EnergiewendeKostet der Ausbau des Stromnetzes tatsächlich noch mehr Milliarden?

Die Deutsche Energieagentur schätzt, dass bis zu 52 Milliarden Euro in den Ausbau regionaler Verteilnetze investiert werden müssen. Die Studie ist umstritten. von Kevin P. Hoffmann

In Berlin ist am Dienstag ein für viele Bürger eher unerfreuliches Kapitel der Energiewende präsentiert worden: der Ausbau des Stromnetzes. Dabei ging es nicht, wie meistens, um den Bau großer Höchstspannungsleitungstrassen, die den Strom aus Offshore-Windparks vom Meer nach Süddeutschland transportieren sollen. Es ging um den Ausbau der engmaschigeren Verteilnetze auf den unteren Spannungsebenen, die bis in jedes Wohnhaus reichen. Ihr Ausbau gilt als nötig, sollten auch weiterhin Windräder und Solaranlagen auf diesen unteren Netzebenen angeschlossen werden. Nur dann könnte ihr Strom auch stabil verteilt und für große Industriebetriebe nutzbar gemacht werden.

Um die nötige Stabilität zu erreichen, wäre bis zum Jahr 2030 der Bau von 135.000 bis 193.000 Kilometern neuer Leitungen nötig. Damit könnte man die Erde am Äquator fast vier beziehungsweise fünf Mal umrunden. Zudem müssten rund 25.000 Kilometer Stromkabel umgebaut werden. Das geht aus einer neuen Studie der Deutschen Energieagentur (Dena) hervor, die hauptsächlich vom Bund, aber auch von deutschen Finanzinstituten finanziert wird. Die Dena sorgte schon bei der Vorlage früherer Netzausbaustudien für Debatten: Leidenschaftliche Befürworter der erneuerbaren Energien werfen der Agentur Panikmache vor. Industrie- und Verbraucherverbände begrüßten dagegen bisher, dass jemand die möglichen Kosten, die auf Bürger und Unternehmen zukommen, abschätzt.

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Nun kommt die Dena zu dem Schluss, dass der Aus- und Umbau der Stromverteilnetze bis 2030 27,5 Milliarden Euro kosten wird, sofern man den aktuellen Netzausbauplan der Bundesregierung zugrunde legt. Dena-Chef Stephan Kohler riet gestern ausdrücklich dazu, diesen Plan auch zu verfolgen. Allerdings haben seine Mitarbeiter im Auftrag eines Dutzend regionaler Stromnetzbetreiber auch errechnet, wie teuer es würde, wenn die Bundesländer ihre ehrgeizigeren Ziele zum Ausbau der erneuerbaren Energien realisieren würden. Dann würden gar 42,5 Milliarden Euro für den Verteilnetzausbau nötig. In einem ungünstigsten Szenario, bei dem ein intelligentes Stromnetz gebaut wird und Stromspeicher uneffektiv eingesetzt werden, könnten die Kosten für den Netzausbau sogar um 90 Prozent höher als im Regierungsplan vorgesehen liegen: bei 52 Milliarden Euro.

In einem Versuch, Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, sagte Kohler, er würde diese Zahlen "nicht zu hoch hängen", schließlich seien die Kosten, die über die Strompreise umgelegt werden würden, ja über 18 Jahre verteilt. Außerdem gehe er davon aus, dass die Leitungen hauptsächlich unterirdisch verlegt werden, was teurer sei, aber weniger Widerstand bei der Bevölkerung erzeugen dürfte. Mit den Worten "Wir wollen doch ein modernes Land werden" warb Kohler für die Erdkabelverlegung.

Wie erwartet, musste der Dena-Chef auch gestern nicht lange auf Reaktionen aus allen Lagern warten. "Es ist nicht seriös, die Kosten der Weiterentwicklung und Optimierung des Verteilnetzes derart zu dramatisieren, wie die Dena es in ihrer Studie tut", erklärte Oliver Krischer, Sprecher für Energiewirtschaft der Grünen-Bundestagsfraktion. Die Dena verschweige, dass die Netzbetreiber in den vergangenen zehn Jahren kaum modernisiert haben. Beifall gab es dagegen vom Energiewirtschaftsverband BDEW, der den Ausbau der Verteilnetze zur "nächsten Priorität" erklärte. Auch der Stadtwerkeverband der kommunalen Unternehmen VKU sah sich bestätigt. Bauen müssen die Netze am Ende schließlich die Mitgliedsunternehmen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. " ... vergangenen ... Jahren kaum modernisiert... "

    Aber die Grundgebühren wurden kräftig erhöht.

    Um den Sozialismus zu verwalten ?

    Die Stromkosten sowieso.

    Wenn alle meinen ihr Elektro-Auto in einer Stunde aufzuladen wird es noch viel teurer, weil dann noch dickere Leitungen nötig sind.

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    • Chali
    • 12. Dezember 2012 11:47 Uhr

    Heute nennt man das "Neue Soziale MarktwirtscFt". Der Unterschied besteht darin, dass heute der normale Stromkunde die Investitionen bezahlen soll, die dann den Strom-Konzernen gehören.

    Nebenbei ist es die Pflicht der normalen Stromkunden, die Wirtschaft kräftig zu subventionieren, indem sie denen den Strom verbilligen. Schliesslich befinden "wir" uns ja im Krieg - Verzeihung, nicht Krieg, wenn schon Kampf, dann Wettkampf- Aber immerhin mit allen anderen Nationen der Welt.

    wikipedia meldet für RWE allein
    Umsatz 51.686 Mio. EUR (2011) [2]
    Gewinn 1.806 Mio. EUR (2011) [2]

    Bilanzsumme 92.656 Mio.

    Setzt man diese Zahlen für alle vier mit den nötigen Investitionen in Relation, so sieht das alles schon viel freundlicher aus.
    Es geht ja nicht um Unterrichtung, sondern um Meinungsmache. Da ist es natürlich notwendig, alle "Einsparungen" der letzen Jahe (Notwendiger Ergänzungs-Investitionen lieber "sparen" und als Gewinne ausschütten) unter der Rubrok "Energiewende" unters Volk zu mischen.

  2. ... was man in der Vergangenheit vehement unterbunden hat, möchte man heute einführen.

    War es nicht so, dass die Monopolisten jede Art von privater Stromerzeugung unterbunden haben und eine Übernahme des privat erzeugten Stroms in das öffentliche Netz verhinderten?

    Wieder einmal zeigt sich die behördliche Hau-Ruck-Methode als Bumerang. Immer, wenn der Staat mit seiner Gesetzgebung in das öffentliche Leben einwirkt, verliert der Bürger ein wenig an Selbstständigkeit. Halten die uns eigentlich alle für beschränkt - oder was?

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    "War es nicht so, dass die Monopolisten jede Art von privater Stromerzeugung unterbunden haben und eine Übernahme des privat erzeugten Stroms in das öffentliche Netz verhinderten?"
    Teilweise berechtigt.
    Wenn ich mich recht erinnere, dann war ein Argument, daß auch dafür erst eine entsprechende Logistik, oft verbunden mit neuen Leitungen, angeschafft werden muss.
    Ergo höhere Kosten, die wiederum irgendwie umgelegt hätten werden müssen, was wiederum - Überraschung - nicht allen gefallen hat.
    Das es dann nicht durchgeführt wurde können Sie jetzt gerne exklusiv einem der vielen Beteiligten anlasten,
    aber dann bitte nicht zusammen mit der Frage:
    "Halten die uns eigentlich alle für beschränkt - oder was?"
    Denn dafür gibt es, wenn man von der breiten Masse spricht, leider zu viele gute Gründe.

  3. Wie objektiv kann ein Gutachten dieses Unternehmens sein, wenn der Vorstand auf das engste mit RWE verbunden ist?

    Bzw. 2008 noch die unbedingte Notwendigkeit sah, mehr AKWs bauen zu müssen?

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    Sollte man doch mal explizit erwähnen daß Stefan Kohler ein Mann der RWE ist!
    http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Energie-Agentur#Kritik

    Und wer mal richtig über Stefan Kohler und seine Fachkenntnisse lachen möchte sollte folgendes Interview lesen:
    http://www.ee-blog.de/2011/01/„dann-reden-sie-mit-gott“/

  4. "War es nicht so, dass die Monopolisten jede Art von privater Stromerzeugung unterbunden haben und eine Übernahme des privat erzeugten Stroms in das öffentliche Netz verhinderten?"
    Teilweise berechtigt.
    Wenn ich mich recht erinnere, dann war ein Argument, daß auch dafür erst eine entsprechende Logistik, oft verbunden mit neuen Leitungen, angeschafft werden muss.
    Ergo höhere Kosten, die wiederum irgendwie umgelegt hätten werden müssen, was wiederum - Überraschung - nicht allen gefallen hat.
    Das es dann nicht durchgeführt wurde können Sie jetzt gerne exklusiv einem der vielen Beteiligten anlasten,
    aber dann bitte nicht zusammen mit der Frage:
    "Halten die uns eigentlich alle für beschränkt - oder was?"
    Denn dafür gibt es, wenn man von der breiten Masse spricht, leider zu viele gute Gründe.

    Antwort auf "Jetzt rächt sich..."
    • Chali
    • 12. Dezember 2012 11:47 Uhr

    Heute nennt man das "Neue Soziale MarktwirtscFt". Der Unterschied besteht darin, dass heute der normale Stromkunde die Investitionen bezahlen soll, die dann den Strom-Konzernen gehören.

    Nebenbei ist es die Pflicht der normalen Stromkunden, die Wirtschaft kräftig zu subventionieren, indem sie denen den Strom verbilligen. Schliesslich befinden "wir" uns ja im Krieg - Verzeihung, nicht Krieg, wenn schon Kampf, dann Wettkampf- Aber immerhin mit allen anderen Nationen der Welt.

    wikipedia meldet für RWE allein
    Umsatz 51.686 Mio. EUR (2011) [2]
    Gewinn 1.806 Mio. EUR (2011) [2]

    Bilanzsumme 92.656 Mio.

    Setzt man diese Zahlen für alle vier mit den nötigen Investitionen in Relation, so sieht das alles schon viel freundlicher aus.
    Es geht ja nicht um Unterrichtung, sondern um Meinungsmache. Da ist es natürlich notwendig, alle "Einsparungen" der letzen Jahe (Notwendiger Ergänzungs-Investitionen lieber "sparen" und als Gewinne ausschütten) unter der Rubrok "Energiewende" unters Volk zu mischen.

    Antwort auf "Modernisieren"
  5. durch Stromtransportkosten.
    28 Mrd bis 2030 sind etwa 1,5 Mrd pro Jahr.
    Das ist also ein Wert der schon heute jährlich investiert wird u. bisher keinen aufregt.
    Aber der Dena-Chef hatte es noch nie so mit der Wahrheit. Der hatte schon vor 2 Jahren vorhergesagt daß es bei 30 GW PV zu massiven Stromausfällen wg Überlastung kommt.
    Wir haben heute 32 GW PV installiert. In Bayern hat die PV gar über 10% Anteil an der Stromversorgung u. es gibt dort kein Probleme weil PV eben vor Ort verbraucht wird u. nie weit transportiert werden muß.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ,weil Ihre Welt hinter dem Wechselrichter aufhört.

    Der update der Verteilnetze um all die Microproduzenten und Wind solitäre einzubinden wird doch schon lange diskutiert.
    Das hat nichts mit Marode zu tun oder Geldgier der Konzerne, da muss Technik her, die es nicht für lau gibt.

    Diese 32GW PV Hurra Parolen sind völlig Nutzlos.

    Es wäre ehrlicher anzuerkennen, dass der EE-Strom noch sehr viel teurer wird.
    Stattdessen wird von den öko-aposteln, PV-Verrückten und anderen interessierten dementiert, abgelenkt, heruntegespielt und im kommenden Jahr die EEG-Umlage/ Netzentgelte /Was auch immer.... nach oben zu drehen.

    MFG

  6. Sollte man doch mal explizit erwähnen daß Stefan Kohler ein Mann der RWE ist!
    http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Energie-Agentur#Kritik

    Und wer mal richtig über Stefan Kohler und seine Fachkenntnisse lachen möchte sollte folgendes Interview lesen:
    http://www.ee-blog.de/2011/01/„dann-reden-sie-mit-gott“/

    Antwort auf "Objektivität"
  7. gestern Abend gab es einen sehenswerten Bericht zum Thema bei Frontal21, in dem etwas mehr über technische Details, Alternativen und fragwürdige Planungen beim Netzausbau berichtet wurde.

    Zu finden hier: http://frontal21.zdf.de/

    Eine Leserempfehlung
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    Danke für den link zu frontal21 und dem Netzausbau für Kohlestrom!
    Ab 32:00min
    http://frontal21.zdf.de/

    Dies wurde allerdings schon im Juni vom BUND erkannt
    http://www.bund.net/nc/presse/pressemitteilungen/detail/artikel/netzbetr...

    http://www.die-klima-allianz.de/wp-content/uploads/2012/07/290612_bund_h...

    Aber die Kohle-Verrückten kapieren es nicht.
    Und Rösler inklusive Schwarzgelb sind sowieso völlig unfähig!

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  • Schlagworte Bundesregierung | Grüne | Bundestagsfraktion | Energie | Energiewirtschaft | Euro
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