Billig-Kleidung"Die Verbraucher nutzen ihre Macht nicht"

Was folgt aus der Brandkatastrophe in Bangladesch? Die Verbraucher im Westen müssen endlich umdenken, sagt der Chef des Textilverbandes, Peter Schwartze, im Interview. von Carsten Brönstrup

Näherin in einer Fabrik in Bangladesch

Näherin in einer Fabrik in Bangladesch  |  © Munir uz Zamann/AFP/Getty Images

Frage: Herr Schwartze, kann man ein T-Shirt für 4,99 Euro so herstellen, dass die Näherinnen fair verdienen und menschenwürdig arbeiten können?

Peter Schwartze: Nicht jedes preiswerte Kleidungsstück wird unter so schlimmen Bedingungen produziert wie in der abgebrannten Fabrik in Bangladesch . Dort waren offenbar Kriminelle am Werk, denen alle Vorschriften egal waren.

Anzeige

Frage: Lausiger Brandschutz, mickrige Löhne, lange Arbeitszeiten: Ist das die Globalisierung , die wir wollen?

Schwartze: Die Globalisierung hat Wachstum und Wohlstand in die ärmsten Länder gebracht. Die Textilbranche ist eine Pionierindustrie, die den Boden für eine weitere Industrialisierung bereitet. Ohne die weltweite Arbeitsteilung gäbe es viel mehr Armut und Hunger. Und unser Lebensstandard wäre viel niedriger. Unsere Löhne können nicht der Maßstab sein – wir haben Generationen gebraucht, um das heutige Level zu erreichen.

Frage: In den vergangenen sechs Jahren sollen allein in Bangladesch 500 Menschen bei Fabrikbränden umgekommen sein. Zahlen die Entwicklungsländer den Preis für unseren Wohlstand?

Schwartze: Nicht jeder, der in Asien produzieren lässt, zahlt Billiglöhne und missachtet Vorschriften. Was in Bangladesch passiert ist, ist Sache der Handelskonzerne. Ich spreche für die Textilindustrie – dort gibt es solche Zustände nicht.

Frage:Adidas , Seidensticker, Hugo Boss sind über jeden Zweifel erhaben?

Schwartze: Die deutsche Textilindustrie beschäftigt weltweit 400.000 Menschen. In jedem dieser Werke, sei es in Asien oder in Europa , herrschen deutsche Arbeits- und Sicherheitsstandards. Es gibt freiwillige Verhaltensrichtlinien, die alle unterschrieben haben. Wir lehnen Ausbeutung ab, und ich sage Ihnen: Bei uns werden Sie nichts finden. Einzelfälle, Kriminelle gibt es immer. Doch wenn wir deutsche Qualität liefern wollen, brauchen wir auch deutsche Standards.

Frage: Die Gewerkschaften sagen, viele Verpflichtungen und Standards seien schön für die Nachhaltigkeitsberichte der Konzerne, änderten in der Praxis aber nichts.

Peter Schwartze

ist seit 2010 Präsident des Gesamtverbandes Textil und Mode. Zuvor war er geschäftsführender Gesellschafter der Teppichwerke Neumünster.

Schwartze: Das kann ich nicht bestätigen. Ich kenne die Bedingungen vor Ort. Deutsche Hersteller wissen genau, wo sie wie produzieren. Das ist ein anderes Geschäft als bei den Billigketten, die in Asien bestellen und womöglich eine Reihe von Subunternehmern in der Kette gar nicht kennen.

Frage: Müssen die Handelskonzerne ihre Auftragnehmer stärker überwachen?

Schwartze: Ich weiß nicht, wie Takko oder Kik arbeiten. Ich weiß nur, dass sie die importierte Ware hier noch einmal intensiv prüfen lassen, etwa auf Schadstoffe. Der aktuelle Fall zeigt, dass sie offenbar mehr tun müssen, die Produktion ist oft undurchsichtig. Die Katastrophe ist nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich schlimm: Die Marke eines Abnehmers kann auf Jahre geschädigt sein. Passiert so etwas noch einmal, gerät ein ganzes Unternehmen womöglich in Schieflage.

Frage: Ist die Textilbranche anfälliger für Ausbeutung und schlechte Löhne, weil so viel menschliche Arbeit eine Rolle spielt?

Schwartze: Nein. Die Lohnkosten liegen bei 15 bis 18 Prozent des Endpreises, mehr nicht. Maschinen spielen überall eine große Rolle. Sie müssen die Massen an Textilien sehen, die heutzutage verkauft werden. Selbst wenn ein Unternehmen zwölf Millionen Hemden näht – angesichts von 1,3 Milliarden Chinesen ist das fast nichts. Ohne menschliche Arbeit geht es aber nicht.

Frage: Wäre das Problem der Arbeitsbedingungen aus der Welt, wenn die Verbraucher für jede Jeans ein paar Euro mehr zahlten?

Schwartze: Am immensen Preisdruck in der Branche ist auch der Verbraucher schuld. Mir ist klar, dass nicht jeder 19,95 Euro für ein T-Shirt ausgeben kann, aber diese Geiz-ist-geil-Mentalität kann auf Dauer so nicht weitergehen. Meine Maxime ist: Wer billig kauft, muss oft doppelt kaufen.

Frage: Einige lieben es, sich jeden Trend leisten zu können. Andere können von Markenklamotten nur träumen.

Schwartze: Sicher, ein Hartz-IV-Empfänger muss auf jeden Cent achten. Aber die Verbraucher nutzen ihre Macht nicht. Wenn es mehr um Qualität als nur um den Preis ginge, hätten auch die Näherinnen bessere Bedingungen.

Leserkommentare
    • Infamia
    • 03. Dezember 2012 15:43 Uhr

    Nur weil Sie ehrlich sind, finde ich Ihre Ansicht trotzdem zum Kotzen. Ehrlichkeit zeigt hier nur, wie menschenverachtend Sie doch sind. Ich hoffe für Sie, dass Sie anderen nicht egal sind, wenn es Ihnen mal dreckig geht.

    Der Vorteil den wir "Westler" haben ist, dass wir theoretisch unsere Verbrauchermacht nutzen könnten. Denn wir, die wir hier in Sauß und Brauß leben, haben die Wahl. Andere eben nicht.

    • Afa81
    • 03. Dezember 2012 17:41 Uhr

    Also, wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, verantwortlich zu konsumieren, dann nehme ich die auch wahr. Wenn ich TransFair Produkte finde, kaufe ich die. Wenn ich einfache Elektronik brauche, dann versuche ich diese immer erst im Einzelhandel zu kaufen. Und ich meide generell Billigfriseure. Das macht mich nicht zu Robin Hood und man wird mir dafür sicher keinen Humanitätspreis verleihen - wieso auch? Ich weiß, dass ich mehr tun könnte. Ich könnte den ganzen Tag im Internet recherchieren, wo ich vielleicht Waren noch verantwortungsvoller kaufen könnte.
    Aber, dass es mir bei einer Ware NUR um mich geht, das ist nicht wahr und wird auch nicht wahrer, wenn Sie damit Ihr Gewissen beruhigen oder hier einfach nur durch einen progressiven Kommentar auffallen wollten.
    Also, egal ist es mir nicht - es hat aber auch bei mir nicht Prio 1.

    Worauf Sie wohl eher hinaus wollten ist etwas, das mich auch nervt. Das ist, wenn sich Leute, die sich eigentlich real und faktisch nicht wirklich um Veränderungen bemühen, durch heuchlerische Belehrungen profilieren, mit dem Finger auf andere zeigen oder sich hinter ihrem leeren Geldbeutel verstecken nach dem Motto: Ich kann ja nicht anders. Da müssen Sie aber sicher keine Angst haben. So weit, dass ihnen jemand im Supermarkt eine Moralpredigt hält sind wir noch lange nicht :-)

    • lamara
    • 03. Dezember 2012 19:09 Uhr

    sind die klamotten bereits so billig, dass man sich fragen muss ob neukaufen statt waschen nicht sinnvoller ist

  1. Ich hab den Eindruck, dass Klamotten mehr über Image als über sachliche Information verkauft werden, dies führt zu einem erheblichen Werbeaufwand und zu aufwendigen "Stores".

    Vielleicht wäre es mal Zeit eine Synthese von Discounter zu schaffen, durch 3 Maßnahmen:

    1. Herstellung einfacher, aber klassischer Schnitte, nach dem Motto "Form follows function", einen Klassiker eben!

    2. Beschränkung auf ein kleines Sortiment von soliden Klamotten aus strapazierfähigen Materialen, zur Vermeidung von unnötigen Kaufanreizen dieses Sortiment auch mal etwas durchhalten.

    3. Den Bekleidungsladen von "Showroom" wieder auf Verkaufsraum mit kompetenten Personal zurückführen. (Ich liebe klassische Herrenausstatter ;-))

    4. Kaufzwang einschränken:
    a. Anzüge nur noch zu wirklich wichtigen Anlässen. (Ich möchte nicht wissen, wieviele Leute mit dem PKW zu Arbeit fahren, weil "Anzugzwang" besteht und diese Dinger für ein Fahrrad ungeeignet sind)

    b. Abschaffung der Krawatte ;-) Es gibt wohl kaum ein nutzloseres Kleidungsstück, Herren im 21. Jahrhundert sollten nicht, wie ein Landsknecht im Mittelalter ein Stück Stoff um den Hals brauchen.
    http://de.wikipedia.org/w...

    • rosalix
    • 11. Dezember 2012 12:44 Uhr

    http://gmbakash.wordpress...
    Schaut Euch das an! Dann kauft weiter .

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Adidas | Bangladesch | WTO | Bugatti | Hugo Boss | Kik
Service