Arbeitslosigkeit: Das beschämende Gefühl, Hartz IV zu beziehen
Leser Dirk Mergel fühlt sich als Hartz-IV-Empfänger vom Arbeitsamt gedemütigt. Er müsse sinnlose Bewerbungen schreiben, damit seine Bezüge nicht gekürzt werden.
Ich oute mich. Ich habe es lange vor meinen Freunden und Bekannten geheim gehalten. Ja, ich beziehe Hartz IV. Es ist ein erniedrigendes Gefühl. Es ist, als ob jemand dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Es ist beschämend, sich auf dem Amt nackig zu machen, Kontoauszüge der letzten sechs Monate vorlegen zu müssen, bei einer Mitarbeiterin, die wahrscheinlich grade so die mittlere Reife geschafft hat, sich dir gegenüber jetzt aber wie eine Göttin aufführt.
Du weißt, was du kannst, aber du gehörst eben nicht zu den Glücklichen. Du bist ein Loser. Du hast beim großen Poker um die Karriere mit schlechten Karten spielen müssen, bist ausgestiegen, hast nicht mehr reizen können, warst zu feige.
"Haben Sie das jetzt verstanden?", fragt die Frau dir gegenüber, und du bist ganz verwirrt. "Was, bitte? Verzeihen Sie." – "Sie unterschreiben hier eine Eingliederungsvereinbarung, da erklären Sie sich bereit, jeden Monat zehn Bewerbungen zu schreiben." Unverständnis. Egal ob sinnvoll oder nicht, ich muss mich bewerben, vielleicht als Koch oder Schweißer. Hauptsache, dem System ist Genüge getan. Bitte, mach ich doch glatt.
"Wenn ich nicht genügend Stellen finde, wo ich mich bewerben kann, was passiert dann?" – "Sie können sanktioniert werden, es wird Ihnen Geld abgezogen von den monatlichen Zuwendungen des Staates." Das habe ich sofort kapiert. Wenn ich also Bewerbungen schreibe, egal wie schwachsinnig sie sind, bin ich ein braver Bürger, wenn ich sie nicht schreibe, ein böser.
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Meine Frau, tätig im Hotelfach, findet hier in Mecklenburg-Vorpommern auch seit Jahren keinen Job mehr, weil die Konkurrentinnen aus Polen – nichts gegen sie – einfach günstiger sind. Meist arbeiten sie sogar schwarz. "Die ganzen Pollacken nehmen uns die Arbeit weg," wettert schon seit Jahren die braune Pest. Sie erhält Zulauf. Junge Menschen wenden sich in Mecklenburg-Vorpommern denen zu, die ab und zu mal ein Lagerfeuer machen und den Jungs erklären, dass ohne die "Pollacken" alles im Lack wäre.
Meine Frau hat dieses Jahr einen Ein-Euro-Job aufs Auge gedrückt bekommen. Was als Chance zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt gemeint ist, ist bei meiner Frau leider nicht angekommen. Sie hat als volle Arbeitskraft arbeiten müssen. Ohne Chance, übernommen zu werden. Warum? Weil sie in einem Museum beschäftigt war, das ausschließlich von Ein-Euro-Jobs lebt. Über den Sommer nimmt dieses Museum viel Geld ein, aber die Mitarbeiter schickt man mit einem Euro nach Hause.
Meine Söhne möchten jetzt Sport machen. Tolle Idee. Der eine möchte Fußball spielen. Soll und wird er auch. Ein Paar Fußballschuhe fürs Training: 25 Euro. Ein Paar Schuhe für die Spiele: 45 Euro. Der andere möchte Judo machen. Soll und wird er auch, mit oder ohne Hilfe des Staates.





Ich möchte nur zwei Dinge zu dem Thema anmerken. Es gibt in Deutschland nicht genug Arbeit. Mangel herrscht nur in Nischen und bei kleinen Gruppen ausgewählter Spezialisten. Sonst wären die Löhne in Deutschland höher. Liest man die Berichte der Arbeitsagentur, gibt es eine massive Unterbeschäftigung. Vermutlich wäre das Problem auch noch vorhanden, wenn alle wirklich alle freien Stellen, egal wie unterbezahlt, besetzt wären.
Wer sich über Harz IV aufregt, weil es zu teuer scheint, und denkt, der Sozialstaat führt uns in den Ruin, sollte über eine Sache nachdenken. Harz IV und andere Sozialleistungen dienen dazu den sozialen Frieden zu erhalten. Zugegeben, es ist zuwenig.
Was im Land loswäre, striche man diese Leistungen, kann sich jeder selbst ausmalen. Eine Sache stünde fest, die Betroffenen würden NICHT einfach arbeiten gehen, allein schon weil das technisch nicht ginge. Ein Blick in viele Staaten Lateinamerikas genügt um zu sehen, wie es ohne aussehe.
Ihr Sicherheitsdenken und Ihre geringe Bereitschaft, mal die "Scholle" zu verlassen, führt Sie direkt in Hartz IV? Dann würde ich mich doch mal, auch außerhalb der deutschen Grenzen umschauen. Und, wenn Ihnen Ihre Freunde so wichtig sind. Die bleiben Ihne erhalten. Und mit der richtigen Einstellung finden Sie überall neue Freunde.
Theoretisch haben sie recht. Ich selbst bin diesen Weg gegangen und es hat besser geklappt als ich es mir je hätte träumen lassen.
Allerdings ist es nicht so einfach wie vor dem Jahr 2008. Auch im Ausland werden bestimmte Ausbildung und Profile es schwer haben. Nicht jeder lernt leicht Fremdsprachen und ein Bürokaufmann wird beispielswiese in Schweden keinen Job finden. Die haben genug eigene und putzen und kellnern tun die Balten.
Hier in Norwegen reisen jeden Monat hunderte von Spaniern, Portugiesen und Italienern wieder nach Hause, nachdem sie ein paar Monate versucht haben Arbeit zu finden. Darunter sind viele tüchtige Leute.
Vor 2008 wäre ich mit ihnen d`accord gewesen, dass es auch für schwer Vermittelbare viele Möglichkeiten im Ausland gegeben hätte, aber mit der Krise, wird die Luft langsam dünn.
..."etwas Besseres als den Tod finden wir überall !"
Sie setzen in der Spielbank auch immer auf "0", oder wie ?
es darum geht, mal die Scholle zu verlassen - bei einem vernünftigen neuen Einkommen, einer geregelten Arbeitsstelle (mit gutem Lohn und unbefristet) und halbwegs guten Verhältnissen betr. Miete, Schulen für die Kinder etc. wäre wohl der Autor bereit, die Scholle zu verlassen - nur: das wird zumindest hier in Deutschland eher nicht angeboten. Die Regel sind doch bei neuen Arbeitsstellen eher befristete Verträge und gerne auch Lohndumpingverhältnisse - die gibt es inzwischen ja sogar in Akademikerkreisen. Man müßte also eine ganze Portion Leichtfertigkeit mitbringen, um auf gut Deutsch den Arbeitsstellen dauerhaft hinterherzuziehen. Das macht man vielleicht als junger Mensch ohne Familie gerne mit (auch da sicher nicht auf Dauer) - spätestens mit Familie wird es schon schwieriger.
Theoretisch haben sie recht. Ich selbst bin diesen Weg gegangen und es hat besser geklappt als ich es mir je hätte träumen lassen.
Allerdings ist es nicht so einfach wie vor dem Jahr 2008. Auch im Ausland werden bestimmte Ausbildung und Profile es schwer haben. Nicht jeder lernt leicht Fremdsprachen und ein Bürokaufmann wird beispielswiese in Schweden keinen Job finden. Die haben genug eigene und putzen und kellnern tun die Balten.
Hier in Norwegen reisen jeden Monat hunderte von Spaniern, Portugiesen und Italienern wieder nach Hause, nachdem sie ein paar Monate versucht haben Arbeit zu finden. Darunter sind viele tüchtige Leute.
Vor 2008 wäre ich mit ihnen d`accord gewesen, dass es auch für schwer Vermittelbare viele Möglichkeiten im Ausland gegeben hätte, aber mit der Krise, wird die Luft langsam dünn.
..."etwas Besseres als den Tod finden wir überall !"
Sie setzen in der Spielbank auch immer auf "0", oder wie ?
es darum geht, mal die Scholle zu verlassen - bei einem vernünftigen neuen Einkommen, einer geregelten Arbeitsstelle (mit gutem Lohn und unbefristet) und halbwegs guten Verhältnissen betr. Miete, Schulen für die Kinder etc. wäre wohl der Autor bereit, die Scholle zu verlassen - nur: das wird zumindest hier in Deutschland eher nicht angeboten. Die Regel sind doch bei neuen Arbeitsstellen eher befristete Verträge und gerne auch Lohndumpingverhältnisse - die gibt es inzwischen ja sogar in Akademikerkreisen. Man müßte also eine ganze Portion Leichtfertigkeit mitbringen, um auf gut Deutsch den Arbeitsstellen dauerhaft hinterherzuziehen. Das macht man vielleicht als junger Mensch ohne Familie gerne mit (auch da sicher nicht auf Dauer) - spätestens mit Familie wird es schon schwieriger.
Da sehen sie mal wie wenig Menschen aus ihrer Arbeit beziehen...
Nicht die Hartzer kriegen zuviel Geld, nein die arbeitende Gesellschaft kriegt zuwenig.
Solange dieses Denken sich nicht durchsetzt, gilt das gute alte "divide et impera"
Sind Sie nicht dieser Meinung sage ich ihnen: es trennen Sie von HartzIV nur 15 Monate.
Ich finde, Sie klagen auf sehr hohem Niveau!
1.) Können Sie schon dem Artikelstil entnehmen, dass den Mann soviel bedrückt, dass er nicht weiß wo er mit dem erzählen anfangen oder aufhören soll.
2.) Wenn Sie eine Kostensumme für einen 4 Personen Haushalt aufstellen, dessen Betrag fürs überleben ist, dann sollten Sie die Summe nicht einem Einzelverdiener gegenüberstellen (letzter Absatz), sondern 2 Verdienern. Schliesslich sind der Mann UND die Frau ohne Job.
3.) Selbst wo Sie andeutungsweise vorrechnen, dass 2 Berufstätige "nur das gleiche" Gehalt erzielen, wie eine 4 Köpfige Famile ohne Arbeitseinkommen, haben Sie immer noch 2 MinderQualitäten unterschlagen, um Lächerlichkeit zu produzieren:
a.) Die Summe genügt gerade eben um über den Monat zu kommen. Für Alle. Egal ob Arbeitslos oder Niedriglohn.
b.) Arbeitslosigkeit bedeutet eine andere psychische Belastung, als die bei einer Arbeit. Vor Allem, wenn Sie Kinder haben! Es gibt keine Kollegenwitze, keine ablenkenden Themen bzgl. Arbeitsausführung etc. etc.
Es gibt NUR Gedanken, die sich mit Sorgen auseinandersetzen. Von Morgens bis Abends. Und wenn Sie nicht schlafen können, auch Nachts.
Ist es so schwer ein wenig, ein klitzekleines bischen mehr Empathie für seine Mitmenschen aufbringen, als für sein Auto oder den Gartenzwerg.
Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jz
Sie schreiben:
" Kann man Dirk Mergel und seiner Familie irgendwie helfen.
wuerde gerne so einer Familie etwas unter die Arme greifen.
Wie kann man mit Dirk Mergel Kontakt aufnehmen"
Ich spüre Ihre Betroffenheit und auch Ihre Hilfsbereitschaft.Das ist zu würdigen. Es stört mich etwas die Formulierung " so einer Familie". Der Autor dieses Artikels ist einer von Millionen, kein Einzelfall.
Nein,Sie können einem Hartz4-Empfänger nicht "offiziell" helfen, denn jede "Hilfe", selbst Geschenke oder Zuwendungen in Form von Naturalien, auch die Geschenke für die Kinder bei Kommunion oder Konfirmation werden, wenn sie nachweislich einen bestimmten Betrag übersteigen, als Einkommen gewertet und von der Regelleistung abgezogen.
Ihre Hilfe würde angerechnet. Das ist ein Drohszenario für alle, die arbeiten, um Wohlverhalten und Anpassung zu erzeugen.
Was viele Menschen nicht begreifen ist, dass jeder, der nicht Beamter oder Unternehmer mit einem relativ sicherem Vermögen ist, innerhalb von 12 Monaten zum Bettler und gesellschaftlich Degradiertem werden kann.
Und ihre Kinder ebenfalls.Da wird eine ganze Generation aufgegeben.
Danke für ein sachliches Kommentar... vielleicht eines der besten, die ich hier je gelesen habe. Je mehr die Jobcenter den Leuten weis machen, dass sie für jeden Krumen Brot arbeiten gehen sollen, gibt es zunehmend weniger Arbeitgeber, die überhaupt noch bereit sind arbeiten zu gehen. Wir bezahlen lieber die Arbeitgeber mit Förderung und Vermittlungsgutschein für Niedriglohn- und Zeitarbeit... und machen den Markt kaputt.
Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jz
"Dieses Argument, dass es ja angeblich so wahnsinnig viele Leute gibt, die den Sozialstaat ausnutzen, hört man ja oft. Ich frage mich: kennen Sie so jemanden? Kennt irgendjemand hier so jemanden?"
Gute Frage.
Ja, doch, ueber ein paar Ecken kenne ich solche. Allerdings liegt der Fall, der mir als Erstes in den Sinn kommt, zeitlich weit vor Einfuehrung der Hartz-Reformen. Der Schwiegersohn der Nachbarn meiner inzwischen verstorbenen Grossmutter. Ein Elektriker, dem ein Arbeitsangebot vorlag, das er aber mit den Worten ausschlug: "Fuer hundert Mark mehr im Monat stehe ich doch nicht jeden Morgen frueh auf." Wohl gemerkt, das war vor der Einfuehrung der Hartz-Gesetze. Keine Ahnung, wie's dem jetzt geht.
Dann gibt es im Mietshaus, in dem ich bis vor ein paar Monaten gewohnt hatte, eine Familie mit zwei Kindern, deutsche Mutter, arabischer Mann, die die Hochparterre-Wohnung direkt ueber der Kneipe bewohnen. (Da muss es also sowohl laut als auch verraeuchert sein) Beide Elternteile arbeiten so ziemlich rund um die Uhr - meine alteingesessenen Nachbarn sagten (etwas abwertend, wie ich fand): 1-€-Jobs. Die Kinder machen uebrigens einen netten Eindruck.
Ansonsten kann es zweierlei bedeuten, dass niemand solche "Sozialschmarotzer" persoenlich kennt: Entweder es gibt sie nicht oder kaum (kann sein), oder es gibt sie, nur kennt sie eben niemand in dieser Zeitungsleser-Runde, weil sie gesellschaftlich ausgegrenzt sind. - Was schon ein betraechtlicher Teil des ganzen Problems ist.
ich finde das Wort schon widerlich - dürfte es eher nicht geben; aber sicher werden darunter auch eine Menge Menschen subsumiert, die psychisch krank sind, Alkoholiker, die mit ihrem Leben nicht klarkommen, Menschen mit Depressionen und Behinderungen etc., denen man eben gerne unterstellt, sie wollten ja garnicht arbeiten.
Es wird auch gerne vergessen, daß die Arbeitslosenversicherung eine Sozialversicherung ist, man also einzahlt und sich das Recht auf Auszahlung erwirbt - statt dessen wird von manchen Mitforisten unterstellt, die Hartz-IV-Empfänger bekämen das Geld ja geschenkt, lebten also auf Kosten von anderen von Mildtätigkeit und das nicht zu knapp. Da haben sich eine Menge Vorurteile, geschürt auch von den Medien, in manchen Köpfen festgesetzt.
ich finde das Wort schon widerlich - dürfte es eher nicht geben; aber sicher werden darunter auch eine Menge Menschen subsumiert, die psychisch krank sind, Alkoholiker, die mit ihrem Leben nicht klarkommen, Menschen mit Depressionen und Behinderungen etc., denen man eben gerne unterstellt, sie wollten ja garnicht arbeiten.
Es wird auch gerne vergessen, daß die Arbeitslosenversicherung eine Sozialversicherung ist, man also einzahlt und sich das Recht auf Auszahlung erwirbt - statt dessen wird von manchen Mitforisten unterstellt, die Hartz-IV-Empfänger bekämen das Geld ja geschenkt, lebten also auf Kosten von anderen von Mildtätigkeit und das nicht zu knapp. Da haben sich eine Menge Vorurteile, geschürt auch von den Medien, in manchen Köpfen festgesetzt.
Theoretisch haben sie recht. Ich selbst bin diesen Weg gegangen und es hat besser geklappt als ich es mir je hätte träumen lassen.
Allerdings ist es nicht so einfach wie vor dem Jahr 2008. Auch im Ausland werden bestimmte Ausbildung und Profile es schwer haben. Nicht jeder lernt leicht Fremdsprachen und ein Bürokaufmann wird beispielswiese in Schweden keinen Job finden. Die haben genug eigene und putzen und kellnern tun die Balten.
Hier in Norwegen reisen jeden Monat hunderte von Spaniern, Portugiesen und Italienern wieder nach Hause, nachdem sie ein paar Monate versucht haben Arbeit zu finden. Darunter sind viele tüchtige Leute.
Vor 2008 wäre ich mit ihnen d`accord gewesen, dass es auch für schwer Vermittelbare viele Möglichkeiten im Ausland gegeben hätte, aber mit der Krise, wird die Luft langsam dünn.
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