Leserartikel

ArbeitslosigkeitDas beschämende Gefühl, Hartz IV zu beziehen

Leser Dirk Mergel fühlt sich als Hartz-IV-Empfänger vom Arbeitsamt gedemütigt. Er müsse sinnlose Bewerbungen schreiben, damit seine Bezüge nicht gekürzt werden. von Dirk Mergel

Ich oute mich. Ich habe es lange vor meinen Freunden und Bekannten geheim gehalten. Ja, ich beziehe Hartz IV. Es ist ein erniedrigendes Gefühl. Es ist, als ob jemand dir den Boden unter den Füßen wegzieht. Es ist beschämend, sich auf dem Amt nackig zu machen, Kontoauszüge der letzten sechs Monate vorlegen zu müssen, bei einer Mitarbeiterin, die wahrscheinlich grade so die mittlere Reife geschafft hat, sich dir gegenüber jetzt aber wie eine Göttin aufführt.

Du weißt, was du kannst, aber du gehörst eben nicht zu den Glücklichen. Du bist ein Loser. Du hast beim großen Poker um die Karriere mit schlechten Karten spielen müssen, bist ausgestiegen, hast nicht mehr reizen können, warst zu feige.

Anzeige

"Haben Sie das jetzt verstanden?", fragt die Frau dir gegenüber, und du bist ganz verwirrt. "Was, bitte? Verzeihen Sie." – "Sie unterschreiben hier eine Eingliederungsvereinbarung, da erklären Sie sich bereit, jeden Monat zehn Bewerbungen zu schreiben." Unverständnis. Egal ob sinnvoll oder nicht, ich muss mich bewerben, vielleicht als Koch oder Schweißer. Hauptsache, dem System ist Genüge getan. Bitte, mach ich doch glatt.

"Wenn ich nicht genügend Stellen finde, wo ich mich bewerben kann, was passiert dann?" – "Sie können sanktioniert werden, es wird Ihnen Geld abgezogen von den monatlichen Zuwendungen des Staates." Das habe ich sofort kapiert. Wenn ich also Bewerbungen schreibe, egal wie schwachsinnig sie sind, bin ich ein braver Bürger, wenn ich sie nicht schreibe, ein böser.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Meine Frau, tätig im Hotelfach, findet hier in Mecklenburg-Vorpommern auch seit Jahren keinen Job mehr, weil die Konkurrentinnen aus Polen – nichts gegen sie – einfach günstiger sind. Meist arbeiten sie sogar schwarz. "Die ganzen Pollacken nehmen uns die Arbeit weg," wettert schon seit Jahren die braune Pest. Sie erhält Zulauf. Junge Menschen wenden sich in Mecklenburg-Vorpommern denen zu, die ab und zu mal ein Lagerfeuer machen und den Jungs erklären, dass ohne die "Pollacken" alles im Lack wäre.

Meine Frau hat dieses Jahr einen Ein-Euro-Job aufs Auge gedrückt bekommen. Was als Chance zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt gemeint ist, ist bei meiner Frau leider nicht angekommen. Sie hat als volle Arbeitskraft arbeiten müssen. Ohne Chance, übernommen zu werden. Warum? Weil sie in einem Museum beschäftigt war, das ausschließlich von Ein-Euro-Jobs lebt. Über den Sommer nimmt dieses Museum viel Geld ein, aber die Mitarbeiter schickt man mit einem Euro nach Hause.

Meine Söhne möchten jetzt Sport machen. Tolle Idee. Der eine möchte Fußball spielen. Soll und wird er auch. Ein Paar Fußballschuhe fürs Training: 25 Euro. Ein Paar Schuhe für die Spiele: 45 Euro. Der andere möchte Judo machen. Soll und wird er auch, mit oder ohne Hilfe des Staates.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ..."etwas Besseres als den Tod finden wir überall !"

    Sie setzen in der Spielbank auch immer auf "0", oder wie ?

    Antwort auf "Kann das sein?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vom Zocken lasse ich (inzwischen) die Finger. Sollten Sie auch machen.
    Vorschlag: Wir entwickeln mal gemeinsam eine Strategie für Sie - ich meine das ganz im Ernst. Sozusagen eine "Job-Strategie".
    Ich war durchaus selbst mal in einer vergleichbaren Lage und könnte vielleicht aus der Erfahrung heraus behilflich sein.

    Also - Vorschlag zur Güte.

  2. Noch mal an das Nudelholz:

    Sie nutzen doch auch jeden Tag auf die ein oder andere Weise die ach so tollen Errungenschaften unserer ach so sozialen Gesellschaft. Dabei nehmen sie höchstwarscheinlich das ein oder andere Mal auch die "Leistungen" von Geringverdienern in Anspruch, welche sie an der Kasse im Supermarkt bedienen, der Frisör, welcher nur 12€ kostet, was dann zu Minilöhnen der Person führt, welche sie versucht ansehnlich zu halten, die Bestellung bei Amazon oder anderen Versandhändlern, wo in deren Lagerhallen oft unwürdige Arbeitsbedingungen herschen, ganz zu schweigen von den armen Paketboten, welche zum Teil für weniger als 1€ pro Paket Ihnen Ihren hart erarbeiteten Luxus nach Hause liefern. Eventuell sollten sie mal ein Gerät Ihres Nicknamens nehmen und das leich auf Ihren Hinterkopf klopfen... sie wissen ja: Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen ja angeblich das Denkvermögen.

    So und zu guter Letzt wünsche ich dem Herrn Dirk Mergel alles gute und starke Nerven. Lassen Sie und Ihre Familie sich nicht entmutigen. Bleiben Sie Stark und verlieren sie nicht die Hoffnung. Wenn es zu vielen so geht wie Ihnen und zig tausend anderen in diesem Land, wird sich eventuel etwas bewegen lassen. Was wir dafür brauchen ist die SOLIDARITÄT der Mehrheit der Bevölkerung. Auch ein Nudelholz wird veilleicht irgendwann erkennen, daß es nur ein Werkzeug ist.

    11 Leserempfehlungen
  3. wird der Begriff "Initiativbewerbung" nur so von der der Arbeitsagentur oder vom Jobcenter benutzt.
    Wenn man mal einen richtigen "Coach" nach "Initiativbewerbung" fragt, dann rollen sich dem die Nägel auf.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Eine größere Menge Initiativbewerbungen schafft man im Monat kaum, mit den Mitteln eines ALG2-Empfängers.

    Dieser Begriff wird gerne von Mitarbertern der Jobcenter benutzt, weil er einfach "dynmaisch" klingt.
    Ein richtiges Training für eine solche Bewerbiung gibt es aber kaum.

    Eher wird unterstes "Hesse/Schrader-Niveau" gecoacht, nach Schema F.

    Denn das ist einfach schneller und kostengünstiger.

    Zum Teil werden nicht mal Formalia korrekt vermittelt.
    Sondern es geht eher nach dem Tenor Standard Briefvorlage Word oder OOo reicht schon.

    2 Leserempfehlungen
  4. 244. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Danke, die Redaktion/jp

  5. Wenn sie nachschüssig bezahlt werden,
    warum soll dann eine Vorschüssig gewährte Leistung zurück gezahlt werden?

    Für den Bewilligungszeitraum bestand ja Hilfe-Bedarf.
    Im SGB2 wird nach der Zuflusstheorie verfahren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    kurze Erklärung zum Sachverhalt:

    ALG II Eingang am 30.10,

    dann folgt die
    Beschäftigungsaufnahme am 01.11.,

    ALG II Eingang am 30.11! (vorschüssig für Dezember),
    Gehaltseingang am 30.11 (nachschüssig für Dezember)
    Die Kopie des Kontoauszug mit dem Gehaltseingang UND eine Kopie des Arbeitsvertrags MUSS der Leistungsabteilung des Jobcenters vorgelegt werden, ERST DANN KANN die Auszahlung
    EINGESTELLT werden.

    ALG II ist vorschüssig und überschneidet sich zwangsläufig mit der nachschüssigen Gehaltszahlung!

    Und jetzt zum Sahnebonbon.
    Es wurden ein Monatsbetrag ALG II zuviel bezahlt,
    wenn Sie jezt denken, das Jobcenter wird von sich aus tätig, muss ich Sie leider entäuschen.
    Es passiert NICHTS!!

    Denn es gilt das Prinzip der BEWEISLASTUMKEHR, d.h.
    Sie müssen BEWEISEN und NACHWEISEN, das Sie tatsächlich ZUVIEL erhalten haben und SIE müssen auf die in der Reginaldirektion Nürnberg ansässigen Inkassostelle zugehen.

    Sie schließlich stehen Sie unter GENERALVERDAT des SOZIALMISSBRAUCHS und deswegen müssen Sie Initiative zeigen.
    Dort treffen Sie auf restriktives Verhalten und einen Ton, der seinesgleichen sucht und selbst hartgesottene Zeitgenossen aus dem Mahnwesen zur Weißglut treibt.

    Eine Rücküberweisung wird NICHT akzeptiert, eine erfolgt Überweisung OHNE den ZUGEWIESENEN Code ebenfalls nicht und eine persönliche Auskunft, schon zweimal nicht.

    Um das Irrenhaus perfekt zu machen, wenden Sie sich in Ihrer Verzweiflung SCHRIFTLICH an den für Sie zuständigen Sachbearbeiter der Leistungsabteilung.

    Ein paar Wochen später wird eine VOLLSTÄDNIGE VERMÖGENSPRÜFUNG vorgenommen, TROTZ bestehenden sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsverhältnisses!
    Vorlage der Kontoauszüge der letzten sechs Monate und diverser anderen Nachweisen, gern in Kombination mit "Termin vor Ort".
    Es kann dauern, bis endlich die
    "Änderung zum (Leisungs-)Bescheid vom .... über Leistungen des LEBENSUNTERHALTS erhalten UND DANN, ERST DANN wird die Inkassostelle Nürnberg tätig.

    Das Schreiben liest sich wie eine Anklageschrift und wohlgemerkt, Sie wollen ZAHLEN!!!

    Zahlbar innerhalb von 10 Tage. Von den sittenwidrigen Konditionen der möglichen RÜCKZAHLUNGSVEREINBARUNG ganz zu schweigen.

    Sollten Sie in der Bezugszeit von ALG II noch Zuverdienst gehabt haben (Hartz-IV-Aufstocker), dann wird es noch eine Nummer schärfer, aber das würde den Rahmen sprengen.

    Ein NICHTAKZEPTIERTE Überweisung an die Inkassostelle wird übrigends nach der Zuflusstheorie (GERNE) als ZAHLUNGSEINGANG, als ANRECHENBARES EINKOMMEN gewertet.
    Das schlägt dem Fass dann wirklich den Boden aus.

    Wenn Sie beim nächsten Mal einen "neuen Kollegen" ins Team bekommen und er sich die ersten Wochen "nicht ganz so wohlzufühlen scheint" könnte der hier geschilderte Sachverhalt vielleicht der Grund sein.
    Bitte haben Sie Nachsicht und Verständis mit ihm/ihr.

  6. dann werden eben die Preise für ALLES hochgesetzt. Es sei den man zieht ins Ausland.... Nee um gesellschaftlicher wieder näher aneienander zu rücken brauchts andere Lösungen. Weg vom Geld.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "neue Ideen"
  7. ernsthaft. Ihre Meinung ist sprichwörtliches "Gold wert".

    Sie zeigen einen Methode von Schwarz/Weiß-Denke auf, die einfach astrein ist. Vielen Dank.

    Kurze Frage.
    Hätten Morgen alle einen FulltimeJob: Glauben Sie, Sie zahlten automatisch weniger Steuern?
    Oder Glauben Sie vielleicht sogar, es gäbe eine Steuererhöhung?

    Ist eine ernstgemeinte Frage.

    5 Leserempfehlungen
  8. Angeworfen wurde diese unmenschliche Kontrollmaschinerie von Politikern, die mit dieser "Maßnahme" die Versklavung auf dem Arbeitsmarkt Vorschub geleistet haben.
    Viele Mittelständler und öffentliche Einrichtungen lassen sich ihre 1,- €-Jobber vom Steuerzahler finanzieren.
    Früher habe ich immer über Schwarzarbeit geschimpft, aber heute ich kann verstehen, dass sich Menschen lieber mit solchen Jobs über Wasser halten, als sich der Durchleuchtung auszusetzen. Wer 30 Jahre regulär gearbeitet ist sicher Mitte 50 und schwer bis gar nicht vermittelbar.Es kann nicht sein, das derjenige binnen kürzester Zeit sein Eigenheim oder Auto quasi auffressen muss, ehe er ALG II beziehen darf.
    Es ist eine Schande für dieses Land, dass von Diäten WOHLGENÄHRTE Politiker sich so einen Schwachsinn von einem Manager der Automobilindustrie diktieren lassen.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/jp

    9 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Arbeitsamt | Hartz IV | Arbeitsmarkt | Bewerbung | Ein-Euro-Job | Euro
Service