbar sein, anderen Völkern ihre Rohstoffe und das Humankapital zu stehlen. Es müssen wieder moralische Grundsätze und Ethik in das Wirtschaftsleben und in gesellschaftliche Normen eingebracht werden. Dann sehe ich die Chance, Maßstäbe für Zufriedenheit zu entwickeln und Zufriedenheit zu messen. Ohne $ und €.

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    • redon
    • 15. November 2012 21:07 Uhr

    "Wissen Amerikaner eigentlich, was richtige Freunde sind" - Wissen Sie eigentlich, was chauvinistische Auffassungen sind? Sie haben die Forschungsergebnisse nicht verstanden bzw. wollen sie nicht wahrhaben. Je mehr Einkommen Amerikaner haben, desto positiver fällt ihr Gesamturteil über das eigene Leben aus. Bis zu einer Grenze von $75.000 steigt mit dem Einkommen zudem das subjektive Glücksgefühl. Dies gilt sicherlich nicht in jedem Einzelfall, aber im Durchschnitt. Schließen Sie bitte nicht von Ihrem Einzelfall auf 315 Millionen Menschen. Das ist die Entwicklungshilfe-Mentalität, die Deaton zu Recht kritisiert. An Ihrem Wesen soll die Welt genesen!

  2. so, fertig!

  3. . . .also, wenn er an Leute denkt, die nicht in Wohlstand leben hat er folgendes vor Augen: Keinerlei wirksame medizinische Versorgung; immer Mangel an Geld für das Lebensnotwendige; keine Wohnung, sondern schlafen in Wohnwagen bis hin zu Pappbehausungen; Fett werden, weil man nur schlechte Nahrung mit Food Stamps bekommt; keine Sanktionen vom ARGE Mitarbeiter, sondern nix zu beißen, wenn man nicht die ekelhaftesten Jobs macht. Die Liste geht wohl noch weiter. Diese Situation meint er, bei denen Freunde kein Ersatz für den fehlenden Wohlstand sind. Er sagt nicht, das Freunde damit unwichtig sind.

  4. Auch wenn man noch so viel Geld hat - eine Sache kann man sich niemals davon kaufen...

    • redon
    • 15. November 2012 21:07 Uhr

    "Wissen Amerikaner eigentlich, was richtige Freunde sind" - Wissen Sie eigentlich, was chauvinistische Auffassungen sind? Sie haben die Forschungsergebnisse nicht verstanden bzw. wollen sie nicht wahrhaben. Je mehr Einkommen Amerikaner haben, desto positiver fällt ihr Gesamturteil über das eigene Leben aus. Bis zu einer Grenze von $75.000 steigt mit dem Einkommen zudem das subjektive Glücksgefühl. Dies gilt sicherlich nicht in jedem Einzelfall, aber im Durchschnitt. Schließen Sie bitte nicht von Ihrem Einzelfall auf 315 Millionen Menschen. Das ist die Entwicklungshilfe-Mentalität, die Deaton zu Recht kritisiert. An Ihrem Wesen soll die Welt genesen!

    Antwort auf "Konfuses Konzept"

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