Wirtschaftskrise : Frankreich fürchtet die Immobilienblase

Hohe Schulden und eine geringe Wettbewerbsfähigkeit belasten Frankreichs Wirtschaft. Eine Immobilienkrise könnte noch hinzukommen.
Angebotene Wohnungen im fünften Bezirk in Paris © Thomas Samson/AFP/GettyImages

Auf den ersten Blick ist von Krise nichts zu spüren. Rund 230.000 Euro verlangt der Besitzer einer Wohnung im Norden von Paris , einem Appartement mit Blick auf den Innenhof. Oder das Hausboot auf dem Kanal Saint Martin, das ein Makler im Internet zum Kauf anbietet: Es soll rund 180.000 Euro kosten. Wer es komfortabler, geräumiger und zentraler mag, muss in Paris oft eine Million Euro oder mehr hinlegen.

Wohnraum ist in Frankreichs Hauptstadt knapp, entsprechend hoch sind die Preise. Und doch geht in der Immobilienbranche derzeit die Angst um – vor einer Krise, die Makler, Baufirmen und am Ende auch die Banken vor neue Probleme stellen könnte. "Die Immobilienblase in Paris wird platzen, die Preise werden einbrechen", sagt Philippe Trainar, der als Risikomanager beim französischen Rückversicherer Scor arbeitet. Jacques Friggit, Immobilienexperte beim Rat für Umwelt und nachhaltige Entwicklung im französischen Umweltministerium , rechnet mit zwei Szenarien. Entweder werden die Preise in den nächsten 20 Jahren stagnieren. Oder aber sie werden um 35 Prozent sinken, und das in nur fünf bis acht Jahren. Für wahrscheinlich hält der Fachmann die zweite Variante.

Die Lage ist anders als in Spanien , wo die Immobilienblase nach einem maßlosen Bauboom platze, Privatinsolvenzen und Bankenpleiten nach sich zog, und das Land in eine tiefe Schuldenkrise stürzte. In Frankreich gibt es eher zu wenig Wohnraum, vor allem in den Ballungsräumen. Im vergangenen Jahr wurden nur noch rund 300.000 neue Wohnungen gebaut. Nötig wären jährlich etwa 500.000.

Seit der Jahrtausendwende sind die Preise im Landesdurchschnitt um 139 Prozent gestiegen. In Paris waren es sogar 175 Prozent. Ein Quadratmeter in der Hauptstadt kostet heute im Durchschnitt 8.410 Euro. Ein Durchschnittsverdiener mit 2.000 Euro im Monat muss zehn Jahresgehälter einsetzen, um sich in Paris eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung zu kaufen. "Die Situation ist unhaltbar", sagt Friggit. Nun, in der Krise, beginnt sich deshalb der Markt zu drehen. Vielen Bürgern werden die Wohnungen schlicht zu teuer.

Die Banken zögern mit Krediten

Erste Anzeichen dafür, dass die Nachfrage nach Immobilien wegbricht, gibt es bereits. Von Januar bis November wurden in ganz Frankreich rund 13 Prozent weniger Neubauten begonnen als noch im Vorjahr. Vor allem die Monate September bis November waren der Branche eine Warnung. Rund 80.000 Grundsteine wurden in diesem Zeitraum gelegt, ein Viertel weniger als in den ersten neun Monaten 2011. Auch für ältere Immobilien finden sich mittlerweile weniger Käufer. Und auch die Banken werden vorsichtiger: Bis zum September vergaben sie rund 30 Prozent weniger Immobilienkredite als noch im gleichen Zeitraum 2011.

Sinkt die Nachfrage nach Immobilien weiter, werden irgendwann auch die Preise fallen – mit entsprechenden Konsequenzen für Frankreichs Wirtschaft und Bankensystem. Das Land steckt in der Rezession, die Arbeitslosigkeit liegt mittlerweile bei mehr als zehn Prozent, auch im kommenden Jahr wird die Wirtschaft wohl nicht wachsen. Die Banken zögern mit Krediten – auch weil viele Arbeitsverträge derzeit auf einen Monat befristet sind. Außerdem verlangen die Regulierer deutlich mehr Eigenkapital auf neue riskante Darlehen.

"Der Preisdruck wird zunehmen"

Die Frage ist nun, wie viele Risiken die Banken bereits am französischen Immobilienmarkt eingegangen sind. Fallen die Preise weiter, könnte der Wertverlust der Immobilien vor allem überschuldete Familien schwer treffen, warnt der Risikoexperte Trainar. Einige Kredite könnten dann ausfallen. Die teilweise erheblichen Risiken, die sich dadurch für die Banken ergeben, würden erst dann sichtbar werden, wenn die Preise nicht mehr so hoch blieben wie in den vergangenen Jahren, sagt Ulrich Hege, Finanzprofessor an der Wirtschaftshochschule HEC Paris .

"Der Preisdruck wird zunehmen", sagt auch Michel Mouillart, Immobilienexperte an der Universität Paris X . Er glaubt, dass die Zahl der Neubauten auch im kommenden Jahr um 20.000 sinken wird. Daran wird wohl auch das nach der Wohnungsbauministerin Cécile Duflot benannte Gesetz nichts ändern, das Steuererleichterungen für den Bau von Mietwohnungen vorsieht. Auch Bauunternehmer und Makler schlagen Alarm. Der Verband französischer Bauunternehmer FFB rechnet damit, dass nächstes Jahr rund 40.000 Arbeitsplätze in der Branche wegfallen könnten. Laut dem Maklerverband Fnaim schlossen im ersten Halbjahr rund 350 Büros, weitere 5.000 Maklerjobs seien in Gefahr.

In Frankreich werden Erinnerungen an die neunziger Jahre wach. Schon damals stiegen die Preise erst drastisch, dann stagnierten sie – und brachen schließlich um mehr als 60 Prozent ihres ursprünglichen Wertes ein.  

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Warum wird nicht reguliert?

Immer wieder das Gleiche...

Warum kann da man da nicht mal entsprechend regulieren? Zum Beispiel die maximale Kreditvergabe an den erzielbaren Mietpreis koppeln, da sich bei Blasen meist noch halbwegs moderate Mietpreissteigerungen zeigen?
So wäre es doch garkein Problem, wenn die Preise fallen, da die Banken bei iliquiden Immobolienbesitzern viel häufiger bei der Zwangsversteigerung den vollen Betrag zurückbekämen als wenn sie Blasen-Kredite vergeben die sich an Werten orientieren, die rein spekulativ in die Höhe getrieben sind... Wer dann die Boompreise zahlt und zockt, ist eben selber Schuld...

Regulieren kann viel helfen, kann aber auch viel kaputt machen.

Beispiel Spanien. Frau Finkenzeller erzählt leider nur die halbe Wahrheit. In Spanien wurden viele Arbeiter nicht nur wegen des zu Ende gehenden Baubooms arbeitslos, sondern noch viel mehr Arbeiter verloren ihren Job wegen der harten Sparlinie der Regierung.

Viele der dann Arbeitslosen hatten sich eine Wohnung auf Pump gekauft. Das waren bei der Vergabe keine faulen Kredit. Faul wurden sie erst, als die Regierung drastisch zu sparen anfing und dadurch die Arbeitslosenzahlen stiegen.

Der Bauboom wurde also erst durch die staatliche Regulierung, die krasse Sparpolitik, zu einem Riesenproblem. In Spanien gibt es viele Arbeiter aus Mittelamerika, die nachdem sie nun ihren Job und ihre Immobilie verloren haben, das Land mit weniger verlassen, als sie damals mitgebracht haben. Das alles geht natürlich voll zu Lasten der spanischen Wirtschaftsleistung.

Andererseits, wenn der Markt annähernd funktionieren würde, müsste überall dort, wo die Mieten steigen, auch die Bauaktivität steigen. das passiert aber nicht. In Paris sind die Mieten seit 30 Jahren irre hoch. In anderen Großstädten ist das Problem ähnlich. Eher werden Büro- und Gewerberäume gebaut als Wohnräume, denn leider werden hohe Mieten von den Stadtverantwortlichen häufig als eine Art Exzellenzkriterium für die Attraktivität der Stadt gesehen.

Regulierung also auch dort, aber leider in die falschen Richtung. Sie kriegen keine gute Entwicklung, wenn die Eliten in die konträr regulieren.

2 Nachrichten für Sie

Die schlechte Nachricht: Die "Irgendwelche Zugezogenen" haben etwas,was Sie meines Erachtens gar nicht haben,nämlich Geld,viel Geld.

Die gute Nachricht:Irgendwann,vielleicht sogar bald,wird der Immobilienmarkt in den westlichen Länder kollabieren,dann fallen die Preise wie abgeschossene Tauben...Siehe Link.Leider nur en français disponible.

http://www.leap2020.eu/Le...

Mieten orientieren sich an der Wirtschaftskraft

Der Unterchied zu anderen europäischen Hauptstädten ist allerdings, dass Berlin nicht das wirtschaftliche Zentrum des Landes ist. Nicht einmal annäherend. Mieten müssen sich am Ende an den Einkommen vor Ort orientieren. Und diese sind eben Abbild der Wirtschaftskraft.

Deutschland besitzt eine polyzentrische Siedlungsstruktur. Diese wird verhindern, dass sich in Berlin ein wesentliches Wirtschaftszentrum bilden wird. Kaum ein Industrieunternehmen wird hierher (ich wohne in Berlin) verlagern.

Dies ist auch einer der wesentlichen Fehler, die die vielen (Panik)Käufer von Wohnungen aus dem Ausland machen. Ihr Geld wäre wohl in Stuttgart oder Frankfurt am Main besser angelegt.

Spannende These

besonders wenn sie in Berlin leben, denn es ist ja schon spannend das BIPs Berlin mit großen Flächenländern wie BW, Bayer, Hessen zu vgl..
Denn besser als in Berlin und dem Speckgürtel kann man sein Geld nicht anlegen, denn sie haben ein Heer von Beschäftigen in Berlin und Potsdam, das regelmäßig am 1. (?) ihr Gehalt (das weit über dem Bundesdurchschnitt liegt bezieht) ja richtig der öffentliche Dienst (Ministerien, Ämter, Verwaltungen jeglicher Art) und nicht zu vergessen die Firmen die ihre Sitze nach Berlin verlagern, denn nur dort kann man Einfluss auf die Politk nehmen.
Ist übrigens hier in Canada das selbe, dort sind Immobilien in Ottawa eine gute Geldanlage.
Und das es nicht zu mehr Ansiedlungen kommt ist auch den Ämtern zu verdanken. Kollege hatte (im Oktober) eine Firma die sich im Speckgürtel ansiedeln wollte (50 Arbeitsplätze), dafür wurde nur noch eine Entscheidung benötigt, das Gremium trifft sich aber nur einmal im Jahr (im September), da zieht der Unternehmer nun weiter nach Polen, ist aber andere Baustelle.

Unterhalten sie sich mal mit Leuten aus den von Ihnen genannten Regionen, da sieht es auch nicht mehr so rosig aus, allein im Ländle haben im letzten Jahr mir bekannt zwei Großfleischereien den Arsch hochgerissen.

Ein bekannter Prozess

Ob Immobilien oder andere Wirtschaftsgüter, die auf Kredit gekauft werden: Es ist immer der gleiche Prozess. Erst wächst mit dem Kredit die Angebotssteigerung, dann wird sie weniger und weniger. Am Ende fällt sie ganz aus, weil Wachstum keine Einbahnstrasse ist.
Ohne Angebotssteigerung werden Kredite notleidend und fallen aus. Vermögensvernichtung ist die Folge. Einen einfacheren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung gibt es nicht.
Jeder weiß es, aber kaum einer hält sich daran. Offenbar ist der Kauf auf Pump und der Glaube dass die Angebotssteigerung von Dauer ist eine Wunschrichtung, der sich nur wenige entziehen können. So denkt kaum einer an Rückzahlung. So wird auch Frankreich den Geruch der Pleite riechen, wenn nicht ein Wunder geschieht.