Präsident Hollande will nun die Sozialpartner ausdrücklich beteiligen. Sie sollen den Wettbewerbspakt bis zum Ende des Jahres mit aushandeln; beide Seiten sollen verzichten, die Arbeitnehmer sollen flexibler werden, die Arbeitgeber im Gegenzug Arbeitsplätze garantieren. Wird das gelingen? Die Chancen stehen nicht zum Besten. Die politische Kultur in Frankreich kennt weder Kompromissbereitschaft noch Vertrauen noch Gemeinwohl, außer in historischen Ausnahmesituationen. Nicht umsonst hatte Gallois in seinem Bericht an den französischen Sozialpakt appelliert, der nach dem zweiten Weltkrieg geschmiedet wurde, und bei dem alle französischen sozialen Kräfte an einem Strang zogen.

Der französische Historiker Pierre Rosanvallon setzt sich seit Langem mit der Frage auseinander, warum das liberale, im politischen Sinne des Wortes, dem französischen Denken so fremd ist – ausgerechnet im Land von Tocqueville. Er schreibt: "Seit zwei Jahrhunderten pflegen die Franzosen ein besonders zweideutiges Verhältnis zum Gemeinwohl. Den Korporatismus und Einzelinteressen abzulehnen, weil sie für die Gesellschaft des Ancien Regime stehen – beides hat in unserem Land zu einer abstrakten Auffassung des Gemeinwohls geführt. Daher rührt die französische Unfähigkeit, das Gemeinwohl als Kompromiss verschiedener Einzelinteressen zu denken, wie es in Großbritannien und Deutschland die Denkweise ist."

Frankreich steht vor harten Zeiten. Die Euro-Zone steckt in der Rezession, Frankreichs Wirtschaft wird kommendes Jahr wohl nicht wachsen . Hollandes Führungsstil war bislang enttäuschend. Ob seine Reformen, wenn sie zustande kommen, Früchte tragen, wird man erst in einigen Jahren messen können – wenn die französische Gesellschaft sich überhaupt darauf einlässt, sich gegenseitig zu vertrauen.