BerlinKritiker fordern den Neubau des Flughafens

Die Kosten für den neuen Hauptstadt-Flughafen BER explodieren. Kritiker präsentieren eine unkonventionelle Lösung: Sie schlagen einen Neubau in Sperenberg vor. von Stefan Jacobs

Am Anfang sollte der Flughafen zwei Milliarden Euro kosten, am Wochenende stand die Kasse bei knapp viereinhalb Milliarden, und nun werden es wohl sechs oder sieben. Wenn aber die Kosten für das Projekt ins Unvorstellbare wachsen, drängt sich auch eine andere Frage auf, die auf den ersten Blick abwegig scheinen mag: Ist es sinnvoll und sogar billiger, sich jetzt noch vom Standort Schönefeld zu verabschieden und die Planung neu zu beginnen? Und falls ja: Wie viel Geld ist schon verloren, wie viel noch zu retten?

Eine überschlägige Rechnung ergibt gewaltige Beträge auf beiden Seiten der Gleichung: Eine Milliarde Euro hat der Bahnanschluss verschlungen, 640 Millionen davon der Terminalbahnhof. Rund eine halbe Milliarde war für neue Straßen fällig, von denen das Umland allerdings auch ohne Flughafen profitiert. Schwerer wiegen die rund zwei Milliarden Euro für die Infrastruktur des Flughafens – von der neuen Startbahn über Terminal und Tower bis zur Feuerwache. Auch die 80 Millionen Euro für die Umsiedlung von Diepensee wären umsonst gewesen.

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Den drei bis vier schon ausgegebenen Milliarden stehen Kosten gegenüber, die zu großen Teilen noch vermeidbar wären: Das Schallschutzprogramm, das je nach Qualität 500 Millionen bis eine Milliarde Euro kosten würde, ist erst zu einem kleinen Teil umgesetzt. Der auf 400 Millionen Euro taxierte Wiederaufbau der Dresdner Bahn – obendrein ein politischer Großkonflikt – hat noch nicht einmal begonnen.

Dasselbe gilt für den Regierungsflughafen im Nordteil des BER, dessen Kostenprognose sich schon vor Baubeginn auf zuletzt 310 Millionen Euro verdoppelt hat. Auch die 80 Millionen Euro für einen Tunnel zu den Terminal-Satelliten hat sich die Flughafengesellschaft bisher gespart. Macht also mindestens 1,5 Milliarden Euro absehbare Kosten, die momentan wohl noch zu retten wären. Die Mängelbeseitigung im Terminal ist in der Rechnung noch nicht drin.

Aus Sicht des Frankfurter Flughafenplaners und Schönefeld-Kritikers Dieter Faulenbach da Costa spricht noch mehr für einen Neustart der Flughafenplanung: Mindestens zwei Milliarden Euro wären aus seiner Sicht nötig, um den Neubau zumindest für die nächsten zehn Jahre fit zu machen. Damit der Flughafen in Schönefeld wirklich boomen und zum Wirtschaftsmotor werden könne, müssten allerdings rund 40.000 Bewohner der Einflugschneisen weichen – von Bohnsdorf bis Blankenfelde. Geschätzte Kosten: 30 bis 40 Milliarden Euro. Unvorstellbar.

Die langfristige Alternative heißt für Faulenbach: Sperenberg, wo statt 100.000 nicht einmal 2.000 Menschen im kritischen Lärmbereich von mehr als 55 Dezibel wohnten und die Verkehrsanbindung für rund 500 Millionen Euro machbar wäre: Die Bundesstraße 101 sei bereits angemessen ausgebaut, der Bahnanschluss oberirdisch leicht zu machen.

Die Anwohner könnten für 200 bis 300 Millionen Euro umgesiedelt werden. Einziger Nachteil: Die Technik des BER sei größtenteils immobil – und bei einem Umzug obendrein veraltet, denn inklusive Planung würde ein neuer Airport erst in etwa 15 Jahren fertig. "Für vier bis fünf Milliarden Euro hätte man aber dann einen wirklich zukunftsfähigen Flughafen", sagt Faulenbach und meint damit auch, dass er wegen der erweiterten Nachtflugmöglichkeiten privat finanziert werden könne. In Schönefeld war die Privatisierung gescheitert, so dass nun die Flughafengesellschaft im Namen der Steuerzahler baut.

Unterstützung bekommt Faulenbach erwartungsgemäß von den Initiativen, die gegen Schönefeld kämpfen: Ferdi Breidbach, der Ex-Vorsitzende des Bürgervereins Brandenburg- Berlin, bezeichnet Sperenberg als "den Standort, an dem alles möglich ist, wonach die Luftfahrtbranche schreit" und verweist auf das 2011 präsentierte "Nachnutzungskonzept", das Schönefeld als Flughafen für Regierungs- und Privatmaschinen und Standort für die Luftfahrtschau ILA vorsieht. Auch die Friedrichshagener Bürgerinitiative lobt das Konzept, will sich aber nicht auf die Alternative Sperenberg festlegen. Und ein Sprecher betont: "Wir sind nicht schadenfroh angesichts dessen, was jetzt rund um Tegel passiert."

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Vorsitz des Untersuchungsausschusses übernahm.

    Er erwarte nicht, dass dieser Flugplatz jemals seinen Betrieb aufnimmt.

    Ich wäre für eine sofortige Entlassung der Regierungen in Berlin und Brandenburg und für Neuwahlen, und eine Abstimmung zu brauchbaren Konzepten für die Flugverkehrsgestaltung in Berlin.

    8 Leserempfehlungen
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    heute Regierenden, sondern das Problem liegt schon in der Standortwahl in den 1990er.

    Alleine was man an zusätzlicher Infrastruktur aufbauen um diese Flughafen sicher zu betreiten würde Mrd. € kosten.

    Gestern kam in "mdr fakt", dass die Rettungsdienst-Infrastruktur, für den Airport gar nicht tragbar ist.
    Man rechnet mit 70.000 Passagieren / Tag, dazu kommen nochmal Begleitungen und die Beschäftigten am Airport.

    Rechnen wir mal mit 200.000 Personen, die sich / Tag am Airpot mehr oder minder aufhalten.

    Eine Notfall Ambulanz oder eine Klinik soll es aber nicht geben, die Rettungseinsätzen soll der LDS regeln.

    Denn auf dessen Kreisgebiet liegt der Airport.

    Der LDS hat ~ 160.000 Einwohner und müsste 125 % Zuwachs stemmen, ohne die nötige Infrastruktur.

    Das Projekt ist nicht genehmigungsfähig, wenn man sich das mal komplett ansieht.

  2. 5 Leserempfehlungen
    • Atan
    • 08. Januar 2013 16:12 Uhr

    plausiblen Idee, scheitert aber schon daran, dass so was eine politische Frage ist.
    Sprich: der politische Gesichtsverlust der Entscheidungsträger wäre so groß, dass so eine Lösung nicht vetretbar ist. Also wird BER in den Betrieb gehen, egal ob das nun noch 1,5 Mrd oder 15 Mrd EUR kostet, egal wie defizitär der Betrieb ist, egal wie insuffizient das Leistungsvermögen.

    Die gute Nachricht ist aber: wenn BER sich am Ende wirklich als völlig unzumutbar und ungeeignet erweisen sollte, wird nach kurzer Anstands-Betriebszeit einfach ein zweiter Flughafen, vielleicht dann in Sperenberg, gebaut.

    Geld ist schließlich kein Problem, der Steuerzahler hat genug davon.

    6 Leserempfehlungen
  3. ...und die S-Bahnlinie gleich mit. Ja nee, is klar.

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    • wasd
    • 12. Januar 2013 18:29 Uhr

    nach sperrenberg will ich aber einen transrapid! als nordberliner brauche ich jetzt schon eine stunde zum schönefeld, kaum weniger als der anschließende flug. die luftfracht kann machen was sie will, ich habe keine Lust einen zubringerflug zum Flughafen zu brauchen.

    • Filosov
    • 08. Januar 2013 16:27 Uhr

    zumindest gibt es da keine Weckle...
    Der Flughafen Sperenberg sieht in Google Maps jedenfalls abenteuerlich aus.

  4. 6. Neubau

    ist Unsinn.
    Man muss sich nur endlich dazu durchringen, dass es EINEN Verantwortlichen gibt der ein Konzept konsequent umsetzt.
    Mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, wie es bisher war, wird es nie gelingen. Egal wo man den Flughafen baut.

    Eigentlich ist das ganze Debakel ein Musterbeispiel dafür, wie man Großprojekte NICHT erfolgreich zum Abschluss bringt.
    Es sollte in die UNI-Ausbildung als Negativbeispiel aufgenommen werden.

    4 Leserempfehlungen
  5. Hier werden Milliarden für ein zumindest zweifelhaftes Projekt versenkt und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Mit dem Geld hätte jede einzelne Schule in Berlin komplettüberholt werden können und hatte damit noch die Binnenwirtschaft gefördert. Aber bei solchen Projekten kann halt kein Politiker sein Antlitz lächend in die Kamera halten.

    4 Leserempfehlungen
  6. Da wäre es billiger Leipzig auszubauen. Ist auch nicht viel weiter weg.

    9 Leserempfehlungen
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    Auf Leipzig wurde übrigens schon ganz am Anfang verwiesen.

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  • Schlagworte Berlin | Airport | Bürgerinitiative | Euro | Flughafen | Umsiedlung
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