Spionage : Weiß die Pharma-Lobby mehr als der Minister?

Im Gesundheitsministerium hat ein IT-Mitarbeiter Geheimunterlagen an einen Apothekerlobbyisten gegeben. Minister Bahr zeigt sich "stinksauer" über die Spionage-Aktionen.

Aus dem Bundesgesundheitsministerium sind jahrelang geheime Unterlagen entwendet worden. Adressat der E-Mails, Beschlüsse, Gesetzesentwürfe und anderer Daten war ein freiberuflicher Apotheken-Lobbyist, Überbringer war der Mitarbeiter eines IT-Dienstleisters, der für die EDV-Struktur des Ministeriums zuständig ist. "Die Berliner Republik steht vor ihrem bisher größten Lobby-Skandal", schreibt die Süddeutsche Zeitung , die diesen Vorfall öffentlich gemacht hat.

Inzwischen hat die Berliner Staatsanwaltschaft bestätigt, dass sie Ermittlungen gegen den Interessenvertreter aufgenommen hat. Und inzwischen hat sich auch der Minister selbst geäußert. "Ich bin stinksauer über diese kriminelle Energie. Das muss die Staatsanwaltschaft schnell aufklären", sagte Daniel Bahr der Bild -Zeitung .

Der FDP-Politiker ist wie sein Parteifreund und Amtsvorgänger Philipp Rösler selbst von dem Datenleck betroffen. Denn der Lobbyist kannte auch E-Mails der Leitungsebene – also Nachrichten, die von Staatssekretären und den beiden Ministern stammten.

Wie die Süddeutsche berichtet, wunderte man sich im Gesundheitsministerium "immer wieder", wie gut die Gesprächspartner aus der Apothekenbranche über die jeweiligen Pläne des Ministeriums informiert gewesen seien. Teilweise, so die Zeitung unter Berufung auf Ministeriumskreise, seien Gesetzesentwürfe kursiert, die nicht einmal der Minister oder die Staatssekretäre gekannt hätten.

Ziel des Lobbyisten sei es offenbar gewesen, sich über geheime Gesetzgebungsvorhaben im Pharma- und Apothekenbereich zu informieren und mit diesem Informationsvorsprung Gegenstrategien starten zu können. Die Pharmabranche gilt dabei als extrem einflussreich, ihre Lobbyisten sollen Minister und Abgeordnete aggressiv bedrängen und schrecken dabei auch vor "unflätigen E-Mails und Briefen" ( SZ ) nicht zurück.

Die Ausforschung solle 2010 begonnen haben und sich bis in das laufende Jahr hingezogen haben, berichtete die Zeitung. Der Apothekenverband Abda äußerte sich bislang nicht zu dem Fall.

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Kommentare

92 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

WDR auf BILD-Zeitungsniveau

> 3. Die Tricks der Pharmaindustrie
>
> Vermutlich haben Sie da einiges verpaßt
> http://www.wdr.de/tv/koen...

Na, ich habe nur die ersten 5min gesehen und festgestellt: reisserischer und selektiver geht es kaum! Allein die hektische Kameraführung und die "überraschten" Statisten! Zu den Arzneimitteln: Man findet IMMER Menschen mit Nebenwirkungen! Das ist reine Statistik. Wenn die Wirkung aber besser und häufiger als die Nebenwirkung ist, dann bekommt das Arzneimittel eine Zulassung. Sonst eben NICHT! Die Informationen dazu findet man alle im Netz - bis ins kleinste Detail. Aber schön, dass WDR mal wieder schön auf die Pauke gehauen hat. Leider nur BILD-Zeitungsniveau...

Es gibt keine "Neben"wirkungen es gibt nur Wirkungen

Dass die Wirkung von Arzneimitteln anstelle von Heilung zur Zulassung eines Arzneimittels ausreicht, dürfte an der "Überzeugungskraft" der Hersteller liegen.

Dass die Wirkung von Arzneimitteln ausreicht, um von den Krankenkassen finanziert zu werden, hat dafür gesorgt, dass in Deutschland inzwischen mehrere hunderttausend Menschen als "Chroniker" bezeichnet werden können. Und dass viele hunderttausend Menschen als Arzneimittel-abhängig eingestuft werden müssten. Wenn Arzneimittel Gesundheitsabweichungen heilen würden, hätten wir weniger Chroniker. Und weniger Menschen, die bis zu ihrem Ableben Arzneimittel einnehmen würden.

Wenn Arzneimittel heilen würden, müsste man sie einige Tage, Wochen oder Monate lang einnehmen. Da sie aber nur das Stück Isolierband auf dem Armaturenbrett sind, um das Leuchten der roten Lampe abzudecken, haben wir die erschreckend hohe Zahl der durchschnittlichen jährlichen Arztbesuche.

Aber offensichtlich gibt es wenig Nachfrage nach Heilung, so kann das System, das Krankheits"behandlung" belohnt, mit allen seinen "Nebenwirkungen" noch aufrecht erhalten werden.

Heilen, robiniawood...

...oder die Heilung stark unterstützen können beispielsweise folgende Medikamente: Antibiotika bei schweren Infektionen, Jodhaltige Präparate zur Wundheilung, Cortison zur systemischen oder lokalen Behandlung, Sekretolytika zum Abtransport des Sekretes, ggf. Chemotherapeutika bei Krebs, Impfungen, dass bestimmte Krankheiten erst gar nicht auftreten, Thrombolytika zur Auflösung von Thromben in den Gefäßen nach Herzinfarkt oder Schlaganfall, generell eine Unzahl von Medikamenten in der Notfallmedizin, etc. etc. Diese Präparate fallen nicht vom Himmel, sondern sie werden erforscht, durchlaufen umfangreiche Zulassungen und müssen immer den Nachweis führen, effektiver als Nichtbehandlung/Placebo zu sein. Insofern stimmt es einfach nicht, dass die Pharmaindustrie ausschließlich auf lebenslange Therapien setzt.

sehr undurchdachter Kommentar

Es ist nicht richtig, daß Medikamente grundsätzlich nicht heilen. Antibiotika zum Beispiel heilen Infekte, an denen früher Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit gestorben wären. Wenn es gut läuft, ist der Infekt danach vorbei und der Mensch gesund. Chemotherapien können oft heilen , z. b. werden heute ca. 75% der Kinder mit Leukämie geheilt; in den 50ger Jahren sind die noch ausnahmslos innerhalb weniger Tage an ihrer Krankheit gestorben. Medikamente können vorbeugen und erreichen, daß man gar nicht erst krank wird, z. B. durch Chemotherapie im Anschluß an eine Krebs-OP, durch Blutdrucksenker oder durch Impfungen.

Aber selbst wenn ein Medikament nicht heilt, dann ist seine Wirkung nicht nur "die rote Lampe auf dem Armaturenbrett zukleben". Natürlich muß der Diabetiker lebenslang Insulin spritzen, der HIV-Patient seine Virustatika schlucken, der CML-Patient seine Krankheit mit täglichen Tabletten in Schach halten, der Rheumatiker Immunsupressiva einnehmen, damit seine Gelenke ihre Funktion behalten. Aber dadurch können diese Menschen jahrelang ein ein erfülltes und produktives Leben führen, wohingegen sie bevor es jene Medikamente gab nur eine Lebenserwartung von einigen Monaten gehabt hätten.

Und selbst wenn man nur "die rote Lampe zuklebt", dann kann das trotzdem hilfreich sein: fragen Sie mal einen chronischen Schmerzpatienten, was er dazu meint!

Andere Lobbyisten im Gesundheitsministerium:

Der Bundesgesundheitsminister Bahr himself!

Er war bis September 2009 bei der ERGO Versicherungsgruppe AG in Düsseldorf Mitglied des Beirates.

Die ERGO vertickt unter dem Namen DKV private Pflegeversicherungen.

Da ist es doch ganz, ganz, ganz bestimmt nur Zufall, dass der Minister sich so vehement für den privaten "Pflegeriester" einsetzt....

Daniel Bahr, ein Lobyyist ?

Sie sagen es. Wie kann nur ein FDP Abgeordneter zum Bundesgesundheitsminister ernannt werden, auf dessen Homepage vor seiner Ernennung noch stand "Mitglied im Beirat der ERGO-Versicherungsgrppe/DUK Versorgungswerk".
Hat Bahr wohl von einem Tag auf den anderen vergessen, welche Interessen er vorher vertrat !

Ein Schelm der Böses dabei denkt. Mußte die Pharma-Lobby überhaupt im Ministerim spionieren, wo der Minister doch bis 2009 selbst ein Fördererer der PKV und damit auch der Pharmalobby war ?
So schnell kann man eigentlich sein Hemd nicht wechseln.
Fragen über Fragen, die man ja wohl noch stellen darf, stets verbunden mit der Unschuldvermutung.

Mein Apotheker bedauert die hohen Zuzahlungen für meine Medikamente. Wäre ich privatversichert, müsse ich zwar in Vorkasse treten, die Kosten würden mir jedoch in vollem Umfang erstattet. Von der Kritk an Bahr hält er gar nichts.
Die Apotheker kämpfen ums Überleben. Es gibt zuviel Konkurrenz. Da könnte der Minister noch mehr tun. Ja was ...? Man schweigt lieber.

Da ich mit einem Arzt befreundet bin, kanm ich im Rahmen von Fortbildungsseminaren eines Norddeutschen Pharmakonzerns als seine "Gattin" zweimal in den Genuss von Musicals, vor einigen Jahren war das "CATs", im letzten Jahr "Sister Act".

Beide, der Apotheker und der Arzt sind bekennende FDP-Wähler. Mein Arzt, aus Altersgründen nur noch für Privatpatienten tätig, sagte ..."eine Partei muss doch was für uns Ärzte tun"