NiederlassungenOnlinehändler bauen auf die reale Welt

Online geht Offline: Versandhändler wie Zalando eröffnen in Städten erste eigene Filialen – und entdecken die Vorteile der persönlichen Begegnung. von Constance Frey

Bei Shoepassion.de werden "Herrenschuhe aus Leidenschaft" vertrieben. Gutes Schuhwerk. Rahmengenähte Volllederschuhe. Bislang haben Ko-Geschäftsführer Tim Keding und sein Team das online gemacht. Seit kurzem gibt es die Schuhe auch in der Ackerstraße in Berlin-Mitte. Zwei große Schaufenster öffnen den Blick in einen lichten Raum mit offener Galerie, auf der Mitarbeiter an Schreibtischen sitzen. In den Katakomben der alten Markthalle verbirgt sich das Lager mit einigen tausend Schuhpaaren.

Shoepassion macht, was offenbar zum Trend wird: Online-Shops eröffnen Ladengeschäfte. Shoepassion ist in den vergangenen zwei Jahren seit der Gründung rasant gewachsen. Und die Kunden kamen am ersten Standort der Firma in der Greifswalder Straße auch einfach vorbei, obwohl es dort anfangs keinen Showroom gab. "Zunächst waren wir gar nicht darauf vorbereitet, dass die Kunden einfach zu uns kommen wollen", sagt Tim Keding. Viele hätten noch nie etwas im Internet bestellt, ihr erster Online-Schuhkauf habe laut Keding bei den Berlinern stattgefunden.

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Die 16 Mitarbeiter von Shoepassion bemühen sich, die in Spanien handgefertigten Schuhe möglichst detailgenau abzubilden. Doch auch die besten Fotografien ersetzen nicht das Anprobieren eines neuen Paars oder das Beratungsgespräch vor Ort. Insofern war es konsequent, ein Geschäft zu eröffnen, in dem es auch einen Schuhreparaturservice und Schuhpflegeseminare geben soll.

Ein Ladengeschäft in der Hauptstadt bot sich auch an, weil ihre Käufer aus dem Ausland den touristischen Berlinbesuch mit einem Schuhkauf bei Shoepassion verbinden.

Im Gegensatz zum stationären Handel ist die Wachstumsrate beim Onlinegeschäft zweistellig, der Umsatz liegt nach zwei Jahren im siebenstelligen Bereich. Tim Keding ist sich sicher, dass in den nächsten Jahren noch einige Internethändler Offline-Läden eröffnen werden: "Ich prognostiziere sogar einen Paradigmenwechsel." Das gelte besonders für Geschäftsmodelle, wo es darum gehe, eine Art "Feinkostgeschäft im Internet" zu installieren.

Auch das 2009 in Berlin gegründete Start-up Zalando ist inzwischen offline aktiv. Im Kreuzberger Outlet kann man Schuhe einkaufen – allerdings nur, wenn man sich online registriert hat. Auf zwei Fabriketagen finden sich Schuhe sowie Klamotten und Accessoires. An den schmucklosen Regalen, in denen sich die Schuhe nach Größe sortiert aneinanderreihen, hängen riesige Baumwolltaschen, die ähnlich wie bei der schwedischen Möbelhauskette Ikea dazu dienen, möglichst viel Beute zur Kasse zu transportieren.

Auch Möbel wecken beim Kunden das Bedürfnis, sie vor dem Kauf anzufassen. Das Berliner Unternehmen Sitzfeldt hat ebenfalls mit einem Onlineshop begonnen. Inzwischen gibt es einen Showroom hinter dem Hamburger Bahnhof. Ähnlich verhält es sich mit dem Online-Start-up Fashion for Home, das Ende August einen Showroom eröffnet hat. In der Behrenstraße in Berlin-Mitte können Kunden auf mehr als 400 Quadratmetern Designermöbel in Augenschein nehmen, Stoffe und Tapeten anfassen und sich beraten lassen. Der Laden soll regelmäßig neu bestückt werden, vor Ort können nur 150 Artikel und damit nur ein kleiner Teil des 10.000 Artikel umfassenden Sortiments gezeigt werden. Neben der persönlichen Beratung per Chat und Telefon sei es wichtig, auf die Kunden zuzugehen, sagt Geschäftsführer Marc Appelhoff. Zudem sei der Shop ein Anlaufpunkt für Mitarbeiter und Partner.

Vor drei Jahren hat sich die Online-Partnervermittlung E-Darling gegründet. Einer der Gründer, David Khalil, hat mit weiteren Geschäftspartnern 2009 angefangen, Onlinedating anzubieten. Heute organisieren 300 Leute in einer Kreuzberger Fabriketage auf 1600 Quadratmetern Onlinedating in 14 Ländern von Norwegen bis Chile. Bis Ende des Jahres werden es 20 Länder sein. Dann wird E-Darling ein Stockwerk tiefer mit einer Beratungsstelle offline gehen. "Unsere Zielgruppe ist mit 30 bis 60 Jahren älter als beispielsweise bei Fashion for Home oder Zalando", sagt Khalil, "da gibt es mehr Berührungsängste oder auch Online-Verweigerer". Ziel ist es nach wie vor, die Abschlüsse online zu machen. Insofern versteht er das neue Beratungsangebot als Zusatz für den Online-Kunden.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. ja deshalb offline weil die Bestellungen die der Bestellkunde behält und bezahlt anteilmäßig immer weniger werden vom Gesamtumsatz der in der Kasse bleibt. Wie zum Beispiel in Berlin die vom Steuerzahler geleisteten Millionensubventionen für Internetneugründungen aufgebraucht sind muß echter Umsatz her.
    Es ist ohnehin die vernünftigere Alternative direkt im Laden zu kaufen und dabei nebenebei die Tonnen von Kleinpaketen zu Hungerlöhnen ausgeliefert dadurch zurückzufahren.

  2. Die Versender brauchen Dumme, die ihren Kram in Franchise an den Mann bringen. Nur stationär hat man den Kunden so richtig im Griff und hat auch noch Absatzmittler, die der "Geschäftsidee" so richtig verpflichtet sind. Wer nicht verkauft, ist erst recht pleite also legt man sich ins Zeug. Wer mal die üblichen Franchisemodelle studiert hat, der weiß, auch, für WEN sich das wirklich lohnt.

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