Auf den ersten Blick ist von Krise nichts zu spüren. Rund 230.000 Euro verlangt der Besitzer einer Wohnung im Norden von Paris , einem Appartement mit Blick auf den Innenhof. Oder das Hausboot auf dem Kanal Saint Martin, das ein Makler im Internet zum Kauf anbietet: Es soll rund 180.000 Euro kosten. Wer es komfortabler, geräumiger und zentraler mag, muss in Paris oft eine Million Euro oder mehr hinlegen.

Wohnraum ist in Frankreichs Hauptstadt knapp, entsprechend hoch sind die Preise. Und doch geht in der Immobilienbranche derzeit die Angst um – vor einer Krise, die Makler, Baufirmen und am Ende auch die Banken vor neue Probleme stellen könnte. "Die Immobilienblase in Paris wird platzen, die Preise werden einbrechen", sagt Philippe Trainar, der als Risikomanager beim französischen Rückversicherer Scor arbeitet. Jacques Friggit, Immobilienexperte beim Rat für Umwelt und nachhaltige Entwicklung im französischen Umweltministerium , rechnet mit zwei Szenarien. Entweder werden die Preise in den nächsten 20 Jahren stagnieren. Oder aber sie werden um 35 Prozent sinken, und das in nur fünf bis acht Jahren. Für wahrscheinlich hält der Fachmann die zweite Variante.

Die Lage ist anders als in Spanien , wo die Immobilienblase nach einem maßlosen Bauboom platze, Privatinsolvenzen und Bankenpleiten nach sich zog, und das Land in eine tiefe Schuldenkrise stürzte. In Frankreich gibt es eher zu wenig Wohnraum, vor allem in den Ballungsräumen. Im vergangenen Jahr wurden nur noch rund 300.000 neue Wohnungen gebaut. Nötig wären jährlich etwa 500.000.

Seit der Jahrtausendwende sind die Preise im Landesdurchschnitt um 139 Prozent gestiegen. In Paris waren es sogar 175 Prozent. Ein Quadratmeter in der Hauptstadt kostet heute im Durchschnitt 8.410 Euro. Ein Durchschnittsverdiener mit 2.000 Euro im Monat muss zehn Jahresgehälter einsetzen, um sich in Paris eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung zu kaufen. "Die Situation ist unhaltbar", sagt Friggit. Nun, in der Krise, beginnt sich deshalb der Markt zu drehen. Vielen Bürgern werden die Wohnungen schlicht zu teuer.

Die Banken zögern mit Krediten

Erste Anzeichen dafür, dass die Nachfrage nach Immobilien wegbricht, gibt es bereits. Von Januar bis November wurden in ganz Frankreich rund 13 Prozent weniger Neubauten begonnen als noch im Vorjahr. Vor allem die Monate September bis November waren der Branche eine Warnung. Rund 80.000 Grundsteine wurden in diesem Zeitraum gelegt, ein Viertel weniger als in den ersten neun Monaten 2011. Auch für ältere Immobilien finden sich mittlerweile weniger Käufer. Und auch die Banken werden vorsichtiger: Bis zum September vergaben sie rund 30 Prozent weniger Immobilienkredite als noch im gleichen Zeitraum 2011.

Sinkt die Nachfrage nach Immobilien weiter, werden irgendwann auch die Preise fallen – mit entsprechenden Konsequenzen für Frankreichs Wirtschaft und Bankensystem. Das Land steckt in der Rezession, die Arbeitslosigkeit liegt mittlerweile bei mehr als zehn Prozent, auch im kommenden Jahr wird die Wirtschaft wohl nicht wachsen. Die Banken zögern mit Krediten – auch weil viele Arbeitsverträge derzeit auf einen Monat befristet sind. Außerdem verlangen die Regulierer deutlich mehr Eigenkapital auf neue riskante Darlehen.

"Der Preisdruck wird zunehmen"

Die Frage ist nun, wie viele Risiken die Banken bereits am französischen Immobilienmarkt eingegangen sind. Fallen die Preise weiter, könnte der Wertverlust der Immobilien vor allem überschuldete Familien schwer treffen, warnt der Risikoexperte Trainar. Einige Kredite könnten dann ausfallen. Die teilweise erheblichen Risiken, die sich dadurch für die Banken ergeben, würden erst dann sichtbar werden, wenn die Preise nicht mehr so hoch blieben wie in den vergangenen Jahren, sagt Ulrich Hege, Finanzprofessor an der Wirtschaftshochschule HEC Paris .

"Der Preisdruck wird zunehmen", sagt auch Michel Mouillart, Immobilienexperte an der Universität Paris X . Er glaubt, dass die Zahl der Neubauten auch im kommenden Jahr um 20.000 sinken wird. Daran wird wohl auch das nach der Wohnungsbauministerin Cécile Duflot benannte Gesetz nichts ändern, das Steuererleichterungen für den Bau von Mietwohnungen vorsieht. Auch Bauunternehmer und Makler schlagen Alarm. Der Verband französischer Bauunternehmer FFB rechnet damit, dass nächstes Jahr rund 40.000 Arbeitsplätze in der Branche wegfallen könnten. Laut dem Maklerverband Fnaim schlossen im ersten Halbjahr rund 350 Büros, weitere 5.000 Maklerjobs seien in Gefahr.

In Frankreich werden Erinnerungen an die neunziger Jahre wach. Schon damals stiegen die Preise erst drastisch, dann stagnierten sie – und brachen schließlich um mehr als 60 Prozent ihres ursprünglichen Wertes ein.