FrackingEine Technik spaltet Amerika

Präsident Obama will die USA mit Fracking unabhängig vom Öl machen. Doch der Protest gegen die umstrittene Gasförderung wächst. von 

Anti-Fracking-Protest in New York

Anti-Fracking-Protest in New York  |  © by Spencer Platt/Getty Images

Groß, schwarz und bedrohlich blickt der Totenkopf auf der Karaffe den Betrachter an. "Sie glauben, das Wasser in Brooklyn ist sicher?", fragt der Schriftzug darüber. "Denken Sie noch einmal nach." Geformt ist der Schädel aus Ammonium, Chlor, Xylene und zahllosen weiteren Substanzen mit giftigen Namen. Das Plakat an der Bushaltestelle in Brooklyn stammt von der Organisation What the Frack – einer von vielen, die in New York mit Plakaten, Flugzetteln und Infoständen seit Monaten für ihr Wasser kämpfen.

Der Bundesstaat sitzt auf Erdgasreserven, die das ganze Land für zwei Jahrzehnte versorgen könnten. Entsprechend hat sich auch die Gegenseite positioniert. In Radiospots und ganzseitigen Anzeigen drängen Landbesitzer, Gasindustrie und Bauunternehmer New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo , den Weg frei zu machen für die Gasgewinnung im Staat.

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Denn nicht nur die Industrie sieht das hydraulische Frakturieren, bei dem ein Mix aus Sand, Wasser und Chemikalien in den Boden gepresst wird und das Schiefergas freisetzt, als Schlüssel für Amerikas Energieunabhängigkeit. Auch Präsident Barack Obama hat im Wahlkampf offen für das Fracking geworben . Schließlich will der Präsident die Öl-Importe aus Saudi-Arabien bis 2020 um die Hälfte reduzieren. "Wir haben 600.000 neue Jobs und Energie für mehrere Hundert Jahre direkt unter unseren Füßen", so Obama während der ersten Wahlkampfdebatte Anfang Oktober.

Mit den neuen Fördertechniken, so die Befürworter, könne das Land schon bald zum weltgrößten Gasproduzenten werden. Tatsächlich hat das Fracking die Abhängigkeit von Öl und schmutziger Kohle schon jetzt reduziert. "Wir sind kurz davor, das goldene Zeitalter der Erdgasgewinnung zu beginnen", prophezeite Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energiebehörde, vor wenigen Tagen in New York. Noch, gab der Ökonom zu, gebe es allerdings zum Teil berechtigte Bedenken gegenüber der Technik.

"Es ist ein großer Fehler, wenn wir uns ausschließlich auf Schiefergas konzentrieren", sagt Kate Hudson von der Umweltschutzgruppe Riverkeeper . Gegner wie sie warnen vor unvorhersehbaren Gefahren. Die giftigen und zum Teil radioaktiven Stoffe könnten Boden und Grundwasser kontaminieren. Die Umweltschützer zitieren Fälle aus Pennsylvania und Wyoming , in denen das Fracking das Grundwasser verschmutzt habe, die Ozonwerte in die Höhe treibe und bei Anwohnern zu Kopfschmerzen, Atemnot und Halsschmerzen geführt haben soll. "Anders als in Pennsylvania wären in New York mehrere Millionen Menschen betroffen", sagt Frankie Falsam, Betreiber der Seite NoFracking.com . Selbst Prominente wie Lady Gaga und Yoko Ono haben sich deshalb eingeschaltet.

Der Spagat lähmt auch die Politik in Washington . Die Umweltschutzbehörde EPA untersucht seit Jahren die Auswirkungen auf Boden und Gesundheit. Ein Ergebnis steht aus. Das Innenministerium arbeitet an Regelungen, die die Nutzung auf staatlichen Flächen sicherer machen sollen. Zu groß ist selbst bei Energieexperten die Angst, die Betreiber könnten an der Sicherheit sparen. Doch auch hier wird frühestens im kommenden Jahr mit einer Entscheidung gerechnet.

Ohnehin liegt die Regulierung der Gasgewinnung seit 2005 fast ausschließlich in den Händen der Bundesstaaten. Damals lockerte die Bush-Regierung die Umweltauflagen – und löste im selben Atemzug das Fracking aus dem Trinkwasserschutzgesetz heraus. Vizepräsident Cheney , der als Architekt des Vorstoßes gilt, hatte jahrelang für Halliburton gearbeitet – den größten Hersteller von Geräten für die Erdgasgewinnung durch Fracking. Das "Halliburton-Schlupfloch" hat den Bundesstaaten eine enorme Last aufgebürdet. Die Staaten hätten überhaupt nicht die nötigen Kapazitäten, um etwa Kontrollen regelmäßig durchzuführen oder Anträge ausreichend zu prüfen, kritisieren Gegner der Methode.

Sie kämpfen deshalb auf eigene Faust gegen die übermächtige Lobby. "Solange Regierung und Industrie nicht glaubhaft versichern können, dass das Fracking sicher ist und es einen enormen wirtschaftlichen Nutzen gibt, werden wir uns dagegen stark machen", sagt Kate Hudson. So stark es eben geht: Mit 25 Vollzeit-Mitarbeitern und 4.100 Mitarbeitern setzt die Gruppe auf Unterschriftenaktionen, politische Blockade und Facebook. Erst am Wochenende trafen sich wenige Dutzend Demonstranten im New Yorker West Village, um gegen den Bau einer Gas-Pipeline zu protestieren. Sie fürchten, mit der Verlängerung der Pipeline aus Pennsylvania und New Jersey nach New York könne nicht nur radioaktives Gas in die Stadt kommen – sondern auch das Fracking Einzug halten in New York.

Mächtige Befürworter wie Thomas Pyle sehen das anders. "Die Vorteile des Fracking sind riesig", so der Präsident des Institute for Energy Research , einer Lobby-Gruppe in Washington, die die Technologie energisch vorantreibt. Staaten wie Pennsylvania, die das Fracking bereits verwendeten, hätten eine "Explosion an Arbeitsplätzen" erlebt und verzeichneten enormes Wachstum. "Es ist, als hätte man zwei völlig verschiedene Ökonomien im Land", so Pyle.

In New York ist eine Entscheidung gerade wieder verschoben worden. Am Donnerstag verfehlte das zuständige Department of Environmental Conservation die Frist für eine endgültige Regelung der Gasgewinnung. Die Behörde bat um eine 90-tägige Verlängerung, um die Ergebnisse einer seit September laufenden Gesundheitsstudie abzuwarten – und brachte gleichzeitig neue, überarbeitete Regeln ein. Seit inzwischen vier Jahren steht die Entscheidung damit aus, der Gesetzesvorschlag hat bis heute 80.000 Kommentare erhalten. Jetzt beginnt die nächste Kommentarrunde. Die Lager bringen sich in Stellung.

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Leserkommentare
  1. und schalten ihre Atomkraftwerke ab.

    5 Leserempfehlungen
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    • siar
    • 04. Dezember 2012 12:12 Uhr

    Welch tiefgründige Analyse und die Begründung so überzeugend.

  2. Ich wäre auch für AKWs, wenn wir endlich eine Lösung für den Müllberg hätten. Und nein... wenn wir hoffen, dass unsere Zivilisation 100.000 Jahre auf den Müll aufpassen kann und sich auch geologisch keine Überraschungen in den nächsten 100.000 Jahren ergeben, würde ich dies nicht "Lösung" nennen.

    Der Deutsche Vorteil ist, dass wir von den Fehlern der USA in Sachen Fracking lernen können. Eine frühe glorifizierung oder verdammung sollten wir hier unterlassen und uns besser aus den Langzeitsudien/Feldversuche der USA die richtigen Rückschlüsse ziehen.

    Eine Leserempfehlung
    • siar
    • 04. Dezember 2012 12:12 Uhr

    Welch tiefgründige Analyse und die Begründung so überzeugend.

    12 Leserempfehlungen
    • SonDing
    • 04. Dezember 2012 12:21 Uhr

    Alternativ könnte man die als Investition notwendigen Gelder auch nutzen und für den Ausbau einer verbraucherfreundlichen, dezentralen und auf erneuerbaren Energien basierenden Energieversorgung verwenden.

    Das steht aber offensichtlich den langfristigen Profitinteressen im Wege.

    Das Motto: Frecken für den Profit, kennen wir schon länger.

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  3. Und höchst wahrscheinlich übersteigen auch hier die Schäden den erzeugten Gewinn. Da aber die Schäden von der Allgemeinheit getragen werden und der Gewinn aber bilanztechnisch von einigen Unternehmen erfasst wird, kann man den Gewinn beziffern und dann Schaden einfach ignorieren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte USA | Technik | Barack Obama | Kate Hudson | Fracking | Innenministerium
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