Zufriedenheit"Viele Freunde sind kein guter Ersatz für Wohlstand"
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"Uns geht es mehr um uns selbst als um die wirklich Armen"

ZEIT ONLINE: Sie sehen das Engagement wohlhabender Menschen für die ärmeren Bewohner in Entwicklungsländern eher kritisch?

Deaton: Ja. Ich glaube, dass das gesamte Unternehmen der Entwicklungshilfe ein Desaster gewesen ist. Uns geht es doch im Großen und Ganzen mehr um uns selbst als um die wirklich Armen. Zum Teil nehmen wir sogar hin, dass wir diesen Menschen schaden, nur damit wir selber uns besser fühlen. Für solches Verhalten gibt es viele Beispiele, insbesondere in Europa. Amerikaner standen der Entwicklungshilfe schon immer skeptischer gegenüber. Was, glaube ich, dazu geführt hat, dass die amerikanische Entwicklungshilfe etwas besser abgeschnitten hat.

ZEIT ONLINE: Wir haben also keine moralische Verantwortung, Menschen in den Entwicklungsländern zu helfen? Oder haben wir prinzipiell eine moralische Verantwortung, aber es gibt in der Praxis keine guten Wege, um diesen Menschen zu helfen?

Deaton: Letzteres. Ich akzeptiere, dass wir eine moralische Verantwortung haben. Aber die Leute, mit denen ich mich streite, sagen, dass wir uns unserer Verantwortung entledigen können, indem wir an Oxfam Geld spenden, oder unsere Regierung dazu überreden, mehr Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen. Stattdessen sollten wir aufhören, diesen Ländern zu schaden. Wir sollten den Fahrersitz nicht für uns beanspruchen. Es ist sehr einfach, von der kolonialen Vergangenheit in eine Gegenwart zu schlittern, in der ein Land von der Entwicklungshilfe eines anderen abhängt. Die Parallelen sind wirklich unbehaglich.

ZEIT ONLINE: Für viele Menschen bedeutet es ein gutes Leben, anderen Menschen zu helfen. Wie ist das bei Ihnen?

Deaton: Ich bin gescheiterter Mathematiker. Dass ich bei den Wirtschaftswissenschaften gelandet bin, war purer Zufall. Was mir intellektuelle Genugtuung bereitet, ist, einen Meinungsunterschied so zuzuspitzen, dass ein klares Paradox entsteht. Wenn wir aufzeigen können, dass sich zwei verschiedene Ansätze, die beide im Allgemeinen als richtig angesehen wurden, gegenseitig ausschließen – dann fangen wir wirklich an, Fortschritte zu machen. Das hat mir immer Spaß gemacht. Und außerdem kann man dadurch, dass man präzise über die Welt nachdenkt, manchmal Einfluss auf die Politik nehmen. Manchmal kann man so die Dinge ein wenig verbessern. Oder Leuten helfen, die Dinge klarer zu sehen. Das ist eine ziemlich große Belohnung.

ZEIT ONLINE: Dann sind Sie also doch ein wenig versucht, anderen Menschen zu helfen?

Deaton: Oh ja. Oder zumindest zu helfen, dass wir anderen Menschen nicht mehr Schaden zufügen.

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Leserkommentare
    • bernjul
    • 15. November 2012 17:59 Uhr

    ...ist kein guter Ersatz für Freunde.

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    • Otto2
    • 15. November 2012 21:56 Uhr

    aber ohne Geld ist in der heutigen Welt alles (fast) nichts. Glauben Sie nicht?
    Dann denken Sie an Krankheiten. Haben Sie viel Geld - die besten Ärzte werden sich um Sie bemühen. Sie sind ein Humanist und wollen Armen in Afrika helfen. Haben Sie Geld wie Bill Gates, wird Ihnen viel gelingen.
    Sind sie dumm oder scheuen sie die mühselige Arbeit, die eine Promotion erfordert, kaufen Sie einen Schreiber.
    Sind sie reich, wird es Ihnen leicht fallen unter den Schönen und Reichen eine/n liebenswerte/n Partner/in zu finden. Ansonsten bleibt Ihnen, die Erinnerung an die Märchen aus der Kindheit, wo der schöne Prinz Aschenputtel heiratet oder an das Märchen wo die über alles liebreizende Prinzessin ....
    Wenn Sie trotzdem Glück haben und eine/n liebenswerten Menschen (auch ohne viel Geld) finden, lassen Sie nicht einreden:"Hauptsache wir sind glücklich." Armut auf Dauer ist Gift für menschliches Glück - vor allem dann, wenn ..(siehe oben)

  1. In einer Welt deren Zeitgeist sich mehr und mehr über Konsum definiert, Was besitze ich? Wieviel davon? und was will ich noch besitzen? Aber: muss ich das alles mitmachen?
    Es wird wohl in Zukunft immer schwerer fallen sich wohl zu fühlen wenn von allen Seiten das eine suggeriert wird:
    Verdiene, Kaufe, Bezitze, zeige...

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    nicht schwieriger - solange man sich klarmacht, daß man nicht sein Haus, sein Auto, sein Boot ist. Die meisten Menschen merken das erst in einer Notsituation - und dann bemerkt man auch schnell, wie echt die Freunde sind.
    Das steht allerdings schon in den Geschichten aus 1001 Nacht - ist somit nichts neues.

    • snoek
    • 15. November 2012 19:07 Uhr
    3. .....

    Ich denke, dass -glücklich sein- sowieso von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist. -Zufrieden sein- ist erstrebenswert. Das Streben nach Glück ist etwas für fiktionale Erzählungen, Filme und Liedtexte. Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Ich liebe meine Mann und er mich, ich gehe gerne auf Arbeit, ich verdiene wenig, aber ausreichend und mein Hund liebt mich auch. Und auch wenn ich oft stinkig bin ist das mein Fundament. Man könnte es als Glück bezeichnen. Zumindest in Märchen.

    • hf50
    • 15. November 2012 19:35 Uhr

    Wissen Amerikaner eigentlich, was richtige Freunde sind, die man gegen Wohlstandsbestrebungen aufwiegen kann? Und was ist Wohlstand? Geldgier? Wie mißt man die Zufriedenheit der nach Wohlstand Strebenden, wenn diese permanentes Wachstum auch für ihren persönlichen Wohlstand zum Maßstab machen?
    Ich denke, der Ansatz muß ein anderer sein. Es sollte erschwert werden, sich zu Lasten Anderer zu bereichern. Es sollte geächtet und strafbar sein, anderen Völkern ihre Rohstoffe und das Humankapital zu stehlen. Es müssen wieder moralische Grundsätze und Ethik in das Wirtschaftsleben und in gesellschaftliche Normen eingebracht werden. Dann sehe ich die Chance, Maßstäbe für Zufriedenheit zu entwickeln und Zufriedenheit zu messen. Ohne $ und €.

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    • redon
    • 15. November 2012 21:07 Uhr

    "Wissen Amerikaner eigentlich, was richtige Freunde sind" - Wissen Sie eigentlich, was chauvinistische Auffassungen sind? Sie haben die Forschungsergebnisse nicht verstanden bzw. wollen sie nicht wahrhaben. Je mehr Einkommen Amerikaner haben, desto positiver fällt ihr Gesamturteil über das eigene Leben aus. Bis zu einer Grenze von $75.000 steigt mit dem Einkommen zudem das subjektive Glücksgefühl. Dies gilt sicherlich nicht in jedem Einzelfall, aber im Durchschnitt. Schließen Sie bitte nicht von Ihrem Einzelfall auf 315 Millionen Menschen. Das ist die Entwicklungshilfe-Mentalität, die Deaton zu Recht kritisiert. An Ihrem Wesen soll die Welt genesen!

  2. so, fertig!

  3. . . .also, wenn er an Leute denkt, die nicht in Wohlstand leben hat er folgendes vor Augen: Keinerlei wirksame medizinische Versorgung; immer Mangel an Geld für das Lebensnotwendige; keine Wohnung, sondern schlafen in Wohnwagen bis hin zu Pappbehausungen; Fett werden, weil man nur schlechte Nahrung mit Food Stamps bekommt; keine Sanktionen vom ARGE Mitarbeiter, sondern nix zu beißen, wenn man nicht die ekelhaftesten Jobs macht. Die Liste geht wohl noch weiter. Diese Situation meint er, bei denen Freunde kein Ersatz für den fehlenden Wohlstand sind. Er sagt nicht, das Freunde damit unwichtig sind.

  4. Auch wenn man noch so viel Geld hat - eine Sache kann man sich niemals davon kaufen...

    • redon
    • 15. November 2012 21:07 Uhr

    "Wissen Amerikaner eigentlich, was richtige Freunde sind" - Wissen Sie eigentlich, was chauvinistische Auffassungen sind? Sie haben die Forschungsergebnisse nicht verstanden bzw. wollen sie nicht wahrhaben. Je mehr Einkommen Amerikaner haben, desto positiver fällt ihr Gesamturteil über das eigene Leben aus. Bis zu einer Grenze von $75.000 steigt mit dem Einkommen zudem das subjektive Glücksgefühl. Dies gilt sicherlich nicht in jedem Einzelfall, aber im Durchschnitt. Schließen Sie bitte nicht von Ihrem Einzelfall auf 315 Millionen Menschen. Das ist die Entwicklungshilfe-Mentalität, die Deaton zu Recht kritisiert. An Ihrem Wesen soll die Welt genesen!

    Antwort auf "Konfuses Konzept"

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