Unter solchen Bedingungen wollen Firmen nicht investieren, weder ägyptische noch ausländische. Ägypten sei für Geschäftsleute immer noch ein schwieriges Feld, schreibt die EBRD. Der Staat sei zu schwach, um klare und verlässliche Rahmenbedingungen zu setzen; zugleich mische er sich aber immer wieder ins Geschäft ein. Die Justiz arbeite sehr langsam. Das erschwere unternehmerisches Handeln ungemein.

Zugleich wird die Wirtschaft immer noch von alten Mächten dominiert. Es sind die gleichen Unternehmerfamilien, die schon unter Mubarak die Fäden zogen. Zwar verloren sie durch den Sturz des früheren Machthabers die Nähe zur Regierung, ihrer ökonomischen Position hat das aber in den meisten Fällen kaum geschadet. Weiterhin bestimmen einige, wenige große Clans das Wirtschaftsgeschehen. "Nur die allzu korrupten haben Federn lassen müssen", sagt DIE-Forscher Loewe. Dazu zählt etwa der Stahlmagnat Ahmed Ezz, der inzwischen wegen Betrugs im Gefängnis sitzt.

Auch das Militär spielt nach wie vor eine wichtige Rolle. Hinzu kommen neue Unternehmer, die den Muslimbrüdern nahe stehen. Kheirat al Shatir zum Beispiel, der mit seiner Familie gerade eine neue Supermarktkette namens Zadmarkets im Land etablieren will. Das Logo und die Geschäftsstrategie erinnern stark an Aldi: viele Märkte und niedrige Preise, Gewinn soll über die Menge erzielt werden. Ägypten-Fachleute rechnen damit, dass die Muslimbrüder künftig ihre wirtschaftliche Bedeutung ausbauen werden.

"Es fehlt an unternehmerischem Potenzial"

Der Masse von ägyptischen Unternehmen hingegen gelingt der Aufstieg nicht. "Mehr als 99 Prozent sind Kleinbetriebe mit weniger als 50 Mitarbeitern, die klein bleiben", sagt Fachmann Loewe. Es fehle vor allem an Bildung. "An Ideen, an Zugang zu Informationen, am unternehmerischen Potenzial."

Das lässt sich so schnell kaum ändern. Umso nötiger wäre ein schneller Beginn der Reformen. Aber egal, ob auf dem Arbeitsmarkt oder in der Bildungspolitik: Im vergangenen Jahr hat sich kaum etwas bewegt. Die Regierung scheut sich, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, etwa das Aus für die Energiesubventionen. In einer derart unsicheren Situation, wie sie Ägypten derzeit durchlebt, käme das einem machtpolitischen Harakiri gleich.

Leere Kassen, hohe Subventionen

Ägyptens Kassen sind leer: Der EBRD zufolge sind die Ausgaben der Regierung im vergangenen Jahr um 17 Prozent gestiegen, vor allem wegen höherer Löhne, Sozialausgaben und Energiesubventionen. Zwar gingen zugleich die öffentlichen Investitionen zurück, trotzdem lag die Neuverschuldung bei elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, deutlich höher als erwartet. 

Die Regierung müsste die Energie- und Nahrungsmittelsubventionen umbauen und nur noch die wirklich Bedürftigen fördern, sagt Roll von der SWP. Sie müsste das Steuersystem ändern und das Sozialsystem reformieren." Doch solche Reformen träfen wohl vor allem die Mittelschicht", und damit einen Großteil der Wähler. Vor den Parlamentswahlen im Februar wird sich deshalb wohl kaum etwas bewegen.

"Der wirtschaftliche Niedergang lässt der Politik fast keine Handlungsmöglichkeit mehr", sagt Hanan Morsy von der EBRD. Angesichts der Perspektivlosigkeit verlassen viele Ägypter inzwischen ihr Land. Andere flüchten sich in Resignation. Viele seien auch von den Muslimbrüdern enttäuscht, sagt Markus Loewe. "Man hat hohe Erwartungen in Mursi gesetzt, die teilweise völlig illusorisch waren."

Der Ägyptenspezialist fürchtet, dass die Enttäuschung zu einer weiteren Radikalisierung der Bevölkerung führt. "Die Meinung, dass man jetzt einen starken Mann brauche, ist weit verbreitet." Noch ist allerdings keiner in Sicht.

Morsy sieht die Zukunft etwas optimistischer. Die Bevölkerung wolle Veränderung, sagt sie. "Das eröffnet eine einzigartige Chance für Reformen." Doch bevor sich die politische Lage nicht beruhigt, wird wohl wenig vorangehen.