WirtschaftskriseFrankreich misstraut sich selbst

Auch wenn es anders scheint: Frankreich denkt um. Doch die Wirtschaftsreformen werden nur gelingen, wenn das Land lernt, Kompromisse einzugehen. von Alain-Xavier Wurst

Ursprünglich sollte der "Pakt für Wettbewerbsfähigkeit" , über den die Franzosen seit seiner Veröffentlichung Anfang November debattieren, einen drastischeren Namen tragen. Doch Präsident François Hollande vermied es, das ursprünglich geplante Wort vom "Schock" in den Titel zu heben – wohl wissend, wie heikel das Thema in Frankreich sein würde. Daher der konsensträchtige Name für ein Dokument, dessen Inhalt mit der Tradition von rund dreißig Jahren französischer Wirtschaftspolitik bricht. Auch wenn das in Deutschland derzeit gerne übersehen wird.

Erstmals widmet sich der Staat der Angebotsseite, statt nur Nachfragepolitik zu betreiben. Das ist der gedankliche Sprung, den der frühere EADS-Chef und Autor des Papiers Louis Gallois vollzieht. Zudem analysiert Gallois gnadenlos die entstandenen Wettbewerbsdefizite der französischen Wirtschaft und beschreibt die Folgen der Deindustrialisierung der vergangenen Jahrzehnte. Es ist ein lesenswertes Dokument , das einmal mehr zeigt, dass der bloße Blick auf die 35-Stunden-Woche nicht reicht, um die widersprüchliche Komplexität der französischen Gesellschaft zu verstehen.

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In Deutschland wird derzeit die Frage gestellt, warum den Franzosen keine Großreform wie die Agenda 2010 gelingt . Für die Antwort ist es notwendig, die Probleme der französischen Wirtschaft richtig zu diagnostizieren. Frankreich hat eine lange Phase der Deindustrialisierung hinter sich, die sich nun als Fehler erweist. Der Anteil der Industrie an der gesamten Wertschöpfung beträgt heute nur noch 12,6 Prozent, in Deutschland sind es 26,2 Prozent. Dabei sind es nicht die Großkonzerne, die leiden – in fast jeder Sparte gibt es in Frankreich ein Unternehmen, das zu den führenden der Welt gehört. Es sind die kleinen und mittleren Unternehmen, die zu kämpfen haben, und es ist das Verdienst von Gallois, diese Firmen wieder in den Mittelpunkt der Reform zu rücken.

Mehrere Faktoren sorgen dafür, dass französische Unternehmen international schlechter abschneiden als deutsche oder italienische. Die Arbeitskosten sind zu hoch, die Investitionen zu schwach, die Produkte zu oft im mittleren Qualitätssegment angesiedelt, was dem Export – auch aufgrund des starken Euro-Kurses – nicht zuträglich war. Das alles ist ein Problem, selbst wenn Frankreich weiterhin wegen seiner hohen Produktivität pro Kopf und guten Infrastruktur mehr Investitionen aus dem Ausland anzieht als andere Länder im Euro-Raum.

Zwar gibt es in Frankreich rund 3,5 Millionen kleine und mittelständische Unternehmen. Mit dem deutschen Mittelstand sind sie jedoch nicht zu vergleichen, weder was ihre Struktur noch ihre Vernetzung mit dem regionalen Bankensystem betrifft. In Frankreich gibt es auch kein Pendant zum "Standort Deutschland", ein Begriff, der in Deutschland für die Vermehrung von Reichtum und die Modernisierung des Landes steht. "Le Site France" spräche in Frankreich niemanden an. Zu diesem Mentalitätsunterschied gehört, dass Frankreichs Unternehmen nur unzureichend an das Bildungssystem angebunden sind, etwa an Gymnasien mit technischer Ausbildung. Das französische Bildungssystem ist sehr wohl geeignet, Eliten herauszubilden, es unterschätzt aber, ja verachtet regelrecht alles, was mit Technik oder Handwerk zu tun hat. Diese Sichtweise ändert sich im Moment, wenn auch nur langsam.

Die sozialen Beziehungen in Frankreichs Unternehmen sind beschädigt

Bedeutend ist das Gallois-Papier auch deshalb, weil die Wirtschaftsreformen mit einem Sozialpakt verknüpft werden. Auch das ist ein radikaler Bruch mit der französischen Tradition. Eine Reihe von Studien zeigt, dass die sozialen Beziehungen in Frankreichs Unternehmen schwer beschädigt sind. Die Franzosen misstrauen im internationalen Vergleich stärker als andere Bürger ihren Unternehmen, Institutionen und Mitbürgern. Die Managementstrukturen in Unternehmen sind vertikal, die Mitspracherechte der Beschäftigten gering, ideologische Positionen verhindern zu oft, dass die Sozialpartner zueinander finden. Insofern könnte man zugespitzt sagen, Frankreich entdeckt mit dem Gallois-Report deutsche Tugenden: die Fähigkeit über eine Sozialpartnerschaft zu Kompromissen zu gelangen.

Das alles führt zum Kern des französischen Problems: der Schwäche des französischen Sozialdialogs. Frankreichs Gewerkschaften etwa gelten in Deutschland als streikfreundlich, wenn nicht gar streiksüchtig. Oft entsteht der Eindruck, ihre Stärke schwäche die Reformen im Land. Tatsächlich sind nur acht Prozent aller französischen Arbeitnehmer Gewerkschaftsmitglieder. In manchen Branchen sind sie gar nicht vertreten. Gewerkschaftsführer verteidigen oft nur berufsgruppenbezogene Interessen, und sie sind widerwillig, wenn es um Kompromisse geht. Auch der größte Arbeitsgeberverband Medef zeichnet sich durch wenig Fähigkeit zum Konsens aus. Am Ende ist es deshalb oft der Staat, der einspringen muss, um in sozialen Verhandlungen zu schlichten – per Gesetz. Das schwächt den Sozialdialog und macht ihn in vielen Fällen sogar überflüssig. 

Leserkommentare
  1. Wer bei uns deutsche Literatur studiert, kann allenfalls Lehrer werden, doch in Frankreich ist man kein gebildeter Mensch ohne Kenntnis der französischen Klassiker. Gehobene und leitende Stellen aller Art im Staatsdienst, in der Regierung und im Fernsehdienst stehen ihm automatisch offen, die bei uns technische Vorkenntnisse verlangen. Der Autor meint, dies "ändere sich jetzt", doch man sollte lieber nicht damit rechnen, denn die Bildungselite sitzt fest.

  2. Seit 1996 in F unternehmerisch tätig (und teilweise ansässig) kann ich diesen Kommentar nur unterschreiben. F macht sich nur noch Illusionen. Die sozialen Beziehungen sind nicht existent. Der 'Reiche' ist das Feindbild schlechthin ('reich' beginnt beim soz. Präsidenten Hollande bei 4000 euros im Monat ...). Der Staat ist allgegenwärtig und soll alles richten, mischt sich völlig inkompetent in alles rein. Die Gewerkschaften, mit etwa 10% alles andere als repräsentativ, drohen tagtäglich beim kleinsten Anlass mit Streik. Kompromisse gibt es nicht und gilt als Schwächeanfall.
    Ich liquidiere hier alles (mit Verlust) und verlasse das Land. Ein Land, das sich nie entscheiden konnte, ob es nun eine Monarchie oder eine Republik ist. Oder eben: ein Land voller Illusionen. Italienisch ausgedrückt: Avanti, dilettanti!

    Antwort auf "Frankreich ist anders!"
  3. Die linke Ideologie, die ein Gegeneinander der Klassen zur Existenzberechtigung braucht, die immer annimmt des einen Erfolg sei unweigerlich des anderen Leid, führt zu dieser Schwäche der französischen Gesellschaft.

    Wie der Autor gut darstellt, beharren die Gewerkschaften auf ihren Partikularinteressen und verhindern gesellschaftlichen Interessenausgleich. Dass sich dann natürlich auch das Kapital "einigelt" ist logisch.

    Gerade in den schwächsten Ländern siht man das am stärksten - d.h sind diese die Schwächsten. Deshalb ist die Behauptung, dass die Gewerkschaften in GR egoistisch Besitzstände von Krisenewinnlern verteidigen auch nicht so polemisch, wie es in linken Ohren klingt.

    Gerade der liberale Gedanke, mit seiner Ablehnung des Versorgungsstaates fordert damit automatisch Eigenverantwortung und damit auch die Fähigkeit zum Konsens. Der, im Vergleich dazu, geradezu militante Linksdogmatismus z.B. eines Melenchon, aber auch einer Die Linke in Deutschland, der ja sein Heil im Kampf der Klassen gegeneinander findet, braucht diesen Ausgleich nicht - im Gegenteil. Sozialpartnerschaft ist Gift, denn sie "kaschiert" ja die in dieser Dogmatik immer präsenten Klassengegensätze zu Gunsten - natürlich nur des Kapitals

    Geflissentlich übersieht man dabei gerne absichtlich, dass es in den liberalen Gesellschaften der sozialen Marktwirtschaft dem Arbeiter generell meist besser geht, als in den Sozialistischen und diffamiert sie lieber als "Raubtierkapitalismus" oder "Neoliberal".

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    "Wie der Autor gut darstellt, beharren die Gewerkschaften auf ihren Partikularinteressen..."

    Da haben wir ja den Sündenbock!
    Natürlich haben die Großbanker keine Partikularinteressen ... Sie arbeiten für das Wohl des Volkes, diese großherzigen Samariter.
    Nur die pöhsen Gewerkschaften nicht.
    Und deshalb geht es "Frankreich" so schlecht ...
    Welchem Teil "Frankreichs"?

    - Eine messerscharfe Analyse haben Sie da abgeliefert!
    ...

    • AKONIT
    • 23. Februar 2013 1:03 Uhr

    Dem ersten Teil Ihres Kommentars kann ich zustimmen. Die Gewerkschaften, besonders die CGT, lebt immer noch in der Dialektik. Sie geht bis zum Äußersten und lässt auch mal einen Laden gegen die Wand fahren. Die Finanzierung der CGT ist mehr als dubios, da sie anscheinend aus den Betriebsratsgeldern der EDF mit finanziert wird. Diese Betriebsratskasse hat keine transparente Buchführung (!), was bei immerhin ca. 400 Mio. € verwunderlich ist.
    Das sind Überbleibsel aus Zeiten, als Frankreichs KPF mächtig war und Regierungen das Fürchten lehrte. So sollten Generalstreiks verhindert werden.
    Allerdings widerspreche ich auf schärfste gegen die Behauptung, dass es Arbeitern in neoliberalen Gesellschaften besser als im sozialistischen oder Wohlfahrtsstaaten à la Frankreich geht. Ihre Behauptung trifft nur auf die Zeit vor der sog. Wende zu.
    Heute ist Frankreich (noch) erheblich sozialer als Deutschland mit seinem staatlich garantierten Mindestlohn, Kindergärten für jedermann und allerorten und Versorgungsleistungen in finanzschwachen Besitzungen rund um den Globus.
    Geringfügige Beschäftigung, 5 € Jobs, Rentenabbau sind (noch) kein Thema in Frankreich.

  4. Sorry vergessen auf Antworten zu drücken

  5. "Wie der Autor gut darstellt, beharren die Gewerkschaften auf ihren Partikularinteressen..."

    Da haben wir ja den Sündenbock!
    Natürlich haben die Großbanker keine Partikularinteressen ... Sie arbeiten für das Wohl des Volkes, diese großherzigen Samariter.
    Nur die pöhsen Gewerkschaften nicht.
    Und deshalb geht es "Frankreich" so schlecht ...
    Welchem Teil "Frankreichs"?

    - Eine messerscharfe Analyse haben Sie da abgeliefert!
    ...

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    Die Banken verleihen den Verschwenderstaaten das Geld.

    Und natürlich vertreten sie deshalb auch die Interessen der vielen hunderttausend Menschen, die ihnen dieses Geld anvertraut haben.

    Die Gewerkschaften hingegen vertreten die, die durch die Verhinderung von eigentlich notwendigen Anpassungen profitieren. Also die Profiteure.

    • AKONIT
    • 23. Februar 2013 1:15 Uhr

    sind weit stärker reguliert, als z.B. ihre deutschen Kollegen.
    Eine Sub-Prime ist in Frankreich unmöglich, denn dafür sorgen exacte Richtlinien bei der Kreditvergabe. Die französischen Banken kamen aus der Spekulationskrise auch besser heraus, als z.B. die deutschen staatlichen (!) Landesbanken.
    Und ja, die Gewerkschaften sind nicht "böse", sondern haben ein anderes Vertretungsbewusstsein. In Frankreich war die KPF sehr stark, während in Deutschland die KPD verboten war. In Frankreich trägt der Begriff 'links' nicht den gleichen Beigeschmack, da es keinen kommunistischen französischen Bruderstaat gab, der sich im Wettstreit mit dem westlichen Bruder gegenseitig verteufelte. Ein Berufsverbot à la Deutschland ist in Frankreich unmöglich. Die französischen Gewerkschaften gehörten auch nie, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund, zu den größten Arbeitgebern im Land.
    Dies ist ein Grund, warum es in Deutschland mehr Konsens gibt, als in Frankreich.

  6. Die Banken verleihen den Verschwenderstaaten das Geld.

    Und natürlich vertreten sie deshalb auch die Interessen der vielen hunderttausend Menschen, die ihnen dieses Geld anvertraut haben.

    Die Gewerkschaften hingegen vertreten die, die durch die Verhinderung von eigentlich notwendigen Anpassungen profitieren. Also die Profiteure.

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    "Und natürlich vertreten sie (die Banken) deshalb auch die Interessen der vielen hunderttausend Menschen, die ihnen dieses Geld anvertraut haben."

    Ja, klar: In den Banken herrscht bekanntlich die reinste Basisdemokratie! Das steht ja auch in jedem Ökonomielehrbuch. Die Banken haben auch damals die Demokratoie überhaupt erst erfunden.

    So ist das, weil Sie es hier posten.
    So simpel ist die Welt!
    In schwarz und weiss ...

    - Wie absurd!

  7. "Und natürlich vertreten sie (die Banken) deshalb auch die Interessen der vielen hunderttausend Menschen, die ihnen dieses Geld anvertraut haben."

    Ja, klar: In den Banken herrscht bekanntlich die reinste Basisdemokratie! Das steht ja auch in jedem Ökonomielehrbuch. Die Banken haben auch damals die Demokratoie überhaupt erst erfunden.

    So ist das, weil Sie es hier posten.
    So simpel ist die Welt!
    In schwarz und weiss ...

    - Wie absurd!

    Antwort auf "Mit einem Unterchied"
    • AKONIT
    • 23. Februar 2013 0:46 Uhr

    Vielen Dank für den überaus anregenden Kommentar.

    Antwort auf "Interessant!"

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