Ägypten"Das Schlimmste, was uns passieren konnte, war die Revolution"

Zwei Jahre nach dem Sturz von Mubarak liegt Ägyptens Wirtschaft am Boden. Die Regierung scheut Reformen, viele Bürger verlassen das Land. von 

Eine Gemüseverkäuferin in Kairo

Eine Gemüseverkäuferin in Kairo  |  © Mohamed Abd El-Ghany/Reuters

Als Ägyptens damaliger Präsident Husni Mubarak stürzte, war daran auch die wirtschaftliche Misere des Landes schuld. Wer im Februar 2011 auf dem Tahrir-Platz demonstrierte, hoffte auf Arbeit, Bildung, eine Perspektive.

Doch für die breite Masse der Ägypter hat sich diese Hoffnung bislang nicht erfüllt. "Für die Mehrheit der Bevölkerung ist es eher schlechter geworden", sagt Stephan Roll, der bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) zum Wandel Ägyptens forscht. Die Arbeitslosigkeit sei gestiegen, der Tourismus habe sich noch nicht wieder erholt. "Und durch die jüngsten Streiks, die ja eher unkontrolliert vonstatten gehen, schwächelt auch die Produktion", sagt Roll.

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Um sechs bis sieben Prozent müsste Ägyptens Wirtschaft jedes Jahr wachsen, nur um die Arbeitslosigkeit konstant zu halten, schätzt die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Nur so gibt es Jobs für die zahlreichen jungen Ägypter, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen. Vor Mubaraks Sturz lag die Wachstumsrate immerhin noch bei fünf Prozent. Doch seither ist sie auf unter zwei Prozent gefallen. Zugleich stieg die offizielle Arbeitslosenrate bis zum Juni 2012 von rund neun auf mehr als zwölf Prozent. Besonders schlecht seien die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Frauen, sagt Hanan Morsy, Ägypten-Spezialistin bei der EBRD.

In Wahrheit aber dürften viel mehr als zwölf Prozent der Ägypter ohne Job sein. "Die offizielle Quote sagt nichts über die tatsächliche Arbeitslosigkeit aus", sagt Markus Loewe, Nahost- und Nordafrikaexperte bei dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn. Wer arm sei und keine Anstellung habe, suche sich irgendeine Beschäftigung – und wenn es nur das Verkaufen von Kaugummis auf der Straße sei. "Die Armen können es sich gar nicht leisten, auf diese Einnahmechance zu verzichten." Mindestens ein Drittel der ägyptischen Bevölkerung, schätzt Loewe, sei in einer solchen Notlage. "Manche sagen mir: Das Schlimmste, was uns passieren konnte, war die Revolution."

Regierung hält Preise künstlich niedrig

Der Währungsverfall der vergangenen Wochen verschlimmert die Misere noch, denn er macht vieles teurer. Zwar lag die Inflationsrate mit geschätzten acht Prozent im vergangenen Jahr niedriger als sonst. Die Regierung hält die Preise von Grundnahrungsmitteln und Energie künstlich niedrig. Es ist eine teure Aktion: Je höher etwa die Weizenpreise auf den Weltmärkten, desto mehr Devisen muss der Staat etwa für Weizenimporte aufwenden.

Alexandra Endres
Alexandra Endres

Alexandra Endres ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Importgüter, deren Preise nicht staatlich kontrolliert werden, steigen aber im Preis. Das treibt die Lebenshaltungskosten, was wiederum die Abwärtsspirale der Wirtschaft verstärkt: Wenn die Preise steigen, können sich die Menschen weniger leisten. Also sinkt die Nachfrage. Die politische Unsicherheit vergrößert die Zurückhaltung von Verbrauchern und Unternehmern noch. Betriebe fahren die Produktion zurück. Wenn das so weitergeht, werden sie möglicherweise noch mehr Menschen entlassen müssen.

Die Politik beschäftigt sich derweil mit sich selbst, statt sich um wirtschaftliche Reformen zu kümmern. Zunächst musste das Militär den politischen Übergang regeln, dann kamen die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr, schließlich der Konflikt um die Verfassung und die Rolle der Muslimbrüder unter dem aktuellen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi. Der Streit darüber, welchen Weg Ägypten künftig politisch einschlagen soll, ist noch lange nicht ausgefochten. Bis heute halten Streiks und Demonstrationen an.

Leserkommentare
  1. ... Ägyptens hat sich seid 1950 verfünffacht (wie in fast allen arabischen Staaten). Die Analphabetenquote liegt bei knapp 50%, unter der weiblichen Bevölkerung noch höher. BIP 2011 bei knapp 240 Mrd US$ (Samsung wie wir auch aus der ZEIT wissen hat ein höheren Umsatz/Marktwert als Ägypten, bei deutlich kleinerer "Bevölkerung"). Mir tun die Leute leid, aber so wird sich nichts ändern, es kann nur schlechter werden. So brutal die "Ein-Kind-Politik" für China war, schlußendlich hat hier die KPCh dem Volk im warsten Sinn des Wortes den "Arsch gerettet". Grenzenloses Wachstum funktioniert auch auf die Population bezogen nicht, auch wenn sich diese am leichtesten realisieren läßt. Mit der neuen Verfassung und den Moslembrüdern ist auch kein Staat zu machen welcher Fit wäre für das 21. Jahrhundert. ALAS!

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    Dann machen Sie sich jetzt noch einmal schlau zur "Ein-Kind-Politik". Mag sein, dass das China damals "den Arsch gerettet hat", baldigst allerdings sorgt genau diese "Ein-Kind-Politik" dafür, dass China der Arsch auf Grundeis geht und (wo wir schon einmal bei solchen Ausdrücken sind - liebe Redatkion, Entschuldigung!) China damit "auf die Fresse fällt".

  2. Die Revolution in Ägypten, bzw. der Arabische Frühling in Nordafrika hat die gesamte Region in kürzester Zeit zurück in's Mittelalter gestürzt. Die radikalen, extremistischen moslemischen Grüppchen, die von den "bösen" Diktatoren mit Gewalt, aber dafür erfolgreich unterdrückt wurden, haben sich durch die Revolution an die Macht katapultiert und bringen den Menschen ein strenges religiöses Regime, weit entfernt von Demokratie und Freiheit. Die Massen an Flüchtlingen nach Europa belegen dies. Keines dieser Länder wird eine wirtschaftliche Blüte erleben. Im Gegenteil: es wird noch schlimmer werden. Der Tourismus wird weiter zurückgehen und die, die Geld und Wissen haben, um die Länder aus ihrer wirtschaftlichen Misere herauszuholen, die suchen sich ein besseres Land zum Leben. Und die Moslembruderschaft wird in Nordafrika und wahrscheinlich bald in Syrien in's Mittelalter stürzen. Das wird dann der Nährboden für Al Kaida und ähnliche Gruppierungen. Prost, Mahlzeit, Europa! Mit solchen Nachbarn ante portas!!!

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  3. Wer sich das wahre Problem Ägyptens anschauen will, sollte einen Blick auf das Bevölkerungswachstum werfen.
    http://www.hanskottke.de/reise/demographie.gif
    Es scheint zwar politisch unkorrekt, so etwas überhaupt anzusprechen (der Autorin ist das Thema kein einziges Wort wert), aber es hilft die Realität zu erkennen.
    Ohne Geburtenkontrolle wird selbst die beste Wirtschaftspolitik das Elend auf Dauer nicht mindern.

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    • Gibbon
    • 09. Januar 2013 16:31 Uhr

    Das Bevölkerungswachstum ist in der Tat ein großes Problem. Wenn man kaum die Menschen versorgen kann die man hat, sind mehr problematisch - besonders wenn die Landesfläche durch die natürlichen Gegebenheiten sehr begrenzt ist.
    Die Islamisierung wird höchstwahrscheinlich das Problem noch verschlimmern, da nur eine Stärkung der Rechte der Frau und damit die Möglichkeit etwas anderes als ein Brutkasten zu sein, die Zahl der Kinder verringert.

  4. ---das können und MÜSSEN die Ägypter selbst herausfinden. Unsere Vorstellungen von Demokratie mit all seinen Begleitumständen kann es nicht sein, auch wenn es immer wieder Versuche gibt, mit unseren Maßstäben zu messen. Mehr als 50% Analphabeten, der Islam ist anerkannte und nicht in Frage zu stellende Religion, usw. usf. Die "Revolutionäre" hatten nur den Sturz Mubaraks im Sinn und wie ich meine, nicht die geringsten Vorstellungen, wie es danach weiter gehen soll. Es wird ein verdammt schwerer Weg werden, den wir nur dann begleiten sollten, wenn wir ausdrücklich darum gebeten werden und auch dann noch mit großer Vorsicht!

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    • lxththf
    • 09. Januar 2013 11:55 Uhr

    sind auch in anderen Regionen spürbar und auch ein Nachbarland, welches mit S beginnt wird es ins wirtschaftliche Verderben und somit in eine Dauerkonfliktsituation nach dem Bürgerkrieg stürzen.
    Als Land, welches vom Tourismus abhängig ist Revolutionsland zu werden ist natürlich nicht gerade das Gütesiegel, mit dem man für einen Urlaub werben kann. Aber auch das wird sich irgendwann erholen. Die Probleme sind tiefgreifender. Der Machtgewinn der Muslimbrüder basiert (wie die meisten Wahlerfolge in einer Demokratie) auf Lügen und Märchen von Arbeit, Sicherheit und Perspektive. Dabei wird der demographische Wandel jedoch aussen vor gelassen (leider auch im Artikel) und verschwiegen, dass man an den Wirtschaftsstrukturen nichts ändern kann. Die wichtigsten Faktoren wurden genannt. Die reichen Familien und die Armee + als eigentlicher Nutznießer die MB.
    Man kann es den Menschen nicht zum Vorwurf machen. Sie wurden in ihrem Handeln bestärkt, am Ende jedoch auch nur ausgenutzt.
    Und mit den Reformen ist das so eine Sache, denn Reformen an sich schaffen nicht automatisch Arbeitsplätze und finanzieren Lehrer. Was das Land jetzt wirklich bräuchte, wäre ein konstruktiver politischer Diskurs und eine Bevölkerung, die zusammensteht und sich nicht wegen jeden Minister streitet.

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  5. in diesem fall unvermeidbar. alles braucht zeit und ort. nach einem umsturz nur nichts überstürzen. eines ist offensichtlich: das eingefressene mubarak-regime musste aufgelöst werden. was als schockewellen alles nachfolgt, muss angenommen werden und ausgelitten werden. ob danach die zeiten besser sind? jedenfalls sind das mutige völker.

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    • Gibbon
    • 09. Januar 2013 16:31 Uhr

    Das Bevölkerungswachstum ist in der Tat ein großes Problem. Wenn man kaum die Menschen versorgen kann die man hat, sind mehr problematisch - besonders wenn die Landesfläche durch die natürlichen Gegebenheiten sehr begrenzt ist.
    Die Islamisierung wird höchstwahrscheinlich das Problem noch verschlimmern, da nur eine Stärkung der Rechte der Frau und damit die Möglichkeit etwas anderes als ein Brutkasten zu sein, die Zahl der Kinder verringert.

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    Antwort auf "Politik hin oder her"
  6. Was hat man denn erwartet? Dass von heute auf morgen alles besser wird?

    Eine Revolution funktioniert so aber nicht! Es dauert nun einmal seine Zeit. Gleich zu behaupten, dass es "das Schlechteste war, das dem Land passieren konnte" ist eine Beleidigung aller Demonstranten, aller Opfer die diese Revolution mit sich gebracht hat!

    Ägypten scheint nun zu merken, wie schwierig demokratisches Verhalten ist. Das müssen sie auch lernen, wenn sie wirklich eine Demokratie wollen - und da entscheidet die Mehrheit und eben nicht der Lauteste oder Schnellste.

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    • lxththf
    • 09. Januar 2013 12:01 Uhr

    entscheidet am Ende der wirtschaftliche Erfolg. Dieser ist nunmal die Grundlage für den Sozialstaat in einem Land und wenn der nicht finanziert werden kann, perspektivisch zusammenbricht, die Menschen mit Inflationen etc. zu kämpfen haben + die ganzen Folgen und sich das auf absehbare Zeit nicht bessert, dann darf man eine solche Formulierung nicht übel nehmen, denn eine Demokratie, ein Wahlrecht ernährt keine 8köpfige Familie. Das ist das Grundproblem von vielen Beobachtern der Szenerie, die Alltagsfragen und Sorgen der Menschen ausser Acht zu lassen.
    Aber Sie haben Recht. Demokratie braucht Zeit, basiert jedoch mehr als jede andere Staatsform auf Vertrauen der Bevölkerung und wenn dieses enttäuscht wird ...

    >>> Was hat man denn erwartet? Dass von heute auf morgen alles besser wird?
    Eine Revolution funktioniert so aber nicht! Es dauert nun einmal seine Zeit. ...
    Ägypten scheint nun zu merken, wie schwierig demokratisches Verhalten ist. Das müssen sie auch lernen, wenn sie wirklich eine Demokratie wollen - und da entscheidet die Mehrheit und eben nicht der Lauteste oder Schnellste. <<<

    Eine Revolution überwindet gemeinhein die gesellschaftliche Ordnung bzw. Herrschaftsverhältnisse.
    Das hat aber in Ägypten nicht wirklich stattgefunden, es wurde Mubarak und seine Clique gestürzt, d.h. politische Macht beseitigt, die ökonomische Macht die hinter der politischen steht, jedoch nicht angetastet.
    Inzwischen macht sich mit Mursi der nächste machtgierige Autokrat auf den Weg, Mubarak zu ersetzen.
    Da war der Ansatz der spanischen Anarchisten 1936 wesentlich erfolgreicher, die einen Großteil der Wirtschaft vergesellschafteten (Arbeiterselbstverwaltung!) ohne horrende Arbeitslosigkeit zu produzieren und das Produktivitätsniveau in den Keller zu prügeln, das Establishment aus Staat, Kapital und Kirche entmachteten aber dafür sorgten, dass keine neue Despoten oder Eliten mittels Regierungsämtern oder Privatbesitz, nachkommen konnten um wieder Macht oder Herrschaft über andere auszuüben.
    Wer keine Herrschaft will, sollte keine Dulden.
    Und wer Herrschaft beseitigt, sollte zusehen, dass dieser keine neue folgt.
    Das schließt explizit die (meist formale) Volskherrschaft ein.

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