EndlagerDeutscher Atommüll, ein gutes Geschäft für Russland

Bereitet die Regierung den Export von deutschem Atommüll vor? Umweltschützer sind alarmiert, denn als Empfängerland käme nur Russland infrage. von 

Deutsche Atomkraftgegner erleben dieser Tage ein Déjà-vu. Bereits vor zwei Jahren plante die schwarz-gelbe Bundesregierung, rund 950 alte Brennelemente aus dem DDR-Forschungsreaktor Rossendorf nach Russland abzuschieben – dorthin, wo sie einst hergestellt wurden. Der Atommmüll sollte ins russische Mayak im Südural geschafft werden, in eine Anlage, die unter Atomkraftgegnern wegen der geringen Sicherheitsstandards als "Atomklo" firmiert. Der Protest gegen das Vorhaben war naturgemäß heftig. Der damalige Bundesumweltminister Norbert Röttgen stoppte die Pläne. Der Atommüll aus Rossendorf blieb, wo er war: im Zwischenlager in Ahaus.

Nun ist das Thema wieder da. Das Bundesumweltministerium hat vor rund zwei Wochen einen Gesetzentwurf zur Endlagerung von Atommüll präsentiert, der ZEIT ONLINE vorliegt. Darin ist auch ein Paragraf enthalten, der die "Verbringung radioaktiver Abfälle oder abgebrannter Brennelemente zum Zweck der Endlagerung" regelt.

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Der neue Absatz soll eigentlich die Vorgaben einer EU-Richtlinie in deutsches Recht umsetzen. Doch Umweltschützer halten den Inhalt des Paragrafen für einen Tabubruch: Er regele nicht explizit, dass die strahlenden Abfälle vorrangig im Entstehungsland – also in Deutschland – gelagert werden müssen. Ein entsprechender Absatz fehle.

Es sei unerklärlich, "warum die Regierung darauf verzichtet, einen klaren gesetzlichen Vorrang der Inlandsendlagerung im Gesetz festzuschreiben", sagt Cornelia Ziehm von der Deutschen Umwelthilfe. Umweltschützer wie Ziehm fürchten deshalb, dass die Regierung durch die Hintertür den Export von Atommüll ins Ausland legalisieren will.

Bundesumweltminister Peter Altmaier weist diesen Vorwurf zurück: "Das ist der größte Unsinn, den ich jemals gehört habe", sagte er am Freitag, "wir werden den hochradioaktiven Müll, der in Deutschland angefallen ist, auch in Deutschland entsorgen."

Dennoch ist die Opposition alarmiert. "Würde deutscher Atommüll tatsächlich im Ausland landen, wäre das ein Tabubruch und ein schlechtes Vorbild für andere Staaten", sagt Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. "Die Bundesregierung würde sich so auf sehr billige Weise des Problems Atommüll entledigen." Der Chef der Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel, schrieb via Twitter:

Tatsächlich gibt es gar nicht so viele Länder, in die deutscher Atommüll exportiert werden könnte. Rund 300.000 Tonnen hochradioaktiver Atommüll lagern nach Informationen der Umweltorganisation Greenpeace weltweit, ohne dass es für sie ein geeignetes Endlager gäbe. Die USA etwa haben die Erkundungen für ein Endlager im Yucca Mountain, einem Vulkan in der Nähe von Las Vegas, mittlerweile eingestellt – zu teuer.

Leserkommentare
    • Flodian
    • 04. Januar 2013 17:10 Uhr

    Das kann keine Lösung sein - einige Vorkommentatoren sagten bereits, einem bereits Verseuchten See irgendwo in Russland ist es doch egal, ob da noch ein paar Fässer mehr reinfallen.

    Das mag sein, aber betrachtet man das Problem langfristig, ist der See in Russland auch Veränderungen geomorphologischer Art/ Klimaeinflüssen / Verdunstung und noch viel mehr ausgesetzt.

    Sehr naiv zu glauben ein Konzentriertes Lager wäre dann nur ein lokales Problem weniger hundert Kilometer Einflussbereich.

    Langfristig gesehen verteilt sich die Strahlung eines solchen Lagers gleichmäßig über den Erdball....

  1. >>Die marktschreierische Art dieses Artikels zeigt wieder einmal überdeutlich, warum man dem "deutschen Wesen" in der Welt nach wie vor argwöhnisch gegenüber steht. Unterstellt er doch -in diesem Fall an der Atommüllfrage-, dass außer den Deutschen in dieser und anderen Fragen nicht zu trauen ist.

    Da muß ich nichtmal der Rest der Welt sein, um dem 'deutschen Wesen' hier mißtauisch gegenüberzustehen.
    Ich traue bei Atommüll nicht mal der eigenen Ex-Umweltministerin. Die ist nämlich heute Kanzlerin und hat das mit verbockt, was in der Asse vor sich hin gammelt oder in Gorleben nicht endgelagert werden kann.

    >>Dass andere Länder in ganz anderen Mengen mit strahlendem Material umgehen, ficht dabei nicht an.<<

    Und auch zu recht. Es kommt nämlich darauf an, wie man mit dem Zeug umgeht, nicht, daß man damit umgeht.
    Die Russen schütten den Rotz ins Nordmeer oder versenken ihn bei Murmansk. Die Amis lagern abgebrannte Brennstäbe auf dem jeweiligen Kraftwerksgelände und wissen auch nicht, wohin damit.
    In keinem einzigen Land der Erde, das zivile Kernspaltung betreibt, gibt es irgendein Konzept, daß man auch nur annähernd als verantwortlich oder eben endlagerfähig bezeichnen könnte.

    Fakt ist, wir haben das Zeug selber zusammengebraut, also müssen wir auch selbst damit klarkommen und es nicht nach Sibirien exportieren, das ist indiskutabel!
    An dem Artikel ist nichts marktschreierisch, der Markt schreit allerhöchstens aus ihrem Beitrag.

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    • zamm
    • 05. Januar 2013 14:35 Uhr

    "In keinem einzigen Land der Erde, das zivile Kernspaltung betreibt, gibt es irgendein Konzept, daß man auch nur annähernd als verantwortlich oder eben endlagerfähig bezeichnen könnte". Doch:
    1) Onkalo, Finnland
    2) WIPP, USA. Aus legalen Gründen nur für Waffenmaterial, aber die Einwohner wollen jetzt auch den Rest:
    http://www.forbes.com/sites/christopherhelman/2012/01/25/nuke-us-meet-th...
    3) Bátaapáti, Ungarn
    http://www.rhk.hu/en/services/bataapati-visit
    - Erwartete "Belastung": < etwa 1 µSv/Jahr
    - Durch natürlichen radioaktiven "Abfall" unserer Erde: etwa 2 mSv/Jahr, also >2000x

    Was in Russland bleibt ist abgereichertes Uran. Auch 100% Naturprodukt…

  2. Irgendwo wird man den ganzen Kram lagern müssen. Dass dabei keine Umweltschäden entstehen werden ist völlig unrealistisch. Unsere Politiker haben in der Asse ja gezeigt wie verantwortungsvoll hierzulande mit Atommüll umgegangen wird.
    Da bietet sich die Lagerung in einem dünn besiedelten Land wie Russland an. Dort kann man den Müll wenigstens in einer unbesiedelten Gegend lagern.

    Eine Leserempfehlung
  3. sind die AKW-Betreiber für die Endlagerung des Atommülls verantwortlich - nicht wie bei uns "der Staat" (also "wir alle") - vielleicht ist das der Grund für die fehlende Aufregung.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Viel Aufregung"
  4. 29. [...]

    Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mo.

  5. ... wie sein Name beginnt. Er muss natürlich lauthals dementieren. Denn er hat es fertig gebracht, eine Gesetzesnovelle herauszubringen, die den Export, aber nicht den Verbleib von deutschen Atommüll regeln soll.
    Warum werde ich bloß den Gedanken los, da könnten irgendwelche Ko-Autoren diktiert haben. Waren da doch vor kurzen solche Stimmen zu hören, die nach den vorläufigen Aus nun auch nichts mehr für Gorleben und die Endlagersuche zahlen wollen. Dabei geht es mir nicht um Kosten, die unnötig immer noch weiterlaufen!
    Nach meinem logische Verstand fehlt darum ein ganz wichtiges Gesetzeswerk: Wer androht, seinen Müll nicht zu entsorgen, dem gehört postwendend der Betriebserlaubnisentzug angedroht. Es ist halt nicht immer so billig, wie zur guten alten Asse-Zeit.

  6. Das größte Risiko des Atommülls wird leider komplett ignoriert: der Mensch! Konnte sich vor 20 Jahren jemand den 11. September 2001 vorstellen? Wer weiss dann schon, welche politischen Gegebenheiten in 100, 1000 oder 10000 Jahren herrschen? Ob nicht schon in wenigen Jahrzehnten radikale Gruppierungen die "Endlager" im unsicheren Ausland überfallen und "schmutzige" Bomben damit bauen? Ob das greise Deutschland dann noch gegensteuern kann?

  7. Dass wir in Deutschland kein Atommülllager haben, liegt doch eindeutig daran, dass alle Bemühungen in dieser Richtung von eben diesen Umweltschützern und Ökologen verhindert wurde, indem man die Suche als solche kriminalisiert hat. Die jeweiligen äußerst militanten Demonstrationen sind der Beweis. Welcher Politiker wagt sich unter solchen Umständen an die Lösung dieses Problems heran.
    Da man erfahrungsgemäß mit linken und grünen Protestlern nicht rational diskutieren kann (beratungsresistent und uneinsichtig), hilft es der Sache nur,wenn die Vernünftigen sich stärker zu Wort melden.

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    haben u.a. wegen Desastern wie der Asse momentan bessere Argumente.

    Im Übrigen könnten Sie ja einmal erklären, weshalb es nirgends weltweit ein Lager für hochradioaktive Abfälle gibt - auch nicht in China, Russland oder den USA. Sind da auch "Umweltschützer" am Werk?

    In D wurde gar nicht erst nach einem geeigneten Endlager gesucht. Es wurde einfach festgelegt, man möchte einen Salzstock, ohne je alternative geologische Formationen (Lehm, Granit) in die Auswahl einzubeziehen und zu untersuchen. Anschließend wurden zig Salzstöcke auf die "Eignung" untersucht. Die Wahl von Gorleben erfolgte aber nicht wegen seiner Eignung sondern aus rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten und zur Standortentwicklung im damaligen Zonenrandgebiet. An der Standortauswahl war MP Albrecht, der Vater von UvdL, maßgeblich beteiligt.

    Bereits bei den Erkundungen gab es kritische Stimmen einiger ausführenden Geologen, was die allgemeine Eignung von Salzstöcken als Endlager betraf. Das Problem des Absaufens war damals schon spätestens nach den ersten Erkundeungen bekannt.

    Konsequenzen wurden daraus leider nicht gezogen.

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