Gaza-Konflikt : Israels Waffen für die Welt

Israels Wirtschaft ist abhängig von der heimischen Waffenindustrie. Auch Deutschland kauft in Israel ein – und unterstützt so den Gaza-Konflikt.
Hermes-Drohne des Herstellers Israel Aerospace Industries auf einer Präsentation in der Schweiz © Arnd Wiegmann/Reuters

Fremd und atemraubend: So sieht der Krieg in den Werbevideos der israelischen Waffenhersteller aus. In den Filmen, die israelische Rüstungsfirmen auf internationalen Waffenmessen zeigen, bewegen sich Soldaten fast schwerelos über die Kampfplätze der Welt.

Mal ähnelt die Landschaft einem irakischen Dorf oder einer palästinensischen Stadt, mal einem ärmlichen Vorort in den USA. Die Botschaft der Bilder: Der Krieg ist so global wie nie zuvor – und ebenso das Geschäft mit ihm.

Was die israelischen Hersteller von der Konkurrenz unterscheidet: In ihren Verkaufsgesprächen können sie damit werben, dass ihre Produkte kampferprobt sind. Bilder zeigen die Militäroperationen Gegossenes Blei oder Säule der Verteidigung im Gazastreifen in den Jahren 2009 und 2012.

Yotam Feldman

arbeitet als freier Journalist und Filmemacher in Tel Aviv. In seinem jüngsten Dokumentarfilm The Lab zeigt er auf, wie die israelische Waffenindustrie vom Nahost-Konflikt profitiert. Der Film erscheint in den kommenden Monaten in Europa.

Generäle der israelischen Armee sind bei den Verkaufsveranstaltungen zugegen. Nicht selten werden Berufssoldaten als Verkäufer engagiert. Das Geschäft mit den Waffen und ihre Verwendung im Krieg – beides ist in Israel eng verbunden.

Wer das verstehen will, muss sich die Geschichte der israelischen Waffenindustrie vergegenwärtigen. Sie ist älter als der Staat Israel. Die erste nationale Waffenfabrik TAAS ging 1933 in Betrieb und produzierte Patronengürtel und Schusswaffen. Bereits in den fünfziger Jahren begann Israel Waffen nach Afrika zu exportieren. Ein Versuch, den Waffenhandel als Teil des diplomatischen Geschäfts zu nutzen.

Ende der fünfziger Jahre hatte Israel bereits zwei weitere Waffenhersteller: Israeli Aerospace Industries, ein Unternehmen, das sich auf Equipment für Streitkräfte in der Luft spezialisierte, und Rafael, eine Firma, die Raketen und schweres Kriegsgerät produzierte. Schon damals war es für die Industrie von zentraler Bedeutung, die Waffen in der Praxis zu testen. Gabriel, die Rakete der Marine, wurde etwa 1973 im Yom Kipur Krieg getestet. Erst danach fand sie weltweit Käufer.

Umsätze der Waffenindustrie haben sich verdreifacht

Die Waffenindustrie Israels ist seither stetig gewachsen, mittlerweile auch um mehrere Privatfirmen. Einen weiteren Wachstumsschub erlebte die Branche nach dem Ausbruch der zweiten Intifada. Allein im vergangenen Jahrzehnt haben sich die Umsätze verdreifacht.

Nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums sind die Waffenexporte von 2,5 Milliarden Dollar im Jahr 2000 auf einen Spitzenwert von 7,4 Milliarden Dollar 2009 angestiegen. Im Jahr 2010 gingen sie leicht auf 7,2 Milliarden Dollar zurück. Nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums war Israel Ende der nuller Jahre der drittgrößte Exporteur von Waffen – nach den USA und Russland.

Andere Schätzungen sind da zurückhaltender. Laut Sipri, einem Friedensforschungsinstitut aus Stockholm, rangiert Israel auf dem neunten Platz der weltweit größten Waffenexporteure. Das ist beachtlich für ein Land, das Platz 39 der weltweit größten Volkswirtschaften einnimmt.

Lukratives Exportgeschäft mit Waffen

Waffenexporte machen heute rund 20 Prozent der israelischen Exporte aus – allerdings hängt noch ein viel größerer Teil der Wirtschaft von ihnen ab. Viele Produkte werden zwar zum Schutz der Sicherheit eingesetzt, sind aber offiziell keine Waffen. Dazu gehören Überwachungssysteme, Mauern und Zaunsysteme. Viele andere Sparten der Wirtschaft – insbesondere die Hightech-Industrie, nutzen die Entwicklungen und Möglichkeiten der Armee und der Verteidigungsindustrie.

Der Vorteil der Israelis: Sie können getestete Waffen für sogenannte asymetrische Kriege liefern, also für Kämpfe, in denen staatliche Armeen gegen Freischärler im Einsatz sind. Waffen, die in den Palästinensergebieten getestet und verbessert wurden, werden jetzt von den USA und den Alliierten im Irak und Afghanistan eingesetzt. Indien nutzt sie im Kaschmir-Konflikt, Kolumbien gegen die Farc, Mexiko und Brasilien im Kampf gegen Drogenkartelle. Dass die Waffen kampferprobt sind, scheint dem Geschäft der israelischen Hersteller mehr als förderlich zu sein.

Kurz nach dem Ende der Militäroperation 2009 im Gazastreifen, sagte Udi Shani, Generaldirektor im israelischen Verteidigungsministerium, voraus, dass die Absatzzahlen der israelischen Waffenindustrie steigen würden. "Die Kunden ziehen Israel wegen unserer Erfahrung vor", sagte er. Er sollte Recht behalten. Im gleichen Jahr stiegen die Waffenexporte Israels um zwölf Prozent, und zwar gegen den Trend: Wegen der Finanzkrise waren die gesamten Exporte des Landes im gleichen Zeitraum um 18,5 Prozent zurückgegangen.

Doppelmoral der Waffenkäufer

Die Länder, die bei Israel einkauften, scheinen zwei Dinge trennen zu können: Einerseits kritisieren sie den Einsatz in Gaza und seine Folgen, andererseits schätzen sie die technische Qualität der Waffen, die dabei zum Einsatz kommen.

Eine der Raketen, um die es dabei geht, ist die sogenannte Spike 4. Gebaut wird sie vom Waffenhersteller Rafael. Wie die Goldstone-Kommission in einem Bericht für die Vereinten Nationen darlegt, griff die israelische Armee mit einer solchen Rakete am 27. Dezember 2008 eine Abschlussveranstaltung der Polizeiakademie in Gaza an. 89 Zivilisten starben bei dem Angriff. Es war der Auftakt zur Operation Gegossenes Blei. Die Spike 4 verfügt über eine Kamera. Rafael wirbt damit, dass die Rakete besonders zielgenau und deshalb für den Einsatz in Städten besonders gut geeignet sei. Spanien, die Niederlande, Italien, Finnland, Singapur und andere Staaten nutzen Varianten der Spike 4.

Israels Waffenindustrie stellt auch Drohnen her. Etwa das Modell Heron, produziert von Israeli Aerospace Industries. Oder Hermes, deren Hersteller der Waffenkonzern Elbit Systems ist. Beide Drohnen kamen im Gaza-Krieg 2009 zum Einsatz.

Auch Deutschland kauft israelische Drohnen

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden die Raketen dabei falsch gelenkt und töteten Dutzende Zivilisten. Am 27. Dezember kamen bei einem Drohnenangriff auf ein Technikkolleg neun Studenten im Alter von 17 bis 19 Jahren ums Leben. Zwei Tage später starben bei einem Angriff auf ein Geschäft neun Familienmitglieder, zwei von ihnen waren 13 Jahre alt. Deutschland setzt ebenfalls auf die Heron-Drohne und hat sie im Gebrauch, ebenso Frankreich, Brasilien, Australien und Kanada. Neben den USA nutzen auch Großbritannien, Mexiko und Brasilien die Hermes-Drohne.

Die Operation Gegossenes Blei war auch der erste große Testversuch für das Prestigeprodukt BMS (Battle Management System) des Herstellers Elbit. Dabei handelt es sich um ein Computernetzwerk, das es ermöglicht, einem Heer aus der Ferne Befehle zu geben und es zu kontrollieren. Im März 2010, rund 15 Monate nach dem Ende des Gaza-Krieges, erhielt Elbit einen Großauftrag des australischen Militärs über 300 Millionen Dollar. In der israelischen Waffenindustrie hieß es anschließend, der Einsatz des BMS im Gaza-Konflikt habe nicht nur das Käuferinteresse gefördert, sondern auch den Verkaufspreis für das System in die Höhe getrieben.

Die Waffenindustrie Israels ist somit zu einem gewissen Grad von der Politik abhängig. Die Abhängigkeit besteht aber auch andersherum: Die Verkäufe der Rüstungsfirmen im Ausland sind überlebenswichtig für Israel, damit es seine militärischen Aktivitäten im Gazastreifen und im Westjordanland aufrecht erhalten kann.

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Insider-Wissen?

Aha, es handelt sich also doch um eine jüdische Verschwörung!?

Das legitime Recht Israels auf Selbstverteidigung darf nicht in Frage gestellt werden. Erstmals in der Geschichte der Israelis, sind diese fähig sich gegen Angriffe zu wehren. Und das sie dies tun ist durch wiederholte Raketenangriffe, Selbstmordattentate und dem ausgesprochenen Wunsch der Hamas, die Juden zu vernichten auch gerechtfertigt.

Die BRD ist dabei nicht nur historisch, sondern auch aus emanzipatorischer Sicht gut beraten, die einzige stabile Demokratie im Nahen Osten zu unterstützen.

Was immer die Israelis machen

sie sind - zumindest in Ihrer ziemlich beschränkten Weltsicht - immer die Bösen, die Verschwörer, die Hostienschänder. Uups, das ist heute ja nicht mehr von Bedeutung.

Was aber die Israelis auch nicht in den Griff bekommen ist das antisemitische Geraunze das man hier so gerne absondert. Und erst die arme Hamas. Ein Opfer Israels. Mit kommen die Tränen.

Interessant ist...

...das mein Beitrag zu Yotam Feldman mit der Begründung gelöscht wurde, ich beziehe mich nicht auf den Artikel, sondern nur auf den Autor. Ihr Beitrag, der Yotam Feldman in ein positives Licht rückt, bleibt online.

Ich habe lediglich kritisiert, dass die ZEIT Yotam Feldman sehr sehr viel Raum einräumt. Auffällig viel Raum. Ich habe Yotam Feldman in englischsprachigen Medien als sehr subjektiv erlebt und sehe seine Artikel kritisch und als voreingenommen.So auch der hier veröffentlichte Artikel.

Yotam Feldman zeichnet nur ein Bild eines waffenstarrenden Israels, ohne die Hintergründe in ihrer ganzen Bandbreite zu betrachten. Mir ist das zu schlicht, zu wenig im Zusammenhang.