LandwirtschaftDeutschland wehrt sich gegen Öko-Pläne der EU

Bio-Verbände kritisieren die "Vermaisung" deutscher Felder. Doch die Bundesregierung wehrt sich gegen EU-Pläne für eine umweltfreundlichere Landwirtschaft. von Dagmar Dehmer und Heike Jahberg

Was hat die europäische Agrarpolitik mit der Ostsee zu tun? Eine ganze Menge, meint Stephan Illi, Chef des Bio-Verbands Demeter. "Die Ostsee ist zu einem Drittel tot", sagte Illi am Donnerstag in Berlin. Schuld daran sei die "Vermaisung" der Republik. Denn der Mais, der vielerorts als Monokultur angebaut wird, wird gedüngt. Ein Teil des Stickstoffdüngers landet in den Flüssen und letztlich im Meer. "Wir fördern mit staatlichen Mitteln, dass die Ostsee abstirbt", kritisierte Illi wenige Stunden vor der feierlichen Eröffnung der Grünen Woche.

Wie Illi kämpfen auch andere Kritiker für eine Agrarreform in Europa. BUND-Chef Hubert Weiger, Bernd Voß von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und Esther Müller vom Deutschen Tierschutzbund fordern einen Systemwechsel in der EU-Agrarpolitik. Sie unterstützen einen entsprechenden Vorstoß von Dacian Ciolos. Doch der EU-Agrarkommissar hat in Deutschland auch mächtige Gegner – den Bauernverband und seinen Präsidenten Joachim Rukwied etwa. Und auch Bundesagrarministerin Ilse Aigner sieht die europäischen Reformpläne kritisch.

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Worum geht es? In den kommenden Wochen entscheidet sich, ob die europäischen Bauern weiterhin Geld ohne Vorbedingungen aus Brüssel bekommen, oder ob sie dafür künftig ökologische Leistungen erbringen müssen. Nach dem Vorschlag von Ciolos soll es Direktzahlungen nur noch geben, wenn die Bauern drei Regeln einhalten: Sie sollen auf sieben Prozent ihrer Flächen nicht dem Ertrag sondern der Ökologie den Vorrang lassen (Greening). Das sind beispielsweise Blühstreifen oder Hecken entlang der Felder, ungedüngte Wiesen neben Gewässern oder Flächen, die dauerhaft aus der Produktion genommen werden. Zudem sollen die Bauern mindestens drei verschiedene Feldfrüchte anbauen, wobei der Mais nicht mehr als 70 Prozent einnehmen soll. Zudem dürfen die Landwirte bis zum Jahr 2020 nur noch fünf Prozent ihres Weidelands in Ackerflächen umwandeln.

Ein weiterer Streitpunkt ist die Frage, ob die Zahlungen gedeckelt werden. Die EU-Kommission will Großbetrieben nur noch dann mehr als 300.000 Euro im Jahr überweisen, wenn sie dafür viele Arbeitsplätze nachweisen können. Dagegen opponieren neben Deutschland vor allem Tschechien, Ungarn und die Slowakei.

Den größten Widerstand in Deutschland gibt es jedoch gegen das Greening. Man sei nicht bereit, "zusätzliche Flächen für biologischen Ausgleich aus der Erzeugung zu nehmen", betont Bauernverbandspräsident Rukwied. Auch Ministerin Aigner, die am Donnerstagabend die Grüne Woche eröffnet, sieht Flächenstilllegungen kritisch. Die CSU-Politikerin plädiert für flexible Lösungen. So sollten auch Umweltmaßnahmen im Agrarbereich anerkannt werden und der Anbau von Pflanzen, die ohne Stickstoffdünger auskommen. Zudem könne man auch Maßnahmen in der Nachbarschaft – etwa auf kommunalem Boden – einbeziehen. Aigner warnt vor Umgehungen: "Statt fruchtbare Flächen stillzulegen, würden die Bauern sonst schlechte Flächen dazukaufen und diese stilllegen".

Auch im Agrarausschuss des Europaparlaments dürften die Gegner der Reform am 23. und 24. Januar wohl eine Mehrheit finden. "Der Agrarausschuss ist vollständig in der Hand des europäischen Bauernverbands", schimpft Friedrich Ostendorff, Landwirtschaftsexperte der Grünen im Bundestag. Der größte deutsche Betrieb, die KTG Agrar AG kassiere mit ihren 33.000 Hektar knapp zehn Millionen Euro im Jahr, sagt Ostendorff. In Deutschland gehe es um jährlich sechs Milliarden Euro für die Bauern, in der EU um Ausgaben von jährlich 55 Milliarden Euro. "Warum soll man den Bauern so viel Geld geben, nur damit sie sich an bestehende Gesetze halten?", kritisiert der Brüsseler Agrarexperte Lutz Ribbe.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • Tiroler
    • 18. Januar 2013 15:55 Uhr

    Das Problem ist grundsätzlicher Natur. Kleine Bauern, die naturnah wirtschaften, gehen leer aus, industrielle Großbetriebe werden von der EU massiv gefördert. Dafür gibt es unzählige Beispiele, etwa das: Italienische Großbetriebe in der Poebene pachten hunderte Hektar Ödland in den Alpen und kassieren EU-Subentionen für diese "Produktionsflächen", die zu ihren hinzugezählt werden. Natürlich werden sie auch keine Probleme haben, diese unproduktiven Flächen "stillzulegen", und dafür nochmals zu kassieren. Das gesamte System der Agrarförderung ist zu einem Sumpf verkommen, der unbedingt trockengelegt werden müsste.

    22 Leserempfehlungen
  1. oder eigentlich eher laut schreien vor Wut über die Kurzsichtigkeit der Agrarindustrielobby und der ihr hörigen Ministerin.
    WIR HABEN ES SATT, FRAU AIGNER.
    Immer, in jedem Bereich, wenn es um niedrigere Grenzwerte für Autos, Schutzmaßnahmen für Natur und Tiere geht, knicken diese rechts-liberalen Politiker ein, wenn man denn von Einknicken sprechen will. Man gewinnt eher den Eindruck, die Herr-Und Frauschaften sind Überzeugungstäter.
    Und wenn die Bienen und die Feldvögel sterben, dann darf man so lange nichts machen, bis hundertprozentig sicher ist, was die Ursache ist.
    Da es immer lobbygesponserte Gegenmeinungen gibt, gilt dieser Beweis nie als erbracht und inzwischen verödet die die Landschaft und die Meere sterben einen lautlosen Tod.

    19 Leserempfehlungen
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    Was hat Frau Aigner mit den Ursachen des Maisanbaues zu tun?
    Nichts aber auch gar nichts, denn das Thema hat uns der Gabriel mit seinem E 10-Kraftstoff eingebrockt. Ach ja, und wo wir gerade bei Gabirel sind, das Glühbirnenverbot hat er auch noch bei der EU angezettelt.
    Na ja, ob die Aussage stimmt, daß die Überdüngung der Ostsee durch Stickstoff eine Folge des Maisanbaues ist, sollte mal erst bewiesen werden, denn die Ostsee ist schon seit mehren Jahrzehnten überdüngt. Vor allen Dingen der östliche Teil vor Ostpreußen.

    • Otto2
    • 18. Januar 2013 21:50 Uhr

    Die Vermaisung ist auch ein Grund für die überdurchschnittliche Steigerung von Lebensmittelpreisen.

  2. "Den größten Widerstand in Deutschland gibt es jedoch gegen das Greening. Man sei nicht bereit, "zusätzliche Flächen für biologischen Ausgleich aus der Erzeugung zu nehmen" "

    Wer die letzten Jahrzehnte die Augen aufmachte, konnte sehr gut beobachten wie Anstrengungen zur Flurbereinigung torpediert wurden, indem Felder peu a peu wieder vergrössert wurden und renaturierte Gebiete 'annektiert' wurden.

    Eine einzige Farce. Die Bauernlobby in Europe scheint mir mittlerweile fast stärker als die der Finanzindustrie.

    16 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 18. Januar 2013 16:23 Uhr

    Die Bürokraten und Weltverbesserer sollen die Finger raus lassen aus der Nahrungsmittelversorgung. Mugabe mit Zimbabwe lassen grüßen. Deutschland kann sich allein nicht ernähren udn Leute die meinen wir essen zuviel und alles ist zu billig sollten ihre Einkommen und Verpflichtungen offen legen.

    Allen wollen wegnehmen in der EU. Aber einem das Essen vom Teller zu nehmen, das würden sie sich nicht trauen. Aber gut, natürlich wird die Hoheit Natur und Verzicht über alles jetzt übernehmen also Tschüss.

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    • Gibbon
    • 18. Januar 2013 21:20 Uhr

    Deutschland produziert weit über den eigenen Bedarf hinaus und exportiert Lebensmittel. Die einzige Gefährdung dieser Tatsache geht vom Versuch der Energieproduktion durch Biomasse aus. Dies ist inzwischen auch kein rein deutsches Problem mehr und führt zur Erhöhung von Weltmarktpreisen.
    Ich verstehe nicht, warum dieser Unsinn als Umweltschutz verkauft wird. Jeder weiß doch, dass wir unseren derzeitigen Energie- und Rohstoffverbrauch nicht mit Biomasse decken können.
    Aber zurück zum Artikelthema. Rein theoretisch könnte Deutschland, wenn es tatsächlich nur um die Eigenversorgung ginge, die gesamte Landwirtschaft auf ökologische Landwirtschaft umstellen (ohne Fleischverzicht). Diese Betrachtung geht allerdings nur vom Ertrag auf. Eventuelle Mehrkosten sind nicht berücksichtigt.
    Das Stilllegen einzelner Flächenteile wäre also derzeit kein gesellschaftliches Problem. Was das Auskommen einzelner Landwirte angeht, muss ich dem Vorkommentator zustimmen, der eine Begünstigung von großen Betrieben gegenüber kleinen Höfen kritisiert hat. Man kann hier also zurecht fragen, ob solche Subventionen bei den richtigen Personen ankommen.

  3. Was hat Frau Aigner mit den Ursachen des Maisanbaues zu tun?
    Nichts aber auch gar nichts, denn das Thema hat uns der Gabriel mit seinem E 10-Kraftstoff eingebrockt. Ach ja, und wo wir gerade bei Gabirel sind, das Glühbirnenverbot hat er auch noch bei der EU angezettelt.
    Na ja, ob die Aussage stimmt, daß die Überdüngung der Ostsee durch Stickstoff eine Folge des Maisanbaues ist, sollte mal erst bewiesen werden, denn die Ostsee ist schon seit mehren Jahrzehnten überdüngt. Vor allen Dingen der östliche Teil vor Ostpreußen.

    4 Leserempfehlungen
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    zu tun.
    Und da blockiert sie, wie bei den Autos Frau Merkel.
    Ich halte die SPD da auch nicht für besser. Die hängen alle dem selben Konzept an.
    Wir wollen vor allem NICHTS ändern an unserem Lebensstil. Deshalb "Bio"-Sprit, und "Bio"Gas bringt ja auch mehr Profit als reine Landwirtschaft für Nahrungsmittel.
    Und wenn "Bauern", Autobauer, Fischerei-Industrie, Pharmaindustrie etc. mit Arbeitsplätzen wedeln, dann dann muss deren Wünschen auch gleich nachgekommen werden.

    Biogas ist auch ein Problem. Ich komme vom Land und offenbar lohnt es sich eher, Mais für Biogas anzubauen, als anderes. Als ich bei meinen Eltern an einem Wochenende im letzten Jahr zur Maisernte war, fuhren nicht im Minutentakt, nein, im 30-Sekundentakt (!) die Traktoren (nicht diese kleinen Dinger, deren Geräusch man mit *PöttPöttPött* übersetzen könnte, sondern die wirklichen Monster) mit ihren Maisladungen vorbei. Am Sonntag verließ ich genervt das Land und war froh, wieder zu Hause am Stadtrand zu sein, wo man seine Ruhe hat.
    Wo man früher Rapsfelder und ab und an Weizenfelder sah, sieht man heute wirklich nur noch Mais.

    • Xdenker
    • 18. Januar 2013 16:51 Uhr

    Die hier dargestellte Kritik des Bauernverbandes und der Bundesregierung an dem "Greening" halte ich für nachvollziehbar. Die anderen beiden Punkte Ciolos sind inhaltlich voll zu unterstützen. Allerdings beschreiben sie auch nichts anderes als gute fachliche Praxis. Das eigentlich Problem ist die (auch über E10 hinaus) völlig verfehlte Bioenergieförderung im Rahmen der Energiewende, die u.a. Landwirte massiv dazu verführt, die gute fachliche Praxis zu verletzen.

    3 Leserempfehlungen
  4. 1.
    Die Vorderpfalz entwicklete sich in den letzen 25 Jahren zum Gemüsemarkt Deutschlands. Wo früher im jährlichen Wechsel Kartoffeln, dann Getreide, dann vielleicht Zuckerrüben und dann wieder Kartoffeln angebaut wurden, werden heute auf dem gleichen Boden 4 V I E R ! Ernten pro Jahr erzielt. Im Februar Radieschen, dann vielleicht Karotten, dann Lauchzwiebeln und im Oktober-Januar Feldsalat oder Kohl. Das kann nur gelingen, wenn der Boden vollgehauen wird mit Dünger und mit Wasser berieselt wird. Die Pestizide werden 4 x ausgebracht genauso wie der Dünger. Gut, das beeinflußt (nur) den Rhein, der in die Nordsee mündet. Aber woanders ist es auch nicht anders.
    Diese Mehrfachnutzung führt zum Auslagen der Böden. Die geernteten Früchte sind eigentlich nur noch eine Mischung aus Wasser, Dünger, und ein paar Pflanzen-Genen.
    2.
    Innerhalb der EU wurden die Märkte in der Landwirtschaft mittlerweile so reglementiert und beeinflußt, daß man in diesem Breich ruhig von einer nicht gelungenen Planwirtschaft sprechen kann.

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    Wir haben mit der Intensiven Düngung dazu beigetragen, dass sich das Ökosystem der natürlichen Humusböden derart minimiert hat, dass heute eine abkehr von den gedüngten Böden eine weitgehend fruchtlose Sandwüste hinterlassen würde.

    In der Folge durch das Zerbrechen der Nährstoffkreisläufe die früher selbstverständlich in den Boden zurückgelangten, sind wir auf abbaubare Ressourcen und Reserven an Mineralen angewiesen, die noch dieses Jahrhundert nicht mehr da sein werden..

    Phosphor ist im Stoffwechsel der Pflanzen unverzichtbar.. Was aber dann ?

    Es muß klar sein, dass wir unsere Versorgung auf dem Dünnen Eis einer immer zweifelhafteren Versorgung mit Erdöl und Dünger aus Erdgas aufbauen.

    Verschwinden die , sackt unsere Nahrungsmittelvrsorgung auf ca die Hälfte bis ein drittel ab.

    Wir zerstören das worauf wir unabdingbar angewiesen sind und klopfen uns auch noch auf die schultern, wie effizient wir dabei sind..

    schlau ist was anderes.

  5. "Zudem dürfen die Landwirte bis zum Jahr 2020 nur noch fünf Prozent ihres Weidelands in Ackerflächen umwandeln."

    was haben die ökis den für ein problem damit?
    die heulen doch andauernd rum, dass wir zu viel fleisch essen...

    dass die eu agrar-subventionen (zumindest in diesen grössenordnungen) ein problem ist, sollte schon lange klar sein... da muss grundsätzlich etwas geändert werden - nicht nur ein neuer flicken in den den teppich genäht werden...

    Eine Leserempfehlung

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