Besucher einer Suppenküche des Malteser Hilfsdienstes in Berlin (Archivbild) © Sean Gallup/Getty Images

Über Armut spricht man nicht. Armutsberichte stören. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vom September etwa sollte die Frage beantworten, wie viele Menschen am unteren Ende der Lohnskala mit schlechten Einkommen leben müssen. In einem ersten Entwurf hieß es: "Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat zugenommen."

In der endgültigen Fassung steht nun stattdessen, dass sinkende Reallöhne "Ausdruck struktureller Verbesserungen" am Arbeitsmarkt seien. Die Feststellung, dass "im Jahr 2010 in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro" arbeiteten, wurde gestrichen.

"Ausmaß struktureller Verbesserungen": Statt also die Armut zu bekämpfen, wird sie einfach umgedeutet. Oder aber es wird schlicht bestritten, dass sie weiterhin ein Problem darstellt. Diesen Eindruck vermittelt der Beitrag von Kolja Rudzio in der ZEIT von vor einigen Wochen. Der Text enthält viel Richtiges und bemüht sich um ein abgewogenes Wenn und Aber. Er kritisiert zurecht, dass das Konzept der relativen Armut das Problem birgt, dass die Zahl der "relativen Armen" auch in dem Fall steigt, dass die Gesamteinkommen (genauer: die Medianeinkommen) zunehmen. Relativ gibt es mehr Arme, wenn der Reichtum einer Gesellschaft steigt.

Was die Kritik übersieht: Selbst wenn die Zahl der relativen Armen durch statistische Probleme verzerrt ist, wächst die Ungleichheit in Deutschland. Man merkt das an den preisbereinigten verfügbaren Einkommen von 1999 bis 2009. Das reale Einkommen der ärmeren Hälfte der Einkommensbezieher sank in dieser Zeit um rund fünf Prozent. Die Einkommen des ärmsten Zehntels nahmen sogar um 9,6 Prozent ab.

Die obere Hälfte der Einkommensbezieher verzeichnete hingegen einen Zuwachs von fünf Prozent. Bemerkenswert ist, wie ungleich die Einkommen am oberen Rand gewachsen sind: Vier der fünf Zehntel innerhalb dieser Hälfte verzeichnen eine Einkommenssteigerung von durchschnittlich rund zwei Prozent, während das reichste Zehntel einen Zuwachs von 16,6 Prozent verbuchen konnte.

Es gibt außerdem gute Gründe, am Begriff der relativen Armut festzuhalten. Mit ihm ist die Forderung verbunden, dass Arbeitseinkommen, Altersrenten, Arbeitslosengeld, öffentliche Daseinsvorsorge steigen müssen, wenn die Produktivität der Arbeit zunimmt, wenn also die ökonomisch-technischen Voraussetzungen für einen höheren Lebensstandard erreicht sind. Es geht um die sehr grundsätzliche Feststellung, dass produktivere Arbeit die Grundlage ist für zivilisatorischen Fortschritt. Das ist eigentlich trivial. Aber im öffentlichen Bewusstsein ist dieser Satz nicht.

Volkseinkommen muss anders verteilt werden

Man nehme etwa das Beispiel einer Bauernwirtschaft. Die Menschen dort versorgen sich selbst und ernähren einige Leute die Pflüge herstellen. Diesen gelingt es, bessere Pflüge zu bauen. Nun wird mehr je Arbeitsstunde produziert, und die Gemeinschaft fragt sich, wie sie die zusätzliche Produktion nutzen soll. Möglich ist mehr Produktion und bessere Ernährung oder dieselbe Ernährung, aber weniger Arbeitszeit.

Natürlich kann auch beides kombiniert werden. Steigt die Produktion, lassen sich auch die Alten besser versorgen. Sicherlich können sich auch Bauernwirtschaften zusammenschließen und einen Staat, ihren Staat gründen. An diesen wird ein Teil der vermehrten Produktion abgegeben, damit er Gemeinschaftsaufgaben übernimmt, sich also um Daseinsvorsorge kümmert.

Das Beispiel lässt sich auf die Industrieländer übertragen: Sie stehen vor der intellektuellen und politischen Herausforderung, die stetig steigende Produktivität der Arbeit für ihren zivilisatorischen Fortschritt zu nutzen. Das ist in den letzten drei Jahrzehnten in keinem bedeutenden Industrieland gelungen.

Warum eigentlich hat in den vergangenen Jahrzehnten die Arbeitslosigkeit zugenommen und mit ihr die Armut? Eine Antwort lautet: Es fehlt an Nachfrage, um all das zu kaufen, was bei Vollbeschäftigung hergestellt würde. In entwickelten Industrieländern ist die Nachfrage nach Investitionsgütern recht hoch, aber sie kann nicht beliebig steigen.

Anders als Länder wie China oder Brasilien sind wir bereits industrialisiert. Deshalb muss die Konsumnachfrage des Staates oder der Lohnbezieher und Altersrentner auch hierzulande steigen. Oder die Arbeitszeit muss, wenn so viel Wachstum gar nicht nötig ist, bei unverändertem Konsum und damit bei vollem Lohnausgleich verkürzt werden. Beides erfordert eine andere Verteilung des Volkseinkommens als heute – sowohl zwischen den Menschen mit hohem und niedrigem Einkommen als auch zu Lasten der Gewinne.