Energiewende : Zu viel Strom in Deutschland

Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr Strom erzeugt, als es verbraucht. Dennoch ist die Versorgungssicherheit wegen des Erfolgs der Erneuerbaren gefährdet.

Die Energiewirtschaft erwartet in diesem Wahljahr keine besonderen Initiativen der Politik zur Steuerung der Energiewende. "Ob überhaupt noch etwas geht, wird sich nach der Niedersachsenwahl zeigen", sagte Hildegard Müller vom Branchenverband BDEW am Donnerstag in Berlin. Priorität habe aber weiterhin der Netzausbau. Die weitere Entwicklung der erneuerbaren Energien müsse dann mit dem Ausbau der Netze synchronisiert werden. Erforderlich sei eine "lokale Flexibilisierung des Erneuerbare Energien Gesetzes"(EEG), ohne "die Grundsubstanz des EEG zu gefährden", sagte Müller.

Auf der Grundlage des seit dem Jahr 2000 geltenden EEG, das für Ökostrom eine Einspeisevorrang ins Netz und eine feste Vergütung regelt, ist der Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung im vergangenen Jahr auf 21,9 Prozent gestiegen. Überdurchschnittlich stark legte dabei wiederum die Sonnenenergie zu; Windstrom dagegen wurde vor allem wegen des vergleichsweise windarmen Dezembers etwas weniger erzeugt. Atomkraft und Gas verloren ebenfalls an Bedeutung, während mehr Kohle eingesetzt wurde – mit negativen Folgen für die CO2-Bilanz, wie Müller anmerkte; Kohle ist deutlich schmutziger als Gas. Doch Erdgas wird immer weniger zur Stromerzeugung eingesetzt, weil Gaskraftwerke mit dem Erfolg der Erneuerbaren und dem relativen Preisvorteil der Kohle immer unattraktiver geworden sind.

Dieser Punkt spielt auch eine Rolle beim Exportüberschuss: In die Niederlande, wo es besonders viele Gaskraftwerke gibt, floss 2012 viel "deutscher" Kohlestrom, weil der günstiger war als der Gasstrom. "Wir haben beim Stromaustausch ins Ausland einen historischen Höchstwert", sagte Müller, und warnte gleichzeitig, diesen Umstand als Beleg für eine sichere Versorgung hierzulande zu sehen. Denn wegen der volatilen Erzeugung des Ökostroms sei es zunehmend schwieriger, Angebot und Nachfrage von Strom in Übereinstimmung zu bringen. "Strom muss aber jederzeit an jedem Ort verfügbar sein."

Obwohl das Thema Energiesparen bei der Energiewende bislang eine nachrangige Rolle spielt, ist der Stromverbrauch hierzulande im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent gesunken. Müller erklärt das vor allem mit der "verhaltenen konjunkturellen Entwicklung". Zwar hakt es bei der Umsetzung der Energiewende an allen Ecken und Enden, doch Müller hat im vergangenen Jahr immerhin drei positive Maßnahmen ausgemacht: Den Netzentwicklungsplan für den Ausbau der Übertragungsleitungen, die Offshore-Umlage, mit der Investoren mehr Investitionssicherheit mit Windanlagen auf Hoher See bekommen sowie die Novelle der Kraft- Wärme-Kopplung. In diesem Jahr wünscht sich die Verbandschefin "wichtige Diskussionen und Vorarbeiten für die Zeit nach der Bundestagswahl". Im kommenden Jahr stehe dann eine Reform des EEG an und die Frage, wie künftig erneuerbare und konventionelle Energie ergänzt werden. Spätestens 2015 müsse "eine grundsätzliche Entscheidung zum Marktdesign der Zukunft getroffen werden", meinte die Verbandschefin.

Am Donnerstag äußerte Müller die Sorge, dass immer neue Ideen und Vorgaben die Energiewende belasten respektive die Planungssicherheit der Energiewirtschaft unterlaufen könnten. Zum Beispiel Quotenmodelle für Erneuerbare, eine so genannte Bürgerdividende, um die Akzeptanz neuer Netze zu fördern, oder die Verstaatlichung der Netze. Wichtiger sei eine Steuerung und Koordinierung der Energiepolitiken von Bund und Ländern. "Wir brauchen unaufgeregte Interventionsmechanismen, wenn Probleme entstehen."

Dazu schlägt der BDEW gemeinsam mit der Umweltorganisation WWF ein "Nationales Forum Energiewende" vor. Einen ähnlichen Vorschlag hatte bereits im Mai 2011 die von der Regierung eingesetzte "Ethik-Kommission" angeregt, um den "öffentlichen Diskurs" zur Energiewende zu organisieren und damit Akzeptanz zu schaffen. BDEW/WWF schwebt dazu eine Institution mit Präsident, Aufsichtsrat, Beirat und hauptamtlicher Geschäftsstelle vor.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

64 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Stimmt: Der Plan passt nicht

Ich stimme Ihnen zu, dass die einseitige Übererfüllung der Zubauziele (bei Kapazitäten) bei gleichzeitigem schleppendem Netz- und Speicherausbau problamtisch ist.

Andererseits gäbe es bei einem gemächlicheren Ausbau nicht die Skaleneffekte, die wir heute beobachten und pro kWh wäre EE-Strom teurer.

Daher sollte man die schnellere Entwicklung (die immerhin durch unerwartet günstige EE bedingt ist) auch als Chance begreifen und entsprechende Regeln für Spitzenlastkraftwerke schaffen sowie den Netzausbau vorantreiben.

Letztlich könnte der schnellere Ausbau auch dazu führen, dass einmal weniger Altlasten zu entsorgen sind. Hohe Strompreise setzen überdies Anreize für Einsparungen (sowohl durch Verhaltensanpassung als auch durch technische Innovationen).

Um das Ganze sozialverträglich zu gestalten (immerhin ist Strom in dem Warenkorb enthalten, auf dessen Grundlage Sozialleistungen und Freibeträge bereichnet werden) darf der Staat auch gern etwas Geld in die Hand nehmen. Letztlich gehört der Aufbau einer nachhaltigen Energieinfrastruktur zu den sinnvolleren Gründen für öffentliche Verschuldung (die wir zu einem gewissen Grad auch brauchen, solange Private Altersvorsorge politisch gewollt ist und das Geld schließlich irgendwo hin muss).

Darüber mag man streiten

"Ich sehe es aber nicht als Aufgabe des deutschen Stromkunden diese Entwicklungen für die gesamte Menschheit im Alleingang zu zahlen."

Darüber mag man streiten. Unter'm Strich halte ich es für besser, der deutsche Stromkunde bezahlt es, als dass es garnicht erst versucht wird. Immerhin besteht die Chance, dass auch noch ein exportierbares Produkt dabei rauskommt.

Da Deutschland derzeit hohe Überschüsse im Außenhandel erwirtschaftet, ist es eigentlich auch ein Gebot der Fairness, das Ganze für IRGENDETWAS auszugeben anstatt gewaltige Forderungen gegen das Ausland anzuhäufen, von denen völlig unklar ist, ob es jemals entsprechende Warenströme in umgekehrter Richtung geben wird.
Da die Bürger wenig gewillt sind, sich für neue Häuser oder Autos zu verschulden (wem will man das vorwerfen), sind große staatliche Infrastrukturprojekte (bzw. Förderprogramme für private Infrastrukturinvestitionen) durchaus auch ein Gebot wirtschaftlicher Vernunft (ob gerade im Stromsektor, ist damit freilich nicht gesagt).

Das ist falsch

Da der Strom der Erneuerbaren durch Merkels Zwangsgesetz an der Börse verkauft werden muss, kann man ganz einfach nach verfolgen, dass ihre Behauptung falsch ist.
Quelle: http://www.eex.com/de/Mar...

Überhaupt, dass das ehemals als dezentrales Energiemanagement gestartete Projekt, mittlerweile wieder wie ein Zentrales aufgebauscht wird, sollte doch für sich selbst zeigen, das hier die Interessen einiger weniger Unternehmen bevorzugt werden.