EinkommensverteilungDas Missverständnis mit der Armut

Gut, dass wir nur relativ arm sind: Warum die aktuelle Debatte die ungleiche Verteilung der Einkommen völlig außer Acht lässt, erklärt Herbert Schui im Gastbeitrag. von Herbert Schui

Besucher einer Suppenküche des Malteser Hilfsdienstes in Berlin (Archivbild)

Besucher einer Suppenküche des Malteser Hilfsdienstes in Berlin (Archivbild)  |  © Sean Gallup/Getty Images

Über Armut spricht man nicht. Armutsberichte stören. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vom September etwa sollte die Frage beantworten, wie viele Menschen am unteren Ende der Lohnskala mit schlechten Einkommen leben müssen. In einem ersten Entwurf hieß es: "Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat zugenommen."

In der endgültigen Fassung steht nun stattdessen, dass sinkende Reallöhne "Ausdruck struktureller Verbesserungen" am Arbeitsmarkt seien. Die Feststellung, dass "im Jahr 2010 in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro" arbeiteten, wurde gestrichen.

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"Ausmaß struktureller Verbesserungen": Statt also die Armut zu bekämpfen, wird sie einfach umgedeutet. Oder aber es wird schlicht bestritten, dass sie weiterhin ein Problem darstellt. Diesen Eindruck vermittelt der Beitrag von Kolja Rudzio in der ZEIT von vor einigen Wochen. Der Text enthält viel Richtiges und bemüht sich um ein abgewogenes Wenn und Aber. Er kritisiert zurecht, dass das Konzept der relativen Armut das Problem birgt, dass die Zahl der "relativen Armen" auch in dem Fall steigt, dass die Gesamteinkommen (genauer: die Medianeinkommen) zunehmen. Relativ gibt es mehr Arme, wenn der Reichtum einer Gesellschaft steigt.

Herbert Schui
Herbert Schui

ist ein pensionierter Ökonom und Politiker. Seit 2005 sitzt er für die Partei Die Linke im Bundestag. Zuvor lehrte er viele Jahre lang als Professor an der Universität für Wirtschaft und Politik in Hamburg.

Was die Kritik übersieht: Selbst wenn die Zahl der relativen Armen durch statistische Probleme verzerrt ist, wächst die Ungleichheit in Deutschland. Man merkt das an den preisbereinigten verfügbaren Einkommen von 1999 bis 2009. Das reale Einkommen der ärmeren Hälfte der Einkommensbezieher sank in dieser Zeit um rund fünf Prozent. Die Einkommen des ärmsten Zehntels nahmen sogar um 9,6 Prozent ab.

Die obere Hälfte der Einkommensbezieher verzeichnete hingegen einen Zuwachs von fünf Prozent. Bemerkenswert ist, wie ungleich die Einkommen am oberen Rand gewachsen sind: Vier der fünf Zehntel innerhalb dieser Hälfte verzeichnen eine Einkommenssteigerung von durchschnittlich rund zwei Prozent, während das reichste Zehntel einen Zuwachs von 16,6 Prozent verbuchen konnte.

Es gibt außerdem gute Gründe, am Begriff der relativen Armut festzuhalten. Mit ihm ist die Forderung verbunden, dass Arbeitseinkommen, Altersrenten, Arbeitslosengeld, öffentliche Daseinsvorsorge steigen müssen, wenn die Produktivität der Arbeit zunimmt, wenn also die ökonomisch-technischen Voraussetzungen für einen höheren Lebensstandard erreicht sind. Es geht um die sehr grundsätzliche Feststellung, dass produktivere Arbeit die Grundlage ist für zivilisatorischen Fortschritt. Das ist eigentlich trivial. Aber im öffentlichen Bewusstsein ist dieser Satz nicht.

Leserkommentare
  1. Ich finde interessant, dass der Autor (sehr zu recht) bemerkt: "Es geht um die sehr grundsätzliche Feststellung, dass produktivere Arbeit die Grundlage ist für zivilisatorischen Fortschritt. Das ist eigentlich trivial. Aber im öffentlichen Bewusstsein ist dieser Satz nicht."

    Diese Feststellung tangiert eines der Grundmotive für technologischen Fortschritt durch Kapitalismus überhaupt: die Befreiung von Naturzwängen durch eine Rationalisierung der Produktionsabläufe. Nun befinden wir uns in einer tiefen Systemkrise, die nicht aus der Ungleichheit der Lebensverhältnisse und daher rührenden Legitimationszweifeln resultiert, sondern an einem tiefen Glaubensverlust in den Fortschritt überhaupt.

    Fragt man heute Leute nach ihrem Fortschrittsbegriff, gucken sie einen nur blöde an, manchmal zeigen sie auf ihr iPhone, manchmal nennen sie ihren "Lebensstil" "progressive". Hört man sich unter Studenten um, nennen sie einem meist materialistische Lebensentwürfe (Auto, Haus, Urlaub), die in ihrer Elterngeneration schon einmal als sehr rückschrittlich und einzwängend empfunden wurde.

    Der Gedanke, dass Fortschritt innerhalb eines menschenfeindlichen Kapitalismus zunächst soziale Emanzipation und Hinwendung zu Muße bedeutet, wird von den Gruppen, die in der Lage wären dies zu begreifen, gar nicht mehr getragen.

    Das Bedürfnis nach Befreiung selbst scheint durch Bologna & Alternativlosigkeit verschwunden zu sein. Und technologische Befreiung kommt sowieso aus China.

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  2. Wir leben heute stark auf Kosten kommender Generationen, die wohl mit weniger auskommen müssen. Um Ungleichheiten zu begrenzen, muss also mehr von dem heute erwirtschafteten zurückgelegt, also investiert werden, vor allem natürlich in die Vermeidung eines Klimakatastrophe.
    Übrigens: Leben wir nicht in einem globalen Dorf?
    Warum sollen dann gerade die mehr bekommen, denen es schon heute z.B. durch Hartz4 besser geht als der Mehrheit der arbeitenden Weltbevölkerung?

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  3. Geld wird doch nur dort verdient,wo die Leistung nicht messbar ist.
    Intendanten,Ärztefunktionäre,Moderatoren,Chefredakteure,Politiker-Nebenjobs,Manager,Stadtwerkechefs (gern auch weiblich als Quotenfrau),etcpp.

    wer kann denn schon sagen,ob der Moderator xy seine 700k im Jahr verdient?

    Der Milliardär,Facharbeiter und Mindestlöhner in diesem Land wird systematisch von diesen Pseudo-leistungsträgern,die sich ihren Job nur gestempelt haben :(aushandelnd des Gehaltes auf plötzlich das doppelte : BA-chef florian gerster,der neue Kfw boss,intendanten etcpp),festsetung des eigenen Lohns : Berliner Ärtzefunkionäre-- sowie undefinierbare leistung (lierhaus etc) veräppelt.

    und dann heisst es noch,diese Leute würden 50 Prozent der Einkommenssteuer "zahlen". Soll das heissen Frau Lierhaus zahlt 200 000 euro einkommenssteuer?

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    • gooder
    • 21. Januar 2013 20:24 Uhr

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    • genius1
    • 21. Januar 2013 19:12 Uhr

    "Die obere Hälfte der Einkommensbezieher verzeichnete hingegen einen Zuwachs von fünf Prozent. Bemerkenswert ist, wie ungleich die Einkommen am oberen Rand gewachsen sind: Vier der fünf Zehntel innerhalb dieser Hälfte verzeichnen eine Einkommenssteigerung von durchschnittlich rund zwei Prozent, während das reichste Zehntel einen Zuwachs von 16,6 Prozent verbuchen konnte."

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    Vielleicht Verstehen Sie es jetzt, wenn ich immer Schreibe,
    das Banken einen natürlichen Vorsprung bei Informationen gegenüber Aktienkäufern (Kunden) haben. Da passt es gut, das Banken auch Versicherungspapiere (Derivate usw.) in Eigenverantwortung, Handeln und Emittieren dürfen. Und der Eigenhandel mit Aktien immer noch erlaubt ist.

    Das gilt erst Recht für die Reichsten der Reichen. Wer an vielen Unternehmen beteiligt ist, wird auch Informationen über den zukünftigen Rohstoffeinsatz haben. Die meisten von den reichsten werden auch an banken Beteiligt sein.

    Mit diesem Wissensvorsprung, ist es für die Reichsten immer möglich, die private Spekulation, fast immer mit Gewinn abzuschließen!

    Wir haben es heute mit Hochmanipulierbaren Märkten zu tun, egal ob Energie, Nahrung oder sonstige Rohstoffe! Da haben private Anleger nichts Verloren. Erlauben nur noch für Firmen, wie früher gehandhabt, um die Kalkulationsbasis für die zukünftige Produktion sicherzustellen.

    Und er wird wieder nicht von den Politikern, Reguliert (Verboten) werden! Spekulanten haben nix im Markt zu Suchen!

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  4. Ich habe den Eindruck, dass es Leute gibt, die an dieser stetigen strukturellen Verbesserung systematisch arbeiten und damit der spätrömischen Dekadenz wirksam gegensteuern.

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  5. Und dabei gibt es offenbar Beschränkungen.
    Bereits der Erzkapitalist Henry Ford (geb. 1863 † 7. April 1947) hat gesagt "Autos kaufen keine Autos".
    Und es ist auch heute noch so. "Leistungsträger", die ein hundertfaches und mehr von dem "verdienen", was eine Steuerfachgehilfin oder ein Hartz IV-Empfänger bekommen, trinken deshalb keine 100 Tassen Kaffee, betanken keine 100 Autos und kaufen nicht 100 mal Powerstrips oder Glühlampen im Baumarkt. Die investieren einmal teuer und bringen dann ihr Geld steueroptimiert zu unseren Berufsspekulanten in die Banken oder legen es als Edelmetall-Barren in sichere und geheime Tresore. Für den Fall aller Fälle.
    Den Volkswirtschaften nützt dies wenig, da unproduktiv. Im Ergebnis gibt es riesige Geldmengen in den Händen ganz kleiner Gruppen von "Leistungsträgern", die durch ihre Geldmacht Politiker nach ihrer Pfeife tanzen lassen können.
    Eine Kette ohne Ende bis zum Armageddon. Und selbst darauf bereiten sich interessierte Gruppen bereits vor. Sie sehen darin die Chance zum "Reset", d.h. zur Korrektur eklatanter gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, wie z.B. der sozialen Marktwirtschaft und ähnlicher Auswüchse.

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    Antwort auf "Ludwig Erhard"
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    • rjmaris
    • 21. Januar 2013 21:55 Uhr

    Zitat: "Den Volkswirtschaften nützt dies wenig, da unproduktiv. Im Ergebnis gibt es riesige Geldmengen in den Händen ganz kleiner Gruppen von "Leistungsträgern", die durch ihre Geldmacht Politiker nach ihrer Pfeife tanzen lassen können."

    Ziemlich genau so ist es. Dafür muss man nicht mal politisch links stehen. Es ist das viele (nicht in der Realwirtschaft zirkulierende) Geld, dass faktisch unproduktiv ist. Und nur weil dem Realwirtschaft soviel entzogen ist, waren die Zentralbanken faktisch gezwungen, Geld zu emittieren. Die EZB quasi als Letzte, weil die Politik hier so stur ist.
    Und weil das Geld der Ultra-Vermögenden nicht produktiv ist, verursachen die Geldflutungen noch keine Inflation, nur niedrigere Zinsen.

    Um die originäre Funktion des Geldes wiederherzustellen (für Waren/Dienstleistungswirtschaft) sollte z.B. eine eigene Währung eingeführt werden, für alles, was in der Finanzwirtschaft läuft. Mit jenem Geld kann man kein Essen kaufen, nur gegen eine Umtauschgebühr.

    • RenStra
    • 21. Januar 2013 19:22 Uhr

    Es geht nicht nur um die sich notorisch öffnende sog. Einkommens- und Vermögensschere, sondern es geht auch darum, dass die Unterlassung der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes
    unser Steuer- und Sozialsystem selber schadet und zwar von vorneherein mit Abwärtsdynamik oder gar Abwärtssog.
    Und dies deshalb, weil bei sinkenden Bruttoeinkommen, die gesetziche Inanspruchnahme der
    SGB - Leistungen und des dort geregelten sog. Aufstockens anfallen und außerdem gigantische Folgewirkungen für alle Steuer- und SV-Zahler_innen durch Burnout, Krankheit, Frührenten undund erzeugt werden.
    Wir werden in dieser Hinsicht direkt von brachialen Terroristen unterhöhlt, sondern klammheimlich oder heimlich gegenüber denen, die das Steuerrecht nicht genauer kennen: Wer nicht bald einen gesetzlichen Mindestlohn einführt, gibt uns damit explizit zum Ausdruck, dass er/sie unser Staatswesen und unser Steuer- und SV-System (noch mehr) in den Dreck ziehen möchte – ganz (ergo: nicht!) zu schweigen von Abermillionen langzeitig und mittelfristig Betroffenen und schikanös Sanktionierten: Und zwar unseren Staat von innen aushöhlt zugunsten unnötiger Dienstleistungen wie z. B. psychosoziale und Rechtsberatungen, die niemand benötigt, der in unserer Gesellschaft und Wirtschaft anständige Stellen und Arbeitsplätze innehat.-

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  6. bei oberen gehältern?

    ich habe bereits oben erwähnt,daß plötzlich bestimmte Gehälter aus zeitgeist verdoppelt werden (KFW bosse,Bafin,etc) aber es geht auch in "mittelständischen unternehmen" wie zum Beispiel den Berlinern Philharmonikern.
    Da kommt also ein Simon Rattle nach Berlin und findet das Beamtengehaltsspektrum ist nicht genug für seine Musiker.
    Also wandelt man das ganze in eine Stiftung um,und fortan für die nächsten Jahrhunderte bekommen die Musiker ein xfaches.

    Ergo: Leistung gesteigert,wow.

    Gleiches gilt für plötzliche Tochterfirmen der Ard,die dem Moderator plötzlich 600k Gehalt für Sportschau und co ermöglichen,sowie ihm den Produktionsgewinn in Höhe von x MIo im Jahr zusätzlich zuschanzen.

    Oder der neue Berliner Flughafen Boss wird mehr bekommen,ergo mehr leisten?
    der neue Intendant?CHefredakteur,Krankenkassen oder Ärtzefunktionär?
    Verdient bald der Kanzler das doppelte?

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