Atommüll in GorlebenPeter Altmaier unter Feinden

Zum ersten Mal trifft Bundesumweltminister Altmaier die Gorleben-Aktivisten im Wendland. Denen geht sein Moderationsdrang mächtig auf die Nerven. von 

Bundesumweltminister Peter Altmaier in Lüchow

Bundesumweltminister Peter Altmaier in Lüchow  |  © Philipp Schulze/dpa

"Schleimer" ist noch einer der höflicheren Kraftausdrücke, die Peter Altmaier an diesem Abend ertragen muss. Die beiden Damen Anfang 50 sitzen nahe der Bühne, tragen neongelbe Fahrradwesten mit selbstgekritzelten Warnzeichen vor Radioaktivität auf dem Rücken und haben sich für diesen Abend vorgenommen, den Bundesumweltminister aus dem Konzept zu bringen. Das gelingt aus ihrer Sicht am besten mit zickigen Zwischenrufen: "Alles Lüge", "Gorleben muss raus", "Geben Sie auf!" Kaum ein Satz Altmaiers bleibt unkommentiert, und wenn es nur gute Wünsche für das neue Jahr sind.

Willkommen im Wendland. Am Montagabend, nur einen Tag nach der Landtagswahl in Niedersachsen, ist Peter Altmaier zu Besuch bei den Gegnern eines möglichen Atommüll-Endlagers in Gorleben. Mehr als 500 Menschen sind gekommen, das Gildehaus in Lüchow kann sie kaum alle aufnehmen. Es ist eine angespannte Atmosphäre. Jeder hier wartet gespannt, wie sich Altmaier an einem Ort schlagen wird, den andere schon als "Höhle des Löwen" bezeichnet haben. Es ist sein erster Besuch in Gorleben, zum ersten Mal in seiner Amtszeit stellt er sich einem so großen Bürgerprotest.

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Altmaier ist gekommen, um dafür zu werben, dass auch Gorleben sich einem Prüfverfahren für ein Endlager stellt. Ihm geht es um ein sprachliches Ungetüm: das Endlagersuchgesetz. Das will er in den kommenden Monaten, am liebsten noch vor der Bundestagswahl, verabschieden, damit Deutschland sich endlich auf die Suche nach einem Endlager machen kann. Erstmals soll im ganzen Land ein geeigneter Standort ausfindig gemacht werden. Das Zeitfenster sei einmalig, heißt es in Altmaiers Ministerium. Schließlich sperren sich selbst der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, und die Spitzen von SPD und Grünen auf Bundesebene nicht gegen eine deutschlandweite Suche.

Ergebnisoffen soll die Suche sein, "weiße Landkarte" nennt das die Politik. Und aus Sicht von Peter Altmaier und sogar der Führung der beiden Oppositionsparteien heißt das eben auch: Auch Gorleben soll sich der Prüfung stellen. Keine schwarzen Flecken auf der Karte.

Für Claudia Sültemeier ist das ein absolutes Tabu. Die 39-Jährige lehnt an der Saaltür und wartet mit einem Bier in der Hand auf den Minister. Eine kleine Frau in Outdoorjacke und Jeans, die blonden Haare zu einem praktischen Zopf gebunden. Nur sieben Kilometer vom aktuellen Atommüll-Zwischenlager Gorleben entfernt bewirtschaftet sie mit ihrem Mann einen Bauernhof und bildet Jäger aus. Sültemeier engagiert sich in der Bäuerlichen Notgemeinschaft, zu der sich die atomkraftkritischen Bauern zusammenschlossen haben. An diesem Abend parken 40 Trecker der Anti-AKW-Bauern vor der Tür. "Von Altmaier erwarten wir gar nichts", sagt Sültemeier. "Wir wollen ihm vor allem zeigen, wie viel Gegenwind es hier in der Region gibt."

Der Umweltminister inmitten der Kritiker

Eingerahmt von jeweils zwei Gorleben-Kritikern nimmt Altmaier auf der Bühne Platz. Rechts neben ihm türmen sich bedrohlich groß drei Atomfässer, links steht das berühmte X-Zeichen der Anti-Castor-Bewegung. Bevor der Minister allerdings mit seinem Gorleben-Plädoyer beginnen darf, muss er zuhören: erst einem Protestchor, der spontan einen Choral schmettert, dann den Benimm-Regeln des Moderators ("Bitte keine Birkenstock-Schuhe aufs Podium werfen"), danach dem Vorsitzenden der Bürgerinitiative. Unter lautem Jubel ruft der in den Saal: "Dieses Gesetz ist nicht geeignet, in Deutschland einen politischen Konsens über die Endlagerfrage herzustellen."

Es ist nicht so, dass Altmaier während der zweistündigen Dauerkritik immer kleinlauter wird. Im Gegenteil: Der Bundesumweltminister kämpft. Er hebt die Arme, er rudert, mit fester Stimme spricht er Sachen aus, die hier niemand hören mag: "Für Sie hier wäre es sicher der einfachste Weg, wenn Gorleben von vornherein ausscheidet", sagt Altmaier. "Aber das kann ich Ihnen nicht liefern." Die beiden Damen aus der zweiten Reihe bringt das in Rage, sie rufen "Buh" und "Pfui".

Leserkommentare
  1. Wenn nicht, wären Sie doch sicherlich aus Gerechtigkeitsgründen bereit, den dort gelagerten Atommüll erstmal für die nächsten dreißig Jahre in Ihrem Vorgarten zu lagern - dann, ist versprochen, geht es weiter im Rund.

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  2. beginnt die CDU nun doch, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen, durch das jedoch die von der Physikerin Dr. Angela Merkel favorisierte ASSEII erschreckend durchscheint. Da in Hessen und Bayern noch gewählt werden soll, wird man in ihren Vorgärten wohl keine Untersuchungen starten - tja, und genausowenig im restlichen Deutschland, denn es ist ja auch noch Bundestagswahl. - Watt nu? - Bleibt nur das Wendland mit Gorleben, denn die ASSEII tut's nicht mehr. - Diese Verhöhnung der Menschen dort, auch in Kommentaren hier, ist bodenlos. - Peter Altmaier hätte noch eine Chance: Zwischenlagerung aller Tonnen in den atombombensicheren Bunkern der Regierungsgebäude; das ist sicher (bestens bewacht) und, wie im Wendland und der ASSEII, gar nicht schädlich. Oder werden diese Bunker für Geheimes genutzt? -

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  3. Die Antiatom-Bewegung ist stabil und das wird sie bleiben, denn trotz Energiewende gibt es immer noch eine ungeklärte Atommülllagerfrage. die Aktivisten sind erprobt und haben zu Recht immer noch Ziele.

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  4. Die Zweifel am Standort Gorleben sind mehr als groß, nicht nur im Wendland. Eine Endlagersuche muss ergebnisoffen erfolgen, sonst ist sie nur eine Farce.

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  5. Schließlich sind wir Exportweltmeister und haben schon immer gut - auf Kosten Anderer - gelebt. (zyn.)

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    • Wupert
    • 22. Januar 2013 22:33 Uhr

    Die Wendländer wollen keine objektive Endlagersuche, die wollen einfach nicht das Gorleben Endlager wird. Darum ist auch jede Diskussion mit denen vollkommen sinnlos. Alles was nicht Gorleben aus der Endlagersuche hinausbefördert wird nicht akzeptiert.

    Kasperletheater!

    In Deutschland wird es nie ein Endlager geben, daran sollte man sich einfach mal gewöhnen. Das Zeugg wird die nächsten Jahre einfach immer quer durch Deutschland geschippert.

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    Der Widerstand und die Debatten begründen sich an völlig berechtigten Zweifeln an der Eignung Gorlebens als Standort. Leute, die außer Beleidigungen gegen die Wendländer nichts beizutragen haben, sollten lieber die Puppenkiste gucken.

  6. Nachdem durch die langen Zeiträume, die der Atommüll nun mal strahlt, ein perfekter Endlagerstandort sowieso nahezu unmöglich ist, warum muss dann der Müll unbedingt heute schon für alle Ewigkeit sicher verstaut werden? Warum sehen wir die Sache nicht lockerer? Lagern wir den strahlenden Müll einfach mal für 50 Jahre an einem sicheren Ort - das dürfte eigentlich kein Problem und machbar sein - und warten ab welche Möglichkeiten und Techniken die Forschung uns dann bieten wird. Ich sehe durchaus die Möglichkeit, daß künftige Generationen unseren Atommüll mal als wertvolle Rohstoffquelle betrachten werden. Radioaktive Strahlung ist auch Energie! Und unter den stabilen Endprodukten des Atommülls befinden sich auch seltene und wertvolle Elemente wie Rhodium.
    Schließlich wird doch heute bereits alles mögliche wiederverwertet - von Papier bis zum kaputten Handy. Ist angesichts knapper werdenden Resourcen mehr als angebracht und dient auch zur Vermeidung von Müll!
    Eine Endlagerung bringt nur Probleme - siehe Asse - vor allem wenn man bedenkt, daß der Müll nicht so ohne weiteres wieder rausgeholt werden kann.
    Vielleicht sollte hier echt mal ein Umdenken stattfinden, bevor für weitere zig Milliarden die ganze Republik nach dem perfekten Endlager durchwühlt wird, das sich dann wieder als untauglich herausstellt.

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    Ich teile zwar Ihre Entspanntheit und Ihren Optimismus nicht, daß aus hochradioaktivem Müll absehbar etwas anderes werden könnte als eben hochradioaktiver Müll, aber mir wäre es auch sympathischer, man würde die Illusion, sich ihn für immer aus den Augen und dem Sinn schaffen zu können, endlich beerdigen.

    Mir wäre es für den Moment lieber, wenn der Atommüll in Kernkraftwerken untergebracht würde - trocken, halbwegs sicher, gut sichtbar und hell beleuchtet. Bis hoffentlich eine Technologie gefunden wird, die ihn z.B. in die Sonne befördert und dort unschädlich macht - klingt jetzt ein bißchen nach Perry Rhodan, ich weiß schon.

    Ich finde allein schon die Perspektive, knapp 22.000 Tonnen Gefahr für Hunderttausende von Jahren sicher unterbringen zu müssen, schlicht furchterregend und die Politiker der 70er Jahre und auch die paar noch verbliebenen Atomkraft-Apologeten vor allem eins: völlig verantwortungslos.

    Der ständige Vorwurf an Atomkraftgegner, sie würden sich jeder Lösung in Sachen Endlagerung verweigern, ist an Albernheit kaum zu überbieten. Die Verweigerung liegt daran, daß es nun mal keine sichere Lösung für Hunderttausende von Jahren gibt.

  7. Der Widerstand und die Debatten begründen sich an völlig berechtigten Zweifeln an der Eignung Gorlebens als Standort. Leute, die außer Beleidigungen gegen die Wendländer nichts beizutragen haben, sollten lieber die Puppenkiste gucken.

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    • Wupert
    • 28. Januar 2013 20:35 Uhr

    und vieleicht kommen die Wendländer wieder auf den Boden der Sachlichkeit zurück und verwechseln Sachlichkeit nicht mit Opportunismus.

    Wenn ich schon immer die Heuchelei höre, dass wir eine objektive und sachliche Debatte um die Endlagerung in Deutschland brauchen und im zweiten Satz dann aber mit so genialen Ideen kommen wie "wir schrauben einfach solange an den Randwerten rum bis Gorleben aus dem Raster fällt". Das hat wahrlich nichts mehr mit Objektivität zu tun, oder die im Wendland verstehen darunter etwas anderes.

    Deshalb gilt immer noch: Tri-tral trul-la-la der Kasperle aus dem Wendland ist wieder da.

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