EntwicklungszusammenarbeitDer Westen muss in Afrika für seine Werte eintreten

Dirk Niebel und die demokratischen Werte: Warum es nicht reicht, wenn der Westen nur zuschaut, wie China oder Brasilien in Afrika investieren. von Sebastian Barnet Fuchs

Drei Länder, drei Parallelen: China, Indien und Brasilien haben die Armut im eigenen Land in den vergangenen zehn Jahren drastisch verringert. Gleichzeitig stiegen die Länder zu machtpolitisch ambitionierten Regionalmächten auf.

Was die drei Staaten ebenfalls eint: Sie drängen zunehmend nach Afrika. Mit diplomatischer Offensive und unkonditionierten Hilfsleistungen streben alle drei Staaten eine Führungsrolle im globalen Süden an. Ohne afrikanische Kolonialvergangenheit vertreten sie in Entwicklungsländern selbstbewusst und ohne schlechtes Gewissen ihre wirtschaftlichen Interessen. Sie setzen dabei auf die Förderung des Handels, auf Rohstoffabbau und Direktinvestitionen – nicht auf Demokratie, Menschenrechte und gute Regierungsführung. Ihr Erfolg bei der eigenen Armutsbekämpfung lässt sie in Afrika als glaubwürdige Vorbilder erscheinen.

Anzeige

Nun fordert auch Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel, dem neuen Engagement Rechnung zu tragen. Vor allem mit China müssten die westlichen Geberländer stärker kooperieren, sagt der Minister – ohne die eigenen Werte zu vernachlässigen. Zu hören ist erneut eine Mischung aus Respekt und Skepsis, mit der die westlichen Geberländer die Entwicklung seit langem betrachten. Sie alle wissen: Die neue Wirtschaftsdynamik, die von China ausgeht, fördert in Afrika zwar im besten Fall das Wachstum. Doch dieses kommt, gerade bei autokratisch geführten Staaten, oft nicht der Bevölkerung zugute. Nur eine kleine Elite profitiert.

Sebastian Barnet Fuchs

ist Koordinator für Entwicklungspolitik und Menschenrechte der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Der westliche Ansatz, demokratische Mindeststandards zur Bedingung von Entwicklungszusammenarbeit zu machen, wird zudem in Wahrheit von den neuen Gebern oft unterlaufen. Die Chinesen betrachteten die wertegetriebene Entwicklungspolitik als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Entwicklungsländern", sagt Niebel. Ohne diese Konditionierung aber, das fürchtet der Westen zu Recht, bleiben notwendige Reformen in Afrika aus. Politische Mitbestimmung und Transparenz hinken dem Wirtschaftswachstum hinterher.

Viele afrikanische Regierungen begrüßen hingegen die neue Politik der vermeintlichen Nichteinmischung. Schließlich steigert sie die Chance auf finanzielle Einnahmen auch da, wo viele traditionelle Geber den Handel und die Hilfszahlungen an korrupte Regierungen wie im Sudan oder Angola längst gestoppt hätten.

Hilfe nur gegen Vorleistung

Die Opposition und Teile der Bevölkerung sehen die Afrikapolitik der neuen Geber weitaus kritischer. Sie klagen zu Recht an, dass ausländische Unternehmen vor allem bei der Ausbeutung von Rohstoffen die lokalen Arbeits- und Umweltstandards missachten und sich so einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. China, Indien und Brasilien fordern in Afrika oft den Erwerb ihrer eigenen Produkte als Voraussetzung für Hilfsleistungen ("tied aid"). Das verzerrt den Markt und trägt dazu bei, dass sich die lokale Wirtschaft nicht richtig entwickeln kann. China, inzwischen wichtigster Handelspartner des Kontinents, exportiert zudem zehntausende Kleinunternehmer und andere Arbeitskräfte nach Afrika und setzt dort den lokalen Arbeitsmarkt unter Druck.

Nach rund fünfzig Jahren Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika stehen allerdings auch Deutschland und die traditionellen Geberländer in der Kritik. Wo China mit riesigen Summen und aus einer Hand schnell und unbürokratisch Straßen, Stadien und Fabriken baue, sei die Zusammenarbeit mit westlichen Gebern oft mühselig, kleinteilig und zwischen zahllosen Einzelakteuren zersplittert, lautet der Vorwurf. Auch Niebel sagt, dass "wir in Deutschland solche Projekte gar nicht finanzieren können".

Leserkommentare
    • Heydu
    • 05. Februar 2013 0:04 Uhr

    Es ist für die afrikanische Länder einfacher von anderen Ländern geholfen zu werden als von den Europäern, die ihnen vorwerfen Entwicklungshilfe zu geben...Sie können auf Augenhöhe schauen.Brasilien und Indien hatten mit Kolonialherren zu tun.

    Eine Leserempfehlung
  1. Wir müssen uns wieder unserer Werte bewusst werden, und diese offensiv und robust in Afrika vertreten. Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, China hat ausser kapitalistischem Pseudokommunismus nichts zu bieten. Wollen wir zulassen, dass Afrika ebenso wie Peking im Smog versinkt? Wollen wir in Europa dann diesen ganzen Gestank auch noch mitrauchen?
    Europa muss diesem fortschreitenden Pragmatismus umgehend die Grenzen aufzeigen, notfalls mit Waffengewalt. [...]
    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Danke, die Redaktion/jk

    • SuR_LK
    • 05. Februar 2013 19:28 Uhr

    muss garnichts, am besten langsam mal in Ruhe lassen, zumindest die Rohstoffe den Völkern unten lassen. Ausländische Konzerne sollten generelles Abbauverbot bekommen.
    Bleibts halt erstmal drin, besser als wenn der "Westen" sich seinen Wohlstand mit den Resourcen Afrikas sichert und denen dafür Appel und Ei überlässt.

    Eine Leserempfehlung
  2. dass der Beitrag sowohl die afrikanischen wie auch die BIC-Staaten wie Unmündige dastehen lässt, die nicht auf der Grundlage von Werten in Selbstbestimmtheit agieren können, ohne vom "Westen" bevormundet an die Hand genommen zu werden.

    Dabei ist es doch der Westen, der das Wohlstandsgefälle zu Indien und China ausnutzt, um alternativlos zu Dumpingpreisen produzieren zu lassen und Afrika als billiges Rohstofflager ausbeutet, wobei er seinen eigenen Werte (z.B. Schutz des Welterbes) schnell mal verdrängt, wie es die aktuellen Ambitionen westlicher Mineralölunternehmen im UNESCO-Naturerbe Virunga-Nationalpark in der DR Kongo zeigen ( http://www.zgf.de/?id=61&... ).

    Eine Leserempfehlung
  3. Die Einmischung des Westens hat in Afrika durchaus einen gewissen Wohlstand geschaffen. Ob Südafrika, Kenia, Namibia, Simbabwe, Tansania oder Uganda: all diese Länder waren durchaus auf dem richtigen Weg. Mit dem Ende der Kolonien ging ein Großteil des Wohlstands aber wieder verloren. Heute sind die Lebensverhältnisse der breiten Bevölkerung meist schlechter als ehedem. Gerade in Simbabwe zeigt sich das mehr als deutlich. Einst Kornkammer Afrikas, sind die Farmen heute zu einem Großteil verödet. Das Land muss heutzutage Lebensmittel importieren.
    Das soll nun nicht die Grausamkeiten, die während der Kolonisierung begangen wurden beschönigen. Aber irgendwann kann man die Kolonialmächte von früher einfach nicht mehr für die eigenen Fehler verantwortlich machen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "wie wäre es denn..."
    • Jost.P.
    • 05. Februar 2013 22:32 Uhr

    Demokratie an sich steht nicht für Werte, sie gibt allenfalls Werten einen Raum. Viele demokratische Entscheidungen heben Werte auf, ja bekämpfen sie geradezu. In Deutschland gibt es eine Reihe von demokratischen Entscheidung, die dem Willen des Grundgesetzes entgegen stehen. Und dennoch gibt es zur Demokratie keine wirkliche Alternative, weil sie von allen alternativen Gesellschaftformen die beste ist. Demokratie sollte flexibel sein, Werte sollten beständig sein. Die Qualität einer Demokratie bestimmen Werte, auf denen sie errichtet ist. Die Demokratie des Westen baut auf dem Evangelium, der Gleichheit aller Menschen vor Gott, auf. Und doch wurde Hitler demokratisch vom Volk gewählt.

    2 Leserempfehlungen
  4. ...dann versteht er unter "Werten" Siemens, Bayer, VW, etc.

    Eine Leserempfehlung
  5. Die sogenannten Werte Die unsere Politiker ständig als Ideologischen Steigbügelhalter missbrauchen um neue Abhängigkeiten zu schaffen, erscheint schon ein wenig unglaubwürdig, so lang Kinder in Afrika Diamanten schürfen um sich vom Lohn nicht mal ein T-shirt, (was von "Hilfsorganisationen" mit Ihren Altkleidercontainern in Tonnen zu Dumping preisen nach Selektion der zumutbaren Wahre auf den Afrikanischen Markt geworfen wird, um die Regionale traditionelle Textil zu Zerstören) leisten zu können.

    Kampfeinsätze gegen Fischer in Somalia im Rahmen der sogenannten "Piratebekämpfung" nachdem deren Fischbestände durch Westliche Fischtrawler leer gefischt wurden und das Land als Freiluft Gorleben missbraucht wurde, lassen mich auch keine Nachhaltigkeit erkennen, außer für Reedereien.

    Westliche Diffamierungs Politik 3.0, immer schön mit dem Finger auf die BRICS Staaten zeigen und sich selbst auf führen wie der Teufel in Prada.

    "confessions of an economic hitman" interessante Lektüre zu dem Thema

    http://de.wikipedia.org/w...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Afrika | Dirk Niebel | Bevölkerung | Brasilien | China | OECD
Service