ZEIT ONLINE: Herr Professor Deaton, was macht ein gutes Leben aus?

Angus Deaton:  Schwierige Frage. Ich bin zu einem genügenden Maße Wirtschaftswissenschaftler, um zu glauben, dass ein hohes Einkommen wichtig ist. Arm zu sein, aber dafür eine Menge Freunde zu haben, ist schlicht kein guter Ersatz für Wohlstand.

ZEIT ONLINE: Was ist noch wichtig?

Deaton: Gesundheit zum Beispiel. Oder in einer Gesellschaft zu leben, in der man sich an politischen Entscheidungen beteiligen kann. Daneben gibt es persönliche Dinge. Vielleicht besteht ein gutes Leben darin, alle diese verschiedenen Dimensionen unter einen Hut zu bringen. Das zu schaffen, ist natürlich sehr schwierig.

ZEIT ONLINE: Viele haben ihre Forschungsergebnisse auf eine simple Botschaft reduziert: Es ist gar nicht so wichtig, ein besonders hohes Einkommen zu erzielen.

Deaton: Ja, aber das ist falsch. Ich habe das nie so gesagt.

ZEIT ONLINE: In einer Studie mit dem Nobelpreisträger Daniel Kahnemann schreiben sie doch, dass das subjektive Glücksgefühl ab einem Verdienst von 75.000 Dollar im Jahr nicht mehr ansteigt.

Deaton: Richtig. Aber das ist eben nur eine Art, Glück zu messen. Wie oft man lächelt, ob man sich oft glücklich wähnt, hat mit großem Reichtum eben wenig zu tun – obwohl das Fehlen von Geld natürlich einen stark negativen Effekt hat. Deshalb verbessert sich die eigene Stimmungslage bei einem Einkommen von mehr als 75.000 Dollar im Jahr auch nicht mehr. Wenn man die Menschen allerdings danach fragt, wie sie ihr Leben insgesamt bewerten, sieht das anders aus. Je mehr Einkommen die Menschen haben, desto positiver fällt ihr Gesamturteil über das eigene Leben aus.

ZEIT ONLINE: Das klingt so, als müssten sich Wirtschaftspolitiker entscheiden: Entweder maximieren sie die persönliche Einschätzung jedes Menschen von seinem Leben oder die jeweiligen Stimmungslagen. Geht nur das eine oder das andere?

Deaton: Ja, und ich würde mich da Amartya Sen anschließen. Ich bin den Stimmungslagen gegenüber skeptisch. Es ist durchaus möglich, eklatant unterdrückt zu werden, und trotzdem recht glücklich zu sein. Das heißt aber kaum, dass diese Unterdrückung irrelevant wäre.

ZEIT ONLINE: Was lehrt die Forschung hierzu?

Deaton: Die Resultate von psychologischen Studien zu diesem Thema sind äußerst paradox. Wenn Menschen sagen sollen, wie glücklich sie in verschiedenen Situationen sind, liegen sie oft vollkommen daneben. Wenn man zum Beispiel Leute in Michigan fragt, ob sie glücklicher wären, wenn sie in Kalifornien leben würden, sagen sie ja. Tatsächlich aber sind die Einwohner von Kalifornien gar nicht glücklicher als die Einwohner von Michigan. Wir sind eben sehr schlecht darin, unsere eigenen Stimmungen einzuschätzen oder gar vorauszusagen.

ZEIT ONLINE: In Europa sagen manche, wir hätten schon genug Wohlstand. Weiteres Wirtschaftswachstum sei nicht mehr so wichtig.

Deaton: Sagen Sie das mal den Menschen in Spanien oder Griechenland ! Ich glaube daran, dass wirtschaftliches Wachstum – und die Dinge, die damit einhergehen – sehr wichtig ist. Ein wirkliches Problem besteht allerdings darin, dass wir ziemlich schlecht messen, worin Wachstum eigentlich besteht. Die Zeitungen haben zum Beispiel viel darüber geschrieben, dass Sandy ein großes Geschenk an Barack Obama sei . Der Sturm würde schließlich helfen, das Wachstum des Bruttoinlandprodukts in den USA zu beschleunigen. Vielleicht ist das wahr. Aber deshalb war der Sturm trotzdem kein Geschenk für die Menschheit. Im Gegenteil. Wir müssen Wohlstand nur richtig messen. Viele dieser scheinbaren Meinungsunterschiede könnten dann überbrückt werden.

ZEIT ONLINE: Das heißt doch, dass die Ökonomen gar nicht verlässlich sagen können, was ein gutes Leben ist und welche Maßstäbe wir dafür anlegen sollen. Weder das Bruttoinlandsprodukt noch das persönliche Glücksempfinden scheinen geeignet zu sein.

Deaton: Wir können das schlicht noch nicht beantworten. Das sind genau die Themen, an denen wir gerade arbeiten. Es handelt sich hier um die äußere Grenze unseres Wissens, und sollte auch dementsprechend wahrgenommen werden.

ZEIT ONLINE: Die Frage ist doch auch deshalb so bedeutsam, weil wir als engagierte Bürger Hinweise brauchen, wie sich Entwicklungs- und Schwellenländer entwickeln.  Ob sie Fortschritte machen. Indien zum Beispiel.

Deaton: Sind Sie ein indischer Staatsbürger?

ZEIT ONLINE: Nein, ein indischer Staatsbürger bin ich nicht. Aber ...

Deaton: Ich habe das jetzt nicht nur aus Aufmüpfigkeit gesagt. ( Lacht. ) Viele Menschen haben diese kosmopolitische Fantasievorstellung, dass wir dafür verantwortlich seien, was gerade in Indien passiert. Es ist aber überhaupt nicht klar, dass diese Verantwortung sinnvoll bei uns angesiedelt werden kann. Das gilt vor allem dann, wenn das die Verantwortung der Inder untergräbt, selbst darüber zu urteilen, was sie denn eigentlich wollen.

"Uns geht es mehr um uns selbst als um die wirklich Armen"

ZEIT ONLINE: Sie sehen das Engagement wohlhabender Menschen für die ärmeren Bewohner in Entwicklungsländern eher kritisch?

Deaton: Ja. Ich glaube, dass das gesamte Unternehmen der Entwicklungshilfe ein Desaster gewesen ist. Uns geht es doch im Großen und Ganzen mehr um uns selbst als um die wirklich Armen. Zum Teil nehmen wir sogar hin, dass wir diesen Menschen schaden, nur damit wir selber uns besser fühlen. Für solches Verhalten gibt es viele Beispiele, insbesondere in Europa. Amerikaner standen der Entwicklungshilfe schon immer skeptischer gegenüber. Was, glaube ich, dazu geführt hat, dass die amerikanische Entwicklungshilfe etwas besser abgeschnitten hat.

ZEIT ONLINE: Wir haben also keine moralische Verantwortung, Menschen in den Entwicklungsländern zu helfen? Oder haben wir prinzipiell eine moralische Verantwortung, aber es gibt in der Praxis keine guten Wege, um diesen Menschen zu helfen?

Deaton: Letzteres. Ich akzeptiere, dass wir eine moralische Verantwortung haben. Aber die Leute, mit denen ich mich streite, sagen, dass wir uns unserer Verantwortung entledigen können, indem wir an Oxfam Geld spenden, oder unsere Regierung dazu überreden, mehr Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen. Stattdessen sollten wir aufhören, diesen Ländern zu schaden. Wir sollten den Fahrersitz nicht für uns beanspruchen. Es ist sehr einfach, von der kolonialen Vergangenheit in eine Gegenwart zu schlittern, in der ein Land von der Entwicklungshilfe eines anderen abhängt. Die Parallelen sind wirklich unbehaglich.

ZEIT ONLINE: Für viele Menschen bedeutet es ein gutes Leben, anderen Menschen zu helfen. Wie ist das bei Ihnen?

Deaton: Ich bin gescheiterter Mathematiker. Dass ich bei den Wirtschaftswissenschaften gelandet bin, war purer Zufall. Was mir intellektuelle Genugtuung bereitet, ist, einen Meinungsunterschied so zuzuspitzen, dass ein klares Paradox entsteht. Wenn wir aufzeigen können, dass sich zwei verschiedene Ansätze, die beide im Allgemeinen als richtig angesehen wurden, gegenseitig ausschließen – dann fangen wir wirklich an, Fortschritte zu machen. Das hat mir immer Spaß gemacht. Und außerdem kann man dadurch, dass man präzise über die Welt nachdenkt, manchmal Einfluss auf die Politik nehmen. Manchmal kann man so die Dinge ein wenig verbessern. Oder Leuten helfen, die Dinge klarer zu sehen. Das ist eine ziemlich große Belohnung.

ZEIT ONLINE: Dann sind Sie also doch ein wenig versucht, anderen Menschen zu helfen?

Deaton: Oh ja. Oder zumindest zu helfen, dass wir anderen Menschen nicht mehr Schaden zufügen.