Die Diskussion gipfelt allerdings in der fast absurden Feststellung Altmaiers, dass die Wendländer ihrem Protest stärker vertrauen sollten. Der sei schließlich bereits in der Vergangenheit erfolgreich gewesen, warum nicht auch in Zukunft? "Sie haben es doch geschafft, dass hier keine Fakten geschaffen werden", ruft er in den Saal. "Wir haben anderes zu tun als zu protestieren", ruft ein Mann zurück.

Doch seit mehr als 30 Jahren bestimmt der Protest den Alltag zahlreicher Wendländer. Inzwischen gibt es fast eine Protestroutine. Die Trecker sind pünktlich um vier Uhr nachmittags vorgefahren, die Plakate für die Fernsehbilder hängen perfekt. Das Banner, das ein Kletterer in einem Baumwipfel aufgehängt hat, erzählt die Wendland-Geschichte in zwei Zeilen: "Merkel, Trittin, Gabriel, Röttgen, Altmaier: Sie kommen und gehen. Der Müll bleibt."

Wolfgang Ehmke ist der Sprecher der Bürgerinitiative, ein schmächtiger Herr, komplett in schwarz gekleidet, mit pinkfarbenem Halstuch. An diesem Abend hat Ehmke seit knapp 24 Stunden wieder Hoffnung – schließlich ist seit dem späten Sonntag klar, dass Niedersachsen eine neue, rot-grüne Landesregierung bekommen wird. SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil hatte sich während seines Wahlkampfes gegen Gorleben im Endlagersuchgesetz ausgesprochen, im Unterschied zur Exministerpräsident David McAllister.

"Niedersachsen muss jetzt ein neues Gewicht in der Endlagerdebatte bekommen", fordert Ehmke. Altmaier sei zwar vielleicht ein "jovialer Typ" und "geschickter Mehrheitenbeschaffer im Berliner Kosmos". Aber das reiche nicht aus. Altmaier müsse sich erst einmal das Vertrauen der Bevölkerung vor Ort verdienen, sagt Ehmke.

Röttgen wurde als "Drecksack" beschimpft

Doch es scheint sich etwas getan zu haben seit dem letzten Besuch eines Bundesumweltministers im Wendland. Altmaiers Vorgänger Norbert Röttgen besuchte im Frühjahr 2011, noch vor der AKW-Katastrophe in Fukushima, eine Kreistagssitzung in Lüchow-Dannenberg. "Drecksack" nennt ihn das Volk, bewirft ihn mit Papierbällen, hier knallen tatsächlich Schuhe auf den Tisch. Mit Gruseln erinnern sich Altmaiers Beamte noch heute an den denkwürdigen Termin.

Altmaier muss derartige Umgangsformen nicht durchstehen – schließlich gab es inzwischen einen Atomausstieg. Trillerpfeifen-Einlagen und die Ausrufe der beiden Damen sind die auffälligsten Zwischentöne. Einmal punktet er sogar bei den Gorleben-Kritikern. Gerne nehme er die Einladung an, an einer Kreistagssitzung teilzunehmen, vielleicht gar mit SPD-Chef Sigmar Gabriel und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, sagt Altmaier. "Ich komme mit jedem, der sich hierher traut." Da müssen auch die Gorleben-Aktivisten lachen. Die beiden Politiker sind in der Bevölkerung geächtet, schließlich unterstützen sie die Strategie der "weißen Landkarte" und damit auch die weitere Erkundung des Salzstocks.

Die Diskussion sei "schwierig aber fair" gewesen, sagt Altmaier denn auch, als er von der Bühne tritt. Rechts ist die Biertheke, der CDU-Politiker steuert direkt darauf zu. "Und, trinken wir jetzt noch etwas zusammen?" Die Gorleben-Kritiker sind irritiert, plötzlich stehen sie mit dem Bundesumweltminister an einem eilig herbeigeschafften Bistrotischchen und stoßen mit ihm an. Es ist die Altmaiersche Art der Konfliktlösung. Wäre es denn besser gewesen, wenn er den Gesetzestext heute Abend öffentlich zerrissen hätte?, fragt er in die Runde. Dann wäre man doch wieder beim aktuellen Status. "Und dann wird wieder nur über Gorleben diskutiert."