ZEIT ONLINE: Herr Matthes, die Klimakonferenz von Doha hat – wie auch die Gipfeltreffen zuvor – kaum Fortschritte gebracht. Wie bringt man den internationalen Klimaschutz wieder in Schwung?

Felix Matthes: Die Delegationen stecken in einem Dilemma: Sie verhandeln auf den Gipfeln an zwei Fronten: Nach außen versuchen sie, einen für alle beteiligten Länder tragfähigen Kompromiss zu finden. Innenpolitisch sind sie aber dem Druck der jeweils dominierenden Interessengruppen ausgesetzt und müssen einer Mehrheit zu Hause vermitteln, dass sie bis zum Letzten für ein auch innenpolitisch akzeptables Ergebnis gekämpft haben. Das ist auch der Grund dafür, dass es zum Schluss immer zu langen nächtlichen Verhandlungen kommt. Ich denke, dass die entscheidenden Staaten zuerst zu Hause praktische Erfahrungen in der Klimapolitik sammeln müssen, sodass sich im Land der politische Wille für Klimaschutz durchsetzen kann. Erst dann werden sie auf Klimagipfeln verbindlichen und vor allem ambitionierten Emissionszielen zustimmen können.

ZEIT ONLINE : Warum sollte klimapolitische Erfahrung im eigenen Land an der außenpolitischen Blockade etwas ändern?

Matthes: Nur, wenn die wichtigen Staaten zu Hause praktisch festgestellt haben, dass sie eine ambitionierte Klimapolitik betreiben können, ohne ihrer Wirtschaft massiv zu schaden, werden sie international strengere Klimaziele unterschreiben. Auch Deutschland musste das erst lernen. Noch unter der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder wurde intensiv darüber diskutiert, ob das Ziel, bis 2020 die Emissionen um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken, die deutsche Volkswirtschaft zerstören würde. Heute sieht diese Gefahr niemand mehr ernsthaft.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den Finanzhilfen für die Entwicklungsländer und Ausgleichszahlungen für Klimaschäden? Da helfen kaum innenpolitische Erfahrungen.

Matthes: Für diese beiden Bereiche gibt es keine Alternative zu den Klimagipfeln, das stimmt. Richtig ist aber auch, dass beispielsweise Ausgleichszahlungen ganz maßgeblich von den Erfolgen bei der Emissionsminderung abhängen.

ZEIT ONLINE: Was also tun? Weiterhin Klimagipfel veranstalten?

Matthes: Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es für den globalen Klimaschutz allein auf einen internationalen Vertrag ankommt, der hochoffiziell auf einem Gipfeltreffen verabschiedet wird. Entscheidend ist, dass etwas real passiert. Es ist eine paradoxe Situation: Der UN-Prozess steckt in einer tiefen Krise – aber zur gleichen Zeit beobachten wir regionale Fortschritte in einer Breite, wie ich sie mir vor fünf Jahren nicht habe vorstellen können.

ZEIT ONLINE: Aber regionale Fortschritte können den UN-Prozess nicht ersetzen.

Internationale Verhandlungen sind das einzige Forum für Fairness-Debatten

Matthes: Nein, aber nur durch die regionalen Erfahrungen kann ein künftiger UN-Vertrag überhaupt substanzielle Minderungspflichten enthalten. China oder die USA werden nur dann international Ambitionen zeigen, wenn sie sich ihrer Sache sicher sind, und das müssen sie zu Hause erst ausprobieren. Während dieses Lernprozesses halten die UN-Gipfeltreffen die internationalen Verhandlungen wenigstens am Laufen und das Thema auf der Agenda. Internationale Verhandlungen sind darüber hinaus das einzige Forum, in dem die letztlich entscheidenden Fairness-Debatten ausgetragen werden können.

ZEIT ONLINE: Die entscheidenden Spieler im Verhandlungspoker sind die USA, China und die Europäische Union . Im Moment ist von allen dreien nicht viel zu erwarten.

Matthes: China ist klimapolitisch auf dem Sprung und hat in Doha wie auch schon bei der vorhergehenden Klimakonferenz in Durban ziemlich stark mit seinen Aktivitäten geworben. Leider sind die anderen beiden im Moment eher abgemeldet.

ZEIT ONLINE: Sie beraten die chinesische Regierung und kennen das Land deshalb ziemlich gut. Wie lange wird es dauern, bis China verbindliche, absolute Emissionsziele akzeptiert?