Eine Welt ohne Nudeln ist für die meisten Menschen unvorstellbar. Man denke sich nur, was in Italien los wäre: ein Kulturschock! Kinder würden lautstark ihre Spaghetti Bolognese verlangen. Im Norden Chinas sind Nudeln ein Grundnahrungsmittel, und es würde zu Aufständen kommen, würden sie fehlen.

Und doch ist eine solche Welt nicht ganz unwahrscheinlich. Zumindest dann, wenn wir nicht noch aggressiver als bisher gegen die Erderwärmung vorgehen. Nudeln werden aus Weizen gemacht, und Weizen, das zeigt uns eine steigende Zahl von Studien und empirischen Beobachtungen, wird besonders betroffen sein, wenn Stürme und extreme Trockenheit zunehmen und die Durchschnittstemperatur steigt. Die Erderwärmung macht das Wetter extremer, und extremes Wetter kann gefährlich werden. Nicht nur, weil unsere Küsten überschwemmt werden, sondern auch, weil solche Extremwetterlagen die Grundlage unserer menschlichen Existenz gefährden : die Fähigkeit, uns selbst zu ernähren.

Weizen, Mais und Reis – diese drei Rohstoffe bilden die Grundlage für die meisten Nahrungsmittel der Welt. Der Anbau aller Drei wird schon heute vom Klimawandel beeinflusst, Weizen aber besonders, weil er äußerst empfindlich auf höhere Temperaturen reagiert. Das führt zu Schwierigkeiten in der Nudelproduktion, aber auch in der Herstellung von Brot, dem Grundnahrungsmittel schlechthin.

Wissenschaftler haben starke Belege für einen direkten Zusammenhang zwischen den steigenden Temperaturen und den weltweit sinkenden Erträgen in der Weizenproduktion . Allein in den vergangenen 50 Jahren sank wegen des Temperaturanstiegs die Weizenproduktion um 5,5 Prozent im Vergleich zur Situation, wenn es keinen Temperaturanstieg gegen hätte, hat David Lobell in einer Studie gezeigt. Er ist Professor am Zentrum für Lebensmittelsichelsicherheit und Umwelt der Stanford Universität. "Weizen mag es lieber kühl", sagt Frank Manthey, ein Professor an der Universität von North Dakota, der die regionale Weizenkommission berät. Dass die gestiegenen Temperaturen die Qualität und das Wachstum des Weizens schädigen ist für Manthey "ohne Zweifel".

Bis zum Jahr 2050, so sagen es die Wissenschaftler voraus, werden die weltweit führenden Weizenanbauländer Kanada , die USA , China, Indien und Russland Jahr für Jahr heißere Sommer erleben. Das Internationale Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik (IFPRI) schätzt, dass die Weizenproduktion bis dahin um 23 bis 27 Prozent zurückgehen könnte – es sei denn, der Klimawandel wird gestoppt oder die Wissenschaft entwickelt robustere Weizensorten. "Bislang fehlt es Forschung und Privatfirmen allerdings an Möglichkeiten, zumindest von der DNA-Seite der Saaten auf steigende Temperaturen zu reagieren", sagt Gerald Nelson von IFPRI. "Wir machen uns alle Sorgen."

In diesem Sommer konnte man die Zukunft besichtigen. Die USA erlebten eine Jahrhundertdürre . Mais- und Soyaernten brachen ein und ließen die internationalen Nahrungsmittelpreise in die Höhe schnellen . In Indonesien kam es zu Protesten, weil sich viele Menschen ihre Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten konnten. "Viele Pflanzen konnten diesen Wetterverhältnissen nicht standhalten", sagt Jay Fuhrer von der staatlichen Landwirtschaftskommission in North Dakota. "Das betrifft auch die Verbraucher."

In North Dakota streiten Weizenbauern und Ölproduzenten

Ein Ort, an dem der Wandel spürbar wird, ist North Dakota. Hier ist einer der wichtigsten Anbauorte für die Nudelindustrie. Der Bundesstaat grenzt im Norden an Kanada, ein menschenleerer Bundesstaat, die Kornkammer Amerikas. Es wird vor allem Hartweizen angebaut, einer der besten der Welt, glaubt man den Vertretern des Bundesstaats: hoher Proteingehalt, golden schimmernd.

Der Weizen mag Regen und – in begrenztem Maß – kühle Temperaturen. Beides hat North Dakota. Noch.

Das Epizentrum des Weizenanbaus

Schon als Doug Opland ein Kind war, wurde in North Dakota im großen Stil Weizen angebaut. Inzwischen sitzt der Farmer im Vorstand der Vereinigung der Weizenbauer. Es ist Ende Oktober, als Opland seinen Pickup auf ein Feld fährt, 1,2 Quadratkilometer ist es groß. Die Reifen hinterlassen Spuren im ersten feinen Schnee von North Dakota in diesem Jahr. Opland, 51 Jahre alt, ein kräftiger Mann, sagt: "Das hier ist das neue Zentrum des Hartweizenanbaus." Bisher war das anders. Da wurde der Weizen weiter im Osten des Bundesstaates angebaut, nur ist es dort inzwischen zu nass geworden. Deshalb haben viele Farmer ihren Standort verlegt.

Die Verschiebung der Anbaugebiete betrifft auch die Nudelproduzenten. Einer der größte Hersteller der USA, Dakota Growers Pasta, eröffnete etwa im Jahr 1993 eine Weizenmühle und Nudelproduktion in Carrington, einer Stadt im Nordosten des Bundesstaats. Zu jener Zeit war das eine ökonomisch sinnvolle Entscheidung. Jetzt aber, da die Weizenanbaugebiete in Richtung Westen gezogen sind, bleibt eine Mühle zurück, die schlecht ausgelastet ist und zu weit entfernt von den Getreidebauern liegt. "Der Standort ist sicherlich inzwischen im Nachteil", sagt Firmenchef Ed Irion.

Preisdruck an den Weizenmärkten

Auch die Landwirte stehen unter extremem Druck. Der Anbau von Hartweizen ist extrem kompliziert, die Pflanze mag es feucht, aber bitte nicht zu feucht. Wegen der speziellen Anforderungen konnten die Anbauer in North Dakota bislang Premiumpreise verlangen. Doch immer seltener sind Getreideverarbeiter bereit, sie zu zahlen. Lieber treiben sie ihre eigenen Gewinne in die Höhe. Weizenbauer Opland weiß noch nicht, ob er im kommenden Jahr das Risiko eingehen soll, Hartweizen anzubauen. Wie hoch muss der Weizenpreis steigen, damit Getreidebauer wie Opland bereit sind, in Zeiten des Klimawandels solche sensiblen Pflanzen anzubauen?

Es gibt einige, die auf solche Fragen einfache Antworten haben. Im vergangenen Juli schlug etwa ExxonMobil-Chef Rex Tillerson vor, die Landwirte sollten sich einfach andere Anbaugebiete suchen . Klimawandel sei schließlich ein "Ingenieursproblem", für das es auch "Lösungen von Ingenieuren" gebe, sagte Tillerson. Eine davon sei eben, das Getreide einfach woanders anzubauen.

Das ist in der Praxis allerdings nicht so einfach. Erst recht nicht in Entwicklungsländern. Dort leben die Menschen von dem, was sie vor Ort anbauen. "Solche Menschen können doch nicht mal schnell ihren Hof verlegen und mit Sack und Pack umziehen", sagt IFPRI-Fachmann Nelson. Das gilt auch für wohlhabendere Regionen wie Noth Dakota – einmal davon abgesehen, dass natürlich auch die Qualität der Böden eine wichtige Rolle spielt.

Bakken-Ölboom treibt Agrarlandpreise hoch

Hinzu kommt: Die Verlagerung der Weizenproduktion nach Westen kollidiert derzeit mit den Plänen einer Industrie, die etwas ganz anderes vorhat mit den Prärien North Dakotas.

Donny Nelson ist Getreidebauer in Clark Creek, einem kleinen Kaff im Nordwesten von North Dakota. Schwerfällig müht sich sein Truck den Hügel hinauf, hoch zu Nelsons acht Hektar Land, das er einmal von einem Großvater geerbt hat. Noch bis zum vergangenen Sommer hat Nelson hier Hartweizen angebaut. Jetzt sind fast sechs der acht Hektar zubetoniert und von einem Zaun umgeben. Zwei grüngelbe Ölpumpen wippen monoton auf und ab, sie erinnern an metallene Vögel, die mit ihrem Schnabel in einen Teich tippen. Sie gehören dem Ölkonzern Hess.

Lukratives Geschäft mit Ölförderrechten

"Wir können die Ölfirmen nicht fernhalten", sagt Nelson. Selbst nicht auf seinem eigenen Grund und Boden. Seine Familie besitze nur die Rechte an der Oberfläche, erklärt der Landwirt. Die Rechte an den Bodenschätzen gehören einer anderen Person. Diese habe sie wiederum an die Firma Hess verpachtet. Und deswegen müsse er auch den Bau einer zweiten Ölförderstation und das Verlegen von Pipelines auf seinem Acker ertragen.

Das Land, auf dem Nelsen steht, ist das Epizentrum des Ölförderbooms in den USA. Hier liegt die Bakken-Formation , eines der größten Ölfelder in den USA – genau unterhalb der wichtigsten Weizengebiete der USA. Das treibt inzwischen die Preise für Ackerland in die Höhe. Allein Hess bewerbe sich in seiner Kommune um 150 neue Bohrgenehmigungen, erzählt Nelson. Dazu kämen noch 150 in der Nachbargemeinde. Insgesamt geht es um 300 Förderstationen auf gerade einmal 15 Quadratkilometern Fläche.

Der Ölboom ist Fluch und Geschenk zugleich : Die Arbeitslosenquote ist in North Dakota auf zwei Prozent gesunken, die Steuereinnahmen sprudeln. Bauer Opland fährt Richtung Westen, zum Städtchen Minot. 18 Hotels sind hier in den vergangenen Monaten für die Ölarbeiter hochgezogen worden. Rund 1.600 Hektar kostbares Land wurden dafür mit Beton versiegelt. "Das Land werden wir nicht bewirtschaften können, zumindest nicht zu unseren Lebzeiten", sagt Opland.

Doch es geht nicht nur um North Dakota. Überall auf der Welt ändert sich gerade die Art und Weise, wie der Weizen angebaut werden kann. Drei Viertel der weltweiten Hartweizenproduktion kommen aus der Mittelmeerregionen. Der Klimawandel wird Südeuropa sogar noch härter treffen als North Dakota. Allein in Italien und Frankreich werden die Ernten auf nicht bewässerten Flächen bis zum Jahr 2050 um bis zu 15 Prozent zurückgehen, weil Hitzewellen und Dürren die Regionen heimsuchen werden, schätzt die Europäische Umweltagentur. Dazu kommt ein steigender Wasserbedarf für die Bewässerung. In Spanien und Portugal könnten die Ernten sogar um bis zu 25 Prozent einbrechen.

Barilla empfiehlt nachhaltige Landwirtschaft

Bei Barilla hat man inzwischen auf die neue Situation reagiert. Der größte italienische Nudelhersteller versucht seit Längerem seine Versorgung mit Weizen weltweit besser zu verteilen. Seinen Getreidebauern empfiehlt der Konzern sogar explizit "traditionelle Anbaumethoden". Wer den Anbau variiere und die Fruchtfolgen wechsele, könne die Klimagasemissionen um bis zu 55 Prozent reduzieren, heißt es bei dem Unternehmen. Die Firma nimmt den Klimawandel offenbar ernst.

Einige Landwirte in den USA folgen bereits den Ratschlägen . Fred Kirschemann aus North Dakota ist einer der Vorreiter nahhaltiger Landwirtschaft. Seit den fünfziger Jahren baut seine Familie im Herzen des Bundesstaats Weizen an. Im Jahr 1980 stellte sie auf Bioanbau um. Konventionelle Landwirtschaft habe gleich zwei große Nachteile, ist Kirschemann überzeugt: Zum einen heize sie durch ihren massiven Verbrauch von fossilen Energien den Klimawandel an. Zum anderen seien Agrarpflanzen besonders verletzlich gegenüber den Folgen des Klimawandels.

Kirschemann macht ein Gedankenspiel: Wie sieht die Welt in zehn Jahren aus? "Wir werden noch mehr extreme Wetterereignisse haben, der Ölpreis liegt bei 300 US-Dollar und Dünger und Pflanzenschutzmittel werden immer teurer", sagt er. "Mit diesen Fragen müssen wir uns heute beschäftigen."

Widerstand der Klimaskeptiker

Es sind Fragen, für die Amerika offenbar noch nicht reif ist. Der aktuelle Entwurf eines Landwirtschaftsgesetzes geht in keiner Weise auf die Herausforderungen des Klimawandels ein. Weder Demokraten noch Republikaner haben das Thema auf dem Schirm. Auch der Verband der US-Nudelhersteller beschäftige sich nicht mit dem Thema Klimawandel, erklärt ein Sprecher.

Die Entwicklungen gehen sogar in die andere Richtung. In North Dakato negiert der aktuelle Landwirtschaftskommissar, ein Republikaner, konsequent den Klimawandel. Auch den Chef von Philadelphia Macaroni, einem Unternehmen, das internationale Lebensmittelkonzerne wie Kraft und Campbell´s Soup mit Nudeln beliefert, interessiert das Thema nicht. "Wir kümmern uns nicht drum", sagt Firmenmanager Kevin Schulz. "Ich glaube nicht an den menschengemachten Klimawandel."

Selbst Klimaskeptiker passen Anbaumethoden an

Nur die Getreidebauern, sie reagieren inzwischen. Einer von ihnen ist Glen Bauer, ein 71-jähriger Haudegen, der sich selbst als "sehr konservativ" bezeichnet und noch immer darüber rätselt, ob es den Klimawandel tatsächlich gibt. Eigentlich ein überzeugter Anhänger des konventionellen Anbaus.

Doch seine Acker bewirtschaftet der Bauer inzwischen mit nachhaltigen Methoden. Er wechselt regelmäßig die Fruchtfolgen und verzichtet auf das Pflügen im Frühjahr und Herbst. Stattdessen belässt er die vertrockneten Pflanzen als natürliche Schutzdecke auf dem Feld. "Wenn das Wetter trockener und heißer wird, sollte man nicht pflügen", sagt Bauer. Die Pflanzendecke halte die Erde feucht bis ins nächste Jahr. Das lockt inzwischen die bislang verschwundenen Regenwürmer wieder an. Sein Nachbar pflüge weiterhin – und habe jedes Frühjahr mit gewaltigen Staubstürmen zu kämpfen.

Spaghetti und Makkaroni werden natürlich nicht über Nacht aus unseren Supermarktregalen verschwinden. Aber die Entwicklungen in North Dakota und Europa zeigen: Wir werden rasante Preisschwankungen erleben, in einem Jahr wird die Ernte vielleicht noch gut ausfallen, danach wieder einbrechen.

Das Ende der Pasta

Aber wir müssen handeln. Wir brauchen mehr Landwirte wie Glen Bauer und Fred Kirschemann, die verstanden haben, wie wichtig nachhaltige Landwirtschaft für die Zukunft unserer Ernährung ist. Und natürlich brauchen wir die Politik, die sich endlich zu einer ehrgeizigen Klimagas-Reduzierung durchringt, um den Klimawandel zu stoppen.

Sonst droht tatsächlich das Ende für unsere heiß geliebte Pasta.

Anmerkung: Der Text ist eine gekürzte Übersetzung des Stückes "The end of pasta", das erstmals am 10. Dezember 2012 aufThe Daily Beast/Newsweekerschienen ist. Bei der Übersetzung haben sich Ungenauigkeiten eingeschlichen: Zum einen fehlte der Hinweis auf die Originalstudie zum Rückgang der weltweiten Weizenproduktion durch den Temperaturanstieg. Außerdem wurde ergänzt, dass in Europa die Hartweizenproduktion auf nicht bewässerten Feldern zurückgehen könnte. Anfangs wurden "nicht bewässert" unterschlagen. (3. Januar 2013, muk)