Am Abend seiner Wahl nahm Jeroen Dijsselbloem sogleich die Positionen ein, die in den kommenden zweieinhalb Jahren sein Markenzeichen werden dürften: eine der Hoffnung und eine des Spagats. Erstere war sein Appell an das "neue Vertrauen in Euro und Euro-Zone", das gefestigt werden müsse. Und der Spagat zeigte sich in den Rezepten zur Überwindung der Euro-Krise. Von Wachstum sprach Dijsselbloem, als sich ihm die ersten Mikrofone entgegen reckten, von Haushalten, die sich nun erholen sollten, aber auch von Investitionen in Arbeitsplätze und Bildung. Eine so bemerkenswerte wie naheliegende Kombination. Dem frisch erkorenen Vorsitzenden der Euro-Gruppe bleibt schlicht nichts Anderes übrig.

Mit 46 Jahren ist der niederländische Finanzminister auf dem bisherigen Höhepunkt seiner politischen Laufbahn angelangt. In Frage kam der Agrar- und Betriebsökonom, weil er die Unterstützung Deutschlands und Frankreichs auf sich vereinen konnte. In einer EU, deren Achse wacklig geworden ist, bedeutet das zwangsläufig einen Platz zwischen den Stühlen. Jeroen Dijsselbloem passt dort hin. Er ist weder Deutscher noch Franzose, steht als Finanzminister eines Landes mit AAA-Status für sparsames Haushalten und gehört gleichzeitig der sozialdemokratischen Partij van de Arbeid (PvdA) an. Schon in dem Brief, den er vor seiner Ernennung an die Kollegen schickte, bekannte er sich zu "Haushaltsdisziplin und Solidarität".

Die Zustimmung aus Paris kam allerdings spät und zögerlich, der spanische Finanzminister Luis de Guindos verweigerte seine bei der Wahl am Montag sogar. Jeroen Dijsselbloem, Sprössling aus einem Eindhovener Lehrerhaushalt, reagierte diplomatisch: Zuerst umgarnte er seinen französischen Kollegen Pierre Moscovici und hielt einen Teil seiner Einstandsrede auf Französisch, dann zeigte er Verständnis für das spanische Veto, basierend auf dem Gefühl, bei europäischen Topjobs übergangen zu werden.

Bereit zum Kompromiss

Überhaupt bemühte sich der neue "Mr. Euro" am ersten Tag seiner Amtszeit ausdrücklich um Harmonie. Im Gespräch mit dem niederländischen Wirtschaftsprogramm RTL Z bekräftigte er die Neuverschuldungsgrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung als "Leitfaden", räumte aber auch ein, Länder könnten in außergewöhnlichen ökonomischen Situationen mehr Zeit zur Sanierung ihres Haushalts bekommen.

Im niederländischen Radio sprach sich Dijsselbloem dafür aus, die Euro-Zone zusammenzuhalten, womit er sich dem vorherigen Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker anschließt. Jan Kees de Jager, den Dijsselbloem erst im Herbst als Finanzminister in Den Haag ablöste, war da nicht immer so eindeutig. De Jager galt in Brüssel als treuer Vasalle Berlins. Gerade deshalb, so die Tageszeitung Trouw, müsse Dijsselbloem nun vermeiden, "wie ein Deutscher in Holzschuhen" zu wirken. Ulko Jonker, Europa-Korrespondent des Financieel Dagblad, sieht ihn dennoch als "Schäuble-Vertrauten mit den gleichen Auffassungen der wahren Lehre".

Dass Dijsselbloem kaum Erfahrung in Spitzenämtern hat, wurde von internationalen Medien zuletzt vielfach bemängelt. Immerhin beschert ihm seine gerade erst begonnene Amtszeit in Den Haag eine ähnliche Lage wie die, in der Amtskollegen der angeschlagenen Euro-Länder stecken: Dijsselbloem ist als sozialdemokratischer Finanzminister in einer Großen Koalition mit der marktliberalen Volkspartij voor Vrijheid en Democratie ein exponierter Vertreter des knallharten Sparkurses, den die Parteibasis keineswegs goutiert.

Gescheitertes Misstrauensvotum

In der PvdA indes kennen sie ihren Dijsselbloem längst. Als Mitarbeiter im Landwirtschaftsministerium, Reformer im Bildungssystem und als Architekt des Wahlprogramms hat er sich einen Namen als Pragmatiker gemacht. Als er vor Jahren mit anderen Abgeordneten ein Konzeptpapier zur Integration verfasste, kritisierten Parteigenossen dessen Tendenz zu "Drang und Zwang" gegenüber Migranten. Ein Kolumnist der Tageszeitung Volkskrant nannte Dijsselbloem damals gar "den Wilders der PvdA".

Auffallend ist, dass der unverheiratete zweifache Vater schon zu Beginn seiner politischen Laufbahn zweigleisig unterwegs war: 1993 kam er als Mitarbeiter der Parlamentsfraktion seiner Partei nach Den Haag. Im selben Jahr wurde Dijsselbloem als Assistent eines Europaabgeordneten Mitglied der sozialdemokratischen "Euro-Delegation". Auch geographisch scheint ihm der Spagat in die Wiege gelegt.

Mit der Wiederholung dieses Schritts auf ungleich höherer Ebene macht Jeroen Dijsselbloem sich in den Niederlanden allerdings nicht nur Freunde. Die euroskeptischen Sozialisten befürchten, der Finanzminister werde nun zum Sprachrohr Brüssels. Und die Rechtspopulisten stellten am Tag nach Dijsselbloems Ernennung umgehend ein Misstrauensvotum: Er könne als Vorsitzender der Euro-Gruppe nicht die niederländischen Interessen vertreten. Da jedoch keine der anderen Parteien zustimmte, beginnt der Finanzminister nun mit seinem neuen Balanceakt.