Zeitungsbranche : Warum wir die Financial Times Deutschland vermissen werden

Nach 13 Jahren erscheint die FTD heute zum letzten Mal. Ein Ökonom, ein Politiker, ein Konzernvorstand und ein Journalist aus dem Gründungsteam würdigen sie.
Die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland © Stephanie Pilick/dpa

Jürgen Trittin, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag:

Zwölf Jahre lang hat die Financial Times Deutschland die wirtschaftspolitische Berichterstattung bereichert. So mancher Linke fremdelte mit einem Blatt, dem der Ruf der New Economy und des Börsenkapitalismus anhaftete. Doch wer die FTD aufschlug, dem war solch undifferenzierte Kritik fremd: Sie hat nicht nur qualitativ hochwertig berichtet, sie hat auch immer wieder neue Blickwinkel abseits des wirtschaftspolitischen Mainstreams eingenommen.

Märkte waren für sie nie Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Der Staat nie Marionettenspieler, der Wirtschaft und Gesellschaft steuert, sondern Rahmensetzer. Auf den angeblichen Gegensatz zwischen Markt und Staat hat sich die FTD nie eingelassen.  

In der Euro-Krise gehört die Zeitung stets zu den klügsten Kritikern des Merkelschen Krisenmanagements. Und sie brachte mit einem neuen klugen Neo-Keynesianismus nach Art von Paul Krugman oder Georg A. Akerlof Schwung in die deutsche Debatte zwischen Ordnungspolitikern und Alt-Keynesianern.

Jürgen Trittin

ist als Abgeordneter für die Grünen Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags und in der Parlamentarischen Versammlung der Nato. Von 1998 bis 2005 war er Bundesumweltminister, von 2009 bis 2013 Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag.

Sie hat noch etwas anderes Einzigartiges gemacht. Sie hat Wahlempfehlungen ausgesprochen. Eine echte Neuerung.

Das werde ich nicht nur vermissen, weil wir Grüne dabei wiederholt mit einer FTD -Empfehlung geehrt wurden, sondern weil die Zeitung damit Mut bewiesen hat, klar Stellung zu beziehen.

Die FTD trat an, das Monopol der Finanzzeitungen in Deutschland aufzubrechen. Es ist ihr fast 13 Jahre lang gelungen. Von heute an wird die Meinungsvielfalt in Wirtschafts- und Finanzthemen deutlich kleiner sein. Nach über zwölf Jahren ausgezeichneter Berichterstattung geht ein wichtiger Bestandteil der deutschen Qualitätspresse zu Ende.

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Kommentare

47 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ruhe in Unfrieden, Journalismus

Inwiefern in Deutschland noch wahrer Journalismus betrieben wird, lässt sich schwer sagen und ob dies nicht auch eine Rolle bei der FTD spielte. Aber so viel ist sicher, die FTD starb am "Infotainment". Ich habe sie nie gelesen, da Wirtschaft nicht mein Bereich ist, aber mit ihrem Weggang hat die deutsche Zeitungslandschaft deutlich verloren.

Unflätiges Heulen

Ihr seid selbst schuld - und zwar alle. Mich persönlich nervt es auch, dass die FTD nicht mehr erscheint, war sie doch eines der wenigen Blätter, die ich überhaupt noch ernst genommen habe und das meiner Meinung nach professionellen und klugen Journalismus betrieb. Allerdings ist auch meine Heulerei verlogen, da ich das Blatt schon lange nicht mehr als Printprodukt erwarb. Dabei ging es weniger ums Geld - surfen ist einfach schneller und bequemer. Warum sollte ich ein Stück Papier kaufen, in dem steht, was ich ohnehin schon gelesen habe? Hier gelangen wir zum entscheidenden Punkt - dem Grund ein Produkt zu erwerben. Wer sich billig macht (und das gilt auch für dich - ZEIT, die ich auch nicht mehr kaufe, weil ich es nicht muss), kommt in der Kostenfalle um - über kurz oder lang. Eine Zeitung ist auf Dauer nicht finanzierbar, wenn Papierkäufer und damit Anzeigenkunden wegfallen, sie darauf angewiesen ist, mittels Online-Anzeigen zu kompensieren. Das mag für kleine Blätter oder Blogger (Zweitverwerter) funktionieren, nicht aber für eine große Redaktion samt Anhang. Die Lösung ist einfach, wenn auch schmerzhaft: Entweder, die Verlage führen in ihrer Gesamtheit eine Paywall ein oder Printprodukte samt Einnahmen rechnen sich in wenigen Jahren nicht mehr und ich möchte bezweifeln, dass das durch Bannerwerbung zu kompensieren ist. Ihr schaufelt euch euer eigenes Grab, wenn ihr die Umsonst-Mentalität weiter auf diese Art stützt.

Sie sprechen mir aus der Seele....

...auch ich finde, dass man für unabhängige Berichterstattung zahlen sollte. Aber warum soll ich mir eine ganze Zeitung kaufen, wenn ich nur ein paar Artikel lesen will. Für ein Zeitungsportal mit den verschiedensten Zeitungen würde ich gern einen angemessenen Preis bezahlen. Also neue Ideen müssen her und neue Bezahlmöglichkeiten. Damit hätte ich auch die Möglichkeit örtliche und überregionale Zeitungen nach Bedarf zu lesen.

Vorschlag

Ein Bezahlmodell im Internet wird tatsächlich nur vernünftig funktionieren, sofern der Großteil der Verlage mitmacht. Dann müsste aber ein ordentlichen Preismodell geschaffen werden.
Eine gute Idee wäre mMn zB ein grundsätzlich nutzungsabhängiges Entgelt zu erheben, welches allerdings nach oben gedeckelt ist (sagen wir zB 20 EUR im Monat). Praktisch eine Art Flatrate für Zeitungen.
Da dies ein gemeinsames Projekt mehrerer Zeitungen wäre, würden die Einnahmen zunächst in einen gemeinsamen Topf fließen und anschließend nach tatsächlichen Leserzahlen anteilig verteilt.

@Nr. 29 (Gebühren für Online-Dienste sind ein Irrweg)

Sie glauben doch nicht im Ernst, dass jemand Geld für das Online-Angebot ausgibt, der schon keine Zeitung kauft? Wenn er auf den Seiten der Printmedien nicht mehr surfen kann, tut er das auf den Internetseiten der Fernsehsender. Die Mediathek von ARD/ZDF ist ja groß genug. Übrigens ist das Online-Angebot von NY Times oder Washington Post ebenfalls gebührenfrei und diese Zeitungen existierten trotzdem. Ich würde sogar behaupten, dass es eher umgekehrt ist: das Online-Angebot ist ein erster Anreiz sich später doch einmal die Zeitung zuzulegen. Ob dann ein Leser diesem Angebot treu bleibt, hängt wiederum von der Qualität des Journalismus ab. Man sollte das Internet als Chance sehen, Leser mit der Zeitung in Kontakt zu bringen, die man sonst nie erreichen würde.

Online lesen heißt nichts Gedrucktes kennen

Auch hier liegt wieder der Irrtum zugrunde, die ZEIT Online böte das gleiche zu lesen wie die gedruckte ZEIT. Das stimmt aber nicht, es sind zwei verschiedene Redaktionen und Produkte, nur partiell - nach welchen Kriterien auch immer - werden Print-Artikel auch online übernommen, umgekehrt funktioniert das gar nicht. Und damit steht die ZEIT nicht allein, SPIEGEL ONLINE ist ja nun das allerbeste Beispiel für zwei überschneidungsfreie Produkte unter dem gleichen Markendach..

Das beste an diesem Missverständnis ist, dass er den Print-Qualitätsjournalismus am Ende wirklich noch umbringen wird, aus Versehen sozusagen. Vielleicht war es falsch, ursprünglich mal ZEIT Online, SPIEGEL Online, f.a.z. net usw. drüber zu schreiben, aber sonst hätte niemand die Seiten besucht. Es wird noch gar nicht genug darüber nachgedacht, wie man eigentlich unter Lesern überhaupt mal bekannt macht, dass Print exklusive Inhalte längst hat, die jetzt auch hinter diversen demnächst einzurichtenden Bezahlschranken erworben werden können sollen. Was werden das dann für exklusive Inhalte sein? die gleichen wie gedruckt, dann doch noch? oder eine dritte Content-Sparte aufmachen? wir sind gespannt.

Das selbst schuld sein

betrifft ja nicht nur die Zeitungswelt. Es zieht sich über die Kultur bis hin zu so elemtaren Dingen wie unsere Ernährung oder im Schlepptau die Gesundheit.
Darum sollte man auch jegliches Schwarmintelligenzgeschwärme im Keim ersticke - der Klügere gibt solange nach bis er der Dümmere ist.
Und der Zeit Tips geben, bringt wenig - dafür twittert und facebookt man bei der Zeit zu gerne und versumpft immer weiter in der Belanglosigkeit seiner Selbst und der Masse. Traurig aber würde jemand Zeit-Online vermissen? Mehr vermissen als DIE ZEIT?