Die Deindustrialisierung war jahrzehntelang kein Thema, jedenfalls keines, was so genannt wurde. Sie hieß Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft und galt als etwas ganz Normales für reiche "Industrie"-Länder. Das hat sich geändert. Alle Welt schaut vorwurfsvoll oder bewundernd auf Deutschland, das dank seiner starken Industrie in der Euro-Krise zum fast alleinigen wirtschaftlichen und politischen Machtzentrum in Europa aufgestiegen ist.

Allenthalben wird von der Notwendigkeit gesprochen, die Industrie zu fördern, selbst in angelsächsischen Ländern, wo jede Form von Industriepolitik bisher als planwirtschaftliche Wissensanmaßung verpönt war.

US-Präsident Barack Obama hat sogar eine "fortschrittliche Industriepartnerschaft" ausgerufen. Sein Wirtschaftsberater Gene Sperling hat ganz offen den starken Rückgang der Industriebeschäftigung seit etwa 2000 als nationales Problem ersten Ranges bezeichnet.

Industriefetischismus nennt John Kay das. Der einflussreiche britische Buch- und Kolumnenschreiber schüttet Häme über eine archaische Geisteshaltung aus, die nur das Machen von Sachen als vollwertige Arbeit betrachte und Pflege alter Menschen oder Haareschneiden als minderwertig einstufe.

Gene Sperling kennt solche Einwände aus seiner Heimat zur Genüge. Deshalb hat er sich in einer Rede bei einer "Konferenz zur Renaissance der amerikanischen Industrie" ausführlich damit auseinandergesetzt. Anders als bei solchen Anlässen oft üblich handelt es sich nicht um Sprechblasen, sondern um eine tiefschürfende ökonomische Analyse, gespickt mit Verweisen auf ein Dutzend Studien.

"Arbeit, um Sachen herzustellen, ist in einer globalisierten Welt ein billiger Standardinput", stellt Kay fest. Was wirklich Wert schaffe, seien die Fähigkeiten und Anstrengungen darum herum, die aus einfachen Dingen schöne, komplexe und höchsten Qualitätsansprüchen genügende Objekte machen, für die hohe Preise zu erzielen seien. Er nennt das Beispiel des iPhones, das für 20 Dollar in China hergestellt werde, für dessen Entwicklung in Kalifornien Apple jedoch Hunderte Dollar pro Stück erzielen könne.

Wenn sich bei allen Industrieprodukten Entwicklung und Produktion so gut räumlich trennen ließen wie bei Informations- und Telekommunikationsgütern, dann wäre es vielleicht möglich für ein führendes "Industrieland", sich auf die sauberen Bürojobs zu beschränken und trotzdem seinen Wohlstand zu bewahren. Doch das scheint eher die Ausnahme als die Regel zu sein.

In vielen Branchen, wie zum Beispiel dem Maschinenbau, können Entwickler und Ingenieure ohne Kontakt zur Produktion kaum sinnvoll arbeiten. "Als wir die Elektronikproduktion verloren, verloren wir auch die Beteiligung an den Innovationen in diesem Bereich und Folgeprodukte wie fortgeschrittene Batterien, Flachbildschirmtechnologie und LED-Beleuchtung", stellt Sperling fest. "Als wir die Produktion von Haushaltselektronik abgaben, verloren wir auch die Fähigkeit, Batterien für solche Produkte zu entwickeln, einschließlich Lithium-Ionen-Batterien", fügt er hinzu.

Das räche sich heute, weil man dadurch im potenziellen Zukunftsmarkt der Batterien für Autos und der Elektrizitätsversorgung kaum eine Rolle spiele. Das will die US-Regierung nun im Rahmen des Recovery Acts mit massiver Förderung der Batterieentwicklung wieder umkehren.

Die Produktion von Dingen zusammen mit den Dienstleistungen, die damit zusammenhängen, unterscheidet sich von konsumorientierten Dienstleistungen wie der Friseurkunst und der Pflege dadurch grundlegend, dass nur Erstere große Potenziale für Effizienzsteigerung und technischen Fortschritt bieten. Gäbe es keine Industrie, wären Friseure und Pflegekräfte heute noch ähnlich arm wie vor 500 Jahren, denn dann hätte es nicht viel Produktivitätsfortschritt gegeben.

Die Lerneffekte schwappen zu einem großen Teil über die jeweilige Branche hinaus und wirken sich positiv auf die Produktivität anderer Branchen aus. Dabei nimmt die gegenseitige technologische Befruchtung mit der Entfernung ab und hört oft an nationalen Grenzen auf. Eine leistungsfähige optische Industrie erhöht die Produktivität im Maschinenbau eines Landes und umgekehrt.

Aus dieser gegenseitigen Befruchtung in einer vielseitigen Industriestruktur entspringt die Begründung für staatliche Hilfestellung. Denn jedes Unternehmen rechnet bei der Frage, ob sich sein Produktions- und Entwicklungsaufwand lohnt, nur die Vorteile für das eigene Unternehmen ein, nicht aber die für die Branche und für andere Branchen. Wird das nicht kompensiert, bleiben der Entwicklungsaufwand und allgemein die Investitionen in Produktionsanlagen zu gering.

Erschienen im Handeslblatt