Auf der Tagung der Regierungs- und Wirtschaftschefs in Davos ist ein offener Konflikt zwischen Großbritannien und Deutschland ausgeblieben. Kurze Zeit nachdem der britische Premier David Cameron seine Rede gehalten hatte, trat dort die Bundeskanzlerin ans Pult, ohne allerdings auf strittige Punkte einzugehen.

Die Zukunft der Europäischen Union ist eines der zentralen Themen bei dem Treffen in der Schweiz. Cameron hatte betont, wie wichtig ein Freihandelsabkommen mit den USA sei oder die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Staatenbundes. Er sprach sich für einen konsequenten Kampf gegen Steuerbetrug aus. "Ganz Europa ist heute überholt in Sachen Innovation und Wettbewerbsfähigkeit", warnte er.

In diesen Punkten stimmte ihm Angela Merkel zu, als sie am Nachmittag ans Mikrofon trat. Nur durch Wettbewerbsfähigkeit lasse sich der Wohlstand halten und entwickeln. Zwei weitere Thema sparte sie dagegen aus: Camerons Ablehnung einer weitgehend politisch integrierten EU und dessen Forderung nach Änderungen des EU-Vertrags.

Cameron hatte am Dienstag in einer Grundsatzrede ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft seines Landes angekündigt. In Davos wiederholte er seine Ablehnung einer politischen Integration der EU. "Wenn wir sagen, Europa müsse eine politische Union werden, also mehr so wie ein einziges Land Europa, dann kann ich dem nicht zustimmen." Auch der Währungsgemeinschft werde sein Land vermutlich niemals beitreten.

In ihrer Rede und der anschließenden Fragerunde ging Merkel darauf nicht ein. Unklar blieb, ob sie bei einem direkten Gespräch kritischere Töne anschlug. Bei dem etwa 20-minütigen Treffen Merkels mit Cameron sei es um die Vorbereitung des EU-Haushaltsgipfels gegangen, hieß es lediglich in Delegationskreisen.

Öffentlich mahnte die Kanzlerin eine schärfere Kontrolle des Finanzmarktes an. Da gebe es noch ein großes Defizit, sagte sie im Hinblick auf Spekulationsgeschäfte und riskante Finanzprodukte, die viele Banken ins Existenznot gebracht hatten. Weitere Deformationen der Branche würden "die Welt wieder in eine tiefe Krise des Wirtschaftswachstums bringen". Dies werde schwer zu bewältigen sein, sagte Merkel. Die Bürger verlören das Vertrauen darauf, dass die Wirtschaft für den Menschen da sei.

Sie mahnte die USA, bei der Einführung schärferer Eigenkapitalregeln für Banken mitzuziehen und die sogenannten Basel-III-Regeln zu beherzigen: "Denn ansonsten haben wir wieder eine globale Regelung, die nicht von allen umgesetzt wird."

Mit Blick auf Ungleichgewichte zwischen den Wirtschaftsregionen wies Merkel Kritik an den Überschüssen Deutschlands zurück. Viele Staaten werfen Deutschland vor, sich mit seiner Exportstärke auf Kosten anderer Länder zu sanieren und die Binnennachfrage zu vernachlässigen. Im Augenblick sei das deutsche Wachstum "nahezu ausschließlich binnengetrieben", sagte Merkel dazu. Deutschland habe alles getan, um den Binnenkonsum zu erhöhen.