Jahresrückblick 2012"Die Deutschen wollen die Griechen bestrafen"

Mai 2012, Wahlkampf in Griechenland: Der Chefredakteur Andreas Kapsabelis zeigte in diesem Jahr mehrfach Merkel in Naziuniform auf dem Titel. Würde er das wieder tun? von Ferry Batzoglou

ZEIT ONLINE: Herr Kapsabelis, ist Dimokratia  ein Boulevard-Blatt?

Andreas Kapsabelis: Nein, wir sind eine politische Zeitung.

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ZEIT ONLINE: In der Gestaltung ihrer Titelseiten sind sie allerdings nicht gerade zimperlich. Anfang des Jahres haben Sie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in eine SS-Uniform gesteckt und mit Hakenkreuzbinden auf dem Titel abgebildet . Warum?

Kapsabelis: Wir haben damit nur die Gefühlslage der Griechen medial zum Ausdruck gebracht. Der Umgang mit Griechenland und den Griechen erinnert die meisten Menschen hierzulande an das Dritte Reich. Griechenland ist für sie das neue Dachau .

ZEIT ONLINE: Übertreiben Sie da nicht maßlos?

Kapsabelis: Das sehe ich nicht so. Wir kritisieren das, was wir eine "Politik des Stiefels" nennen. Viele Griechen glauben, dass ihnen von deutscher Seite über die Kreditauflagen gewaltsam, mit der Brechstange, Maßnahmen aufgebürdet werden, die die Gesellschaft in den Ruin treiben.

Andreas Kapsabelis

Der 49-Jährige ist Chefredakteur der konservativen Athener Tageszeitung "Dimokratia"

ZEIT ONLINE: Solche Nazi-Vergleiche machen vor allem Stimmung gegen Deutschland. Wem ist damit geholfen?

Kapsabelis: Wir haben nicht ein Problem mit den Deutschen, sondern mit dem Starrsinn der Regierenden in Deutschland. Sie halten an einer Politik fest, die definitiv gescheitert ist.

ZEIT ONLINE: Noch einmal: Was wollen Sie mit solchen Titelbildern erreichen? Dass die Deutschen ihre Regierung abwählen?

Kapsabelis: Das wollen und können wir doch gar nicht. Unsere Botschaft ist: Der Druck, der auf die Griechen unentwegt ausgeübt wird, ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu rechtfertigen. Die Griechen sind davon überzeugt, dass zumindest ein Teil der Deutschen ihnen nicht helfen, sondern sie bestrafen will.

Jahresrückblick 2012

Zwölf Monate, zwölf Protagonisten: ZEIT ONLINE erzählt das Jahr 2012 aus der Sicht von Beobachtern und Menschen, die dabei waren, ohne im Scheinwerferlicht zu stehen. Jeden Tag veröffentlichen wir zwei neue Folgen.

Alle Geschichten im Überblick:

Was im Mai noch geschah

François Hollande wird Nachfolger von Nicolas Sarkozy im Amt des französischen Präsidenten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel feuert Umweltminister Norbert Röttgen. Peter Altmaier wird Nachfolger.

Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa erreicht neue Rekordstände.

Facebook geht an die Börse. Das soziale Netzwerk wird in den Folgemonaten immer stärker auf Gewinnmaximierung ausgerichtet, trotzdem steigt die Zahl der Nutzer auf mehr als eine Milliarde.

Nach den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein wird eine Dänen-Ampel-Koalition aus SPD, Bündnis 90/Grüne und SSW gebildet, Torsten Albig (SPD) wird Ministerpräsident.

Bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen gewinnt die rot-grüne Koalition die Mehrheit, Hannelore Kraft wird Ministerpräsidentin.

Bildungsministerin Annette Schavan wird vorgeworfen, bei ihrer 32 Jahre alten Dissertation plagiiert zu haben.

Bayern München verliert im eigenen Stadion das Finale der Champions League gegen den FC Chelsea.

Der österreichische Regisseur Michael Haneke gewinnt zum zweiten Mal die Goldene Palme in Cannes – diesmal für seinen Film "Liebe". Der Film erhält im Laufe des Jahres auch die meisten anderen wichtigen europäischen Filmpreise.

ZEIT ONLINE: Ihre Zeitung heißt Dimokratia . Sie zeigen aber Uniformen aus Diktaturzeiten. Ein Widerspruch?

Kapsabelis: Der Name der Zeitung ist unser Credo. Griechenland ist das Geburtsland der Demokratie, seit Tausenden Jahren ist sie hier zu Hause. Im Übrigen hat selbst Altbundeskanzler Helmut Schmidt kürzlich sehr weise die von Deutschland betriebene Politik gebrandmarkt. Herr Schmidt hat vielen Griechen aus dem Herzen gesprochen.

© Dimokratia

ZEIT ONLINE: Wer hatte die Idee für die Titelbilder?

Kapsabelis: Dafür bedurfte es keiner besonderen Inspiration. Schon im Sommer 2011 waren bei Großdemos gegen die Sparpolitik Transparente mit Aufschriften wie "Viertes Reich" und Nazi-Symbolen zu sehen.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie mit den Nazi-Vergleichen Ihre Auflage steigern?

Kapsabelis: Ich weiß, worauf sie hinauswollen. Wir steigern unsere Auflage seit dem ersten Erscheinen unserer Zeitung am 2. Dezember 2010 stetig. Das hängt nicht von den Titelseiten ab.

ZEIT ONLINE: Falls Sie einen Interviewtermin mit Angela Merkel bekämen, was würden Sie sie zu Beginn fragen?

Kapsabelis: Ich würde so beginnen: Wie viel müssen die Griechen noch liefern? Wie sehr müssen die Griechen noch bluten, damit die deutschen Banker und die Starken in Deutschland von der Krise profitieren?

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Leserkommentare
  1. http://alternativlos.org/1/

    Anhören und erkennen was hier wirklich gespielt wird!

    Eine Leserempfehlung
    • WolfHai
    • 27. Dezember 2012 9:47 Uhr

    Eine solide ökonomische Analyse hätte den Interviewten, Herrn Kapsabelis, dazu geführt, den Euro als Gegner zu sehen, nicht die Deutschen. Es ist der Euro, der es den Griechen nicht erlaubt, wettbewerbsfähig zu sein, der ihnen also Arbeit und Einkommen wegnimmt und die Verschuldung unlösbar macht, die sie in die Abhängigkeit treibt. "Die Deutschen" hingegen wollen lediglich, dass die Griechen ihre Rechnungen bezahlen.

    Die deutsche *Regierung* hingegen will das Unmögliche: dass die Griechen ihre Wettbewerbsfähigkeit innerhalb des Euro wiedererlangt. Das geht nicht, und hier gebe ich dem Interviewten recht: die deutsche Regierung ist dabei, Griechenland auf dem Altar des angebeteten Euro zu schlachten.

    Griechenland sollte von sich aus aus dem Euro austreten. Dafür zu kämpfen wäre sinnvoller, als "die Deutschen" zum Feind zu erklären.

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  2. Sie sehen also das Heil der Griechen in einer "kompetitiven Abwertung" (den Begriff habe ich von der wikipedia)
    http://de.wikipedia.org/w...

    Durch eine kompetitive Abwertung erhöht man die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Volkswirtschaft, was eine Rückkehr zur Drachme ermöglichen würde.

    Aber: Das geschähe auf Kosten anderer Volkswirtschaften.

    Kehren die Griechen zur Drachme zurück und werten sie ab, können griechische Händler Oliven aus Griechenland in D besser verkaufen als italienische Händler Oliven aus Italien oder spanische Händler Oliven aus Spanien.

    In Spanien, Italien, Portugal könnten deshalb ebenfalls Gelüste entstehen, zu Lira/Peseta/Escudo zurückzukehren und abzuwerten. Und in den Niederlanden könnte Geert Wilders, der den Gulden zurückhaben will, Auftrieb bekommen.

    Nein, durch solche unsolidarischen Tricks darf das Schuldenproblem nicht gelöst werden. Sonst geht es abwärts mit Europa.

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    Eine Steigerung der Wettbewerbsfaehigkeit geschieht natuerlich immer irgendwie zu Lasten der anderen Produzenten. Und genau das ist auch gut so. Wie kann man sich auf der einen Seite beschweren Griechenland sei nicht wettbewerbsfähig, auf der anderen Seite aber Schritte die die Wettbewerbsfaehigkeit erhoehen mit einer solchen Erklaerung verurteilen?!
    Moechten Sie die Griechen zu ewiger Armut verdammen? Oder, dass sie dauerhaft an der Brust des nordeuropäischen Stuerzahlers haengen?

    • WolfHai
    • 27. Dezember 2012 10:33 Uhr

    Eine Abwertung ist kein "unsolidarischer Trick", wenn sie die Verzerrungen der Wechselkurse beendet. Und diese Wechselkurse sind im Moment verzerrt, wie man leicht an den Leistungsbilanzungleichgewichten ablesen kann.

    • ffes
    • 27. Dezember 2012 17:14 Uhr

    Schauen Sie doch einmal im Supermarkt, welche Firmen griechische Oliven bzw Olivenöl vertreibt.

  3. "Aber um die Frage des Herrn Kapsabelis zu beantworten, wie lange Griechenland liefern muss - so lange bis bezahlt ist was man fällig schuldet oder eine tragfähige Regelung gefunden ist."

    Also das mindeste waere ja, so lange, bis man von dem was man einnimmt auch seine täglichen Ausgaben begleichen kann. Aber Griechenland hat trotz allen (zum grossen Teil auch nicht oder nur unzureichend umgesetzten) Sparmassnahmen noch ein Primärdeffizit. Es gibt also sogar ohne Zins- und Tilgungszahlungen mehr aus als es einimmt. So lange das so ist hat Griechenland kein Recht sich bei irgend jemanden anderem als bei der eigenen Regeirung zu beschweren, die es nach wie vor nicht schafft ein gerechtes und effizientes Steuersystem einzufuehren!

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  4. Eine Steigerung der Wettbewerbsfaehigkeit geschieht natuerlich immer irgendwie zu Lasten der anderen Produzenten. Und genau das ist auch gut so. Wie kann man sich auf der einen Seite beschweren Griechenland sei nicht wettbewerbsfähig, auf der anderen Seite aber Schritte die die Wettbewerbsfaehigkeit erhoehen mit einer solchen Erklaerung verurteilen?!
    Moechten Sie die Griechen zu ewiger Armut verdammen? Oder, dass sie dauerhaft an der Brust des nordeuropäischen Stuerzahlers haengen?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kompetitive Abwertung"
  5. Sie beklagen diffuse Schuldzuweisungen aber kommen selbst nicht darüber hinaus. Klar sollten die Probleme wenn möglich immer vor Ort von den Einwohnern gelöst werden... aber es hat doch nicht nur Griechenland ein Problem, sondern vor allem dessen Gläubiger.

    Und ich frage mich auch wie man auf so eine sinnlose Frage kommt:
    "Ihre Zeitung heißt Dimokratia. Sie zeigen aber Uniformen aus Diktaturzeiten. Ein Widerspruch?"

    3 Leserempfehlungen
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    Doppelpost. Die Redaktion/se

    • Mari o
    • 27. Dezember 2012 10:17 Uhr

    Die Lösung:
    Bedingungsloses Grundeinkommen für die griechische Bevölkerung.
    http://www.zeit.de/video/...

    ;)

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    Ich habe mich jetz einige Wochen mit disem Thema beschäftigt: bedingungsloses Grundeinkommen.

    Ich kann keine Lösung in diesem Modell ekennen.

    Bei jedem System kommt es daruf an, was die Menchen daraus machen.

    Die FDP forderte in ihrem Walprogramm 2005, "daß die Bezahlung der Arbeitnehmer in die Hände der Arbeitgeber gelegt werden solle."

    Das würde also so aussehen: Bedingungsloses Grundeinkommen: Höhe????
    Dazu Lohn im Ermessen der Arbeitgeber Höhe ???

    Ergibt: Existenzminimum ???

    Dieses Grundeinkommen ändert entweder nichts oder führt zu einem unproduktiven kommunisteischen Wirtschasftssytem.

    • Azenion
    • 27. Dezember 2012 10:19 Uhr

    Zwar hat der Fragesteller ein wenig nachgebohrt, was der Zweck des Nazititelbildes war, doch ist der Verantwortliche mit seinen ausweichenden Antworten davongekommen.

    Ich sehe folgende mögliche Zielsetzungen:
    - Die Deutschen (Regierung oder Volk) aufrütteln.
    Der Chefredakteur ist vielleicht zu ungebildet, um die Nazizeit zu kennen, oder zu wissen, wie eine grotesk unangemessene Nazikeule in Deutschland wirkt: kontraproduktiv.
    - Bei den Griechen Ressentiments gegen Deutsche verstärken.
    Ein Sündenbock im Ausland zu finden ist allemal populärer als eine Analyse, bei der griechische Eigenverantwortlichkeit einen bedeutenden Platz einnehmen würde.

    Auch angesichts der Zielgruppe für die Zeitschrift hege ich keinen Zweifel, daß die zweite These die richtige ist. Nur wird der Redakteur das natürlich nicht zugeben.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Dachau"

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