WirtschaftskriseSpanien versetzt das Familiengold

In Spanien boomt das Geschäft mit dem Gold. Viele Bürger verkaufen Ringe und Ketten, um ihre Miete zahlen zu können – Anleger im Ausland profitieren. von 

Goldhändler in Madrid

Goldhändler in Madrid  |  © Dominique Faget/AFP/Getty Images

Auf der Plaza del Sol in Madrid patrouilliert eine Armee in gelb-schwarzen Farben. Dutzende Männer in leuchtenden Westen verteilen Flyer und sprechen Passanten an, jeden Tag. Sie werben Kundschaft für die Goldankäufer im Zentrum der Stadt. Compro Oro steht auf ihren Westen, Ich kaufe Gold , so ist es auch an zahllosen Geschäften, Fassaden und Hauseingängen zu lesen. Die Wirtschaftskrise in Spanien hat die Zahl der Edelmetallankäufer zuletzt drastisch steigen lassen. Schätzungen zufolge gibt es heute rund 15.000 Compro Oros in Spanien , vor allem in größeren Städten, aber auch auf dem Land.

Wer Geld braucht, versetzt in den Läden Ketten, Ringe, Armbänder oder das Kommunionsmedaillon. Auch ein goldener Gürtel sei ihm schon untergekommen, sagt Luis Moreno, Chef von Compro Oro España . Vor vier Jahren gründete er sein Unternehmen, mittlerweile umfasst es 27 Franchisefilialen in ganz Spanien . "Es gab ein sehr starkes Wachstum", sagt Moreno. Einerseits steigt der Goldpreis im Schnitt seit Jahren, ein Verkauf von ungenutztem Gold lohnt sich. Andererseits ist jeder vierte Spanier arbeitslos. Viele brauchen schlicht das Geld, um die Miete zu bezahlen. "Das ist wie ein Baum, der ausgeschüttelt wird", sagt Marion Mueller, Vizepräsidentin des Edelmetallvereins Asociación Española de Metales Preciosos (AEMP) .

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Was von diesem Baum fällt, landet zunächst häufig in der Schweiz . Dort haben vier der weltweit bedeutendsten Goldraffinerien ihren Sitz. Luis Moreno etwa verkauft sein Altgold weiter an die Raffinerie Pamp. Sie schmilzt es zu Barren, dann erwerben es Investoren. Die Nachfrage ist da: Spielen die Märkte verrückt, wächst das Interesse an Gold, weil das Edelmetall als sichere Anlage gilt. Um sie zu befriedigen, wird recycelt; schließlich ist Gold ein Rohstoff , der sich nicht verbraucht. Und das Recycling läuft in den Raffinerien auf Hochtouren: Die Menge europäischen Altgoldes wuchs 2011 um 15 Prozent auf insgesamt 52 Tonnen. Ein neuer Rekord.

Spanien ist zuletzt zu einem der wichtigsten Länder für den Goldexport geworden. Seine Ausfuhren sind nach den Zollstatistiken seit 2009 stark gestiegen. Der Wert der Exporte etwa in Form von Barren oder Drähten von Spanien nach Deutschland hat sich von 2009 auf 2011 fast verdreizehnfacht.

Investoren kommen aber nicht nur aus der Schweiz oder aus Deutschland, sondern auch aus den vermögenden Schichten Spaniens selbst. Und so schließt sich bisweilen im Land ein Kreislauf: Das spanische Unternehmen Oro Direct kauft Altgold von Compro Oros und schickt es zur Schweizer Raffinerie Argor-Heraeus. Die schicken Barren zurück. Am Ende kaufen Spanier mit Ersparnissen die Barren.

Oro Direct war 2006 die erste spanische Firma, die sich nur mit Goldanlage befasste. Seitdem haben sich die Kundenzahl und die Anlagesummen laut einer Sprecherin jedes Jahr ungefähr verdoppelt. " Investitionen in Gold waren in Spanien gar nicht üblich, das kommt erst", sagt sie. Mittlerweile legten auch viele Kunden aus der Mittelschicht an. Und verschenkten Anlagegold sogar zu Weihnachten: "Wir haben jetzt vor Weihnachten ganz viele kleine Zwei-Gramm-Barren verkauft."

"Viele haben wenig Ahnung, was sie machen"

Nicht nur die Anleger, auch die Kundschaft der Compro Oros hat sich verändert, erzählt Daniel, einer der Kundenwerber auf der Plaza del Sol. Früher seien überdurchschnittlich viele gitanos gekommen, spanische Roma, heute seien es meist ganz gewöhnliche Spanier aus der Mittelschicht. Wie die blondgefärbte Frau, die ihr Auto mit Sohn und Hund in zweiter Reihe vor einem Compro Oro nördlich von Madrids Innenstadt parkt.

Sie leert ihre Tüte: ein Flaschenöffner in Delphinform, ein Bilderrahmen, verschnörkelt verzierte Döschen. "Sind süß, oder?", fragt sie rhetorisch, die Angestellte nickt abwesend, prüft und wiegt das Metall. Dem Bilderrahmen entreißt sie sein Silber mit einer Zange und biegt es zusammen. Die Kundin bekommt ihr Geld und erzählt, dass die Situation schlimm sei. "Schlimm. Und sie sagen, so bleibt es noch zwei, drei Jährchen." Eine Bekannte wünsche mittlerweile Feliz 2014 , weil sie ein so schlimmes 2013 erwarte, dass sie lieber schon das Jahr darauf willkommen heißen wolle.

Leserkommentare
    • yohak
    • 21. Dezember 2012 20:04 Uhr

    Wenn ich hier in Deutschland durch eine Fussgängerzone spaziere,
    habe ich aber auch das Gefühl, das alle 50 Meter ein Laden ist, der unbedingt all mein Gold sofort ankaufen will.

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    zu weniger als der Hälfte, wenn nicht gar zu einem Viertel des Feinunzenpreises. Veritable Verbrecher.

  1. Die Goldankaufgeschichte läuft praktisch weltweit, ganze Ladenlokale das das Geschäft welches der Juwelier vorher nur nebenbei gemacht hat.

  2. Wenn jemand ein Praesident eines Landes ist, sollte er doch eigentlich fuer seine Buerger sorgen! Und aus dem Grund sollten die Regierungen einfach saubere Buchhaltung machen und auch endlich Steuerpruefer aus anderen Laendern zulassen! Allein die Santanderbank ist ein Graus, welches keine Worte findet!
    Es waere gut, wenn endlich dieses Fremdkapital endlich an die Personen zurueckgegeben wird, von denen es genommen wurde!!!
    Politker haben auch eine Sorgfaltspflicht und vorallem wenn es den BUERGERN (und das sind zumeist andere als die angeblich Reichen)nicht gut geht!

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    ...

  3. Na dann..wird es Zeit für grundlegende Reformen !!!

  4. und die Meute stürzt sich darauf. Ekelhaft.

    • genius1
    • 21. Dezember 2012 21:13 Uhr

    Was könnte passieren, wenn die Ärmeren all ihr Gold verkauft haben.

    Dei Absicherung in Spanien im Link:

    http://www.lexsoft.de/cgi...

    Ob die Spanier so Still halten wie die Griechen?

  5. Jetzt endlich ergibt der schöne Artikel von Herrn Schieritz vom letzten Sonnabend Sinn!
    Denn das müssen sie nun sein, die "guten Krisen-Nachrichten aus Südeuropa", von denen dieser hellsichtige Autor seinen Lesern vorschwärmte.
    Warum auch nicht, denn wer in der Not verkaufen muss, kann ausgenommen werden wie eine Weihnachtsgans.
    Ja, zugegeben, für die Spanier selbst ist's nicht so schön, aber hey, dafür profitieren eben andere! Und viel bleibt ja auch in der europäischen Familie.
    Man sieht, auch wenn's einem schlecht geht, kann man - mit Hilfe der richtigen Betrachtungsweise - der eigenen Situation immer noch ein kleines bisschen Gutes abgewinnen.
    Herrn Schieritz sei Dank dafür!

    • an-i
    • 21. Dezember 2012 21:42 Uhr

    haben dies schon am Anfang der Kriese, von Griechenland verlangt.
    Mir scheint es, als wäre die sog. "€ Krise" (ist eigentlich eine Bankenkrise) von Mafia ähnlichen Kreisen gewollt, um sich maßlos bereichern zu können.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Spanien | Wirtschaftskrise | Gold | Mittelschicht | Goldpreis | Schweiz
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