StrukturwandelDer Westen sehnt sich nach mehr Industrie

Die Volkswirtschaften im Westen lernen eine bittere Lektion: Wer die Industrie vernachlässigt, verliert den Anreiz für technische Innovationen. von Norbert Häring

Die Deindustrialisierung war jahrzehntelang kein Thema, jedenfalls keines, was so genannt wurde. Sie hieß Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft und galt als etwas ganz Normales für reiche "Industrie"-Länder. Das hat sich geändert. Alle Welt schaut vorwurfsvoll oder bewundernd auf Deutschland, das dank seiner starken Industrie in der Euro-Krise zum fast alleinigen wirtschaftlichen und politischen Machtzentrum in Europa aufgestiegen ist.

Allenthalben wird von der Notwendigkeit gesprochen, die Industrie zu fördern, selbst in angelsächsischen Ländern, wo jede Form von Industriepolitik bisher als planwirtschaftliche Wissensanmaßung verpönt war.

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US-Präsident Barack Obama hat sogar eine "fortschrittliche Industriepartnerschaft" ausgerufen. Sein Wirtschaftsberater Gene Sperling hat ganz offen den starken Rückgang der Industriebeschäftigung seit etwa 2000 als nationales Problem ersten Ranges bezeichnet.

Industriefetischismus nennt John Kay das. Der einflussreiche britische Buch- und Kolumnenschreiber schüttet Häme über eine archaische Geisteshaltung aus, die nur das Machen von Sachen als vollwertige Arbeit betrachte und Pflege alter Menschen oder Haareschneiden als minderwertig einstufe.

Gene Sperling kennt solche Einwände aus seiner Heimat zur Genüge. Deshalb hat er sich in einer Rede bei einer "Konferenz zur Renaissance der amerikanischen Industrie" ausführlich damit auseinandergesetzt. Anders als bei solchen Anlässen oft üblich handelt es sich nicht um Sprechblasen, sondern um eine tiefschürfende ökonomische Analyse, gespickt mit Verweisen auf ein Dutzend Studien.

"Arbeit, um Sachen herzustellen, ist in einer globalisierten Welt ein billiger Standardinput", stellt Kay fest. Was wirklich Wert schaffe, seien die Fähigkeiten und Anstrengungen darum herum, die aus einfachen Dingen schöne, komplexe und höchsten Qualitätsansprüchen genügende Objekte machen, für die hohe Preise zu erzielen seien. Er nennt das Beispiel des iPhones, das für 20 Dollar in China hergestellt werde, für dessen Entwicklung in Kalifornien Apple jedoch Hunderte Dollar pro Stück erzielen könne.

Wenn sich bei allen Industrieprodukten Entwicklung und Produktion so gut räumlich trennen ließen wie bei Informations- und Telekommunikationsgütern, dann wäre es vielleicht möglich für ein führendes "Industrieland", sich auf die sauberen Bürojobs zu beschränken und trotzdem seinen Wohlstand zu bewahren. Doch das scheint eher die Ausnahme als die Regel zu sein.

In vielen Branchen, wie zum Beispiel dem Maschinenbau, können Entwickler und Ingenieure ohne Kontakt zur Produktion kaum sinnvoll arbeiten. "Als wir die Elektronikproduktion verloren, verloren wir auch die Beteiligung an den Innovationen in diesem Bereich und Folgeprodukte wie fortgeschrittene Batterien, Flachbildschirmtechnologie und LED-Beleuchtung", stellt Sperling fest. "Als wir die Produktion von Haushaltselektronik abgaben, verloren wir auch die Fähigkeit, Batterien für solche Produkte zu entwickeln, einschließlich Lithium-Ionen-Batterien", fügt er hinzu.

Das räche sich heute, weil man dadurch im potenziellen Zukunftsmarkt der Batterien für Autos und der Elektrizitätsversorgung kaum eine Rolle spiele. Das will die US-Regierung nun im Rahmen des Recovery Acts mit massiver Förderung der Batterieentwicklung wieder umkehren.

Die Produktion von Dingen zusammen mit den Dienstleistungen, die damit zusammenhängen, unterscheidet sich von konsumorientierten Dienstleistungen wie der Friseurkunst und der Pflege dadurch grundlegend, dass nur Erstere große Potenziale für Effizienzsteigerung und technischen Fortschritt bieten. Gäbe es keine Industrie, wären Friseure und Pflegekräfte heute noch ähnlich arm wie vor 500 Jahren, denn dann hätte es nicht viel Produktivitätsfortschritt gegeben.

Die Lerneffekte schwappen zu einem großen Teil über die jeweilige Branche hinaus und wirken sich positiv auf die Produktivität anderer Branchen aus. Dabei nimmt die gegenseitige technologische Befruchtung mit der Entfernung ab und hört oft an nationalen Grenzen auf. Eine leistungsfähige optische Industrie erhöht die Produktivität im Maschinenbau eines Landes und umgekehrt.

Aus dieser gegenseitigen Befruchtung in einer vielseitigen Industriestruktur entspringt die Begründung für staatliche Hilfestellung. Denn jedes Unternehmen rechnet bei der Frage, ob sich sein Produktions- und Entwicklungsaufwand lohnt, nur die Vorteile für das eigene Unternehmen ein, nicht aber die für die Branche und für andere Branchen. Wird das nicht kompensiert, bleiben der Entwicklungsaufwand und allgemein die Investitionen in Produktionsanlagen zu gering.

Erschienen im Handeslblatt

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Leserkommentare
  1. die Deutsches Knowhow, Deutsche Ingeneieure und Arbeitsplätze und ganze Firmen für eine Hand voll Dollars in Ausland verramscht haben, weil Outsourcing in war. Das ist verloren wie der Familienschmuck den der pubertierende an den Drogendealer gibt weil high sein in ist.

    • xl
    • 04. Dezember 2012 16:17 Uhr

    In den Neunzigern ist man ja gerne noch ausgelacht, oder zumindest komisch angesehen worden, wenn man beim Thema “Dienstleistungsgesellschaft” Das Bild von den Friseuren bemüht hat, die sich reihum die Haare schneiden.

    • cubeBox
    • 04. Dezember 2012 16:32 Uhr

    1. die macht das Backbone teurer als wirtschaftlicher Standort

    2. agitiert gegen Airports, Bahnhoefe, Grosskonzerne (die ja eine Flut mittlerer und kleinerer Betriebe mitnaehren)

    3. naturreligioese, antimodernistische Rueckfaelle wie sie gerade Die Zeit gern dauerpropagiert gegen Kernenergie/Gentechnik und mehr, umgekehrt primitive dauersubventionierte Billigtechnik (Oekoenergie, 'Erneuerbare', die in Wirklichkeit selbst weit mehr ins Klima eingreift), die Hinz und Kunz schneller kopieren als sie hier propagiert wurden, sind auch wenig foerderlich fuer den Industriestandort

    Man muss sich mal vorstellen, Deutschland waere so wie gruene oekosozialistische/oekochristliche Ideologen sich das so vorstellen. Dann wuerde es die meiste tragfaehige Industrie inklusive Autos gar nicht geben. Alternativen aber auch nicht, denn die kosten ja nur und sind ideologisch.

    Richtig erkannt: ausgerechnet das, wovon hier alle leben, waere weg.

    Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bnt
    • 04. Dezember 2012 16:44 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

    ........und Ihre Oekosozialisten es verstanden haben
    oder nicht, denn frueher oder spaeter werden Ihnen
    die Fakten um die Ohren fliegen.

    Wer meint, dass man fuer das "Heil der Welt" Stras-
    sen "zurueckbauen" muesste (und damit Volksver-
    moegen vernichtet);
    wer glaubt, auf modernste Infrastruktur-Massnahmen
    (Schnellstrecken der Bahn, Autobahnen, Flughafen-
    Ausbau) verzichten zu koennen, der kann auch gleich
    die innovativen Firmen, deren Erfolg auch davon ab-
    haengt, in's Ausland verlagern (lassen);
    wer davon traeumt, die weltweite Entwicklung ignorieren
    zu koennen, der wird sich auch bei uns langfristig nicht
    commod einrichten koennen.

    Alleine in Asien sind bis zu 50% der Menschen unter
    25 Jahren. Die werden sich ihren Weg suchen............
    aber ganz bestimmt nicht unsere Renten bezahlen!!!

    Leider hat sich seit Menschengedenken nichts daran ge-
    aendert, dass es bornierte Eiferer waren - egal, ob in der
    Politik, der Wirtschaft oder den Religionen - fuer deren
    Hirngespinste die Masse schliesslich zahlen musste.....

    • Zermatt
    • 04. Dezember 2012 18:31 Uhr

    Ausser beim Atomstrom. Da hätte Deutschland früher Alternativen suchen können um sie dann der Welt zu verkaufen.

    • Zermatt
    • 04. Dezember 2012 18:31 Uhr

    Ausser beim Atomstrom. Da hätte Deutschland früher Alternativen suchen können um sie dann der Welt zu verkaufen.

    • bnt
    • 04. Dezember 2012 16:36 Uhr

    Ich hab das schon in der Schule im Wirtschaftsunterricht nicht verstanden, warum man hochzivilisierte Gesellschaften daran erkennen sollte, dass sie hauptsächlich den tertiären Wirtschaftssektor ausgebaut haben. Auf die Frage, wie sich die erste Welt das leisten könnte, ihr ganzes Zeugs in den Schwellenländern zu produzieren, sagte die Lehrerin damals, dass die Dienstleistungswirtschaft auch ihre Mehrwerte produziert und ich das nur mit den Zinsen und den Aktien nich verstanden hätte. Hahaha.

    • bnt
    • 04. Dezember 2012 16:44 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  2. ........und Ihre Oekosozialisten es verstanden haben
    oder nicht, denn frueher oder spaeter werden Ihnen
    die Fakten um die Ohren fliegen.

    Wer meint, dass man fuer das "Heil der Welt" Stras-
    sen "zurueckbauen" muesste (und damit Volksver-
    moegen vernichtet);
    wer glaubt, auf modernste Infrastruktur-Massnahmen
    (Schnellstrecken der Bahn, Autobahnen, Flughafen-
    Ausbau) verzichten zu koennen, der kann auch gleich
    die innovativen Firmen, deren Erfolg auch davon ab-
    haengt, in's Ausland verlagern (lassen);
    wer davon traeumt, die weltweite Entwicklung ignorieren
    zu koennen, der wird sich auch bei uns langfristig nicht
    commod einrichten koennen.

    Alleine in Asien sind bis zu 50% der Menschen unter
    25 Jahren. Die werden sich ihren Weg suchen............
    aber ganz bestimmt nicht unsere Renten bezahlen!!!

    Leider hat sich seit Menschengedenken nichts daran ge-
    aendert, dass es bornierte Eiferer waren - egal, ob in der
    Politik, der Wirtschaft oder den Religionen - fuer deren
    Hirngespinste die Masse schliesslich zahlen musste.....

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die ganze Welt und die "bornierten Eiferer" ? Haben sie sich mit ihrem erguss nicht gerade als solcher geoutet ? Im übrigen vertreten sie ewig gestrige Thesen ! Die Massenarbeitsplätze in der Autoindustrie und auch die auf dem Bau werden genau so untergehen, wie bisher alle irgendwann dominanten Industrien oder Stände zu allen Zeiten untergegangen sind. Da nützen Abwrackprämien und Investitionsprogramme für 16-spurige Autobahnen auch nichts mehr. Und die Ressource Land zum Zubetonieren ist zudem endlich. Zu glauben, dass man hier immer so weiter machen kann, wie in den letzten 60 Jahren, das ist der große Fehler! Und bei uns von Rückbau zu sprechen, zeigt ihre weltfremdheit und borniertheit nochmal deutlich. Die von bund und Land höchstsubventionierte Industrie ist es doch, die seit Jahrzehnten die angebliche Globalisierung bemüht um immer mehr Ausgaben zu sozialisieren, Beispiel "Just in Time", Arbeitnehmerbeiträge oder Lohndumping und geforderte Aufstockung durch Steuergelder. Die versprochenen Stellen werden nie geschaffen. Im Gegenteil, leichte Dellen in den Milliardengewinnen werden sofort wieder zum Anlass genommen Stellen abzubauen. Zur Dividendensteigerung und Gewinnmaximierung. Entschuldigung, aber wer diese Märchen noch als Zukunftsgerichtet ansieht profitiert entweder von diesem ausbeuterischen System oder ist einfach nur borniert ...

    • RGFG
    • 04. Dezember 2012 17:38 Uhr

    "Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away" -- Philip K. Dick

    Die reale, physische Welt ist in manchen Branchen halt doch die Quelle, aus der Know-how entsteht. Das wussten die Berater natürlich immer auch - aber erst konnten sie uns alle "beraten", wie man die Wirtschaft virtualisiert und jetzt können uns die gleichen Leute wieder darin "beraten", wie wir von dem schmalen Brett wieder runterkommen.

    Das nennt sich dann "Bruttosozialprodukt", was uns aber auch nix hilft, weil die Gewinne daraus ins Ausland transferiert werden dann in der nächsten Finanz- oder Immobilienblase wieder 'vernichtet' zu werden, noch bevor sie eigentlich entstehen konnten.

    Man muss gar nicht klassenkämpferisch argumentieren - mittlerweile fällt auch dem Durchschnittsbürger auf, dass die Idee der Marktwirtschaft sich langsam aber sicher selbst ad absurdum führt.

  3. "wie feingeistig" gedacht.

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