Jahresrückblick 2012"Eine moderne Bazooka ist eine Bedrohung"

September 2012: Der EZB-Chef kündigt den unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen an. Draghi packt die Bazooka aus, heißt es. Passt der Vergleich? Ein Waffenexperte antwortet. von 

Der Mann mit der Bazooka: Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank

Der Mann mit der Bazooka: Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank  |  © Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Neuneck, im abgelaufenen Jahr war viel von der Bazooka die Rede. Damit war meist der Einsatz großer Geldmengen durch die Europäische Zentralbank gemeint, um die Märkte zu beruhigen. Wie treffend finden Sie den Vergleich?

Götz Neuneck: Solche Begriffe sollen die Dramatik der Lage beschreiben. Sie sind spektakulär und eingängig. Viel dramatischer ist aber doch, dass große finanzielle Instabilitäten zu realen Kriegen führen können. Ich erinnere da nur an das Klima vor dem Zweiten Weltkrieg.

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ZEIT ONLINE: Was ist die Bazooka für eine Waffe?

Neuneck: Die Bazooka ist den Deutschen eher als Panzerfaust ein Begriff. Es handelt sich um raketenangetriebene, über die Schulter verschießbare Granaten, die sich durch eine Hohlladung angetrieben durch die Panzerung brennen. Der Ruf der Waffe rührt daher, dass eine Rakete mit einer panzerbrechenden und daher durchschlagenden Wirkung kombiniert wird.

Prof. Dr. Götz Neuneck
Prof. Dr. Götz Neuneck

ist stellvertretender Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg. Er studierte Physik und promovierte im Fach Mathematik. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Fragen der Sicherheitspolitik. Er leitet unter anderen die Interdisziplinäre Forschungsgruppe Abrüstung, Rüstungskontrolle und Risikotechnologien und die Arbeitsgruppe "Physik und Abrüstung" der Deutschen Physikalischen Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Wer hat die Waffe erfunden?

Neuneck: Es gab zwei Entwicklungen. Die erste Erfindung war die Hohlladung, die 1880 von dem amerikanischen Physiker Charles E. Munroe forciert wurde. Die zweite war die Kleinraketenentwicklung, die im Jahr 1918 von Robert Goddard begonnen wurde. Ab 1937 entwickelte eine deutsche Gruppe unter Carl Cranz und eine Schweizer Gruppe die Grundzüge der Waffe. Als "Vater der Bazooka" gilt der amerikanische Leutnant Edward Uhl, der vor allem das röhrenartige Startgerät entwarf. Ironischerweise war die Bazooka in den USA ursprünglich ein populäres Jazz-Blasinstrument!

ZEIT ONLINE: Wann kam die Waffe erstmals zum Einsatz?

Neuneck: Die Amerikaner und Deutschen haben die Bazooka erstmals in größerer Zahl im zweiten Weltkrieg eingesetzt. Die Waffe war damals aber zu ungenau. Auf kurzer Distanz wurde sie deshalb meist nur gegen Bodenziele und nicht gegen Panzer abgefeuert. Das Verschießen war auch gefährlich für den Schützen. Die damalige Kriegsführung war stark auf die Panzerwaffe abgestellt. Erst in den letzten Kriegstagen erlangte sie eine größere Bedeutung, als die deutschen Truppen sich schon auf dem Rückzug befanden.

Jahresrückblick 2012

Zwölf Monate, zwölf Protagonisten: ZEIT ONLINE erzählt das Jahr 2012 aus der Sicht von Beobachtern und Menschen, die dabei waren, ohne im Scheinwerferlicht zu stehen. Jeden Tag veröffentlichen wir zwei neue Folgen.

Alle Geschichten im Überblick:

Was im September noch geschah

Das Bundesverfassungsgericht billigt den ESM und den Fiskalpakt – mit Auflagen.

Laut der OECD-Studie fällt Deutschland im internationalen Bildungsvergleich zurück.

Die SPD entscheidet ziemlich überstürzt die K-Frage: Peer Steinbrück soll als Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl 2013 antreten.

ZEIT ONLINE: Die Bazooka ist einige Jahrzehnte alt. Wie wichtig sind ihre Nachfolger auf den heutigen Kriegsschauplätzen?

Neuneck: Moderne Panzer haben sich heute auf die Bedrohung durch panzerbrechende Waffen längst eingestellt. Sie verfügen oft über eine Aktivpanzerung oder stärkere Schilde. Es gibt seit langem einen Wettlauf zwischen der Offensive, also dem Geschoss, und der Defensive, der Panzerung. Eine moderne Bazooka ist dennoch eine große Bedrohung für jeden Panzer. Sie ist billig und leicht zu transportieren.

ZEIT ONLINE: Welche Hersteller von Bunker- oder Panzerfäusten sind heute bedeutend?

Neuneck: In Deutschland stellt das Unternehmen Dynamit Nobel Defence Panzerfäuste für die Bundeswehr her. Auch in den USA, Schweden , Russland und China gibt es wichtige Produzenten.

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Leserkommentare
  1. Die Panzerfaust konnte die Panzerung eines damaligen Panzers durchschlagen. Das große Problem war es halt, nah genug an solch einen Panzer heranzukommen ohne vorher getötet zu werden, da der Fußsoldat (im Vergleich zum Panzer) ungepanzert war.

    Ich denke die Verwendung im Zusammenhang mit der EZB des Begriffs Bazooka stammt wohl eher aus der Ego-Shooter Ecke: Es ist halt eines der "dicksten Dinger", die so ein Fußsoldat mit sich herumschleppen kann.

  2. der vergleich ist zutreffend (in meinen augen). nur das auf geld der bürger geschossen wird und dies die inflation beflügelt. mal ganz davon abgesehen das diese aktion der "unbegrenzte ankauf von staatsanleihen" rechtlich überhaupt nicht legitimiert ist. naja aber das gehört ja schon zum guten ton in der euro/eu politik. naja ist ja auch lästig sowas wie demokratie und rechtsstaatlichkeit. im modernen zeitalter ist sowas ineffizient wie kontraproduktiv. und das steht ja über allem, effizienz und produktivität. naja effizient den bürger ausbluten lassen ist schon was feines.

  3. hat den Euro im Griff...

    • Allora
    • 29. Dezember 2012 10:31 Uhr

    Bazooka wurde als Begriff für das Gelddrucken durch die EZB von David Cameron verwendet. Der meinte sich da einmischen zu müssen und das fordern zu können. Mario Draghi hat demgegenüber nie von einer Bazooka gesprochen, sondern in der Hoffnung auf bessere Akzeptanz in Deutschland von der "Dicken Bertha". Das war keine Panzerfaust, sondern eine Kanone (1. Weltkrieg) von Krupp mit sehr großem Kaliber.

  4. …erwähnte und ist es bis heute noch. Der Fantasiereichtum derer, gegen die Draghi sie ins Feld führte, ist, wie's scheint, tatsächlich begrenzt.

    Die Kleingeld-Kleckerei der schwäbisch-sparsamen Frau Merkel, verbunden mit ihren Daumenschrauben fürs einfache und zahlungsunfähige Volk, spornten "die Märkte" zu immer neuen und erfolgreichen Husarenstückchen gegen Euro und südländischen Staatsanleihen an.

    Einigermaßen erschüttert bin ich über die Kommentare, die immer noch den Inflationsangstmachern hinterher rennen.

    Liebe Inflationisten, versucht das Geld einfach von denen zu kriegen, die darauf sitzen, wenn ihr kein neues drucken wollt. Danach sprechen wir uns wieder.

    Der Geldkreislauf ist kaputt. Seht das endlich ein. Tröstet euch, dass die Reichen nur begrenzt Lust auf Brot haben, sie nicht die ganze Bäckerei leer kaufen und sie somit auch nicht die Preise verderben. Lieber kaufen sie sich lecker Aktien oder Immobilien in einer der Boomcities. Kann sein, dass ihr bald an den Stadtrand ziehen müsst und eure private Rente durch diverse platzende Börsenblasen reduziert wird. Ganz ohne Opfer geht der grenzenlose Reichtum mancher nicht.

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    handelt es sich eher um eine Konfetti-Kanone?

  5. " Solche Begriffe sollen die Dramatik der Lage beschreiben. Sie sind spektakulär und eingängig..."ist der einzig vernünftige Satz in diesen Artikel,der sich ja mit der Finanzkrise befasst.(oder nicht ?). Ansonsten weis ich nach dem Lesen der Zeilen wie eine Bazooka funktioniert (oder nicht?) ,komme zur Erkentniss daß mich das eigendlich garnicht interesiert...im Zusammenhang mit der Krise..und das Waffenexperten mit oder ohne Prof-Tietel nicht die richtigen Experten zur Erklährung dieser Art von Krisen sind.

    • Atan
    • 29. Dezember 2012 16:49 Uhr

    Betrachtung zur Euro-Rettung ist doch nur entstanden, weil Ihr dieses Jahr irgendwo mal eine moderne "Bazooka" (RPG) mit dem ziemlich witzigen Wort "Propellergranate" untertitelt habt.
    Ihr wusstet also schlicht kein bisschen Bescheid, und nur die Wirtschaftsredaktion hatte die Chuzpe, einen leibhaftigen Professor zur Beantwortung dieser Frage zu engagieren.

    (Ob Draghis "Schuss" am Ende nach hinten losgeht, wäre viel wichtiger zu wissen, aber dazu kann man leider wohl kaum eine eindeutige Expertise erlangen...)

  6. handelt es sich eher um eine Konfetti-Kanone?

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