Weltwirtschaftsforum DavosCameron schließt Euro-Beitritt grundsätzlich aus

Der britische Premier hat den Teilnehmern des Weltwirtschaftsforums in Davos die EU-Skepsis seines Landes erläutert. Und seine Ideen, wie sich das ändern ließe.

David Cameron in Davos

David Cameron in Davos  |  © Denis Balibouse/Reuters

Auf dem Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Skiort Davos haben Staats- und Regierungschefs über die die Zukunft der Europäischen Union diskutiert. In einer Rede sprach Großbritanniens Premier David Cameron über die Vorbehalte seiner Bürger gegenüber der Mitgliedschaft und eines Beitritts zur Währungsgemeinschaft. Dass sein Land jemals den Euro zur Währung mache, halte er für ausgeschlossen, sagte Cameron vor den Teilnehmern. Zu groß seien die Vorbehalte seiner Landsleute. Die Zustimmung zu bestimmten Schritten der Europäischen Union habe in seinem Land zudem abgenommen.

Die Euro-Zone bewege sich hin zu einer Bankenunion und einer Fiskalunion. Eine Union also, die ihre Wirtschafts- und Geldpolitik abstimmt. "Das hat große Auswirkungen für Länder wie Großbritannien, das nicht in der Euro-Zone ist und niemals sein wird", sagte Cameron. Für dieses Problem müsse eine Lösung her. "Das ist nicht nur richtig für Großbritannien. Es ist notwendig für Europa."

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Cameron hatte am Mittwoch in einer lang erwarteten Grundsatzrede ein Referendum bis 2017 über den weiteren Verbleib seines Landes in der EU angekündigt. Damit hatte er innerhalb der Gemeinschaft teils harsche Kritik provoziert.

Er selbst äußerte sich entschlossen, gegen die Vorbehalte der Briten anzukämpfen: Man dürfe sich mit dieser Skepsis nicht einfach so abfinden. Es gelte, sich um eine neue Zustimmung zur EU in der Bevölkerung zu bemühen.

Absage an politische Union

Er erläuterte auch, wie sich das ändern lasse: Nötig seien ein wettbewerbsfähigeres Europa und mehr Erfindergeist. "Es ist an der Zeit, dass wir Europa wieder zu einem Wachstumsmotor machen." Als wichtigste Aufgabe für die nahe Zukunft sieht Cameron ein Freihandelsabkommen mit den USA an. EU und Vereinigte Staaten zusammen machten fast ein Drittel des Welthandels aus. Ein Abkommen könnte einen Aufschwung um bis zu 50 Milliarden Pfund allein für die EU-Volkswirtschaften bedeuten, sagte Cameron.

Dabei stimmte ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel zu, die am Nachmittag in Davos sprach. Der Kampf gegen Steuerbetrug, ein Freihandelsabkommen und mehr Wettbewerbsfähigkeit seien "das zentrale Thema für die Zukunft", sagte sie und verwies dabei ausdrücklich auf Übereinstimmung mit Cameron. Sie verzichtete auf offene Kritik, ging mit keinem Wort auf dessen erneute Angriffe auf die Bemühungen Deutschlands und anderer EU-Staaten um mehr politische Integration ein.

Großbritannien und Europa

Bereits der Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) verlief nicht reibungslos. Die ersten Verhandlungen über eine Aufnahme des Königreichs begannen 1961 unter Premierminister Harold Macmillan. Doch Frankreichs Präsident Charles de Gaulle protestierte: Er fürchtete um Frankreichs Einfluss und kritisierte die enge Zusammenarbeit der Briten mit den USA. Als die EWG 1963 und 1967 über das Beitrittsgesuch abstimmte, legte de Gaulle jeweils ein Veto ein.

EU-Mitglied

In Großbritannien richtete sich das politische Bewusstsein lange Zeit weniger auf den Kontinent als auf den Commonwealth mit den ehemaligen Kolonien. Viele britische Politiker sahen in der europäischen Staatengemeinschaft in erster Linie ein Handelsabkommen und keine politische Union. Erst 1973 wurde die Aufnahme in die EWG besiegelt, zwei Jahre darauf wurde nachträglich ein nationales Referendum abgehalten, bei dem sich zwei Drittel der Briten für die Mitgliedschaft aussprachen.

Sonderrechte

Seit Jahren profitiert Großbritannien in der Europäischen Union von Ausnahmeregelungen. Dazu gehört der sogenannte Britenrabatt: Margaret Thatcher setzte 1984 durch, dass Großbritannien einen reduzierten Beitrag zum EU-Haushalt entrichtet. Dennoch gehört das Land zu den wichtigsten Beitragszahlern. Großbritannien hat zudem nicht den Euro eingeführt, ist nicht Teil des Schengen-Raums und bestand im Vertrag von Lissabon von 2009 auf eine "Opt-out"-Klausel, die besagt, dass das Land der Anwendung der Grundrechtecharta widersprechen kann. Besonders engagiert sind die Briten dagegen in der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik.

Dieser Integration erteilte Cameron erneut eine Absage. "Wenn wir sagen, Europa müsse eine politische Union werden, also mehr so wie ein einziges Land Europa, kann ich dem nicht zustimmen", sagte er. Er denke, dass die Länder Europas ihre Souveränität, die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, nicht aufgeben wollten.

Viele Redner ermunterten Cameron, sein Land in der EU zu halten. Er wolle, dass Großbritannien weiterhin eine zentrale Rolle für die EU spielt, sagte Irlands Regierungschef Enda Kenny. "Das ist sehr wichtig, auch weltweit gesehen."

Unterstützung für Cameron

Italiens Ministerpräsident Mario Monti forderte für das mögliche Referendum eine eindeutige Fragestellung ohne jede Hintertür. Dann würden sich die Briten auch für einen Verbleib in der EU entscheiden, sagte er. Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte schloss sich dem an.

Unterstützung bekam Cameron für seine Forderung nach einem effizienteren und stärker wettbewerbsfähigen Europa: "Wir müssen entschlossen sein, unser Geld nur auf die bestmögliche Weise auszugeben", sagte Dänemarks Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt. Ihre Regierung prüfe ständig, ob sie jeden Euro zweckmäßig ausgibt. Das gleiche solle für Europa gelten.

Einfluss sichern

Die EU unterzieht sich bereits einer Reform. Unter Führung von Ratspräsident Hermann van Rompuy und der EU-Kommission entstand der Plan für die Banken- und Fiskalunion. Langfristig ist auch an Änderungen am Gemeinschaftsvertrag gedacht, um die EU weltweit konkurrenzfähig zu halten und ihren Einfluss gegenüber den USA und dem asiatischen Wirtschaftsraum zu sichern.

Die Briten haben in diesem Jahr den G8-Vorsitz inne, das nächste Gipfeltreffen findet im Juni in Nordirland statt.

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Leserkommentare
  1. Die EU aufzubauen und weiter zu entwickeln, braucht Mitgliedsstaaten, die sich grundsätzlich für die EU entschieden haben.

    GB gehört nicht dazu. Ich bedaure den Austritt der Briten, halte ich gleichwohl für konsequent und richtig. Sie werden dabei viel verlieren, die Staaten, die die EU weiterentwicklen wollen, werden dabei viel gewinnen. Zu aller erst, auf die britische "Haltung" nicht mehr Rücksicht nehmen zu müssen.

    Good bye, Great Britain! And welcome back in a couple of years.

    7 Leserempfehlungen
  2. ...dass der Euro den USA nicht schnell genug scheitert und sie durch ihre Marionette Großbritannien alles daran setzen, die EU wirtschaftlich so weit wie möglich am Boden zu halten.
    Denn die USA, insbesondere Wall Street, würde am ehesten davon profitieren, wenn die kontrollierte Banken- und Fiskalunion in der EU scheitert. Dann können die übermenschlichen Broker an der Wall Street nicht mehr so gut über die Filiale London zocken. Dazu würde die USA einen sehr schwachen Euro auch nur bevorzugen.

    6 Leserempfehlungen
  3. Meiner Meinung nach überschätzt Cameron die Bedeutung UKs für Europa massiv, wenn er sagt:

    "Die Euro-Zone bewege sich hin zu einer Bankenunion und einer Fiskalunion. Eine Union also, die ihre Wirtschafts- und Geldpolitik abstimmt. "Das hat große Auswirkungen für Länder wie Großbritannien, das nicht in der Euro-Zone ist und niemals sein wird", sagte Cameron. Für dieses Problem müsse eine Lösung her. "Das ist nicht nur richtig für Großbritannien. Es ist notwendig für Europa."

    Denn das GB keinen Euro hat, ist in dieser Hinsicht erstmal das Problem von GB und nicht dem Rest der Euro-EU von dessen Anteil GB nur einen kleinen Teil ausmacht. "Dafür muss eine Lösung her" ist sicher richtig, legt nach Camerons Duktus mMn. aber nahe, dass es eine GB-genehme Lösung sein muss/soll, die - gemessen an der Bedeutung GBs für den Rest Europas aber so wohl kaum hinnehmbar ist. Es zeugt diesbezüglich auch von einer großen Überheblichkeit, die eigene Rolle so zu überinterpretieren, wie er es kontinuierlich tut.

    Abgesehen von Finanzschauplatz London, welche wesentliche Rolle nimmt GB denn bzgl. Europa ein? Ich bin beileibe kein Gegner der Briten, aber politsch empfinde ich sie durch solche Haltungen immer wieder als überheblich.

    3 Leserempfehlungen
  4. Herr Cameron lehnt sich zu weit raus. Die Europäische Union ist eine solch Komplexe Gestalt, dass gemeinsame Erfolge in der der Einzelstaaten Mentalität erarbeitet werden müssen. Nun kommt er und meint, dass Britannien einen Führungsanspruch vermeldet - damit die Veränderungen zu Gunsten des eigenen Machtanspruchs. Was für eine schleimige Art ist das, solche Ansprüche stellen zu wollen und nicht mal den Euro ein zu führen. Aus meiner Sicht ist das Großkotzigkeit eines Einzelnen in seiner Hilflosigkeit um von seinen Fehlern in den Wirtschaftsfeldern um Britannien herum abzulenken. Welche Arroganz steckt dahinter um diese Veränderungen auf diese Weise an zu Prangern. Was hat Britannien unter Cameron denn für Europa getan - ......Nichts. aus.

    3 Leserempfehlungen
  5. "Als wichtigste Aufgabe für die nahe Zukunft sieht Cameron ein Freihandelsabkommen mit den USA an. EU und Vereinigte Staaten zusammen machten fast ein Drittel des Welthandels aus. Ein Abkommen könnte einen Aufschwung um bis zu 50 Milliarden Pfund allein für die EU-Volkswirtschaften bedeuten".

    , besteht da nicht die Gefahr, dass wir in die kommende Dollar und Pfund-Krisen hinein geritten werden....und das für nur 50 Milliarden Pfund zusätzlichen Umsatz? Siemens alleine macht 77 Millarden Euro Umsatz...lächerlich der Ansatz....
    GB hat auf Dienstleistungen gesetzt, jetzt redet er von Innovationen.....die Innovationen im Bankensektor sind wohl an ihre natürlichen Grenzen gestoßen.....

    Konsequenterweise sollte er beantragen, dass GB ein Bundesland von USA wird....Die Schotten üben bereits den Abstand von GB.

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  6. Cameron verkündet nichts Neues, doch er sagt die Wahrheit. Weit entfernt von "transatlantischer Bindung" hat Amerika sich längst dem Pazifik zugewandt, wo vier Fünftel der Menschheit leben, während wir jahrelang in krisenbedingte Nabelschau verwickelt waren. Ob die Briten aussteigen oder nicht, spielt im Grunde gar keine Rolle mehr, denn wir sind alle gemeinsam ins Abseits gerutscht.

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    • beat126
    • 24. Januar 2013 15:23 Uhr

    Brüssel hat noch nicht begriffen, dass echte Demokratie mit Volksabstimmungen zu wichtigen Themen, die einzige Option ist, um sich von allen anderen Wirtschaftsmächten der Welt konkurrenzlos zu unterscheiden.

    Nachhaltigkeit, vollste politische Legitimation und Gerechtigkeit wären die unschlagbare Kraft eines solchen Marktes.

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    "Nachhaltigkeit, vollste politische Legitimation und Gerechtigkeit wären die unschlagbare Kraft eines solchen Marktes."

    Klingt gut. Aber was hat der Markt davon?

    Das sind natürlich absolut wünschenswerte Ideale. Ich fürchte nur, dass die Mechanismen des Kapitalismus darauf nicht angewiesen sind.

  7. Die große Angst der EU-Eliten ist nicht so sehr der Ausstieg Großbritaniens, sonder das das alles wie ein Kartenhaus zusammenbricht, ihre ganzen EU. Das ist sehr wohl möglich, wenn es so weiter geht und das Volk nicht gefragt wird. Es geht nicht nur um das Parlamentarische, sonder überhaupt um zentrale Fragen der Befugnisüberweisung oder der ewigen Erweiterung der EU. Daran kann sie zusammen brechen, weil es alles in Unruhe hält, nichts Festes ist oder wird. Wo endet die EU? Für mich darf sie nicht größer werden als sie jetzt ist oder ich will nur noch raus!

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, Reuters, tst
  • Schlagworte David Cameron | Angela Merkel | EU-Kommission | Davos | Euro-Zone | Freihandelsabkommen
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