"Schleimer" ist noch einer der höflicheren Kraftausdrücke, die Peter Altmaier an diesem Abend ertragen muss. Die beiden Damen Anfang 50 sitzen nahe der Bühne, tragen neongelbe Fahrradwesten mit selbstgekritzelten Warnzeichen vor Radioaktivität auf dem Rücken und haben sich für diesen Abend vorgenommen, den Bundesumweltminister aus dem Konzept zu bringen. Das gelingt aus ihrer Sicht am besten mit zickigen Zwischenrufen: "Alles Lüge", "Gorleben muss raus", "Geben Sie auf!" Kaum ein Satz Altmaiers bleibt unkommentiert, und wenn es nur gute Wünsche für das neue Jahr sind.

Atommüll-Endlager - Gorleben-Kritiker zum Regierungswechsel in Niedersachsen

Willkommen im Wendland. Am Montagabend, nur einen Tag nach der Landtagswahl in Niedersachsen, ist Peter Altmaier zu Besuch bei den Gegnern eines möglichen Atommüll-Endlagers in Gorleben. Mehr als 500 Menschen sind gekommen, das Gildehaus in Lüchow kann sie kaum alle aufnehmen. Es ist eine angespannte Atmosphäre. Jeder hier wartet gespannt, wie sich Altmaier an einem Ort schlagen wird, den andere schon als "Höhle des Löwen" bezeichnet haben. Es ist sein erster Besuch in Gorleben, zum ersten Mal in seiner Amtszeit stellt er sich einem so großen Bürgerprotest.

Altmaier ist gekommen, um dafür zu werben, dass auch Gorleben sich einem Prüfverfahren für ein Endlager stellt. Ihm geht es um ein sprachliches Ungetüm: das Endlagersuchgesetz. Das will er in den kommenden Monaten, am liebsten noch vor der Bundestagswahl, verabschieden, damit Deutschland sich endlich auf die Suche nach einem Endlager machen kann. Erstmals soll im ganzen Land ein geeigneter Standort ausfindig gemacht werden. Das Zeitfenster sei einmalig, heißt es in Altmaiers Ministerium. Schließlich sperren sich selbst der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, und die Spitzen von SPD und Grünen auf Bundesebene nicht gegen eine deutschlandweite Suche.

Ergebnisoffen soll die Suche sein, "weiße Landkarte" nennt das die Politik. Und aus Sicht von Peter Altmaier und sogar der Führung der beiden Oppositionsparteien heißt das eben auch: Auch Gorleben soll sich der Prüfung stellen. Keine schwarzen Flecken auf der Karte.

Für Claudia Sültemeier ist das ein absolutes Tabu. Die 39-Jährige lehnt an der Saaltür und wartet mit einem Bier in der Hand auf den Minister. Eine kleine Frau in Outdoorjacke und Jeans, die blonden Haare zu einem praktischen Zopf gebunden. Nur sieben Kilometer vom aktuellen Atommüll-Zwischenlager Gorleben entfernt bewirtschaftet sie mit ihrem Mann einen Bauernhof und bildet Jäger aus. Sültemeier engagiert sich in der Bäuerlichen Notgemeinschaft, zu der sich die atomkraftkritischen Bauern zusammenschlossen haben. An diesem Abend parken 40 Trecker der Anti-AKW-Bauern vor der Tür. "Von Altmaier erwarten wir gar nichts", sagt Sültemeier. "Wir wollen ihm vor allem zeigen, wie viel Gegenwind es hier in der Region gibt."

Der Umweltminister inmitten der Kritiker

Eingerahmt von jeweils zwei Gorleben-Kritikern nimmt Altmaier auf der Bühne Platz. Rechts neben ihm türmen sich bedrohlich groß drei Atomfässer, links steht das berühmte X-Zeichen der Anti-Castor-Bewegung. Bevor der Minister allerdings mit seinem Gorleben-Plädoyer beginnen darf, muss er zuhören: erst einem Protestchor, der spontan einen Choral schmettert, dann den Benimm-Regeln des Moderators ("Bitte keine Birkenstock-Schuhe aufs Podium werfen"), danach dem Vorsitzenden der Bürgerinitiative. Unter lautem Jubel ruft der in den Saal: "Dieses Gesetz ist nicht geeignet, in Deutschland einen politischen Konsens über die Endlagerfrage herzustellen."

Es ist nicht so, dass Altmaier während der zweistündigen Dauerkritik immer kleinlauter wird. Im Gegenteil: Der Bundesumweltminister kämpft. Er hebt die Arme, er rudert, mit fester Stimme spricht er Sachen aus, die hier niemand hören mag: "Für Sie hier wäre es sicher der einfachste Weg, wenn Gorleben von vornherein ausscheidet", sagt Altmaier. "Aber das kann ich Ihnen nicht liefern." Die beiden Damen aus der zweiten Reihe bringt das in Rage, sie rufen "Buh" und "Pfui".

 Vorgänger Röttgen musste harschere Kritik einstecken

Die Diskussion gipfelt allerdings in der fast absurden Feststellung Altmaiers, dass die Wendländer ihrem Protest stärker vertrauen sollten. Der sei schließlich bereits in der Vergangenheit erfolgreich gewesen, warum nicht auch in Zukunft? "Sie haben es doch geschafft, dass hier keine Fakten geschaffen werden", ruft er in den Saal. "Wir haben anderes zu tun als zu protestieren", ruft ein Mann zurück.

Doch seit mehr als 30 Jahren bestimmt der Protest den Alltag zahlreicher Wendländer. Inzwischen gibt es fast eine Protestroutine. Die Trecker sind pünktlich um vier Uhr nachmittags vorgefahren, die Plakate für die Fernsehbilder hängen perfekt. Das Banner, das ein Kletterer in einem Baumwipfel aufgehängt hat, erzählt die Wendland-Geschichte in zwei Zeilen: "Merkel, Trittin, Gabriel, Röttgen, Altmaier: Sie kommen und gehen. Der Müll bleibt."

Wolfgang Ehmke ist der Sprecher der Bürgerinitiative, ein schmächtiger Herr, komplett in schwarz gekleidet, mit pinkfarbenem Halstuch. An diesem Abend hat Ehmke seit knapp 24 Stunden wieder Hoffnung – schließlich ist seit dem späten Sonntag klar, dass Niedersachsen eine neue, rot-grüne Landesregierung bekommen wird. SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil hatte sich während seines Wahlkampfes gegen Gorleben im Endlagersuchgesetz ausgesprochen, im Unterschied zur Exministerpräsident David McAllister.

"Niedersachsen muss jetzt ein neues Gewicht in der Endlagerdebatte bekommen", fordert Ehmke. Altmaier sei zwar vielleicht ein "jovialer Typ" und "geschickter Mehrheitenbeschaffer im Berliner Kosmos". Aber das reiche nicht aus. Altmaier müsse sich erst einmal das Vertrauen der Bevölkerung vor Ort verdienen, sagt Ehmke.

Röttgen wurde als "Drecksack" beschimpft

Doch es scheint sich etwas getan zu haben seit dem letzten Besuch eines Bundesumweltministers im Wendland. Altmaiers Vorgänger Norbert Röttgen besuchte im Frühjahr 2011, noch vor der AKW-Katastrophe in Fukushima, eine Kreistagssitzung in Lüchow-Dannenberg. "Drecksack" nennt ihn das Volk, bewirft ihn mit Papierbällen, hier knallen tatsächlich Schuhe auf den Tisch. Mit Gruseln erinnern sich Altmaiers Beamte noch heute an den denkwürdigen Termin.

Altmaier muss derartige Umgangsformen nicht durchstehen – schließlich gab es inzwischen einen Atomausstieg. Trillerpfeifen-Einlagen und die Ausrufe der beiden Damen sind die auffälligsten Zwischentöne. Einmal punktet er sogar bei den Gorleben-Kritikern. Gerne nehme er die Einladung an, an einer Kreistagssitzung teilzunehmen, vielleicht gar mit SPD-Chef Sigmar Gabriel und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, sagt Altmaier. "Ich komme mit jedem, der sich hierher traut." Da müssen auch die Gorleben-Aktivisten lachen. Die beiden Politiker sind in der Bevölkerung geächtet, schließlich unterstützen sie die Strategie der "weißen Landkarte" und damit auch die weitere Erkundung des Salzstocks.

Die Diskussion sei "schwierig aber fair" gewesen, sagt Altmaier denn auch, als er von der Bühne tritt. Rechts ist die Biertheke, der CDU-Politiker steuert direkt darauf zu. "Und, trinken wir jetzt noch etwas zusammen?" Die Gorleben-Kritiker sind irritiert, plötzlich stehen sie mit dem Bundesumweltminister an einem eilig herbeigeschafften Bistrotischchen und stoßen mit ihm an. Es ist die Altmaiersche Art der Konfliktlösung. Wäre es denn besser gewesen, wenn er den Gesetzestext heute Abend öffentlich zerrissen hätte?, fragt er in die Runde. Dann wäre man doch wieder beim aktuellen Status. "Und dann wird wieder nur über Gorleben diskutiert."